03.08.1981

„Sonnenschein spürbar vermindert“

Aus dem Gutachten zum Bau des Kernkraftwerks Neckarwestheim II
Boden: Auf den Lößböden werden die Immissionen des Kernkraftwerkes in den obersten Zentimetern partiell angereichert. Aufgrund der hohen Erosionsanfälligkeit der Lößböden ist daher bei hängiger Lage mit einer Einschwemmung in Oberflächengewässer zu rechnen. Qualitätsverminderung der Böden ist zu erwarten, wenn Immissionen des Kraftwerks überlagert werden mit Schadstoffbelastungen durch Beregnung mit Neckarwasser.
Geologie und Hydrogeologie: Im Störfall kann eine Kontamination sowohl über Oberflächenwasser als auch direkt in den Grundwasserstrom in den Klüften unter dem Gemeinschafts-Kraftwerk und der näheren Umgebung stattfinden. Falls keine ausreichende Grundwasserabsenkung und eine entsprechende Dekontamination möglich sind, hat dies nicht nur lokale Bedeutung.
Natur- und Landschaftsschutz: Mögliche Rückstaueffekte des Neckars und Niederschläge durch das KKW stellen eine zusätzliche Belastung dar und sind mit den Zielen und Auflagen des Naturschutzes unvereinbar.
Besiedlung und Verkehr: Die Bewohner der südlichen und westlichen Baugebiete erfahren eine Beeinträchtigung der Qualität ihrer Wohnumgebung durch das KKW. Block I führt vor allem zu Lärmbelastungen. Zudem wurde Bodenberührung der Dampfschwaden im Bereich der Wohnquartiere beobachtet.
Landwirtschaft: Ein weiterer Landverbrauch durch die mit dem Kraftwerksbau verbundenen Folgemaßnahmen (Umspannwerk, Leitungstrassen, Erschließung usw.) gefährdet die landwirtschaftliche Struktur des Gebietes ernsthaft. Auf dem Gemarkungsgebiet Neckarwestheim wird sowohl mit Neckarschlamm gedüngt als auch mit Neckarwasser beregnet. Das kann zusammen mit mineralischer Düngung, Schädlingsbekämpfung und dem Auswurf der Dampffahne in ungünstigen Expositionen zu einer Akkumulation von Schadstoffen im Boden führen.
Schlußfolgerung: Der gesamte Bereich der Entwicklungsachse Stuttgart-Heilbronn ist schon heute, noch mehr aber nach Realisierung der vorliegenden Planungsabsichten, ökologisch überlastet. Ausdruck dafür sind die immer schlechter werdenden Umweltbedingungen, insbesondere in den Ballungskernen und ihren Randbereichen ... Der Bau eines Blocks II mit Naßkühlturm am GKN Neckarwestheim muß unter landschaftsökologischen und landeskulturellen Aspekten als problematisch angesehen werden.
Radioaktive Nuklide: Radionuklide können über kontaminiertes Beregnungswasser und aus der Abluft abgelagert in den Boden gelangen. Radioaktive Kontamination des Bodens kann Ausgangslagen für die entsprechende Kontamination der Pflanzen schaffen. Allerdings ist davon auszugehen, daß der weitaus größere Anteil eines möglichen radioaktiven Niederschlags durch die oberirdischen Pflanzenteile aufgenommen wird ...
Die Böden der Umgebung werden einer Dauerbelastung mit "Breitbandgiften" wie z. B. Herbiziden, Fungiziden, Algiziden und Bakteriziden ausgesetzt, die nicht ohne Folgen für die Bodenmikroflora und Bodenfauna bleiben kann. Das Verhalten einzelner radioaktiver Nuklide in den Bodentypen mit weniger guten Filtereigenschaften ist heute nur ansatzweise bekannt. Gerade dieses Kriterium kann aber ausschlaggebend für mögliche Kontamination hochliegender Grundwasserschichten sein.
Aus den weiträumigen hydrogeologischen Beziehungen in Richtung auf die S.49 Heilbronner Mulde mit zahlreichen Wassergewinnungsgebieten ergeben sich jedoch erhebliche Bedenken gegen die Wahl Neckarwestheims als KKW-Standort.
Auswirkungen: Anreicherungen von radioaktiven Partikeln sind generell bei Pflanzen zu erwarten, die folgende Merkmale aufweisen: große Oberfläche (Flechten an Bäumen), langsames Wachstum (z. B. arktische Flechten, Hochgebirgs-Tundrenpflanzen), langer Vegetationszyklus. Die Auswirkungen chronischer Bestrahlung niederer Dosen liegen in Wachstumsstörungen ... Nach den bisherigen Kenntnissen kann nicht ausgeschlossen werden, daß auch niedrige Dosen zu nachteiligen Veränderungen der Pflanzen und Langzeitwirkungen im umliegenden Ökosystem führen.
Besiedlung und Verkehr: In 1--1,2 Kilometern Entfernung muß an ungünstigen Tagen sicherlich mit einer spürbaren Verminderung der Sonnenscheindauer gerechnet werden, nachdem diese noch in zwei Kilometer Entfernung zehn Minuten im Jahresmittel beträgt. Die Bodenberührung der Schwaden kann in der Nähe des KKW bis zu 500 Stunden pro Jahr betragen.
Landwirtschaft: Bei verstärkter Beschattung muß bei Langtagspflanzen mit abnehmenden Erträgen gerechnet werden. Insbesondere Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte, Zuckerrüben, Luzerne und Senf bevorzugen eine lange Sonnenscheindauer. Der in der nächsten Nähe betriebene Weinbau erfordert höchste Lufthelligkeit, um eine maximale Zuckerbildung zu erreichen.

DER SPIEGEL 32/1981
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