22.09.1980

LUFTFAHRTFerne Finger

Der Welt größter Flughafen wurde in Atlanta (US-Staat Georgia) eröffnet: als Luftkreuz des amerikanischen Südens.
Ich weiß nicht, wo ich begraben werde", geht der Spruch unter Passagieren, die Amerikas Südstaaten befliegen, "nur eins ist sicher: In Atlanta muß ich umsteigen."
Für knapp 30 Millionen Umsteiger führten letztes Jahr alle Flugwege über Atlanta. Wer beispielsweise vom texanischen San Antonio nach West Palm Beach in Florida will, von Chicago nach Birmingham in Alabama oder von New Orleans nach Knoxville (Tennessee), muß in Atlanta runter, ob er will oder nicht, und meist dort auch die Maschine wechseln.
Nur mit langen Wartezeiten und ebenso langen Wegen konnte der Flughafen in Atlanta die drängelnden Passagiermillionen bewältigen. Seit letzter Woche nun soll das Umsteigen bequemer werden.
Nach vierjähriger Bauzeit und einem Kostenaufwand von 750 Millionen Dollar wurde in der Nacht zum letzten Sonntag der Welt größter Passagier- und Frachtflughafen für den S.270 Verkehr freigegeben: "Hartsfield Atlanta International Airport", benannt nach dem langjährigen Bürgermeister der Hauptstadt des Bundesstaates Georgia, William B. Hartsfield.
Nur zwei Kilometer vom alten Flughafengebäude entfernt liegt der neue Terminal-Komplex, der insgesamt eine Fläche von 153 Hektar füllt. Zwölf Fußballfelder groß ist allein die Abfertigungshalle mit Gepäckbändern, Ticketschaltern, Banken, Bars sowie Sicherheits-, Paß- und Zollkontrollen.
Von dieser Zentrale führt ein Verbindungstunnel zu den vier Flugsteiggebäuden, die -- erreichbar über Rolltreppen -- zwei Stockwerke höher zu beiden Seiten abzweigen. Der 1760 Meter lange Passagierkanal im Untergrund ist das Pracht- und Herzstück des neuen Atlanta Airport.
Rollbänder, ähnlich wie in Frankfurt oder London, befördern die Passagiere gemächlich zu den Flugsteigen. Für die Eiligeren verkehrt in jeweils 103 Sekunden Abstand und mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h eine U-Bahn zwischen den Abflugterminals. Auf 250 000 Fahrgäste täglich ist die vollautomatisierte, fahrerlose U-Bahn ausgelegt.
Das Kapazitätsangebot der Airport-Bahn scheint nicht zu hoch geplant. Denn mit insgesamt 41,6 Millionen Passagieren, die letztes Jahr in Atlanta abgefertigt wurden, ist der Flughafen in Georgia der am zweitstärksten frequentierte der Welt. Nur der O'Hare Airport von Chicago fertigte im letzten Jahr noch mehr Flugreisende ab (47,8 Millionen).
Halten Atlantas steile Zuwachsraten im Passagierverkehr an (Anstieg 1979 gegenüber dem Vorjahr: 14 Prozent), "werden wir Chicago Mitte der achtziger Jahre überholt haben", sagt Airport-Manager John Braden. Der Bau eines fünften Flugsteigs, einer vierten Piste und eines zweiten Terminals ist schon geplant. Weitere 15 Millionen Passagiere jährlich könnten dann durchgeschleust werden.
Die Ursachen für den unaufhaltsam scheinenden Aufstieg von Atlanta (Einwohnerzahl: 1,9 Millionen) liegen in der Routenplanung der Luftlinien. Um nicht unrentabel mit mäßig besetzten Flugzeugen etwa von Huntsville (Alabama) oder Charlotte (North Carolina) nach Dallas, Detroit oder Houston fliegen zu müssen, beschränkten Gesellschaften wie Delta und Eastern Air Lines solche Direktflüge immer stärker. Statt dessen holen sie mit sogenannten Lumpensammlerflügen ihre Passagiere aus der Provinz, fliegen sie nach Atlanta und stopfen sie dort in ihre kostengünstigeren Großraum-Jets.
Die Folgen sind hörbar. "Atlanta ist ein 24-Stunden-Flughafen geworden", sagt Siegfried Herrmann, PR-Manager der Lufthansa, die in Atlanta ihre Zentrale für den US-Süden und die Karibik betreibt. "Vor allem um Mitternacht bricht auf dem Airport eine regelrechte Rush-hour aus." Durchschnittlich alle S.272 52 Sekunden startet oder landet in Atlanta derzeit ein Passagier-Jet.
An der künstlich gesteuerten Attraktivität von Atlanta als Luftkreuz des Südens mochte auch die Lufthansa nicht vorbeigehen. Seit Mai dieses Jahres fliegen die Lufthanseaten dreimal pro Woche Atlanta an, als Zwischenstopp auf der Route Frankfurt--Dallas. Die neue Linie erwies sich als so zugkräftig (Auslastung: 80 Prozent), daß die Lufthansa im nächsten Jahr Atlanta direkt anfliegen will; Dallas soll dann nur noch als Zwischenstopp nach Mexiko City dienen.
"Sehr zuversichtlich" ist Herrmann, daß sich auch die geplante Linie als einträglich erweisen wird, "vor allem weil in und um Atlanta mittlerweile alle großen deutschen Firmen vertreten sind". Sie sichern der Lufthansa die Managerflüge und stärken "unser traditionell starkes Fracht-Bein" (Herrmann).
Als "überaus passagierfreundlich" lobte US-Präsident Jimmy Carter am Dienstag letzter Woche den neuen Airport in Atlanta. Doch gerade darüber sind die Meinungen noch geteilt.
Carters "Air Force One" wurde als erstes Flugzeug am neuen Terminal abgefertigt. Und der Sondergast mußte seinen Hunger nicht auf dem "Hartsfield Atlanta Airport" stillen.
Normale Umsteiger hingegen, die mit Hamburger- und Hot-dog-Ständen nicht zufrieden und auf ein Steak im Restaurant versessen sind, müssen mit U-Bahn, Rolltreppen und Laufbändern wahre Jogging-Strecken zurücklegen.
Das einzige Restaurant des neuen Flughafens befindet sich im Hauptterminal, vom entlegensten der insgesamt 138 Einstiegfinger mehrere Kilometer weit entfernt, davon mindestens einen Kilometer Fußmarsch.

DER SPIEGEL 39/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LUFTFAHRT:
Ferne Finger

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling