04.05.1981

DER KOPFLOSE AUFSTAND

Imre Nagy und die ungarische Revolution 1956 / Von David Irving 1981 Albrecht Knaus Verlag, Hamburg.
Es ist der 23. Oktober 1956 -- der Tag, an dem der Damm in Budapest brechen wird. Die Büros in der Stadt schließen eines nach dem anderen. Parteifunktionäre drohen: Wer seinen Arbeitsplatz vorzeitig verläßt, werde entlassen. Fast niemand richtet sich danach.
Die Auflehnung setzt leise ein: Ein Bleistift wird auf ein Zeichenpult gelegt, eine Aktenmappe geschlossen, man hört das Geräusch einzelner Schritte, die auf dem Korridor dem Straßenausgang zustreben.
Gelegentlich hört man Stimmen in aller Ruhe in die Zimmer rufen: "Wenn ihr Ungarn seid, so kommt mit!" Die Straßen werden immer voller. Es ist ein Schauspiel, das die Stadt nie zuvor und auch später nie wieder gesehen hat. In Zehnerreihen, mit roten Fahnen und der rot-weiß-grünen Nationalflagge an der Spitze des Umzugs, wälzt sich ein Strom von 15 000 Jugendlichen am Donau-Ufer entlang.
Hier und dort wehen Fetzen der traditionellen Nationalhymne herüber, halbvergessene Lieder und Gesänge, die sie einst in der Schule oder zu Hause gelernt haben. Sie singen die Petöfi-Hymne "Wir geloben, wir wollen nicht länger Sklaven sein".
Auch in der Innenstadt sind die Bürgersteige überfüllt, alle wollen das Schauspiel der vorbeiziehenden Studenten miterleben.
"Ich war Ordner", erinnert sich ein 22jähriger Student, "aber ich konnte die Leute nicht von den Marschkolonnen zurückhalten." An diesem Tag wird eine ganze Stadt mitmarschieren, ohne sich vertreiben zu lassen, gleichgültig, was auch immer kommen möge.
Noch spricht niemand davon, aber keiner zweifelt. Sie haben einen zwölfjährigen Alptraum hinter sich, aber nun geht er zu Ende, dieses Regime und alles, was es bedeutete -- die Schreie der Ehefrauen von den nahe gelegenen Folterzellen; die Furcht vor der Verbannung; die Drogeninjektionen; die aufgezwungenen russischen Sprachstunden; die Arbeitsnormen.
Zu Ende die Erinnerung an Ärzte, die zu faul waren, einer Geburt beizustehen; an Väter, die ihre Kinder das Lügen in der Schule lehrten; an die Zigeunerbanden, die als Büttel in Bauernhäuser gesandt wurden; an die vergewaltigte Frau, die sich selbst mit Desinfektionsmitteln behandelte; an die "Leichenmühlen" des Sicherheitsdienstes AVH; an das endlose Gedröhne der marxistischen Schlagworte.
Um 16.30 Uhr sind es schon 20 000 Menschen. Den Studenten folgen Tausende von Zuschauern und Arbeitern. Es sind auch Angestellte und Fabrikarbeiter darunter, die soeben von der Frühschicht kommen. Und viele Soldaten einschließlich 800 Studenten und S.203 Lehrer der "Petöfi"-, ehemals "Stalin"-Militärakademie.
Die Massen beginnen die Kossuth- und Margaretenbrücke zu überfluten und nehmen Kurs auf das Parlament. Sie haben jetzt eine neue Parole: "Wir wollen eine ungarische Regierung, wählt Imre Nagy!"
Aber es ist der legendäre Imre Nagy -- Nagy, der Furchtlose --, den sie wollen. Und der Nagy, der sich niedergelegt hat in seiner Villa und fröhlich mit der Witwe eines Außenministers Tee trinkt, ist noch der ältliche, bummelnde Theoretiker, der weiche Pedant, der disziplinierte und loyale Parteimann, der schon früher als Ministerpräsident versucht hat, das Los dieses Landes als sowjetischer Satellit zu erleichtern. Wird er diesmal erfolgreicher sein?
