22.09.1980

Götterdämmerung am Dom

Vor Saisonbeginn glaubte der 1. FC Köln an Ruhm und Meisterschaft. Er besaß die teuersten Spieler und einen Spitzentrainer. Jetzt krebst die Mannschaft am Tabellenende herum.
Als nichts mehr half, wählte der 1. FC Köln einen Lottodirektor zum Präsidenten. Peter Weiand plante nur kleine Einsätze. "Die finanzielle Sicherung des Vereins ist wichtiger als der Einkauf eines Topstars", erklärte der professionelle Glücksbringer. Doch das war 1973, als Weiand erst drei Monate im Amt war.
Später kaufte der 1. FC Köln den ersten Fußballspieler in der Bundesliga, der mehr als eine Million Mark kostete: Roger van Gool. Auch ein anderer Weiand-Spruch gilt nicht mehr: "Das sinnlose Hochpokern und selbstzerfleischende Handeln um Spieler ist endgültig zu Ende." Gesagt, aber nicht getan.
Als der Hamburger SV für 2,3 Millionen Mark den Engländer Kevin Keegan gekauft hatte, übertrumpfte ihn Weiands 1. FC Köln. Er erwarb für zweieinhalb Millionen Mark den Engländer Tony Woodcock. Für 30 000 Mark im Monat unterhielt er auch den teuersten Trainer der Bundesliga: Hennes Weisweiler.
Im letzten Frühjahr, als wiederum weder Meisterschaft noch Pokal gewonnen worden waren, klotzten die Kölner abermals: Für 1,4 Millionen Mark kauften sie den früheren Nationalspieler Rainer Bonhof vom spanischen Klub FC Valencia, obwohl Ärzte abrieten. Für 850 000 Mark erwarben sie den Schweizer Nationalspieler Rene Botteron, obwohl der in 41 Länderspielen kein Tor geschossen hatte. Der teure Trainer Hennes Weisweiler, der immerhin noch 1978 Titel und Pokal gewonnen hatte, erhielt dagegen keinen neuen Vertrag.
Weiand verpflichtete als Trainer den Mann, der die besten Trainer an der Kölner Sporthochschule ausgebildet hatte: Karl-Heinz Heddergott, 54.
Fast alle Bundesligatrainer haben Diplome, die von Heddergott unterzeichnet sind. Sogar Bundestrainer Jupp Derwall legte seine Abschlußprüfung bei Heddergott ab.
Der große Lehrmeister Heddergott schreckte auch vor Weltmeistern nicht zurück. Als der frühere Bundestrainer Helmut Schön 1978 in Argentinien die Weltmeisterschaft verteidigen mußte, übte Heddergott vor Ort Kritik: "Da haben acht gegen zwei in einer Platzecke gespielt -- das ist kein Training, das ist vergnügliches Tun."
Als der Titel verloren war, belehrte Heddergott den Verlierer Schön: "Es nützt nichts, vorher 30 Talente je einmal auszuprobieren, man muß mit sechs länger arbeiten."
Auch den Wiener Erfolgstrainer Max Merkel, der immerhin zweimal Deutscher und einmal spanischer Meister geworden war, kanzelte Heddergott ab: "Der hätte bei mir das Examen nicht bestanden." Worauf Merkel nach Heddergotts Arbeitsantritt beim 1. FC Köln sagte: "Den nenn' ich nur noch Helf-dir-Gott."
Doch der "Chefideologe des deutschen Fußballs", wie Kollegen Heddergott nannten, überhörte alle Warnungen, daß er für die Profipraxis nicht geeignet sei, in der Intrigen, Hinterlist und Brutalität oft mehr zählen als alle Schulweisheit. Merkel: "Die Heddergotts wissen zwar alles über rote und weiße Blutkörperchen, aber nichts über die Situationen im Strafraum und vorm Tor." Bundesligatrainer Udo Lattek sagte: "Ich dachte, das ist ein Wahnsinniger, er wird sich daran gewöhnen müssen, daß in der Bundesliga mit gezinkten Karten gespielt wird."
Jetzt ist der Lehrmeister offenbar mit seinem Latein am Ende. Seine anfängliche Aufforderung an die Kölner Profis, erst einmal einen Kreis zu bilden und "ein richtiges, dreifaches Hipp-Hipp-Hurra" einzuüben, quittierten die Spieler mit dem Hinweis, so etwas passe wohl eher zu Amateuren.
Ab und zu machte Heddergott die Spieler mit Sätzen aus seinem Buch "Neue Fußball-Lehre" vertraut, etwa: "Die Theorie ist nicht mehr als verstandene Praxis" oder "Jede Bewegung ist selektive Antwort auf eine komplexe Eindrucksfülle". Die Kölner Profis schüttelten die Köpfe und raunten: "Was soll den das?"
