01.12.1980

FILMStier mit Seele

Als „bester Film des Jahres“ wird in den USA Martin Scorseses Boxer-Drama „Raging Bull“ gepriesen. Robert De Niro spielt den Aufstieg und Fall des Mittelgewichts-Weltmeisters Jake La Motta.
Vor zehn Jahren schrieb der frühere Boxweltmeister Jake La Motta mit der Hilfe eines alten Freundes und eines Ghost-Writers seine Memoiren. Der Mittelgewichts-Champion des Jahres 1949 war längst zu einem Alkoholiker und Kaschemmen-Clown verkommen, ein alternder Zotenerzähler, dessen Nasenbein zertrümmert, dessen Brauen von unzähligen Schlägen gezeichnet, dessen Hirn von vielen Hieben durchgewalkt war.
"Manchmal nachts, wenn ich zurückdenke", schrieb La Motta in seinen Erinnerungen, "sehe ich mich selber in einem alten Schwarzweiß-Film. Warum er schwarzweiß ist, weiß ich nicht. Es ist kein guter Film, voller Sprünge, lückenhaft, eine Reihe schlecht ausgeleuchteter Sequenzen."
Der Film, der tatsächlich aus den Erinnerungen des Boxers entstand, ist besser geworden als der in La Mottas nächtlicher Vision. Das US-Magazin "Newsweek" preist "Raging Bull" ("Tobender Stier") als "besten amerikanischen Film des Jahres". Unter dem Titel "Wie ein wilder Stier" wird er von März 1981 an in Deutschland zu sehen sein.
Der Regisseur Martin Scorsese ("Taxi Driver") und sein Hauptdarsteller Robert De Niro hätten, meinte die "New York Times", einen Film mit "eigenem Stil, eigenem Leben" gemacht, S.238 der bei aller Brutalität sensibel eine "Landschaft der Seele" entwerfe. Mit "Raging Bull" habe Scorsese seinen "ambitioniertesten und besten Film" gedreht.
Ein Boxerfilm in altmodischem Schwarzweiß als "Film des Jahres", als Kino-Überraschung der Saison? Kaum ein Film der letzten Monate ist so kühl und zugleich voller Gefühl, so nüchtern und so emotional, so direkt und so gebrochen.
Schon in der Anfangsszene entwickelt der Film seinen Sog: Während der Vorspann läuft, macht sich De Niro, in einem imaginären, rauchig-nebligen Ring, mit Schattenboxen, mit Jabs und Uppercuts warm. Der alte La-Motta-Bademantel mit seinem Leopardenmuster weht wie der Mantel eines Hexendoktors, der Fighter ist reduziert zur Kampfmaschine, zum Einzelkämpfer.
Aber nicht unbedingt zum Boxer. Nur zwölf der 128 Minuten wütet der "Bulle von der Bronx", wie La Motta einst von seinen Fans in der heimatlichen Bronx, dem Arbeiter- und Armeleute-Viertel im Norden Manhattans, genannt wurde, im Ring.
Das ist zwar sehenswert: Da explodieren Schläge in die Kamera, da erstarren getroffene Gesichtshälften, da grunzt und stöhnt es im Hintergrund. Boxen, das zeigen Scorsese und sein Kameramann Michael Chapman, ist ein rüder, ein ins Mark gehender Kampf.
Aber viel mehr als Wendemarken sind diese Kampfszenen aus Detroit, Cleveland oder aus dem New Yorker Madison Square Garden nicht. Zwischen ihnen läuft La Mottas Leben ab und down, beinahe mechanisch, ebenso tragisch wie unausweichlich. Der Fighter schlägt so lange zu, bis er den Weltmeistertitel gewonnen und auch wieder verloren hat. Er läßt sich vorübergehend von der Mafia, die seine Kämpfe manipulieren will, einspannen und verliert doppelt dabei.
Und er verliert auch in seiner Beziehung zur blonden, attraktiven Vickie, die wie er aus der Bronx kommt und mit den Dunkelmännern vom Mob genausogut kann wie diese mit Jake.
In der Geschichte von Vickie (Cathy Moriarty) und Jake spiegelt sich die Gefühlslage des ganzen Films. Ihre Szenen sind gewalttätig und poetisch zugleich. Beide sind vulgär und versponnen, allein und unfähig, allein zu sein.
Diese Ambivalenz in Jakes Persönlichkeit zeigt De Niro mit außergewöhnlicher Intensität und Genauigkeit: "Als Jake des Jahres 1941 oder des Jahres 1964, als Aufsteiger oder als Versager, als 'Raging Bull' oder als tobsüchtiger Ehemann, der Obszönitäten herausstößt und Entschuldigungen flüstert: De Niro ist immer fesselnd und glaubwürdig", lobte das Magazin "Time". S.239
De Niros bravouröses Spiel ist -wie immer bei diesem Ausnahme-Schauspieler -- das Resultat geradezu besessener Vorbereitungen auf die Rolle. Mit dem "echten" La Motta erarbeitete er sich ein Jahr lang dessen Bewegungs-Repertoire im Ring. Und für die Szenen, die den alten, verfetteten und gescheiterten Ex-Champion zeigen, nahm der Authentizitäts-Fanatiker De Niro gut 50 Pfund zu.
Stark und faszinierend sind auch die beiden Partner De Niros. Joe Pesci, der als Jakes Bruder, Trainer und Manager in Aufstieg und Fall des Boxers verwickelt ist, hatte keine Routine vor der Kamera, genauso wie die Vickie-Darstellerin Cathy Moriarty, 19. Ihr Bild war Pesci während einer Lichtbilder-Show in einer Vorstadt-Disco aufgefallen, wo die Schönheit aus der Bronx einen "Miß Badeanzug"-Wettbewerb gewonnen hatte.
Mit dem virtuosen Schauspiel-Artisten De Niro und den unvorbelasteten Anfängern erzielt Scorsese große Wirkung: Der Verzicht auf psychologische oder soziologische Erklärungen dessen, was seine Figuren zu ihren Handlungen motiviert, prägen Scorseses gradlinigen Inszenierungsstil.
Das Drehbuch, von den langjährigen Scorsese-Mitarbeitern Paul Schrader ("American Gigolo") und Mardik Martin geschrieben, analysiert oder moralisiert nicht besserwisserisch, sondern erzählt trocken und genau die Geschichte La Mottas.
Der hat seine eindrucksvollste Szene, wenn er, vor dem Spiegel eines Nachtclub-Pissoirs, bilanziert: "Ich hätte Klasse haben können, ein Klasse-Mann sein können. Statt des Penners, der ich bin."

DER SPIEGEL 49/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Stier mit Seele

Video 03:54

Videoanalyse zur SPD Der große Knall blieb aus

  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus