04.05.1981

„Ich glaube, in mir sind viele Frauen“

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über Ingmar Bergmans Münchner Premieren-Trilogie
Die Skandinavier, sagt der Schwede Ingmar Bergman, waren sehr kriegerisch und deshalb viel auf Reisen. Ihre Frauen mußten zu Haus "den Laden schmeißen"; so wurden sie "aus Tradition gleichberechtigt".
Seit fünf Jahren wirkt Bergman, 62, als selbsternannter "Gastarbeiter" am Münchner Residenztheater. Er hat da Moliere, Ibsen, Strindberg, Tschechow, Gombrowicz inszeniert und über Bayern ein neues Nordlicht aufgehen lassen.
Letzte Woche nun, just vor dem "Tag der Arbeit", überzog Bergman die Münchner mit einer kolossalen Frühjahrsoffensive: Drei Premieren, parallel in zwei Sälen, gingen an einem Abend über die Bretter, alle drei hatten nordische Heldinnen, die den Laden auf irgendeine Art schmeißen oder hinschmeißen.
Ibsens "Nora" und Strindbergs "Fräulein Julie", beide vor rund hundert Jahren ans Licht der Rampe gekommen, fügten sich zu einer Viereinhalbstunden-Soiree im Residenztheater; Bergmans eigene Zimmerschlacht, die Dreistunden-Bühnenversion seiner TV-Serie "Szenen einer Ehe", lief in der Dependance, dem "Theater im Marstall".
Mit einer "Riesenlust" war der Großmeister an die Simultan-Show gegangen, "neue Dimensionen" in, "merkwürdige Spannungen" zwischen den Stücken sollten sich auftun und die Zuschauer "zum Vergleich herausfordern". Hat ihn die Emanzi-Passion erfaßt?
Nora, Julie und die Marianne aus den "Szenen" sind für den Schweden enge Verwandte, "drei Schwestern" heißt er sie. Alle fighten im "Beziehungsdreieck Mann, Frau, Gesellschaft", und "merkwürdig" findet es Bergman, daß sich seit hundert Jahren in dem windigen Eck "sehr wenig" verändert hat.
Tatsächlich bringt der Dreisprung von Ibsen (eine Ehe) über Strindberg (drei Ehen) zu Bergman (sechs Ehen) eine faszinierende Fülle von Parallelen, Verweisen, Entwicklungen zutage, ein Saeculum Liebes- und Ehekrieg, Lebenslüge, Geschlechterhaß und heutige Emanzipation auf dem Flokati-Teppich der Libertinage.
Nora, die klassische Früh-Emanze, die dem "Puppenheim" entflieht, "muß allein sein, wenn ich etwas über mich und alles andere erfahren will"; sie will "wissen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich". Zum Gatten sagt sie: "Ich war deine Puppenfrau, so wie ich Papas Puppenkind war."
Das Adelsfräulein Julie, frühe Emanze der Sinnlichkeit, wird durch ihre Affäre mit dem Lakaien Jean zur Sündenziege der Gesellschaft. Sie klagt: "Habe ich denn ein Selbst? Ich habe nicht einen Gedanken, den ich nicht von meinem Vater habe. Ich hab ja nichts."
Bergmans "Szenen"-Marianne muß "mit Erstaunen feststellen, daß ich nicht weiß, wer ich bin. Ich weiß nicht das geringste. Ich habe immer das getan, was andere Menschen von mir verlangt und erwartet haben." Sie will "endlich herausfinden, was ich eigentlich mit mir selbst bezwecken, was ich aus mir selbst machen möchte".
Und in allen drei Stücken werden die Männer demontiert, der Pascha zum greinenden Kind, der Brutalo-Draufgänger zum Feigling, der Souveräne zum waschlappigen Midlife-Chrysler. Auf die Manns-Trümmer steigt die neue Macht. Die Kolonie "Frau" emanzipiert sich zum Opec-Staat, mit den Energiequellen Sinnlichkeit und Selbst-Bewußtsein.
Der Pastorensohn Bergman hat eine Kindheit "voll Demütigungen" in Erinnerung, voll "methodischer Gewalttätigkeit": Wenn ihn der Vater strafte, mußte der Knabe "selbst die Peitsche holen, sich bücken und die Hosen herunterlassen, um die Schläge zu empfangen".