Die restlichen Geschäfte und Büros sind inzwischen geschlossen. 50 000 Menschen -- wenig später sind es 200 000 -- stehen gedrängt auf dem Platz, der sich unterhalb des schwarzgrauen Parlamentsgebäudes erstreckt. Straßenbahnen stehen in Reihen hintereinander, führerlos und leer.
"Wir haben keine konkreten Pläne, wir haben keine konkrete Führung", so beschreibt einer der Demonstranten diesen Augenblick. "In jeder kleinen Gruppe scheint der Mann mit der lautesten Stimme der Führer der Bewegung zu sein. Wir bewegen uns vorwärts. Eines wissen wir -- wir können nicht nach Hause gehen. Etwas muß hier geschehen. Wir wissen nicht, was, aber nach Hause gehen können wir nicht mehr!"
In Imre Nagys Villa steht das Telephon kaum still. Außerdem tauchen eine Menge Besucher auf. Seine Tochter erinnert sich: "Mein Vater wollte nicht hineingezogen werden."
Nagy hört, wie draußen vor seiner Villa Sprechchöre Parolen anstimmen, wie Gedichte rezitiert werden und wie man seinen Namen ruft. Er versucht, gelassen zu bleiben, aber allmählich überkommt ihn ein Gefühl der Unruhe.
Dann kommt der Journalist Tamas Aczel zu ihm. Aczel: "Um Gottes willen, warum warten Sie? Wenn Sie nicht unverzüglich aufbrechen, wird etwas Schreckliches geschehen. Möglicherweise ist es schon zu spät!"
"Spät", fährt Nagy ihn an. "Zu spät? Wofür?"
Aczel kann nicht antworten. Keiner von ihnen hat je einen solchen Abend durchgemacht, niemand kann vorhersagen, wie er enden wird. Es ist klar, daß ein Land mit zehn Millionen seine Faust nicht lange gegen einen Riesennachbarn mit 200 Millionen drohend erheben kann. Aber vielleicht kann Nagys staatsmännische Führung und Schläue sich etwas von der Energie der Massen, die sich vor dem Parlament zusammenballt, zunutze machen.
Aber was kann Nagy den Menschen bieten? Er ist kein Demagoge.
Belegte Brote werden gebracht, Getränke gereicht, und Nagy verschwindet nach oben. Er hat beschlossen, einen schriftlichen Rede-Entwurf zu verfassen. So handelt ein disziplinierter Parteimann.
Nach einer Weile kommt er wieder herunter, bittet um Ruhe und liest die Rede vor. Eine kleine Änderung wird vorgeschlagen und akzeptiert. Kurz darauf erscheint Halasz, der Sekretär des Ministerrats, mit dem Präsidentenwagen, um Nagy zum Parlament zu bringen, Nagy ist offensichtlich nervös.
"Wie groß ist die Menge?" fragt er. "20 000", schätzt einer der Begleiter. Nagys Augen glänzen. Von Moskau aus mußte er zu Millionen über den Rundfunk sprechen, zu lebenden Menschen hat er nur vor zusammengetrommeltem Parteivolk geredet.
Bis der Wagen etwa hundert Meter vor dem Hauptportal des Parlaments hält, sagt niemand ein Wort mehr. Hier steht die Menge so dicht gedrängt, daß sie aussteigen und zu Fuß gehen müssen.
Noch durch die meterdicken Mauern des Parlamentsgebäudes hindurch hört Nagy den Lärm der Massen. Ferenc Erdei geleitet ihn auf den Balkon, wo bereits ein Mikrophon aufgebaut ist. Erdei und György Fazekas, die beiden Nagy-Vertrauten, halten Onkel Imre an den Armen fest, damit er nicht versehentlich über die niedrige Brüstung fällt.
In diesem Augenblick geschieht etwas Unerklärliches: Auf dem Platz treffen S.204 Autos mit Leuten ein, die ausrufen: "Alle zum Funkhaus!" und "Die AVH hat das Feuer auf die Studenten eröffnet!"
Es ist jetzt so dunkel, daß die Menge auf dem Parlament ter gar nicht wahrnimmt, daß sich inmitten der Handvoll Männer, die auf den Balkon hinausgetreten sind, auch Imre Nagy befindet, der Mann, nach dem sie den ganzen Tag gerufen hat. Als eine elektrische Birne hinter der Brüstung aufleuchtet, verstummt der Lärm.
