08.03.1982

Adam Michnik: „Mehr Freiheit für Polen“

32mal verhaftet, dreimal verurteilt, aber dennoch nicht unterzukriegen und nicht mundtot zu machen: Adam Michnik, 35, Vordenker der polnischen Revolution von 1980/1981, heute im Gefängnis isoliert, schrieb für den SPIEGEL, was er Polen und der Welt nach dem Putsch der Militärjunta vom 13. Dezember zu sagen hat.
Altvertrauter Gleichklang zwischen Moskau und Warschau - jenem Moskau, das anderthalb Jahre lang seine Blitze gegen die polnische "Konterrevolution" schleuderte, und jenem Warschau, das sich um das Ungewitter so gar nicht zu scheren schien.
Nun aber, zum Abschluß des Besuchs von Partei-, Regierungs- und Militärchef Jaruzelski in Moskau, schrieb man gemeinsam ins Kommunique, "daß alle Versuche ... die soziale und politische Ordnung in Polen zu ändern, entschlossen gestoppt werden" - Siegel auf das Ende der Gewerkschaft "Solidarität", auf das Ende auch der Hoffnung von Millionen im Ostblock, der jammervolle sogenannte real existierende Sozialismus sei doch wandlungsfähig.
Und daheim in Polen verkündete Scharfmacher Stefan Olszowski noch Weitergehendes: "Die Zeit der Regimekritiker wird nie wiederkehren."
Daß die derzeitigen polnischen Machthaber entgegen früheren Versprechungen, es gebe keine Rückkehr zu den Verhältnissen vor dem August 1980, zu diesem Rückmarsch in die öde Vergangenheit sowjet-kommunistischer Herrschaftsstrukturen entschlossen sind, klingt, aus ihrer begründeten Existenzangst heraus, überzeugend - ob sie das auch wunschgemäß durchsetzen, hängt zum großen Teil davon ab, was sie mit jenen Tausenden von Oppositionellen zu machen gedenken, die sie seit dem 13. Dezember 1981 in Lagern und Gefängnissen isoliert haben.
Einen von ihnen müssen sie auf unabsehbare Zeit in Haft behalten - oder ihn über die Grenzen verfrachten, sonst fängt die polnische Revolution gleich wieder von neuem am System zu nagen an.
Sie haben ihn bereits früher von der Universität verjagt, verprügelt, mehr als 30mal verhaftet, dreimal verurteilt und sechsmal eingesperrt: Adam Michnik, 35, als bedeutendster polnischer Bürgerrechtler seit 14 Jahren mit Berufsverbot belegt. Er ist der Vordenker der polnischen Reform und wurde deshalb - viel stärker als der Volksheld Lech Walesa - zum traumatischen Feindbild der regierenden Kommunisten, nicht nur in Polen.
Die sowjetische Parteizeitung "Prawda" verteufelte ihn und seinen Mitkämpfer Jacek Kuron im Herbst 1981 als "antisozialistische Staatsfeinde Nummer eins", das Parteiblatt "Neues Deutschland" aus Ost-Berlin verdächtigte ihn als "Kopf einer internationalen zionistischen Verschwörung mit dem Ziel, in Polen die sozialistische Staatsmacht zu stürzen".
Auch der polnische Vizepremier Rakowski, ein nüchterner Analytiker, stellte vorigen Herbst in einem SPIEGEL-Gespräch lapidar fest, "die Michniks und Kurons wollen mit Hilfe der Gewerkschaft ''Solidarität'' in Polen die Macht übernehmen".
Planvoll darauf hingearbeitet haben sie jedenfalls nicht - das Regime mit seinen primitiven Abwehrreaktionen gegen Oppositionelle trieb sie in die Dynamik einer echten Revolution.
Nach der Verhaftung in der Nacht zum 13. Dezember kam Adam Michnik nicht wie seine Berufskollegen und andere Intellektuelle in das Isolationslager Drawsko Pomorskie, 450 Kilometer nordwestlich von Warschau. Er wurde vielmehr in das nur zehn Kilometer nördlich von Warschau gelegene Zentralgefängnis Bialoleka gebracht, in dem hauptsächlich Kriminelle saßen.
Die Kriegsrechts-Gefangenen sind dort seit fast drei Monaten auf einem isolierten Trakt ("verschärfte Strafmaßnahmen") in Einzelzellen untergebracht; jeder Kontakt untereinander ist verboten, und auch den täglichen Freigang im Gefängnishof dürfen sie nur einzeln antreten.
Trotz schärfster Überwachung schrieb Michnik in seiner Zelle für den SPIEGEL einen Bericht, der die Redaktion als Kassiber über mehrere Zwischenstationen erreichte - bei aller Offenheit und Klarheit eher eine selbstkritische Analyse der polnischen Opposition als der Aufruf eines wilden Revoluzzers (siehe Seite 128).