In seine Mutter dagegen, eine "sehr starke Frau", war er "sehr verliebt". So erklärt er sich, daß es für ihn "sehr einfach ist, mich in ein Frauendenken hineinzustellen: Ich glaube, in mir ist viel Frau, sind viele Frauen".
In der Münchner Trilogie der Leiden und der Leidenschaften jedenfalls ist der auch als Chauvi bekannte Bergman ein Mastermind der Menschenführung. Für die Leute, die das Leben zu Paaren trieb und wieder auseinander, hat er eine berückende Aura von Intimitäten ersonnen, konkreten Zärtlichkeiten und ziselierten Grausamkeiten; sechs Ehen bereichern eben die Szene.
Die "Nora" läßt er auf einem Einheits-Podest spielen, die Schauspieler S.260 sitzen am Rande und gehen wie Boxer in den Ring. Den Text hat er zu einem hochwirksamen Konzentrat verknappt, Nebenfiguren des Milieus gestrichen, filmische Schnitte befreien von naturalistischem Sperrmüll.
In der Nora der Rita Russek glitzert auch schon als Puppenfrau die Kraft und die Herrlichkeit, mit der sie dann die Tür hinter sich zudonnert: ein raubauzig-kapriziöses Wesen, das nicht "Himmeldonnerwetter" traditionell trompetet, wenn ihm besonders triumphal zumute ist, sondern "Leckt mich am Arsch!"
"Wer in dieser rabiaten Form gegen die bewährte Institution der Zweigeschlechtlichkeit wütet, der muß an irgendeinem Punkt dämlich sein" --Gottfried Benn über Strindberg. Die "Julie" beließ Bergman voll im 19. Jahrhundert, in einer Küche nach Gutsherrenart, mit dem Duft gebrutzelter Nierchen.
Anne-Marie Kusters Trieb-Fräulein, milchhäutig, rothaarig, saust mit voller Verve in die finsteren Stollen des Strindbergwerkes. Sex erhebt sein gräßliches Haupt, der Lakai Jean des Michael Degen, ein muskulöser, geschniegelter Vorstadt-Strizzi, hat seine Virtuosen-Stunde.
"Szenen einer Ehe", schließlich, der weltweite Eheberater-Hit, in Film und Fernsehen mit Liv Ullmann und Erland Josephson: Für die Bühnenfassung hat Bergman Randfiguren sterben lassen, ein Zwei-Personen-Stück schnurrt ab, im Mobiliar des "Unmöglichen Möbelhauses aus Schweden", Ikea.
Das traute Paar, das bald so traurig wird, spielen nun Gaby Dohm und Erich Hallhuber, als boulevardeskes Match moderner Leute, die unversehens in den Abgrund schauen: schwebend nuanciert und leicht kurios -- die Deutschen lesen die Schweden-Zeitung "Dagens Nyheter".
"Wir sind seelische Analphabeten", klagt Bergman. In der Schule lerne man "eine ganze Menge über die Backenzähne des Eichhörnchens und die Schwellkörper im Penis", aber "nicht das Geringste über unsere Seelen".
Bergman weiß viel über das Labyrinth der Brust, über die Grabenkriege zwischen Mann und Frau, über Theater als sinnlichen Raum. Er braucht die Stücke gar nicht gegen den Strich zu bürsten, um schwindelnde Schluchten aufzureißen.
Den stärksten, geschlossensten Eindruck machte Bergmans "Nora"-Inszenierung; so arbeitet ein Profi. Wie ein Dirigent die Noten, heißt Bergmans Credo, soll ein Regisseur "den Text lebendig machen". Er findet es "erbärmlich, wenn sich ein Regisseur zwischen Autor und Zuschauer stellt".
Selbstironie muß auch sein. Der Photograph in "Szenen einer Ehe", der das Paar gierig ablichtet, wird "Ingmar" gerufen.
S.259 "Fräulein Julie" mit Anne-Marie Kuster, Michael Degen; "Szenen einer Ehe" mit Gaby Dohm, Erich Hallhuber; "Nora" mit Rita Russek, Robert Atzorn. *
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 19/1981
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