28.09.1981

„Mit einem Winseln, nicht mit einem Knall“

SPIEGEL-Interview mit US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger über das Wettrüsten der Supermächte
SPIEGEL: Herr Minister, das größte Rüstungs- und Verteidigungsprogramm in der Geschichte der Vereinigten Staaten -- rund 1,5 Billionen Dollar in den nächsten fünf Jahren: Haben Sie vor, die Sowjets totzurüsten?
WEINBERGER: Ihre Frage verrät, daß Sie zwei Tatsachen grundlegend mißverstanden haben. Zuerst einmal: Die Vereinigten Staaten zwingen der Sowjet-Union gar nichts auf. Seit Mitte der sechziger Jahre haben sich die Sowjets im wesentlichen damit beschäftigt, ihr eigenes, privates Wettrüsten zu veranstalten. Sie haben ein massives Rüstungsprogramm begonnen, das sich in schnellem Tempo gesteigert hat.
Im selben Zeitraum haben die Vereinigten Staaten dagegen ihren Verteidigungshaushalt gekürzt -- in einem solchen Umfang, daß unsere Streitkräfte jetzt wegen der verstärkten sowjetischen Rüstungsanstrengungen in vielen Bereichen gefährlich schwach sind. Tatsache ist also, daß Handlungen der Sowjets die Vereinigten Staaten dazu gezwungen haben, ihre Ausgaben für die Verteidigung zu erhöhen.
Darüber hinaus handelt es sich bei dem Verteidigungsprogramm unserer Regierung nicht um eine so massive Anstrengung, wie das aus Ihrer Frage hervorgeht. Es ist ein ausgewogenes, maßvolles Programm, darauf angelegt, die notwendige Marge an Sicherheit herbeizuführen, indem es jene Mängel behebt, die man in den letzten 15 Jahren hat entstehen lassen.
SPIEGEL: Eine "Sicherheitsmarge" -- ist das nicht einfach ein anderes Wort für Überlegenheit? Was ist denn aus dem bisher gültigen Ziel "Gleichgewicht der Kräfte" geworden?
WEINBERGER: Nein, das Wort Überlegenheit benutze ich ganz bewußt nicht. Die "Sicherheitsmarge" herzustellen bedeutet, daß wir unsere Fähigkeit stärken, sowjetischer Bedrohung in jeder Art von Konflikt, in allen Gebieten der Welt, die für unsere nationalen Interessen lebenswichtig sind, entgegenzutreten. Wenn wir eindeutig klarmachen können, daß wir über die Fähigkeit verfügen, uns gegen sowjetische Aggression zu verteidigen, dann werden auch die Sowjets von Aggressionen abgeschreckt.
Wenn wir andererseits unsere Verteidigungskraft nicht wieder aufbauen, sondern den Sowjets dartun, daß wir nicht willens oder nicht fähig sind, ihre Herausforderungen anzunehmen, ermutigen wir die Aggression und fordern den Konflikt heraus.
SPIEGEL: Ende Juli haben Sie eine Erklärung abgegeben, die uns Europäern schier unglaublich erschien. Sie sagten, die Vereinigten Staaten hätten ihre Fähigkeit verloren, die Sowjet-Union von einem atomaren Angriff auf die USA abzuschrecken. Wann ist denn das passiert? Wir haben es gar nicht bemerkt. Es klingt ja so, als müßten Sie jetzt eigentlich die weiße Fahne über dem Weißen Haus hissen?
WEINBERGER: Ungewißheit über die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, einen Vergeltungsschlag zu führen und einen Angriff zu überstehen, würde die Sowjets zu einer Strategie der politischen Einschüchterung und atomaren Erpressung ermutigen. Die Hauptopfer in einer solchen Situation wären jene Länder, die durch einen konventionellen Angriff am meisten verwundbar sind. Das sind die Länder, die nun einmal den Quellen sowjetischer Macht am nächsten liegen.