Der Systemkritiker meldet sich nicht zum ersten Mal im SPIEGEL zu Wort. Er hatte nach der Wahl des Krakauer S.125 Kardinals Wojtyla zum neuen Papst die Erwartungen des polnischen Volkes sehr uneuphorisch beschrieben. Anfang August 1980 sagte er den Sturz des Gierek-Regimes voraus und mahnte nach der Gründung der Gewerkschaft "Solidarität" - ganz im Widerspruch zu den Behauptungen der Parteipropaganda - zu Geduld und politischer Vernunft im Streit zwischen desorganisierter Staatspartei und neuorganisierter Arbeiterschaft.
Michnik hat sich oft und ohne Rücksicht auf mögliche Folgen politisch engagiert - auf eine politische Richtung will er sich nicht festlegen lassen. Kirchenvertreter halten ihn für einen "ehrlichen Marxisten und Atheisten", Parteimitglieder sagen ihm "trotzkistische Neigungen" nach, und die Studenten, deren Idol der gelernte Historiker war und noch immer ist, halten ihn schlicht für den "polnischen Rebellen".
Seiner Überzeugung am nächsten dürfte wohl kommen, was er 1969 als Angeklagter in seiner inzwischen berühmt gewordenen Rede vor dem "arschauer Woiwodschaftsgericht sagte: Mein Ziel war, daß es in " " unserem Land mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit und mehr " " Gleichheit gebe, daß die Menschen in unserem Land ohne Angst " " leben können, daß - wenn ich mich bildhaft ausdrücken darf - " " die Fenster unserer Wohnung zur Sonnenseite gerichtet sind. " " An das Hohe Gericht habe ich weder Bitten noch Wünsche. "
Wenn er einen Fehler beging, dann den, daß er nicht einsah, wie sehr "mehr Gerechtigkeit" und "mehr Freiheit" schon an die Substanz des Regimes gingen. Im Widerspruch zwischen sozialistischem Anspruch und sozialistischer Wirklichkeit hat er von seiner frühen Kindheit an gelebt.
Sein Vater, Ozjasz Szechter, war ein Altkommunist, der im Vorkriegspolen viele Jahre im Gefängnis saß, nach dem Krieg als Lektor im Warschauer Parteiverlag "Ksiazka i Wiedza" (Buch und Wissen) arbeitete und unter anderem das "Kapital" von Karl Marx übersetzte. Seine Mutter, Helena Michnik, war Historikerin, Spezialistin für das Mittelalter.
Als 15jähriger Schüler des Warschauer Batory-Gymnasiums gründete Adam Michnik 1962 zusammen mit Freunden den "Klub der Widerspruch-Suchenden", der in der kleinen Freiheit des nachstalinistischen Polen unter Gomulka, aber unter Aufsicht des staatlichen Jugendverbandes, im Kulturhaus der Warschauer Altstadt über Philosophie und Kunst, manchmal auch über Politik diskutierte. Da Michnik das aktivste Mitglied war, hieß der Verein unter Schülern bald der "Michnik-Klub".
Gleichzeitig war er Mitglied bei den Pfadfindern; damals ein formell unabhängiger, aber parteifrommer Verband. Sein Gruppenleiter wurde "er Student Jacek Kuron. Michnik erinnert sich: Kuron sagte zu un", " ein Kommunist, das ist ein Mensch, der für soziale " " Gerechtigkeit, für Freiheit und Gleichheit, für Sozialismus " " kämpft. Für seine Überzeugung und wegen seiner Tätigkeit geht " " er notfalls für Jahre ins Gefängnis, und wenn er wieder " " freigelassen wird, setzt er seine revolutionäre Arbeit fort. "
Michnik kam erstmals 1965 hinter Gitter, als die polnische Geheimpolizei ihn verdächtigte, den von den Universitätsdozenten Kuron und Modzelewski verfaßten "Offenen Brief an die Partei" - eine scharfe Abrechnung mit dem Monopolbürokratismus der Nomenklatura - heimlich verteilt zu haben.
Nach der Verurteilung von Kuron und Modzelewski organisierte Michnik an der Uni die "Rote Hilfe". Von der Warschauer Universität, auf der er Zeitgeschichte und bei dem Marxisten, späteren Marxismus-Kritiker Leszek Kolakowski Philosophie studierte, wurde er gleich zweimal relegiert, das erste Mal, weil er während einer Aufführung des polnischen Nationaldramas "Die Totenfeier" von Mickiewicz in den Saal gerufen hatte: "Unabhängigkeit ohne Zensur!" Nach einer Unterschriftenaktion mehrerer tausend Studenten mußte die Universität den Rausschmiß widerrufen.
