03.08.1981

KERNKRAFTMit Zitterprämie

Unter Verschluß hält die Stuttgarter Landesregierung ein Gutachten, das vom Ausbau eines Kernkraftwerks abrät.
Oskar Mauk, 68, ist Kernkraftgegner. Der Gärtnermeister aus Lauffen am Neckar, Weinbauer schon in der vierzehnten Generation, warnt seit Jahren in selbstverfaßten Flugblättern vor "Schäden an Wein und Gemüse", aus seiner Sicht unvermeidliche Folgen des Reaktorbetriebs im benachbarten Neckarwestheim.
Nichts, weder eine einstweilige Verfügung noch eine Klageandrohung durch die Kraftwerk-Anwälte, hielten den wackeren Winzer davon ab, seine Attacken fortzusetzen. Vielmehr pflegte er den Juristen zu entgegnen: "Ich werde in einem von Ihnen anzustrengenden Rechtsstreit ... den Wahrheitsbeweis für die Richtigkeit der von Ihnen angezweifelten Behauptungen führen."
Für den Prozeß hat sich Mauk mit eidesstattlichen Versicherungen namhafter Weingutverwalter und Rebexperten gewappnet, die beträchtliche Frucht-, Frost- und Pilzschäden durch die Dampfschwadennässe aus dem KKW-Kühlturm des 850-Megawatt-Reaktors konstatieren; er ist seit 1976 in Betrieb.
Mauk kann noch nicht wissen, daß er ein gewichtiges Expertenurteil auf seiner Seite hat. Die Landesregierung hingegen kennt schon seit geraumer Zeit S.47 die Bedenken gegen ein zweites, noch größeres Kernkraftwerk am Neckar.
Das Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr hatte 1976 bei dem angesehenen Agrarwissenschaftler Professor Alexander Kohler, der das Institut für Landeskultur und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim bei Stuttgart leitet, ein "landschaftsökologisches Gutachten" über die möglichen Auswirkungen eines zweiten Kernkraft-Blocks bestellt.
Kohlers Gutachten (siehe Seite 48), bereits 1978 abgeliefert, löste bei Regierung und Kraftwerk-Betreibern erhebliches Unbehagen aus. Neckarwestheim, so das Fazit der Studie, sei als Standort für ein weiteres Atomkraftwerk ungeeignet. Trotz wiederholter Beteuerungen von CDU-Ministerpräsident Lothar Späth ("Wir spielen mit offenen Karten") wurde das Gutachten bisher nicht veröffentlicht.
Ungeachtet aller Einwände soll dort, wo württembergische Weinspezialitäten, wie Trollinger und trockener Riesling, gedeihen, der zweite KKW-Block von 1300 Megawatt installiert werden. Seit dem 1. Juli und bis zum 31. August, während der Schulferien in Baden-Württemberg, läuft das amtliche Genehmigungsverfahren.
Auf dem Rathaus von Neckarwestheim liegen die Antragsunterlagen aus, darunter an die fünfzig Gutachten, 3000 Seiten dick, und diverse Sicherheitsberichte, und der alte Mauk fragt sich: "Wer soll denn das alles lesen?"
Die Frage müßte eher sein, wer das überhaupt lesen will. Denn außer Mauk, und das ist das für bundesrepublikanische Verhältnisse Erstaunliche, interessieren sich ortsansässige Schwaben kaum dafür: kein massenhafter Bürgerprotest, keine Demonstrationen, keine Militanz -- aber Zuspruch.
Anfangs, vor Jahren, als das erste Kraftwerk errichtet wurde, hatten die Bauern der Gegend noch geschimpft. Inzwischen aber wurde der kleine Ort (2000 Einwohner) dank KKW-Gewerbesteuer zu einer der reichsten Gemeinden im Landkreis Heilbronn. Für rund zwanzig Millionen Mark wurden Schule, Rathaus, Sportplatz und Kindergarten gebaut.
Gewerbe und Gastronomie sind zufrieden mit dem Umsatzaufschwung; und wo anders kann schon mit einem Argument geworben werden, wie es Mitte Juli im Anzeigenteil der Stuttgarter Zeitungen zu lesen war. Ein Pächter-Ehepaar wurde da gesucht, für einen Gasthof im Unterland -- mit "gutem Einzugsgebiet", nämlich "Nähe KKW".