Torwart Harald Schumacher, im Sommer mit der Nationalmannschaft gerade Europameister geworden, verriet: "Wir trainieren nicht Bundesligabezogen." Verteidiger Harald Konopka erklärte: "Am besten, unser Schulmeister gibt jedem eine Schiefertafel mit aufs Spielfeld." National-Libero Bernd Schuster, 20, meinte: "Das ist ein Amateur." Der Amateur wurde hart: Konopka durfte nicht mehr mitspielen, Schuster soll verkauft werden.
In bisher sechs Heimspielen feierte der 1. FC Köln mit Heddergott erst einen Sieg. Statt um die Meisterschaft zu kämpfen, richtet sich der Klub auf den Kampf gegen den Abstieg ein. Als die Kölner auch beim Abstiegskandidaten TSV 1860 München verloren hatten, sagte der Münchner Trainer Carl-Heinz Rühl: "Bei denen stimmte hinten und vorne nichts."
Ebenso wie Präsident Weiand ließ auch Trainer Heddergott nicht einmal jene Fehler aus, die andere Klubs allenfalls in der Gründerzeit der Bundesliga zwischen 1963 und 1965 begangen hatten.
Statt mit 18, allenfalls 20 Spielern die Saison zu beginnen, starteten die S.223 Kölner gleich mit 26 Spielern, die hart um die elf Stammplätze konkurrierten. Statt die veraltete Manndeckung behutsam und allmählich gegen die moderne Raumdeckung auszutauschen, stellte Heddergott binnen drei Wochen um. "So etwas dauert mindestens ein Jahr", erklärte der frühere Bundesligatrainer Otto Knefler.
Statt Bonhof und Botteron, alles Mittelfeldspieler, von denen der 1. FC Köln ohnehin zuviel besaß, wünschten sich die Fans lieber den Schalker Rechtsaußen Rüdiger Abramczik ins Müngersdorfer Stadion. Abramczik ging jedoch nach Dortmund zu Lattek, und die Fans maulen über die Götterdämmerung am Kölner Dom: "De hätten statt dä Heddergott leewer dä Flankenjott jeholt."
Der vom hohen Lehramt und sicheren Rentenanspruch fortgelaufene Heddergott mußte stündlich mit seiner Entlassung rechnen. Präsident Weiand möchte nach verpatzter Vorsorge wenigstens Fürsorge walten lassen und sagte: "Der gute Mann stünde ja auf der Straße, wenn wir ihn sofort entlassen." Doch der Deutsche Fußball-Bund will seinem alten Lehrmeister helfen, mit einem Trainerposten in Afrika.
Nicht nur Heddergott soll weg von Köln, auch einige Spieler wollen fort. Der teure Engländer Tony Woodcock jammert über "Heimweh". Als ihn Heddergott in München vorzeitig vom Platz holte, wartete Woodcock gar nicht das Spielende ab, sondern flog nach England zu einem Länderspiel.
Jungstar Schuster, der schon letztes Frühjahr zum Meister Bayern München wechseln wollte, aber keine Freigabe erhielt, möchte "in Köln nicht weiter versauern" und "lebt auf, wenn er bei der Nationalmannschaft und bei einem vernünftigen Trainer ist".
Doch Angebote von zwei Millionen Mark der Bayern und des 1. FC Nürnberg lehnte Weiand ab: "Wir fordern fünf Millionen." Als Barcelona und der englische Klub Wolverhampton Wanderers soviel boten, sagte Schuster ab. "Dann gehe ich lieber zu meinem alten Trainer Hennes Weisweiler." Dessen Klub Cosmos New York ist zwar bereit, aber "nicht für die Unsinnssumme von fünf Millionen Mark".
Nun kümmern die Kölner in der Abstiegszone. Statt der zum Unterhalt der teuren Mannschaft notwendigen 30 000 Zuschauer pro Heimspiel kommen kaum mehr als 10 000. Sogar das Klub-Maskottchen, ein Geißbock, ist bereits ersten Belästigungen wie Flaschenwürfen und Fußtritten enttäuschter Fans ausgesetzt. Der sieben Jahre amtierende Manager Karl-Heinz Thielen hat zum Jahresende gekündigt.
Nur Anwohner Heinrich Böll genießt den Abschwung. "Es ist jetzt rings um das Stadion wesentlich ruhiger geworden", berichtet der Literatur-Nobelpreisträger.

DER SPIEGEL 39/1980
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