Im "Polnischen März" 1968, der Studentenrevolte gegen Lüge und Gängelung durch die Partei, war Michnik einer der Anführer. Er mußte - wie sein Lehrer Kolakowski - die Universität verlassen und wurde wegen "Verleumdung der Volksmacht" zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Nach seiner Freilassung arbeitete er als Schweißer in den Warschauer Rosa-Luxemburg-Werken, bis ein Betriebsparteisekretär befand, daß sein Einfluß auf die jungen Arbeiter nicht der richtige sei. Um ihm eine Verdienstmöglichkeit zu geben, engagierte ihn der inzwischen verstorbene Schriftsteller Antoni Slonimski als Sekretär.
Im liberalen Kulturklima der Gierek-Ära konnte Michnik als Externer auf der Universität auch sein Studium abschließen. Vom Dominikaner-Orden bekam er ein Stipendium und schrieb das in mehrere Sprachen übersetzte Buch "Die Kirche und die polnische Linke", Traum von einer Allianz zwischen progressiver Kirche und Sozialismus.
Seither war Michnik bei nahezu jeder Protestaktion oder Demonstration gegen Menschenrechtsverstöße dabei, denn - so der Rebell - "jeder Akt des Widerstandes rettet ein Stück Freiheit und bewahrt jene Werte, ohne die eine Nation nicht leben kann".
Nach persönlicher Intervention von Jean-Paul Sartre bekam der Autor im Herbst 1976 die Erlaubnis, in den Westen zu reisen - wobei das Regime sich wohl von der stillen Hoffnung leiten ließ, den unbequemen Kritiker für immer los zu werden.
Aber Michnik kam nach acht Monaten, nach Kontakten mit Brandt und Böll, Berlinguer und Bischöfen der vatikanischen Kurie zurück - und landete erneut im Gefängnis. Aus der Zelle schrieb er, schon damals ein Störenfried für die Pragmatiker der Ost-West-Entspannung, dem SPIEGEL einen Brief: "Keine Entspannung ist möglich, solange die Menschenrechte, die ihr Fundament bilden, nicht respektiert werden."
Michnik wurde Mitglied des "Komitees zur Verteidigung der Arbeiter" (KOR), das 14 polnische Intellektuelle gegründet hatten. Zweck der Bürgerrechtsorganisation war zunächst nur, den 1976 bei den Arbeiterunruhen in Ursus und Radom Verhafteten und deren Familien zu helfen.
Dann aber wuchs KOR in wenigen Monaten zum Zentrum eines gewaltlosen Widerstandes gegen Behördenwillkür und Parteibürokratie: In seinen Reihen entstand zum Kampf für ein besseres Polen erstmals jene Einheitsfront von Arbeitern, Bauern, Intellektuellen und Priestern, vor deren Ansturm die paralysierte Staatsgewalt dann Schritt für Schritt zurückwich - bis General Jaruzelski marschieren ließ.
Aus den Reihen des KOR, vorgetragen vor allem von Michnik und Kuron, kamen die Denkanstöße für eine neue, von der Partei unabhängige Gewerkschaft. Deshalb vor allem saß Michnik, als im August 1980 Arbeiterführer Walesa zum Volkshelden aufstieg, zusammen mit Kuron schon wieder im Gefängnis. Durch die Streikforderungen der Arbeiter auf der Danziger Leninwerft wurden sie freigekämpft.
Anders als den Praktiker Kuron interessierten den Historiker Michnik Organisationsfragen und Vorstandswahlen der "Solidarität" kaum. "Die Gewerkschaft ist wichtig, aber wenn Polen sich verändern soll, müssen wir die ganze Gesellschaft von ihrer Kraft, aber auch von ihrer Verantwortung überzeugen."
S.125
Mein Ziel war, daß es in unserem Land mehr Gerechtigkeit, mehr
Freiheit und mehr Gleichheit gebe, daß die Menschen in unserem Land
ohne Angst leben können, daß - wenn ich mich bildhaft ausdrücken
darf - die Fenster unserer Wohnung zur Sonnenseite gerichtet sind.
An das Hohe Gericht habe ich weder Bitten noch Wünsche.
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Kuron sagte zu uns, ein Kommunist, das ist ein Mensch, der für
soziale Gerechtigkeit, für Freiheit und Gleichheit, für Sozialismus
kämpft. Für seine Überzeugung und wegen seiner Tätigkeit geht er
notfalls für Jahre ins Gefängnis, und wenn er wieder freigelassen
wird, setzt er seine revolutionäre Arbeit fort.
*
S.124 Bei der Begrüßung auf dem Moskauer Flughafen am 1. März. *

DER SPIEGEL 10/1982
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