Nichts zu spüren von Kernkraftverdruß, wie er unter den Bauern der Wilster Marsch um Brokdorf herum verbreitet ist; nichts zu spüren auch von der rebellischen Aktivität großstädtischer Studentengruppen.
Es fügt sich, daß das Atomkraftwerk den Weindörfern Segen um Segen bringt. Vereinsvorstände bekommen alljährlich von der Werksleitung Spendenschecks überreicht, auch beregnet das KKW bei Trockenheit kostenlos die Weinberge. Die Alten und Kranken im Ort werden ehrenamtlich von Ute Wiedemann betreut, der Ehefrau von Hans Wiedemann, einem der beiden KKW-Direktoren.
Und wenn doch ein bißchen Unmut aufkam, etwa unter der Landjugend im Kreisbauernverband, da übernahm Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) persönlich die Zähmung der Widerspenstigen. Anfang April bestellte er ein Vorstandsgremium des Verbands in die Stuttgarter Regierungsvilla Reitzenstein und brachte gleich alternative Standorte -- so die Weinbaugemeinden Sersheim und Lauffen -- ins Spiel. Späths listige Rechnung ging auf: Keiner wollte ausgerechnet seinen eigenen Heimatort für ein Kernkraftwerk vorgeschlagen wissen, dann sollte eben lieber in Neckarwestheim dazugebaut werden, denn "die sind doch schon daran gewöhnt", sagt ein Gesprächsteilnehmer.
Späth ist ohnehin bei der Weinbau-Bevölkerung des Unterlands populär: S.48 Er wuchs auf in Ilsfeld nahe Neckarwestheim, und die beiden Landtags-Wahlkreise, in denen die von Kernkraft betroffenen oder begünstigten Gemeinden liegen, sind fest im Griff von zwei CDU-Abgeordneten -- Lothar Späth selbst und sein Spezi Gotthilf Link, Präsident des Weinbau-Verbandes von Württemberg.
Auch konnte der Regierungschef, der sich gerne "Cleverle" nennen läßt, die Landwirte mit allerlei vagen Zusagen dafür gewinnen, zwischen Risiko und Rendite in seinem Sinne abzuwägen: Bei einem "Ja" zum "Gemeinschafts-Kernkraftwerk Neckar GmbH" (GKN) könnten sie mit günstigen Agrarkrediten rechnen, und bei Schadensfällen würden die Entschädigungen durch das GKN "großzügig sein"; die Gemeindeverwaltungen von Gemmrigheim und Neckarwestheim forderten bereits vor zwei Jahren einfach mal fünf Millionen Mark für die Zustimmung der Gemeindeparlamente zu Block II -- 3,5 Millionen Mark sind schon zugesagt.
Antang Juli reiste Lothar Späth mit drei Ministern zu einer Bürgerversammlung nach Neckarwestheim, um die Erweiterung zu erläutern. Riesenbeifall wurde ihm zuteil, als er verbilligte Stromtarife, im Ländle spöttisch "Zitterprämie" genannt, für die Bevölkerung in der KKW-Umgebung versprach -- eine Späth-Lese nach französischem Beispiel.
"Glauben Sie mir, Kernkraftwerke zu bauen, ist wirklich keine vergnügungssteuerpflichtige Tätigkeit" -- so kommt Späth seinen Schwaben, und auch: "Wir treffen unsere Entscheidungen nicht nach der Lautstärke der Kernkraftgegner." Draußen demonstrierten derweil, fast stumm, kleine Gruppen von Bürgerinitiativen mit Transparenten -- für die Gegend ein bereits unerhörter Protest.
Da forderte dann auch der Bürgermeister von der angrenzenden Gemeinde Kirchheim, Erwin Biedermann heißt er, nur noch das Machbare: Aufnahme "in den Kreis der Standortgemeinden" und damit "eine Beteiligung am Gewerbesteueraufkommen".

DER SPIEGEL 32/1981
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