Gegen ein Meer von Gesichtern, die zu ihm aufblicken, krächzt Imre Nagy in das Schirmgitter des Mikrophons: "Genossen --"
Nichts geschieht. Jemand entdeckt den Fehler und stellt das Mikrophon an. Nagy wiederholt die Begrüßung: "Elvtarsak --"
Ein ohrenbetäubendes Pfeifen setzt ein, wie von einer wütenden Menge, die einen ihrer Fußballer nach einem Eigentor ausbuht. Nagy ist verwirrt, wütend. Ein Teil der Menge hilft ihm. "Wir sind keine Genossen!"
Nagy nestelt nervös an seinem Zwicker und beginnt erneut: "Landsleute und Freunde!" Das Pfeifen geht in schwachen Beifall über. Die Massen kosten diese winzigen Konzessionen aus -- vielleicht bringen sie ihn noch so weit, daß er das gesamte Regime an den Galgen wünscht.
Aber Nagy spricht nur noch wenige Worte. "Liebe Freunde, habt Geduld", ist seine Botschaft. "Das Zentralkomitee wird sich der ganzen Sache annehmen!"
Die Menge ist störrisch, enttäuscht. Nagy hat kein Gefühl für die Massen. Er bleibt nur kurz auf dem Balkon.
Noch während er draußen steht, stürzt ein junger Literaturkritiker, Sandor Lukacsy, in den Raum hinter ihm: "Aczel", keucht er. "Du mußt Nagy sagen, daß die Avos (Sicherheitspolizisten) am Funkhaus in die Menge schießen."
Nagy stolpert nach drinnen. Erst jetzt wird ihm klar, wie riskant sein Platz auf dem Balkon war. Die Menge beginnt auseinanderzugehen.
Imre Nagy blieb nach seiner improvisierten Rede noch für einige Zeit im Parlamentsgebäude. In den Zehn-Uhr-Nachrichten war kurz die Rede von seiner Ansprache. Abschließend hieß es: "Genosse Nagy konferiert gegenwärtig mit jugendlichen Delegierten und einigen Abgeordneten."
Erreicht wurde nichts. Nagy ließ die Führer der revolutionären Studentenorganisation MEFES kommen und fragte sie, was nun wirklich vor dem Funkhaus in der Brody utca passiert sei. Der Studentenführer Marton erklärte Nagy: "Sie sollen zum Ministerpräsidenten ernannt werden. Sie sollen (Parteichef) Gerö und den Rest seiner Bande rausschmeißen und die AVH auflösen!"
Nagys Antwort war aufrichtig genug: "Ich bin gar nicht in der Lage, das zu tun, was Sie verlangen."
Marton später: "Nagy war sehr apathisch. Sein Fehler war, daß er alles, was er jemals über Marxismus und die Partei gelernt hatte, todernst nahm."
Langsam wurde es Zeit für Imre Nagy, zum Zentralkomitee in der Akademia utca zu gehen. Der alte Herr wurde von Aczel und Fazekas dorthin begleitet. Auch sein Schwiegersohn Ferenc Janosi ging mit; er war der beste S.206 Freund und Ratgeber, den Nagy kannte. Am Eingang der Parteizentrale wurde Nagy von höheren Funktionären erwartet. Er wandte sich entschuldigend zu seinen Freunden um. "Nun, meine Freunde, geht jetzt nach Hause", murmelte er. "Ihr braucht mich nicht mehr zu begleiten. Hier, in diesem Gebäude, bin ich zu Hause!"
Beim Funkhaus in der Brody utca war es inzwischen zu einer vorübergehenden Kampfpause gekommen. Als der AP-Korrespondent Endre Marton eintraf, schienen sämtliche Fenster des Funkhauses zertrümmert zu sein; die Leute zeigten ihm Kugeln, die sie aufgesammelt hatten. An einem Balkon war eine Nationalfahne aufgezogen, und an den Fenstern im ersten Stock drängten sich die Aufständischen, während die Stockwerke direkt über ihnen von Uniformierten gehalten wurden.