Wir haben ja schon das Schicksal der unglücklichen Afghanen miterlebt, und wir wollen nicht, daß sich das in Europa wiederholt. Was wir über dem Weißen Haus gehißt haben, ist eine Flagge der Entschiedenheit und der Entschlossenheit -- der Entschlossenheit, das strategische Gleichgewicht wiederherzustellen, und der Entschiedenheit, beizutragen zum Schutz jener Staaten, die unsere Liebe zur Freiheit teilen. Die Aufrüstung der Sowjets umfaßt auch neue, wesentlich stärkere und zielgenauere Raketen. Gewiß sind auch wir immens stark, aber ein sowjetischer Erstschlag könnte einiges davon zerstören, und wo es um die Freiheit geht, können wir kein Risiko eingehen.
SPIEGEL: Hat es denn überhaupt jemals seit 1945 eine Zeit gegeben, in der die Sowjet-Union stärker war als die Vereinigten Staaten?
WEINBERGER: Während der vergangenen 30 Jahre haben die Vereinigten Staaten im großen und ganzen ein militärisches Gleichgewicht mit der Sowjet-Union S.148 aufrechterhalten. In einigen Bereichen, wie bei den Überwasserschiffen, hatten wir einen Vorsprung. In anderen Bereichen, besonders in der Zahl der Panzer und Bodentruppen, waren die Sowjets klar überlegen.
In den letzten 15 Jahren jedoch haben die Sowjets ihren Vorsprung in den Bereichen weiter ausgebaut, in denen sie schon überlegen waren. Zum gleichen Zeitpunkt schwanden die Vorteile des Westens in den Bereichen, in denen wir überlegen gewesen waren. Wenn wir zulassen würden, daß das so weitergeht, würden die Sowjets eine klare militärische Überlegenheit erringen. Unser Verteidigungsprogramm soll sicherstellen, daß dies nicht geschieht.
SPIEGEL: Wollen Sie tatsächlich behaupten, das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den beiden Supermächten sei verlorengegangen? Sind die Sowjets jetzt wirklich stärker?
WEINBERGER: Ich möchte ausdrücklich feststellen, daß die Sowjets heute stärker sind als in der Vergangenheit und daß sie weiterhin enorme Mittel einsetzen, um sogar noch stärker zu werden. Wenn wir nicht gemeinsam die Herausforderung annehmen, die durch die gewaltige Ausweitung ihres Militärapparates entsteht, dann sieht es für Frieden und Stabilität in der Zukunft wahrhaft düster aus.
SPIEGEL: Ist die geballte technologische und wirtschaftliche Macht der Vereinigten Staaten, die hinter den militärischen Fakten steht, derjenigen der Sowjets nicht doch immer noch weit überlegen?
WEINBERGER: Technologische und wirtschaftliche Kraft bedeutet nicht automatisch militärische Stärke. Unser technologischer Vorsprung wird durch die enormen Anstrengungen der Sowjets auf dem Gebiet militärischer Forschung und Entwicklung allmählich abgebaut. Seit Ende der 70er Jahre haben sie auf diesem Gebiet doppelt soviel aufgewendet wie wir.
Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist eine verfeinerte sowjetische Technologie. Und was die Sowjets nicht selber herstellen können, kaufen sie entweder von westlichen Ländern, die bereit sind, Profit auf Kosten der Sicherheit zu machen, oder sie stehlen es, wie wir es erlebt haben, mit Hilfe eines dichten Netzes von Agenten überall in der Welt.
Die Wirtschaftskraft der USA und Westeuropas ist ohne Frage stärker als die der Sowjets, aber daraus läßt sich wenig Trost auf dem Gebiet der Verteidigung ziehen. Denn die Sowjet-Union wendet elf bis 13 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Ausweitung ihrer Rüstung auf, während wir für die Verteidigung nur 5,2 Prozent unseres Bruttosozialprodukts aufwenden. Nebenbei bemerkt, die Bundesrepublik gibt dafür nur 3,3 Prozent ihres Bruttosozialproduktes aus.
SPIEGEL: Die Nato gibt insgesamt 50 Prozent mehr für Verteidigung aus als der Warschauer Pakt; und Ihr Staatssekretär William Perry, der für Forschung und Entwicklung zuständig ist, hat für das Haushaltsjahr 1981 festgestellt, daß in 15 von 20 grundlegenden technologischen Bereichen von der Aerodynamik bis hin zur Makroelektronik, die Vereinigten Staaten an der Spitze liegen. Gleichziehen können die Sowjets, so Perry, nur auf fünf Gebieten; voran sind sie in keinem. Wie verträgt sich das mit Ihrer Behauptung, daß die Sowjets einen solchen Vorsprung in der Rüstung hätten?
