22.09.1980

ERNÄHRUNGSanfte Rundung

Jahrzehntelang wurde Dicksein verteufelt. Jetzt widerriefen die Ärzte: Dünne leben nicht länger.
Ob denn ein Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Lebensdauer bestehe, fragt der bange Esser seinen Dr. med. Robert Rothenberg. Die Antwort ist hart: "Je dicker ein Mensch ist, um so kürzer ist seine Lebenserwartung."
Der alleswissende Hausarzt des dtv-Ratgebers "Medizin für jedermann" wird seine Auskunft revidieren müssen. Denn die Drohung mit den angeblich selbstmörderischen Pfunden, seit Jahren von Ernährungswissenschaftlern, Ärzten und Diät-Experten vorgebracht, gilt nicht mehr.
Ein wenig Leibesfülle, das bestätigen den Eßlustigen jetzt fast gleichzeitig eine amerikanische Studie und ein Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, schadet gar nicht. Und gemessen an der Lebenserwartung allzu dünner Twiggy-Figuren seien die Dicken sogar besser dran.
Daß Übergewichtige eher sterben, schien endgültig 1959 anhand einer Studie mehrerer US-Versicherungsgesellschaften bewiesen.
Wer weniger als sein "Idealgewicht" auf die Waage bringe, so hieß es damals, lebe am längsten. Je mehr Speck einer jedoch gespeichert habe, desto früher müsse er Gabel und Messer ein für allemal aus der Hand legen.
Diese Weisheit ging in die Tabellen von Lebensversicherungen und Krankenkassen ein und löste zugleich einen S.269 Boom aus im Geschäft mit Diät-Büchern und Friß-die-Hälfte-Clubs, mit Appetitzüglern, Reduktionskost und Verhaltenstraining.
Das ideale Körpergewicht, daran gab es dann gut zwanzig Jahre nichts zu rütteln, entsprach einer Kilogramm-Zahl, errechnet aus der Körperlänge in Zentimeter minus 100 und bei Männern nochmals minus 10 Prozent, bei Frauen gar minus 15 Prozent. Nach dieser Formel durfte ein 1,75 Meter großer Mann nicht mehr als 75 minus 7,5, also 67,5 Kilogramm wiegen.
Diese Norm, die vielen das Essen und Trinken verleidete und oft doch nicht erreicht wurde, wollen jetzt amerikanische wie auch westdeutsche Wissenschaftler abschaffen.
Die sogenannte Framingham-Studie des National Heart, Lung and Blood Institute in Bethesda (US-Staat Maryland) überprüfte die Lebenserwartung von insgesamt 5290 Männern und Frauen, bezogen auf ihr Körpergewicht. Die statistischen Daten wurden nach den gebräuchlichen fünf Gewichtskategorien -- von 10 Prozent unter dem Idealgewicht bis zu 40 Prozent darüber -- gestaffelt.
Die Ergebnisse des neuen Rechenexempels zeigen nun, daß die bisherige Ideal-Norm keineswegs zu hohem Alter verhilft. Eher deutet sich das Gegenteil an: Aus der Gruppe der Mageren waren innerhalb von 24 Jahren mehr Menschen gestorben als aus der Gruppe der stark Übergewichtigen.
Daß damit die Zahlen der Versicherungsstudie widerlegt sind, ist wahrscheinlich in der unterschiedlichen Zusammensetzung der Stichproben begründet: Die Framingham-Studie beobachtet eine für den Durchschnitt repräsentative Bevölkerungsgruppe, die Versicherungs-Studie hingegen schloß Patienten mit Risiko-Zuschlag aus.
Das Idealgewicht, so zeigt die neue Untersuchung, ist also nicht länger ideal. Ein "Rettungsring" muß kein Grund mehr sein für Schuldgefühle. Von dieser frohen Botschaft erleichtert, bekannte sich denn auch der Kommentator des Mediziner-Blattes "Medical Tribune" zu den "gemütlichen Dicken". Die "sanfte Leibesrundung" sei dem heutigen Büromenschen "sozusagen angemessen".
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bestätigte am vorletzten Wochenende in Mainz auf einem Seminar zum "Ernährungsbericht 1980", daß Fülligere im Durchschnitt länger als die ganz Dünnen leben. Der Drang zur "Bikini-Norm", so tadelte Professor Werner Kübler von der Universität Gießen, habe oftmals seelischen Druck erzeugt, der mehr belastete als das Übergewicht.
Hingegen: Echte Fettsucht sei immer noch ein Risikofaktor, warnten die Ernährungswissenschaftler. Mit dem Körpergewicht nimmt die Häufigkeit von Bluthochdruck und Diabetes zu.
Die Gefährdung beginne aber erst, wenn das bisherige "Normalgewicht" (Körpergröße minus 100) etwa 10 bis 20 Prozent überschritten werde.

DER SPIEGEL 39/1980
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