Die Aufständischen nutzten die Ruhepause zur Auffrischung ihrer Kräfte. Sie stahlen und plünderten und besorgten, wo immer sie konnten, Waffen und Munition. Ungarn war während des Koreakrieges Waffenarsenal der Sowjet-Union geworden, und viele Betriebe waren auf die Herstellung von Waffen umgestellt worden.
Gegen 23.30 Uhr warnte ein eilig herbeigerufener Abteilungschef des zuständigen Ministeriums telephonisch sämtliche Waffenfabriken.
Sein erster Anruf galt dem Direktor der "Lampagyar", einer früheren Glühbirnenfabrik. "Kannst du ungestört sprechen?" fragte der Abteilungschef.
"Nein", flüsterte der "Lampagyar"-Direktor.
"Werden die Sachen weggetragen?"
"Ja."
In der "Danuvia"-Fabrik war es genauso: Ein bewaffneter Rebell hielt dem Direktor, während dieser telephonierte, eine Pistole an den Nacken. Während der Nacht wurden aus vielen Waffenfabriken lastwagenweise Waffen weggeschleppt.
Um dieselbe Zeit wurde der Panzer, der den Eingang zum Funkhaus blockiert hatte, abgezogen. Sofort begann die Menge einzudringen. Der Major der Volksarmee Laszlo Kovacs und ein Dutzend andere gingen vor, um sich den Eindringlingen entgegenzustellen.
Zwei Männer an der Spitze der Eindringlinge trugen Maschinenpistolen. Einer feuerte eine kurze Salve auf die Offiziere und mähte Kovacs nieder auf das Pflaster des Innenhofs.
Sein Tod war der Auftakt zu einem wüsten Gemetzel. Bald war das ganze Gebäude in Schußweite belagert. Unterdessen kam ein Bus aus dem Industrievorort Csepel und lud Karabiner und Munition aus. Die Leute schossen von mehreren gegenüberliegenden Gebäuden aus gut verborgenen Stellungen.
John MacCormac von der "New York Times" traf gegen Mitternacht in der Brody utca ein und erfuhr, daß ungarische Panzer angekommen waren. Der Spitzenpanzer führte die Nationalfahne. Mit dem Ruf: "Die Armee ist unser!" stieß die Menge vor, um das Gebäude einzunehmen. Dies war der Wendepunkt des Aufstands -die Panzerverbände gingen zu den Aufständischen über.
Der Abfall regulärer Einheiten der ungarischen Volksarmee und ihr Überlaufen zu den Aufständischen war ein gewaltiger Schock für das Verteidigungsministerium. Oberst Kopacsi, der Polizeipräsident von Budapest, wurde angerufen und gefragt, welche Hilfe seine Polizei leisten könne. In der Mosonyi-Kaserne in der Stadt hatte Kopacsi ein Überfallkommando zur Verfügung, das mit Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstet war.
Doch die verängstigten AVH-Männer in der Brody utca begrüßten dieses Kommando, das zu ihrer Entlastung gekommen war, mit tödlichem Feuer. Wütend rief der Kommandeur des Überfallkommandos Kopacsi an: "Der Mob pöbelt gegen meine Leute und versucht, sie zum Überlaufen zu bewegen!"
Weitere Verluste wollte Kopacsi nicht hinnehmen: "Ziehen Sie sich zurück!" befahl er. "Schicken Sie Ihre Männer sofort wieder in die Kaserne."
Gegen 2 Uhr morgens hatten die sich endlos hinziehenden, fruchtlosen Diskussionen der Parteizentrale in der Akademia utca aufgehört, aber kleine Gruppen setzten die Beratungen fort. Andras Hegedüs, damals noch Ministerpräsident, beschrieb S.207 es später so: "Ich glaubte immer noch an die Möglichkeit einer politischen Lösung, aber nachdem die Demonstranten die roten Sterne und sowjetischen Flaggen attackierten, gab es für mich keinen Zweifel mehr, daß eine Konterrevolution ausgebrochen war."
Über die nächtlichen Konferenzen berichtet er: "Die Parteiführung war gelähmt, als hätte sie der Schlag getroffen. Wenn jemand eine Maßnahme vorschlug, wurde sie einstimmig angenommen. Eine Stunde später setzte man sich wieder zusammen und beschloß eine entgegengesetzte Maßnahme."