WEINBERGER: Mit den Zahlen von Dr. Perry stimme ich nicht unbedingt überein; wichtig ist, wie ich schon gesagt habe, daß technologische Qualität sich nicht unbedingt in militärische Stärke umsetzt. Es kommt unserer Verteidigungskraft ja nicht zugute, wenn wir über die besten Laboratorien verfügen, während die Sowjets eine enorme Anzahl fortgeschrittener Waffensysteme in Stellung bringen. Schließlich verfügen die Sowjets inzwischen über eine stark verfeinerte Technologie. Bei den neuen SS-20-Raketen mit Mehrfach-Sprengköpfen, die Westeuropa bedrohen, handelt es sich um außerordentlich weit entwickelte Waffen.
Den Sowjets mag es an anständiger Nahrung, Kleidung und Wohnraum mangeln, aber was dem russischen Volk vorenthalten wird, ist für die sowjetischen Streitkräfte reserviert: Dem Militärsektor wird eine Überfülle an Ressourcen auf Kosten des zivilen Sektors zugeschanzt.
SPIEGEL: Eine neue Veröffentlichung der Carnegie-Stiftung, für die unter anderen prominente Militärs wie der frühere Nato-Oberbefehlshaber Europa, General Goodpaster, verantwortlich gezeichnet haben, stellt fest, daß die Nato und die Vereinigten Staaten einem Überraschungsangriff der Warschauer-Pakt-Staaten standhalten S.150 könnten und ihnen wenigstens in den ersten zwei Wochen sogar überlegen seien. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?
WEINBERGER: Ich habe diese Veröffentlichung nicht gelesen und kann daher nichts dazu sagen. Wie ich jedoch schon vorhin festgestellt habe, gibt es Bereiche, wo der Warschauer Pakt den Streitkräften der USA und der Nato überlegen ist, und ebenso gibt es Gebiete, wo wir noch vorn liegen. Aber die Russen sind dabei, ihre Führungsposition weiter auszubauen und unseren Vorsprung weiter zu verringern. Wenn wir einer solchen Entwicklung nicht Einhalt gebieten, wäre das Endergebnis gewiß eine sowjetische Überlegenheit auf allen Gebieten.
SPIEGEL: Zweifellos wird es immer Regionen und Waffenarten geben, in denen eine der Supermächte der anderen überlegen ist. Kann es dann wirklich das Ziel der Vereinigten Staaten sein, der Sowjet-Union überall auf der Welt und in allen Waffengattungen überlegen zu sein?
WEINBERGER: Es ist die Sowjet-Union, die sich zum Ziel gesetzt hat, überall auf der Welt und in allen Waffentypen die Überlegenheit zu erringen.
SPIEGEL: Wann immer die Sowjet-Union versucht hat aufzuholen, haben die Vereinigten Staaten schon fast hysterisch reagiert. Wie würden Sie sich denn zum Beispiel verhalten, wenn die Sowjets plötzlich 13 Flugzeugträger von der Größe der "Nimitz" bauten?
WEINBERGER: Da haben Sie aber Ihre Schularbeiten nicht gemacht. Die USA verfügen zwar über 13 Flugzeugträger, aber nur drei gehören der Nimitz-Klasse an. Und wenn die Sowjets tatsächlich darangingen, 13 große Flugzeugträger zu bauen, könnte das nur bedeuten, daß sie darauf aus sind, die Meere zu beherrschen, die Amerika von seinen europäischen Verbündeten trennen. Und das, glaube ich, würde Ihnen genauso viele Sorgen bereiten wie uns.
Auch was den Nachholbedarf betrifft, liegen Sie falsch. Mitte der 60er Jahre, als die USA einen Vorsprung in strategischen Atomwaffen hatten, stoppten wir den weiteren Ausbau unserer Streitkräfte und gestatteten den Sowjets aufzuholen.
Das Dumme ist nur, daß sie versuchen, sich Überlegenheit zu verschaffen, und unablässig weiterbauen. Jetzt muß der Westen aufholen. Und wenn wir schon von hysterischen Reaktionen sprechen, dann schauen Sie sich doch mal an, was die Sowjets und ihre Sympathisanten taten, als die Nato ankündigte, sie wolle die Lücke schließen, die durch die Aufstellung der sowjetischen SS-20-Raketen entstanden ist.
