08.12.1980

ZEITGESCHICHTEVergessene Russen

In einem Psychiatrischen Landeskrankenhaus vergessen: Kriegsversprengte aus Osteuropa, die es nach Westdeutschland verschlagen hat.
Pawlo Wyskrebez, 60, aus Nowroselkowsk in der Ukraine zeigt gern ein Photo herum, auf dem er als junger Rotarmist abgelichtet ist -- kurz vor Weihnachten 1940 in Sewastopol.
Während des Krieges wurde Wyskrebez, im Zivilberuf Lehrer, von den deutschen Eroberern ins Reich verschleppt und als Ostarbeiter zwangsverpflichtet. Jetzt betätigt er sich als Dolmetscher, Hausgärtner und Bote im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch bei Heidelberg.
Wyskrebez teilt sein Los mit derzeit noch 71 Schicksalsgefährten aus Osteuropa, welche die Kriegswirren nicht ohne psychische Schäden überstanden haben. Sie waren Zwangsarbeiter wie der Ukrainer, Kriegsgefangene, Hilfswillige der deutschen Wehrmacht oder hatten freiwillig im Heer des russischen Generals Andrej Wlassow gedient, der sein Land mit Nazi-Hilfe vom Bolschewismus befreien wollte.
Es sind Russen, Ukrainer, Letten, Litauer, Polen und Tschechen; fast alle stammen aus Gebieten, die heute zur Sowjet-Union gehören. Doch das große Vaterland mag von ihnen nichts mehr wissen: Repatriierungsversuche sind seit Mitte der 60er Jahre praktisch eingestellt, in den letzten sieben Jahren wurden nur noch zwei Wieslocher Patienten in ihre Heimat umgesiedelt.
Für den Wieslocher SPD-Bundestagsabgeordneten Gert Weisskirchen ist es "ein internationaler Skandal, daß die Sowjet-Union an ihren kranken Staatsbürgern nicht interessiert ist". Aber auch für deutsche Behörden sind diese Menschen kaum noch existent -am ehesten noch für den Landeswohlfahrtsverband Baden, der für die meisten Sozialhilfe zahlt.
Die Vormundschaftsakten der entmündigten oder unter Pflegschaft gestellten Wieslocher Patienten verstauben im örtlichen Amtsgericht -- "da passiert gar nichts mehr", weiß ein Justizbediensteter.
Die Sowjetbotschaft in Bonn stellt sich auf Rückführungsansinnen taub. "Die sowjetische Administration", erinnert sich Hans Gebhardt, der geschäftsführende Direktor des Psychiatrischen Landeskrankenhauses (PLK), habe seit jeher bürokratische Hindernisse aufgetürmt: So habe "von uns mehrfach bestätigt werden" müssen, daß die Betroffenen "arbeitsfähig sind und daß Verwandte sie bis an ihr Lebensende versorgen würden". Die polnische Botschaft leugne schlicht, daß in Wiesloch Landsleute leben.
In der Tat ist bei etlichen die Staatsangehörigkeit unklar: Als "heimatlose Ausländer" oder "nichtdeutsche Flüchtlinge" haben sie einen Sonderstatus; sie besitzen unbegrenzte Aufenthaltsberechtigung und einen speziellen "Reiseausweis".
Denn für die meisten Ostarbeiter war der deutsche "Arbeitspaß" der einzige Ausweis -- und der war oft, wegen des aufgedruckten Hakenkreuzes, nach der Befreiung vernichtet worden. S.105
Und als die Amerikaner im Frühjahr 1947 begannen, in drei beschlagnahmten Krankengebäuden der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch die psychisch Kranken unter den in ihrer Besatzungszone lebenden Osteuropäern zusammenzufassen, wurden deren Personalien häufig noch einmal verfälscht. Russische Namen wurden, wie das Landratsamt Heidelberg später feststellte, "ziemlich beliebig" amerikanisiert, Ortsangaben wegen mangelnder Sprachkenntnisse schlampig registriert, das Geburtsjahr oft nur geschätzt.
Das erschwerte freilich die Suche nach Angehörigen, ob in der Heimat oder in Übersee; von deren Verpflichtung, lebenslang für die zumeist unter schizophrenen Psychosen leidenden Verwandten zu sorgen, hingen Repatriierung und Einwanderungserlaubnis ab.
Dennoch wurden von den ursprünglich rund 900 Patienten rasch die meisten entlassen; alle jüdischen Patienten fanden in dem neuen Staat Israel Aufnahme, viele wanderten in die USA, nach Kanada oder Australien aus.
So registrierte das Landratsamt Heidelberg 1956 noch 162 osteuropäische Patienten im PLK Wiesloch. "Einige", notierte ein Sachbearbeiter, hätten "Willen auf Heimführung geäußert". Etwa bis um diese Zeit war der westdeutsche Staat bestrebt, die heimatlosen Geisteskranken loszuwerden -- mitunter auch gegen den Willen der Betroffenen, die lieber in einer deutschen Nervenklinik ausharrten, als an das Stalin-Regime ausgeliefert zu werden.
1959 jedoch verfügte das badenwürttembergische Innenministerium, "damit nicht einer in einer manischen Phase erklärt, er wolle nach Rußland zurück" (Gebhardt), daß zur Repatriierung von Wieslocher Patienten in jedem Fall die Zustimmung eines Vormunds erforderlich sei. Der Vormund, hieß es in dem Erlaß, müsse "dem Grundgedanken des internationalen Flüchtlingsrechts Rechnung tragen, daß ein Flüchtling nicht zur Rückkehr in einen Staat gezwungen werden kann, in dem sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion oder politischen Anschauung bedroht ist".
Unterdessen ist es kaum noch auszumachen, ob die 72 Überlebenden, es sind 37 Frauen und 35 Männer, tatsächlich nicht mehr zurückkehren wollen oder ob sie nur noch Angst vor jeglicher Veränderung haben. Immerhin sind mittlerweile alle über 50, die älteste Patientin ist 82 Jahre alt. "Die meisten sind jetzt freiwillig hier", meint Direktor Gebhardt; das Landeskrankenhaus sei "ihre zweite Heimat geworden".
"Die vergessenen Russen", kommentierte das Alternativ-Blatt "Heidelberger Rundschau", die "um ihr ganzes Leben betrogen worden" seien, hätten "sicherlich etwas Besseres verdient, als im PLK auf ihr biologisches Ende zu warten".
S.104 In einer Werkstatt des Psychiatrischen Landeskrankenhauses. *

DER SPIEGEL 50/1980
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