In der amerikanischen Gesandtschaft versucht man, noch etwas Schlaf zu ergattern. Es ist 3.15 Uhr morgens, als der Attache Gaza Katona, der von ungarischen Eltern abstammt, aber in Pittsburgh geboren wurde, und der stellvertretende Militärattache Major Tom Gleason zu ihrem gemeinsamen Wohnhaus am Stadtpark zurückfahren. Katona macht einen kurzen Umweg zur sowjetischen Botschaft in der Gorki fasor. Die Straße ist einsam und verlassen, nicht einmal ein Polizeiposten steht vor dem Gebäude.
Ein leichter Nebel fällt, als Katona um 3.30 Uhr seine Haustür aufschließt. Seine Familie schläft. Pflichtbewußt sucht er sein Ampex-Aufzeichnungsgerät hervor, stellt es auf den Balkon und richtet das Mikrophon zur Stadtmitte, um den von der Brody utca heraufdringenden Gefechtslärm aufzunehmen. Das Band zeichnet das weit entfernte Pfeifen einer Eisenbahnlokomotive auf.
Doch dann registriert es etwas anderes: ein metallisches, dumpfes Grollen, das über Pflastersteine zu rollen scheint; es nähert sich von den Außenbezirken der Stadt.
Der amerikanische Diplomat blickt auf das Anzeigegerät. Die Nadel schlägt über die Skala hinaus. Er blickt zum Fenster hinaus, er versucht, das matte Licht der Gaslaternen zu durchdringen. Plötzlich beginnt der Balkon zu vibrieren, der Lärm schwillt zu einer fast unerträglichen Lautstärke an.
Katona sieht ein unförmiges Gebilde langsam vorbeirollen. Ein T-54. Das ist keine Täuschung, er erkennt die geduckten, abgerundeten Umrisse, das dicke Geschützrohr und das sowjetische Emblem, überdeckt vom Staub und Dreck einer langen Fahrt. Ihm folgt ein anderer. Und dann noch einer. Auf jedem T-54 kann Katona undeutlich drei oder vier behelmte, hockende Gestalten ausmachen, die Gewehre umklammern. Die Kolosse sind so nahe, daß er auf sie spucken könnte.
Ein Blick auf seine Armbanduhr, und dann schreibt Katona in sein Kurzschrift-Tagebuch: "4.20 Uhr morgens: Sowjettruppen sind eingetroffen."
Die Befehle, die sowjetischen Einheiten in Richtung Budapest in Bewegung zu setzen, müssen schon Stunden, wenn nicht Tage vorher ergangen sein. Gegen 1 Uhr morgens meldete die AVH in Nyirbator an der rumänischen Grenze dem Verteidigungsministerium in Budapest, daß sowjetische Truppen die Grenze überquerten.
Aber wer hat die Entscheidung für ihren Einsatz in den Straßen von Budapest getroffen?
Nachträglich wollte sich niemand dazu bekennen. Janos Kadar schob später Ministerpräsident Hegedüs die Schuld zu, während Hegedüs den Ersten Parteisekretär Ernö Gerö verantwortlich machte. Gerö bemühte sich, die Verantwortung auf Imre Nagy abzuwälzen. Gleich nach dem 24. Oktober schob Nagy wieder die Schuld Gerö und Hegedüs zu.
Entscheidend war die Nachricht, daß die ungarischen Streitkräfte sich als unloyal gegenüber dem Regime erwiesen und sich auf die Seite der Rebellen schlugen. Die Mitglieder des ZK-Sekretariats stimmten laut Hegedüs schon frühzeitig dem Vorschlag zu, daß die sowjetische Regierung Truppen aus ihren Garnisonen zur Verfügung stellen solle, um die Ordnung wiederherzustellen.
Vor allem György Marosan bestand darauf, Sowjettruppen herbeizurufen, da die "Volksmacht" in Gefahr sei, überwältigt zu werden. Auch Gerö drängte auf eine militärische Lösung. "Er vertrat einen einfachen Standpunkt", sagt Hegedüs. "Mehrere hundert Aufständische kontrollierten von strategischen Punkten aus die Stadt ... Sowjetische Truppen würden ohne Schwierigkeiten mit ihnen binnen weniger Stunden fertig werden."