SPIEGEL: Kann man es in einer bipolaren Welt den Sowjets wirklich verdenken, daß sie sich bemühen, mit den Vereinigten Staaten gleichzuziehen? Kann man dieses Bestreben schon als Aggressivität betrachten?
WEINBERGER: Hier im Westen legen einige Leute -- und ich finde das unbegreiflich -- zweierlei Maß an. Auf der einen Seite verharmlosen sie eindeutige sowjetische Aggression und den Versuch, militärische Überlegenheit zu erlangen, als Verteidigungsmaßnahmen. Auf der anderen Seite bezeichnen sie die begrenzten Vorsichtsmaßnahmen, die von den Vereinigten Staaten und der Nato unternommen werden, um mit den Sowjets Schritt zu halten, als kriegerisch.
SPIEGEL: Bisher war es doch immer so, daß kommunistische Regime ihren Bürgern eher Verzicht auf annehmbaren Lebensstandard zumuteten, sie lieber zwangen, ihre Gürtel enger zu schnallen, als dem Rüstungsdruck einer kapitalistischen Supermacht nachzugeben. Wieso sollte das diesmal anders sein?
WEINBERGER: Die Völker Osteuropas und der Sowjet-Union hoffen, so glaube ich, auf eine bessere Zukunft. Die soziale und wirtschaftliche Last, die ihnen durch die Fixierung des Kreml auf militärische Stärke auferlegt wird, stimmt einen traurig, eine Fixierung, die -- wie ich schon vorher angedeutet habe -- nicht davon abhängt, ob wir im Westen uns um unsere Verteidigung kümmern oder nicht.
Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Mir ist nicht bewußt, daß in jüngster Zeit irgendein militärischer Druck durch das, was Sie "kapitalistische Supermacht" nennen, ausgeübt worden ist. Aber ich bin mir sicher, die Menschen in Polen und Afghanistan könnten Ihren Lesern einiges über militärischen Druck von seiten einer kommunistischen Supermacht erzählen.
SPIEGEL: US-Außenminister Alexander Haig hat festgestellt, wir erlebten gerade, wie die letzten Kapitel in der Geschichte des zerfallenen russischen Imperiums geschrieben werden. Warum treiben Sie da überhaupt noch Ihr riesiges Rüstungsprogramm voran?
WEINBERGER: Die Sowjet-Union ist ein aggressiver, imperialistischer, repressiver Staat. Die Geschichte, besonders die russische Geschichte, kennt viele Beispiele solcher Regime. Wenn das Volk unruhig wurde, zettelten die Herrscher gemeinhin einen Krieg an, um das Volk wieder hinter sich zu bringen und von der Repression im eigenen Land abzulenken.
Wir müssen sicherstellen, daß wir stark genug sind, die sowjetischen Oligarchen davon abzuhalten, an einen Angriff auf den Westen auch nur zu denken, der den durch das Scheitern ihrer Revolution entstandenen Druck mindern soll. Wir müssen sicherstellen, daß dieses sowjetische Imperium, wenn es denn aufgrund seiner eigenen Widersprüche zusammenbricht, das mit einem Winseln tut und nicht mit einem großen Knall.
SPIEGEL: Dennoch hat zum erstenmal in der Geschichte der Allianz zwischen den USA und der Bundesrepublik ein amerikanisches Rüstungsprogramm nicht ein gesteigertes Gefühl von Sicherheit, sondern gesteigerte Befürchtungen in großen Teilen der Bevölkerung ausgelöst.
WEINBERGER: Ich bin wirklich überrascht, daß manche Leute im Westen nicht zwischen den Segnungen der freien und offenen Gesellschaften der Nato-Staaten und dem repressiven Sowjetblock unterscheiden wollen. Noch mehr überrascht mich, daß im Westen Verwirrung zu einer Zeit besteht, da die Menschen in Polen -- einem Ostblockstaat -- der Welt zeigen, daß sie die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen beiden Welten erkennen, und klarmachen, welcher sie den Vorzug geben.
S.145 Valeska von Roques, Hans Hielscher. *

DER SPIEGEL 40/1981
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