22.09.1980

ÄRZTEStreß am Bett

Westdeutschlands Krankenhaus-Mediziner drohen mit „Streik“. Die Ärztegewerkschaft fordert Abschaffung des lästigen Nachtdienstes und der Überstunden.
Wenn es Nacht wird in deutschen Kliniken, aber auch am Wochenende, steht es neuerdings schlecht um die Patienten, jedenfalls um jene, die den diensthabenden Arzt benötigen.
Denn der ist zwar, wie die Ärztegewerkschaft "Marburger Bund" betont, "hochqualifiziert", doch physisch einfach "überfordert" durch den gnadenlosen "Streß am Bett", den "unerträgliche Lebens- und Arbeitsbedingungen" ihm aufzwingen.
"Ohne Schlaf, ohne Entspannung, oft auch ohne ordentliche Mahlzeit" verrichtet er seinen "verantwortungsvollen Dienst". Immer wieder flimmern ihm "Sterne vor den Augen", peinigen ihn "Angstzustände, daß man einen Kunstfehler machen könnte" -- mit einem Wort, er stuft sich selber als "Gefahr für den Patienten" ein.
Wen wundert es da noch, daß vor allem nachts von "Humanität" in Krankenhäusern nichts mehr zu spüren ist, wie der Hamburger Ärztegewerkschaftler Dr. Peter Clemens aus Erfahrung weiß. Denn da stochert so mancher Doktor, klagt Clemens, "aus Übermüdung" bis zu einem halben dutzendmal in der Vene eines Kranken herum, wenn er eine Tropfinfusion anlegen muß, statt "wie sonst einbis zweimal".
Garantieren wollen die zum Nacht- und Bereitschaftsdienst eingeteilten Klinikärzte nichts mehr. "Wir sind nicht mehr sicher", schockte der "Marburger Bund" die Öffentlichkeit, "daß nicht etwas passiert." Prompt verschreckte die "Stuttgarter Zeitung" ihre Leser mit der Nachricht: "Marburger Bund schließt Behandlungsfehler nicht mehr aus." Und in der "Welt" erscheint die Schlagzeile: "Der Streß am Bett zerstört die Menschlichkeit."
Solche Verunsicherung ist Teil einer langfristig konzipierten PR-Kampagne des "Marburger Bundes", mit der die mitgliederstarke Ärztegewerkschaft bessere Arbeitsbedingungen im Krankenhaus erreichen will. (Jeder zweite beamtete oder angestellte Klinikmediziner gehört dem "Marburger Bund" an.)
"Schutzbedürftig" ist nach Ansicht der Ärztegewerkschaft nicht etwa nur der Krankenhauspatient, sondern "auch der Krankenhausarzt", und der sei als "Arbeitnehmer-Arzt" durchaus in der Lage, seinem Arbeitgeber "die Zähne zu zeigen".
Anders als die Vätergeneration mag sich der ärztliche Nachwuchs, der in den 2120 Akut-Krankenhäusern der Bundesrepublik seine Weiterbildung S.277 zum Facharzt absolviert, nicht mehr damit abfinden, daß ein Klinikbetrieb kaum nach dem Arbeitsrhythmus eines Finanzamts zu organisieren ist.
"Auf manchen Krankenhausabteilungen gärt es richtig", berichtet Pathologe Dr. Jörg Dietrich Hoppe, Chef des "Marburger Bundes": Die Klinikärzte mosern gegen "realitätsferne Stellenpläne", "unzumutbare Überstunden" und vor allem gegen die "unmenschlichen Marathon-Dienstzeiten regelmäßiger Nacht- und Bereitschaftsdienste". Wie Maurer und Metaller fordern sie "planbare Freizeit", "regelmäßige, zusammenhängende Arbeitszeiten" und pochen auf die 40-Stunden-Woche, die der Tarifvertrag ihnen zusichert.
36 Prozent aller Klinikärzte haben ihr zeitgemäßes Arbeitnehmerziel bereits erreicht: 40 Stunden in der Woche und keine Minute länger müssen sie Dienst am Kranken tun. Die Mehrheit aber fällt noch immer unter den tarifvertraglichen Vorbehalt, daß in "dringenden Fällen" die normale Arbeitszeit "verlängert werden kann" und nach Dienstschluß "Überstunden" in Form von Nacht- und Bereitschaftsdienst geleistet werden müssen. Die Zusatzfron ist dem Betroffenen zwar "spätestens am Vortage anzusagen". Doch das gilt zum besonderen Verdruß der Klinikärzte nur, "soweit ihre Notwendigkeit voraussehbar ist".
Jeder zweite der von dieser Regelung betroffenen Krankenhausärzte, so ergab eine interne Umfrage des "Marburger Bundes", muß ein- bis zweimal im Monat einen Bereitschaftsdienst absolvieren, jeder fünfte zwei- bis dreimal. Bis zu 20 Überstunden wöchentlich sind laut Tarifvertrag im Extremfall zulässig.
Nur eine Minderheit wird also von der lästigen Überstundenpflicht gepeinigt; doch wen es trifft, der muß hart ran.