Hegedüs betont heute: "Das bedeutet nicht, daß wir von den sowjetischen Truppen ein direktes Eingreifen zur Niederschlagung des Aufstandes erwarteten."
In jener Nacht verglich man die Ereignisse in Budapest mit den Unruhen, die drei Jahre zuvor in Ost-Berlin stattgefunden hatten. Dort hatte das Erscheinen einiger weniger Sowjetpanzer genügt, die Unruhen zu unterdrücken.
"Es gab eine endlose Debatte", berichtet Hegedüs, "aber niemand erhob ernsthafte Einwände. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch nicht in der Lage, den ganzen Umfang der Ausschreitungen zu ermessen. Imre Nagy war, glaube ich, etwa um 21 Uhr zu der Diskussion hinzugezogen worden, in seiner Gegenwart wurde beschlossen, an die sowjetische Regierung mit der Bitte heranzutreten, Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung zu entsenden."
Hegedüs weiter: "Ich erinnere mich daran, daß Gerö vor dem Telephongespräch mit den Sowjets noch einmal alle fragte, ob sie damit einverstanden S.210 seien. Wir stimmten zu, auch Imre Nagy. Gerö fragte Imre Nagy persönlich: ''Bist du der Meinung, daß wir Moskau um Hilfe bitten müssen?'' Klar und deutlich erwiderte Nagy: ''Ja!'' Aber man muß hinzufügen, daß die Situation sehr kompliziert war und daß Imre Nagy müde und nervös war. Es war keine durchdachte Entscheidung."
Demnach hatte Imre Nagy keine Einwände erhoben. Warum sollte er auch? Er war ein Russisch sprechender ehemaliger Sowjetbürger, der den größten Teil seines Lebens als Erwachsener in Moskau verbracht hatte; er hatte sich seinen politischen Weg mit Hilfe der Roten Armee gebahnt. Jetzt machte er seinen ersten grundlegenden Fehler.
Später bereute er ihn bitter und flüchtete in eine Notlüge, um ihn zu verheimlichen. Er bestärkte die allgemeine Überzeugung, daß er weder mit der Entscheidung, sowjetische Panzer einzusetzen, noch mit der gleichermaßen folgenschweren Entscheidung, das Kriegsrecht zu verhängen, zu tun hatte.
Am 27. Oktober, als er sich immer weiter vom orthodoxen Kommunismus zu entfernen schien, wiederholte Nagy diese Dementis. Aber kein Leugnen konnte die Tatsache verschleiern, daß er als Ministerpräsident in einer Rundfunkbotschaft die sowjetische Intervention als "notwendig zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung" bezeichnet hatte.
Als er später von einem österreichischen Reporter gefragt wurde, warum man in der Öffentlichkeit immer noch ihn verantwortlich mache, erwiderte er aufbrausend: "Zu der Zeit war ich gar nicht Mitglied der Führungsspitze. Es wird wohl so gewesen sein: Zuerst hieß es, es sei ''die Regierung'' gewesen. Zwei oder drei Tage später war ich die Regierung. Die Masse kann eben nicht differenzieren."
Nächster Punkt auf der Tagesordnung jener Nacht vom 23. Oktober war die offizielle Ernennung von Imre Nagy zum Ministerpräsidenten an Stelle von Hegedüs. Dieser sollte als stellvertretender Regierungschef im Kabinett bleiben, während Gerö seinen Posten als Erster Parteisekretär behalten sollte.
Als man ihm den Posten des Ministerpräsidenten anbot, knüpfte Imre Nagy nur eine Bedingung daran: Man müsse ihm die Möglichkeit zu umfassenden Wirtschaftsreformen geben. Natürlich befand sich Nagy in einer schwierigen Lage. Er war immer noch ein Niemand, hatte keinen Posten in der Partei, und die Versammelten waren ihm überwiegend feindlich gesinnt.
Gegen 4 Uhr morgens wurde in der Parteizentrale bekannt, daß das Funkhaus in die Hände der Aufständischen gefallen sei. In aller Frühe beschlossen Hegedüs, Innenminister Piros und der Verteidigungsminister Bata, über den Rundfunk, der jetzt von Lakihegy, außerhalb der Stadt, sendete, ein Ausgangsverbot zu erlassen, das den Leuten untersagte, während des ganzen Vormittags die Straßen zu betreten.
