22.09.1980

WINDSURFENMindestens halbtot

Der französische Surfer Arnaud de Rosnay behauptet, elf Tage lang allein durch den Pazifik gesegelt zu sein. Kaum einer glaubt ihm das.
In dem einzigen Dorf auf dem Pazifik-Atoll Ahe tauchte ein hünenhafter Fremdling auf: Seine Augenlider waren von der Sonne verbrannt, die Lippen aufgequollen und geplatzt. "Ich heiße Arnaud de Rosnay", krächzte er, "und habe eine lange Reise hinter mir."
Elf Tage vorher, in der Nacht zum 1. September, war der französische Baron S.279 mit seinem Windsurf-Brett von der 900 Kilometer entfernten Insel Nuku Hiva (Marquesas Archipel) aufgebrochen. "Haie schlugen ihre Zähne in mein Brett, die Sonne quälte mich unendlich, das Salz machte mich fast verrückt", berichtete er dramatisch. "Aber ich habe das Unmögliche geschafft."
Vielen Surf-Experten jedoch gilt der 34jährige Edelmann weniger als Held denn als Maulheld: "Ein dubioses Unternehmen", urteilte der mehrfache Europa-Surfmeister Jean-Marie Fabre aus Frankreich. "Faule Sache", konstatierte der Langstrecken-Surfer Stephane Perron. "Hat Arnaud de Rosnay", fragte der Londoner "Guardian" jüngst, "die Welt betrogen?"
Auch der Bremer Meistersurfer Jürgen Charchulla, der in den letzten fünf Jahren zusammen mit seinem Zwillingsbruder Manfred Ärmelkanal und Skagerak überquerte, mag Rosnay nicht glauben: "Nach spätestens vier Tagen fällt in tropischen Gewässern selbst der stärkste Bär vom Brett."
Monatelang hatte Rosnay, unter anderem von der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC gesponsort, seinen Gewaltritt durch den Pazifik geplant: Von Nuku Hiva wollte er 4000 Kilometer weit nach Hawaii surfen.
Um nicht während der notwendigen Schlafpausen ins Wasser zu rutschen, brachte Rosnay an seinem Spezial-Surfboard aufblasbare Stabilisatoren an -- auslegerähnliche Schwimmflügel, die das wacklige Gefährt waagerecht halten sollten. Schlafen wollte Rosnay in einer aufpumpbaren Rettungsinsel, die auf das hintere Teil seines Bretts geklebt war.
Ein zusammenfaltbarer Drachen sollte während der Ruhepausen als fliegendes Segel dienen und den Baron auf seinem Brett mit zwei Knoten pro Stunde durch den Ozean ziehen. Derweil würde, so hatte es Rosnay vorgesehen, ein solarbetriebener Destillationsapparat frisches Trinkwasser produzieren.
Wenige Tage vor seinem Start ließ sich der hochgewachsene Playboy, von der Pariser Girl-Society als der "große Zärtliche" geschätzt, von dem französischen Einhand-Weltumsegler Bernard Moitessier in die Kunst der Navigation einweisen. "Er hat keinen blassen Schimmer", stöhnte Moitessier über seinen Schützling, "wie man einen Kurs bestimmt."
In der Nacht zum 30. August schulterte der athletische Adlige seinen Rucksack, vollgepackt mit Astronautennahrung für rund 25 Tage, Signalraketen und einem kleinen Funkgerät. Dann griff er sein Segelbrett, ging ins 26 Grad warme Wasser und nahm Kurs auf Hawaii -- gefolgt von dem Segelkutter "Zeus", in dem die ABC-Fernsehmänner hinterherschipperten.
Wenige Stunden nach dem Start jedoch, nahe dem Felsenriff Moutou Onea, machte Rosnay wieder kehrt: "Die 'Zeus' ist mir zu langsam, ich muß immer auf sie warten", mäkelte er.
Zurück in Nuku Hiva beschloß der Baron, Sproß einer aus Mauritius stammenden englisch-französischen Siedlerfamilie, auf die "Zeus"-Begleitung zu verzichten und die Rekordstrecke zu verkürzen. Statt ins ferne Hawaii wollte er nun, bescheiden geworden, nur noch zur rund 1350 Kilometer entfernten Insel Tahiti segeln.