Notstand herrscht vor allem in den rund um die Uhr arbeitenden Notfallambulanzen, in der Chirurgie, in der Anästhesie und in den Intensivstationen, die mittlerweile auch im kleinen Provinzkrankenhaus von 180 Betten schon installiert sind. Hier müssen Klinikärzte oftmals acht und noch mehr Bereitschaftsdienste im Monat absolvieren, wie nach dem Tarifvertrag für den schlimmsten Notfall vorgesehen ist.
Der Unmut der Klinikärzte hat freilich auch finanzielle Hintergründe. Seit es dem "Marburger Bund" gelungen ist, die auf 40 Wochenstunden berechneten Tarifgehälter annehmbar hochzuschaukeln (Anfangsgehalt eines 29jährigen Klinikarztes, verheiratet, ein Kind: 4200 Mark), und es dank der im öffentlichen Dienst geltenden "Vergreisungsregel" (Hoppe) neben der alljährlichen Tarifanhebung alle zwei Jahre sowieso einen "Alterszuschlag" gibt, haben die Krankenhausärzte S.278 im Bereitschaftsdienst ein besonderes Übel ausgemacht. Mit den zusätzlichen 1600 Mark im Monat, die es im Durchschnitt gibt, kommen sie "automatisch in die Steuerprogression" hinein, und das lohnt den "Verlust an Freizeit" nicht (so Dr. Wolfgang Dau, Chef der Chirurgischen Klinik des Krankenhauses Priwall).
Schon laufen erste Arbeitsgerichtsprozesse gegen das Bereitschaftssoll, und für den 1. Oktober steht bereits eine Grundsatzentscheidung des Bundesarbeitsgerichtes an, ob es überhaupt -- Tarifvertrag hin, Tarifvertrag her -- mit der "Fürsorgepflicht des Arbeitgebers" vereinbar sei, einem Klinikarzt mehr als vier Bereitschaftsdienste im Monat abzuverlangen.
Wie der Spruch auch ausfallen wird, der "Marburger Bund" ist entschlossen, sich "marktkonform" (Vorsitzender Hoppe) zu verhalten: Da die Krankenhausärzte aufgrund der "Einweisungspraktiken der niedergelassenen Kollegen" außerstande seien, "unsere Arbeitsbelastung selbst zu steuern", will Hoppe "konsequent die Anordnung von Bereitschaftsdiensten so teuer machen, daß es für den Krankenhausträger kostengünstiger wird, neue Ärzte einzustellen".
Wieviel der als Fernziel angestrebte Totalabbau von Überstunden kosten würde, hat der "Marburger Bund" schon berechnet: 20 000 neue Planstellen müßten geschaffen werden -- das bedeutet einen Zusatzaufwand für Personalkosten von über 1,1 Milliarden Mark bereits im ersten Jahr, der voll auf den täglichen Pflegesatz (er liegt derzeit schon bei bis zu 300 Mark) durchschlagen würde.
So etwas hält nun sogar die Bundesärztekammer für "nicht mehr finanzierbar"; sie plädiert statt dessen "dringend" für eine Verminderung der "erheblichen Überkapazität" von Klinikbetten, vor allem im "Bereich der Akut-Krankenhäuser".
Die Ärzte-Gewerkschaft nimmt solche Einwände zwar zur Kenntnis, fühlt sich aber dadurch weiter nicht gestört: Schließlich hätten die Krankenhausärzte, argumentiert der "Marburger Bund", den Bettenberg nicht gebaut. Die Politiker seien da auf Steuerzahlers Kosten am Werk gewesen.
Für den 24. Oktober ist der erste Schlagabtausch mit den Arbeitgebern der Klinikärzte angesetzt. Sollten sich die Krankenhausträger dabei den "Korrekturwünschen" des "Marburger Bundes" verweigern, haben die Ärztegewerkschafter vorgesorgt.
Für diesen "Fall der Fälle" wollen sie eine Art Bummelstreik nach Art der Fluglotsen inszenieren, Dienst nur noch streng nach Vorschrift machen, Überstunden abfeiern, "unterbesetzte Abteilungen" schließen und notfalls Neuaufnahmen von Patienten "nach Dringlichkeit" beschränken.
"Streiken wie die Müllmänner" (Hoppe) können die Krankenhausmediziner als Ärzte nicht. Sie kämen wegen unterlassener Hilfeleistung hinter Gitter. Und die haftungsrechtlichen Folgen würden jeden einzelnen finanziell ruinieren.
Doch unter dem "Druck der öffentlichen Meinung", so rechnet sich der "Marburger Bund" aus, müßten die Arbeitgeber auch bei "Dienst nach Vorschrift" klein beigeben. Für den Fall, daß die Krankenhausträger nicht auf Anhieb weich werden, erwägen die Ärztegewerkschafter "flankierende Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit".
Da sei es dann wohl möglich, so erläuterte der Tarifexperte des "Marburger Bundes", Hans Trawinski, "die Schuld an der Einschränkung der ärztlichen Versorgung den Krankenhausträgern in die Schuhe zu schieben".

DER SPIEGEL 39/1980
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