22.09.1980

Ein Engel läuft Amok

„Gloria“. Spielfilm von John Cassavetes. USA 1980. Farbe; 123 Minuten.
Nach ein paar Minuten schon gibt es vier Tote auf einen Schlag, und später irgendwann verliert man den Überblick, wie viele ihnen noch folgen. Kein Zweifel, in diesem Film geht es zuerst, zuletzt um Tod oder Leben, deutlicher: um Getötetwerden oder Überleben, indem man selbst tötet -so klar sind die Spielregeln hier.
Die ersten vier Toten gehen aufs Konto des "Syndikats": Ein kleiner puertorikanischer Mafia-Buchhalter, der seine Branchenkenntnisse ans FBI verkaufen wollte, wird samt Familie liquidiert, zwecks Abschreckung anderer labiler Underdogs -- doch der sechsjährige Sohn entkommt dem Massaker, zufällig und widerwillig gerettet von einer Nachbarin.
Eigentlich hatte sie sich von den Puertorikanern nur ein bißchen Kaffee zum Frühstück leihen wollen, und nun steht sie mit einem Jungen da, hinter dem sämtliche Mafia-Killer New Yorks her sind. Sie ist in einen Alptraum geraten. Totsein sei etwas wie Träumen, sagt sie dem Jungen später zum Trost; doch ihren eigenen Ängsten hilft das nicht.
Gloria, die Nachbarin, scheint nicht zum rettenden Engel geschaffen -eine welke Unterwelt-Schönheit, ein abgetakeltes Gangster-Flittchen, eine, die von ihrer "Weiblichkeit" gelebt, aber nur überlebt hat, indem sie sich "männlich" gemacht hat, was in dieser Welt heißt: hart, kalt und feige und, wenn es sein muß, bereit, als erster zu schießen.
Sie haßt Kinder, sagt sie, sie haßt alles Mütterliche, sie haßt sogar Milch. Sie haßt sich selbst. Aber indem sie nun -- in einem lebensgefährlichen Aufbegehren aus Trotz oder Mitleid -- die Partei des Jungen ergreift und beschließt, ihm den Weg ins Leben freizuschießen, buchstäblich, eröffnet sie mit den Waffen der Männer den Kampf gegen diese Männerwelt, die Gloria zu einer gemacht hat, die sich selbst hassen muß.
Das wird, wie sich zeigt, zu einem Fight über viele Runden; tagelang ist das ungleiche Paar mit Bus, Taxi, U-Bahn unterwegs von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, immer gehetzt -wenn aber Gloria die Killer wieder einmal geschlagen hat, triumphiert sie mit hohnverzerrtem Gesicht: "Ihr Nieten laßt euch von einer Frau fertigmachen]"
Und wenn der kleine Krauskopf, dem sie nun zugleich Vater, Mutter, Freundin und Großmutter zu sein anbietet, mal störrisch, mal altklug-rührend darauf beharrt, daß er in diesem verqueren Duo "der Mann" sei -- das unterstreicht nur, wie sehr (und wie wunderbar cool) sie hier Humphrey Bogart spielt: Gena Rowlands alias Gloria Swenson, in hochhackigen Schuhen und schimmerndem Seidenkostüm von Ungaro, die schöne blonde Gangsterin, deren Revolver nie leer wird.
"Hast du nie Angst?" fragt der Junge. "Auch nicht in Alpträumen? Oder machst du dann einfach die Augen zu, um nichts zu sehen?" Gloria auf ihrer alptraumhaften Überlebensflucht durch New York schließt die Augen keinen Moment. Zuletzt sucht sie ihren Tod, provoziert ihn, zielt auf ihn kühl über Kimme und Korn, und sie ist nie schöner, nie mehr sie selbst als in dem Augenblick, da sie ihn findet.
John Cassavetes, der hartnäckige Außenseiter des amerikanischen Films, hat sich nie zuvor so offen auf die robusten und durchschlagenden Muster des Action-Kinos eingelassen. Er genießt, was er an Jagd und Flucht inszeniert, und sein Blick für die Grellheit und Schmierigkeit von New York -der abblätternde Ölanstrich in den Korridoren heruntergekommener Mietshäuser, verwinkelte Riesentreppen, die gekachelten Eingeweide der U-Bahn-Stationen -- taucht Glorias Geschichte in ein suggestives Klima von Angst und Bedrohung.
Und doch hat, was er erzählt, nicht Kalkül und Kausalität eines Gangsterfilms. Die Logik, der "Gloria" folgt, ist die des Alptraums. Gloria stößt von Station zu Station zu, was sie eben am meisten fürchtet, und Rettung gelingt wieder und wieder in dem Augenblick, da alles verloren scheint.
Wo immer sie mit ihrem Schützling Unterschlupf findet, in einem Apartment oder einer Absteige auf einen Moment des Aufatmens hofft, da sind unvermittelt auch schon die Verfolger zur Stelle, quasi von ihrer Angst selbst herbeizitiert. Sogar in einem Restaurant hat sie kaum Zeit, dem Jungen ein Glas Milch zu bestellen (er kann Milch auch nicht leiden, aber sie will nun mal Mutter sein) -- schon sitzt wie aus dem Nichts am Nebentisch der ganze Gangsterpulk, und sie muß einmal mehr (unmütterlich, unweiblich) mit dem blitzenden Trommelrevolver einen Fluchtweg durch Küche und Keller freiräumen.
Mit soviel Pathos und Passion erhöht Cassavetes Glorias Amok-Marathon in den Tod, daß er ihr zuletzt sogar eine traumhafte Auferstehung gewähren kann. Totsein sei so etwas wie Träumen, hat sie ja gesagt, und Kino ist schließlich auch so etwas.
Urs Jenny
S.259 Mit Gena Rowlands und John Adames. *
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 39/1980
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