Diese Verlautbarung wurde um 8.20 Uhr verbreitet. Einer von Nagys Anhängern weckte ihn sofort und erzählte ihm dies. Wütend ordnete Nagy einen Widerruf des Ausgangsverbots an. Dies war der erste offene Konflikt zwischen zwei divergierenden Strömungen innerhalb der Führungsspitze. Die einen meinten, man könne die Unruhen mit Gewalt unterdrücken, die anderen glaubten an den Erfolg diplomatischen Vorgehens.
Als der Morgen graute, trafen immer mehr Sowjettruppen ein. Sie kamen von Südwesten und drangen über die Hügel von Buda und über die Freiheitsbrücke und die Margaretenbrücke in die Stadt ein. Einige hielten auf den Brücken, andere bezogen Stellungen auf der Uferstraße und vor Regierungsgebäuden. Die russischen Soldaten belegten Straßen und Gebäude mit schwerem Maschinengewehrfeuer.
Um 8.45 Uhr verbreitete der Rundfunk die Meldung, Nagy habe das Standrecht über das ganze Land verhängt: Jede Person, die mit illegalen Waffen angetroffen oder versuchen würde, die Republik zu stürzen, werde auf der Stelle erschossen.
Um 9 Uhr meldete der Rundfunk offiziell, was die meisten Bürger von Budapest schon längst mit eigenen Augen gesehen hatten -- die Intervention sowjetischer Truppen. Den Hörern wurde versichert, die fremden Truppen seien "auf Einladung" gekommen.
Im Laufe des Vormittags besprach Nagy zusammen mit seinem Justizminister und dem Generalstaatsanwalt Einzelheiten des Standrechts, er wies den Minister an, jeglichen Mißbrauch des Standrechts zu verhindern, es aber -wenn nötig -- rücksichtslos anzuwenden. "Ich unterzeichnete das Gesetz gegen Mittag", bestätigte Nagy später in seinem Prozeß.
Nagys erste Regierungshandlungen brachten auch die politisch Verantwortlichen bei "Radio Free Europe" in München in Verlegenheit. Die Exil-Ungarn, die beim RFE arbeiteten, durften ihren persönlichen Regungen, diesen marxistischen Ministerpräsidenten mit Schimpf und Schande zu überschütten, nicht folgen.
Die sofort erlassenen Richtlinien an diesem Morgen lauteten: "Zu diesem Zeitpunkt sind noch keine vorschnellen Urteile über die Aktionen der neuen kommunistischen Führer in Budapest S.211 und Warschau zu fällen. Daß Nagy ausländische Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung herbeirief, muß er selbst verantworten. Das kann er nur, wenn er seine Versprechungen hält und versucht, ein Klima der Freiheit und materiellen Zufriedenheit herzustellen, wonach das Volk sich sehnt."
In der ungesunden Abgeschlossenheit der Akademia utca war Nagy sowohl von der Kritik seiner Freunde als auch von der Stimmung der Bevölkerung isoliert. Während das weitgehend Nagy-feindliche Zentralkomitee eine neue Sitzung anberaumte, war es ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.
Ein eifersüchtiger Kampf wütete zwischen dem rechten und dem linken Flügel, jeder dachte nur daran, Nagys brüchiges Prestige für seine eigenen Ambitionen auszunutzen. Seine Freunde beschworen ihn, einen unabhängigeren Standpunkt einzunehmen, sie wollten ihn aus dieser Bunkeratmosphäre herausholen. Aber er ließ sich nicht dazu bewegen. Dies war sein Zuhause.
Zehn Minuten nach 12 Uhr mittags hielt Imre Nagy eine Rundfunkansprache. Seine Stimme klang nervös. Er wiederholte den Aufruf an die Aufrührer, ihre Waffen bis 14 Uhr niederzulegen. Er versprach eine Amnestie, beschuldigte "feindselige Elemente", die Gefühle des Volkes gegen die Volksrepublik und die "Volksmacht" aufzupeitschen.
Mit donnernder Stimme rief er: "Ordnung, Ruhe, Disziplin -- das sind die Parolen. Sie kommen zuallererst." Dies mochte für die Parteizentrale stimmen, aber draußen auf der Straße lauteten die Parolen ganz anders: Das Volk wollte die Russen aus dem Lande haben und verlangte jetzt auch freie Wahlen.