In der übernächsten Nacht waren der Baron und sein Brett, eine Eigenkunstruktion mit überdurchschnittlich vielen Luftkammern, plötzlich verschwunden. Rosnay hinterließ nur einen Brief an die französische Admiralität, die den riskanten Solo-Surf verboten hatte: Er sei längst auf See, man möge ihn bitte in Ruhe lassen. Verärgert packten die ABC-Dokumentaristen, die den Trip filmen sollten, ihre Kameras wieder ein.
Obwohl die Marine tagelang intensiv nach "diesem Irren" suchte (Kosten: 645 000 Mark), blieb Rosnay verschollen. "Die letzte große Fahrt des verrückten Barons?" fragte die "Welt".
Doch am 11. September, die Überlebensexperten der Marine wähnten ihn schon zu Fischfutter zerfleischt, tauchte Rosnay wieder auf, 450 Kilometer nordwestlich von Tahiti auf dem Atoll Ahe im Tuamotu Archipel. Dorthin sei er, so versicherte der Edelmann, ohne fremde Hilfe gelangt. Genau S.280 das jedoch mögen inzwischen immer mehr Surfer nicht glauben. Besonders wundern sie sich über Rosnays körperlichen Zustand -- nur vier Kilo abgenommen, etwas sonnenverbrannt, aber sonst recht kregel. "Wer so aussieht", meint der Hamburger Regatta-Surfer und Fachjournalist Jochen Halbe, "war niemals elf Tage auf dem Pazifik."
Eigentlich hätte der Brettfahrer gehörig zermatscht und ausgedörrt sein müssen: Selbst bei mäßiger Anstrengung schwitzt der Körper in tropischen Gebieten täglich mehrere Liter Flüssigkeit aus -- mehr als ein kleiner Salzwasser-Destillator pro Tag an Trinkwasser produzieren kann. "Wenn Rosnay diese Strecke wirklich gefahren wäre", so Meister-Surfer Charchulla, "hätte er mindestens halbtot sein müssen."
Als etwa der Langstreckler Stephane Perron kürzlich 248 Surf-Kilometer am Stück zurückgelegt hatte, war er "nur noch ein Wrack" -- Durchblutungsstörungen, Sehschwierigkeiten und bis aufs Fleisch aufgescheuerte Handflächen. Und der Franzose Frederic Beauchene kroch nach seiner 500-Kilometer-Tour um das Kap Hoorn "auf allen vieren" an Land.
Weiter rätseln die Experten, wie der Navigationslaie Rosnay nur mit Hilfe von Kompaß und Sternen die direkte Route zum Tuamotu-Archipel finden konnte. Denn in den äquatornahen Gewässern herrschen mitunter derart starke Strömungen, daß instabile Wassergefährte wie Surfboards kaum korrekt auf Kurs zu halten sind. "Da ist es fast unmöglich, ohne ausreichende Instrumentenhilfe zu navigieren", urteilte Jürgen Charchulla, der 15 Jahre lang zur See fuhr.
Ähnlich rätselhaft war ein früheres Surf-Spektakel des Edelmannes verlaufen: Auch bei seinem gefeierten 88-Kilometer-Trip über die Beringstraße im letzten Jahr ließ Rosnay seine Begleiter am Ufer zurück. 10 Stunden später erfuhren sie durch eine von Rosnay abgefeuerte Leuchtrakete, daß er angeblich auf der anderen Seite angekommen war.
Ebenfalls nach der Phantom-Methode hatte sich der sportliche Edelmann im Frühjahr 1979 mit einer Art Strandsegler auf den Weg durch die Sahara gemacht: 1200 einsame Kilometer von Mauretanien zum Senegal ohne Begleitung, ohne Zeugen und ohne Beweise.
Die Touren durch Arktis und Wüste hatten ihm die Brettsegler, sozusagen auf Sportlerehrenwort, noch abgenommen. Mit seinem Elf-Tage-Marathon im Pazifik freilich, spottete "Le Quotidien de Paris", habe der Baron "die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit derart erweitert, daß er dabei die Grenzen der Glaubwürdigkeit überschritt".

DER SPIEGEL 39/1980
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