22.09.1980

„Diese wandelbare Chaotin“

Cornelia Frey über Nina Hagen und ihr neues Image Cornelia Frey, geboren in Wien, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.
Früher verlieh sie der Elendswut, die bei vielen jungen Menschen unter Leder und Hardware sich staut, eine Art militanter Seriosität. So mußte sie in der Wiener Stadthalle vor einem Jahr ihr Konzert unterbrechen, um eine Saalschlacht zwischen Publikum und Polizei zu verhindern. In der Kopenhagener Eishockey-Halle "Forum" reizte sie vergangene Woche nur die Saalwärter, die als Schläger vom Dienst nicht auf ihre Rechnung kamen.
So stark bei Phon die ehemalige "Powerfrau" Nina Hagen bei diesem, einem der ersten Konzerte ihres europäischen Comebacks auch war -manche Zuhörer lungerten zwischen Hot-Dog-Pappendeckeln herum wie Penner, die sich beim Schlafen durch ein Transistorradio gestört fühlen.
Mochte Nina Hagen auch in der Pose coolen Kühler-Sexes, der zu den Stadion-Plakaten von Fiat und Kentucky Fried paßte, ihren Po ins Auditorium recken -- die "Motherfucker"-Plaketten auf den Lederjacken der Zuhörerschaft, die Tätowierungen und Pfadfindermesser an den Hüften verkamen unter dieser lahmen Artistik zur Attitüde längst verkommerzialisierten Leids. Subproletarische Notwehr erlahmte im Gehänge der Fahrradketten am Handgelenk der Punkies.
Viele drängten sich zwar vor die Bühne, doch die amerikanisierte Mischung von Pippi Langstrumpf und Walküre, die da oben eher protzte als rotzte, verwies ihre ehemaligen Fans auf den Stehplatz einer "verlorenen Generation": So standen sie vor dem angehenden US-Star -- wie im schäbigen Vorraum der Arbeits- und Sozialämter, wo viele sich die Eintrittsgelder für diese Show erstanden hatten.
Als Nina Hagen nach dem Konzert mit ihrer Vier-Mann-Band in den Tour-Bus stieg, um sich in der Bar des Kopenhagener Luxushotels Opera ein Steak servieren zu lassen, zog einer der letzten Zuhörer seinen mit einer Nina-Hagen-Schärpe geschmückten Gipsfuß über den Boden der Halle, der von zersplitterten Bierflaschen übersät war. Er stieß das Gips ins Glas, verärgert, daß es so ganz von alleine zerbrochen war.
Leider hat Nina Hagen ihre erste Band, die heutigen "Spliff", verlassen. Die besten Lieder, die sie heute noch singt, stammen aus dieser Zeit. Damals ließ sie sich am Ende eines Konzertes mit ausgestreckten Armen einfach ins Publikum fallen. Heute würde vielleicht jemand zur Seite springen.
Mit dem Tausch der Berliner Hinterhöfe gegen die Hotel-Suiten von New York, Los Angeles und den Bahamas, ihrer neuen Heimat, hat Nina Hagen auch das Publikum, die Sprache und die Identität gewechselt.
Ihr Hauptvertragspartner CBS-Deutschland und ihr Manager Bennett Glotzer, der auch Frank Zappa verkauft, haben sie -- "bei totaler S.239 Marschrichtung USA" (Jochen Leuschner, CBS) -- auf einen weltumspannenden Strich geschickt. Schon vor einem Vierteljahr, als Nina noch keine neue intakte Band hatte, belieferte CBS die Fernsehanstalten von Neuseeland, Australien, Japan und den USA mit einem Video-Tape als Kostprobe ihrer Stimme.
Ihre derzeitige zwei Monate lange Europa-Tournee -- vom 19. September bis zum 29. Oktober tingelt sie auch durch die Bundesrepublik -- gilt ihren Geschäftemachern als letzter Schliff, der im Dezember zur Produktion ihrer dritten LP auf den Bahamas und im Anschluß daran zur Konzerttournee durch die USA und Japan führen soll.
Was da dem amerikanischen Massenpublikum zuliebe geschliffen wird, ist nicht nur die noch vorhandene Kompliziertheit ihrer Musik, sondern auch der letzte Rest ihrer feministischen Furiosität: "Für die Liebhaber von Schlagern wie 'Hotel California' muß natürlich ihr allzu starker Tobak weg" (Leuschner, CBS). Dafür hat auch Ninas Keyboard-Spieler, Paul Roessler aus Los Angeles, einen Riecher: "In den USA werden gerade unsere schlechtesten Lieder ein Hit."
Wer aus dem kriselnden amerikanischen Musik-Markt noch Geld schöpfen will, muß gerade als Frau wieder ganz Frauchen werden. Auch das kann die "wandelbare totale Chaotin" (Leuschner) Nina: So schwärmt sie heute bereits für die frauenfeindliche Sekte der "Rastafa", der die meisten aus Jamaika stammenden Reggae-Künstler, Bob Marley vorab, huldigen. Dichtete sie vor zwei Jahren noch einen Song auf die Liebe zu einer Frau "auf'm Bahnhof Zoo im Damenklo", so dient sie nun "Jah", dem Gott der "Rastas", die Frauenblut für schmutzig halten: "Jah ist der einzige, dem ich gehorche, er ist mein Führer."
Bei all ihrer etikettierten Unbezähmbarkeit eignet sich Ninas politische und persönliche Heimatlosigkeit als Knetmasse für die Rock-Industrie.
Auch auf die Gefahr hin, dem internationalen Geschäft zuliebe Ninas deutschen Käuferstamm von rund 200 000 Menschen -- Jugendliche und ein kleiner Teil links-intellektuellen Establishments -- zu verlieren, drillt man sie auf englisch: "Für den amerikanischen Markt muß Nina englisch singen" (Marvin Greifinger, Ninas Pressemanager).
Heute schon spricht die einst so wortgewaltige Deutsche lieber englisch. Ihr Sprach- und Musiktalent ist vom Business verfilzt wie ihre Haare, die ihr knallrot zu Berge stehen. Wie in den dread-locks der Money-Makers zappelt sie auch auf der Bühne: Ihre androgyne Unverschämtheit von früher hat sich zu einer amerikanischen Biedermann-Bonbonniere verpuppt. Bei dem Gemisch aus Klo- und Bibelsprüchen, das S.241 sie nun aus den Staaten mitgebracht hat, muß man einfach mit den Hüften wackeln. "Das Kind, das auf die Kacke haut" (Jim Rakete, ihr früherer Manager) prophezeit heute die allergrößte "Kacke": den Untergang Babylons, den "nur überleben wird, wer scheint wie ein Stern".
Das Gemisch aus Fäkalien und Teufelsexorzismen, mit dem Nina ihren "funky", "heavy" und "african" Reggae-Rock auf die Tournee bringt, spiegelt die "babylonische" Hölle, in der sie sich rund um die Uhr verzehrt, wider: Das wirkliche Happening Nina Hagen passiert hinter der Bühne, wenn sie ihre Truppe, Fans und Journalisten in die betörenden Seancen ihrer Theatralik verwickelt. In magischer Verbindung von Kindlichkeit, Wahnsinn und Verweigerung zieht sie alle in den jeweiligen Spuk, den sie gerade lebt.
Der größte Zweifel wird, ehe man sich versieht, unter ihrem märchenhaften Gekicher plötzlich zur eigenen Überzeugung. Eine Königin der Stimmlagen, läßt sie in einem einzigen Satz die Sprachspiele eines ganzen Lebens Revue passieren: "Ich gebe doch alles, was ich habe, mein ganzes Leben, ich walz' das total aus, immer mehr ..."
Verliert sie dabei einen Hauch ihrer Lebensenergie, dann fürchtet der Hofstaat um sie herum um seine Prozente. Dieser Zusammenhang wird peinlichst von ihr ferngehalten. So simpel der Katechismus von Gut und Böse auch sein mag, den sie zur Zeit predigt, er entspricht der Verdrehung von Himmel und Hölle durch ihre Männeraegide:
Alle, die ihr bis in die Garderobe hinein folgen, die sie bewachen wie Kranken- oder Gefängniswärter, die sie aufwecken, zur Pressekonferenz holen, die sie auftritt- und abtritt-, start- und landebereit machen, alle die Manager, CBS-Vertreter, Promotion- und Presseagenten, die wollen nur Ninas Bestes -- dafür kriegt sie Knete, Cola und Dope, soviel sie braucht, um zu funktionieren.
Die Einnahmen an ihren Konzerten, Lizenzen, Aufnahmen, Verlags- und Reklamerechten, die beispielsweise Manager Bennett Glotzer hat, bleiben ein Mysterium, auf das Nina, klug und schalkhaft wie sie ist, mit dem Mysterium des drohenden Endes der "bösen Geldwelt" antwortet: "Africa must be free by the end of 1983" (Lied).
Läuft dann ihr Vertrag mit Glotzer, dem sie laut CBS-Leuschner "mit Haut und Haaren verschrieben" ist, aus? Wieviel hat der von ihrer manischen Darstellungskraft -- einer endlosen Suche nach Geborgenheit in der phasenverschobenen Disharmonie ihres Lebens -- abgezwackt? "Von Zahlen reden wir schon lange nicht mehr, wir vertrauen, glauben und lieben sie" (Mike Scheller, Veranstalter ihrer deutschen Tournee).
Von Cornelia Frey

DER SPIEGEL 39/1980
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