Nagys Anhänger waren völlig verunsichert. Sie waren betroffen über die Verhängung des Standrechts und über das Eingreifen der Sowjets. Der alte Herr hatte sich den Verfechtern des harten Kurses ausgeliefert.
Aus den Rundfunknachrichten konnte jeder intelligente Mensch heraushören, daß der Aufstand immer größere Ausmaße annahm. Die Hilflosigkeit des Regimes war durch das verhängte Ausgangsverbot und die ständig verlängerten Fristen für eine Amnestie offensichtlich geworden.
Die Nachrichtensprecher versicherten um 12.10 Uhr, um 13.20 Uhr und um 13.50 Uhr, daß jedermann, der bis 14 Uhr die Waffen niedergelegt habe, trotz des Standrechts nicht bestraft werde. Um 14 Uhr wurde die Frist jedoch nochmals bis 18 Uhr verlängert. Unterdessen verbreitete der Rundfunk wenig überzeugende Berichte über aufständische Gruppen, die sich den Forderungen zur Übergabe gebeugt hätten.
Drei Stunden später wiederholte sich der ganze Vorgang, um 17.45 Uhr gaben Rundfunksprecher bekannt: "Es bleiben noch 15 Minuten, um der Todesstrafe zu entgehen." Ohne Beziehung auf die vorhergegangenen Bemühungen brachte man um 18.12 Uhr einen erneuten Aufruf, sich zu ergeben.
Dieses unwürdige Abgleiten in die Anarchie ging den ganzen Tag über weiter. Die Rebellen kämpften, sie ignorierten die Ausgangssperre, die Aufrufe, die T-54, die Polizeipatrouillen und die kleinen staubbedeckten Haufen, die einst ihre Mitbürger oder Feinde gewesen waren.
Den wachsenden Lärm übertönte die beschwörende Stimme Nagys und seiner Rundfunkleute, die versuchten, die Rebellen zu bändigen. Aufrufe ergingen im Namen des Petöfi-Kreises, Appelle wurden an Eltern gerichtet, "Sportskameraden" kamen zu Wort. Längst vergessene Namen wurden aus der politischen Mottenkiste geholt, um die ältere Generation zu beeindrucken.
Als "einige Zuhörer" fragten, warum sich sowjetische Truppen in der Stadt befänden, beschwor sie der Rundfunk: "Arbeiter von Budapest! Heißt unsere Freunde und Verbündeten herzlich willkommen!" Wie dachte Nagys Freund Miklos Vasarhelyi darüber?
"Ich hatte zwei Empfindungen", erklärt Vasarhelyi nachdenklich. "Die erste war Überraschung. Wir haben nie geglaubt, daß aus der intellektuellen Gärung, die wir herbeigeführt hatten, sich binnen 24 Stunden eine solche Massenbewegung erheben könnte. Die zweite war Depression, als mir zu Ohren kam, daß Imre Nagy den Posten des Ministerpräsidenten angenommen habe. Von diesem Moment an wußte ich, daß alles verloren war.
"Wir hatten über Jahre hinaus ein hohes Maß an moralischem und politischem Kapital angesammelt; aber nun hatte Herr Nagy die Rolle des Ministerpräsidenten in einer Regierung angenommen, die genau die gleiche war wie zwei Tage zuvor -- die Regierung, gegen die wir gekämpft hatten.
"Er war das Oberhaupt eines Regimes, das das Standrecht ausgerufen hatte. Er war Ministerpräsident, als die sowjetischen Truppen eingriffen. Ich hatte leidenschaftliche Diskussionen mit meinem Kollegen Losonczy an diesem Tag, dem 24. Oktober. Wir waren verzweifelt. Wir verstanden nicht, wieso der alte Herr eine solche Lösung akzeptieren konnte."
Im nächsten Heft
Schelte aus Moskau: "Dank Ihrer unglaublichen Dummheit hat sich die Partei in nichts aufgelöst"
S.204 Mit einem Bild des ehemaligen Parteichefs Rakosi. *
Von David Irving

DER SPIEGEL 19/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DER KOPFLOSE AUFSTAND

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben