25.05.1981

DER KOPFLOSE AUFSTAND

Imre Nagy und die ungarische Revolution 1956 (IV) / Von David Irving 1981 Albrecht Knaus Verlag, Hamburg. Der ungekürzte Text ist unter dem Titel „Aufstand in Ungarn“ (612 Seiten; 42 Mark) erschienen.
Am 29. Oktober verbreitete Radio Budapest eine aufsehenerregende Nachricht: Der Staatssicherheitsdienst AVH war aufgelöst worden. Innenminister Münnich zog sich mit seinen Mitarbeitern ins Parlament zurück, das AVH-Gebäude in der Attila Jozsef Utca wurde von einem Polizeiaufgebot und Studenten übernommen.
Die Geheimakten waren mit Kohlenkarren zur Vernichtung in den Heizungskeller gebracht worden. Aber zur Verbrennung war keine Zeit mehr gewesen -- innerhalb von dreißig Minuten mußten sämtliche AVH-Angehörigen das Gebäude kampflos räumen.
Die wirklichen Schuldigen hatten schon vor langem falsche Uniformen angezogen und waren geflüchtet, sie überließen den Lynchkommandos die kleinen Fische -- oft waren es unschuldige Rekruten, die gar keinen Anteil an den jahrelangen schweren Verbrechen ihrer Vorgesetzten hatten.
Für diese Männer begann ein Alptraum. In ihren neuen Uniformen waren sie in der ganzen Stadt geächtet. Sie konnten nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. Sie konnten sich nicht der Menge stellen, die sich nicht mehr vor ihnen fürchtete. Sie konnten sich mit ihrem Geld kein Asyl erkaufen, ja sie konnten nicht einmal Hilfe von den sowjetischen Truppen erwarten, die nun demonstrativ aus Budapest abzogen.
Die Volkswut war archaisch, primitiv und brutal. Jetzt herrschte in Budapest der Mob. Auf dem Lujza Blaha ter erschien plötzlich ein Lastwagen, ein bewaffneter Trupp drang in das Gebäude der Parteizeitung "Nepszabadsag" (Volksfreiheit) ein. Die ersten Schüsse fielen. Doch da stieg ein Mitarbeiter der Zeitung auf die Treppenstufen und rief: "Wir sind hier Journalisten, wir haben zehn Jahre lang gelogen. Ich habe gelogen, mein Kollege hier hat gelogen -- aber wir werden nie wieder lügen."
Man hörte Stimmen: "Erschießt sie, wir wollen nicht wieder zum Narren gehalten werden." Aber andere riefen: "Schreibt, was das Volk will!" Die Rebellen senkten die Waffen, und ihr Anführer trat vor und küßte den Redner spontan auf beide Wangen. "In Ordnung", sagte er lächelnd. "Du machst eine Zeitung. Aber sorge dafür, daß sie gut wird."
Jozsef Dudas, der höchste Rebellenführer in Buda, hatte das Gebäude besetzt. Dieser Dudas war einer jener einfachen S.166 und vergessenen Menschen, die aus der Anonymität der Gefängnisse aufgetaucht waren, um die Führung der Revolution zu übernehmen. Niemand hatte je zuvor von ihm gehört; und auch heute kennen nur wenige Menschen in Ungarn seinen Namen.
Am 3. Dezember 1956 bezeichnete ihn die "Prawda" als Schlüsselfigur des "konterrevolutionären Putsches". Noch immer erweckt sein Name Haß bei den Linken. Ein nach Österreich geflüchteter Zeuge des Aufstands sagt über Dudas: "Er brachte das Körnchen Wahnsinn mit, das in jeder Revolution keimt."
Am 28. Oktober hatte Dudas die Bildung seines Nationalen Revolutionskomitees mit sich selbst als Vorsitzendem bekanntgegeben. In einer 25-Punkte-Erklärung sagte er dem Nagy-Regime den Kampf an und verkündete, daß er und seine Männer sich weigerten, die Regierung anzuerkennen. Zu seinen Forderungen gehörte der Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt.
Aber Dudas erkannte, daß er für die Durchsetzung seines Programms eine Zeitung brauchte. So hatte er denn mit seinen Gesinnungsgenossen das Verlagsgebäude der "Nepszabadsag" besetzt und begann, seine eigene Zeitung "Ungarische Unabhängigkeit" herauszugeben. Einige beschäftigungslose Journalisten halfen ihm.
Das Gebäude war stark beschädigt. Aber das Telephon funktionierte und die Rotationsmaschinen ebenfalls. Dudas schaltete sich in die K-Leitung, das geheime Telephonsystem der Partei, ein, belauschte Gespräche von Parteifunktionären, gab über diese Leitung seinen eigenen Außenposten Befehle und hörte mit, wenn die Partei Geheimberichte über sowjetische Truppenbewegungen an den Grenzen empfing.
Dudas'' Anhänger waren eine bunte Mischung aus Studenten und Straßenbahnschaffnern, Professoren und Prostituierten, die ständig mit Handfeuerwaffen hantierten.
Ein Augenzeuge berichtete später: "Dudas war so radikal in seinen Erwartungen und seinen Aktivitäten, daß ständig jemand bei ihm sein mußte, der ihn beruhigte." Und über das nationale Revolutionskomitee von Dudas heißt es: "Es war ein Staat im Staat."
Dudas'' vorläufiges Ziel war durchaus vernünftig: Er wollte alle revolutionären Kräfte zusammenfassen, um Imre Nagy eine gemeinsame Front gegenüberzustellen.
Das Nagy-Regime war bestürzt über den plötzlichen Verlust seines Pressemonopols. Es reagierte in der üblichen kommunistischen Weise: In der Nacht zum 30. Oktober befahl Innenminister Münnich dem Budapester Polizeichef Kopacsi, zum Verlagsgebäude zu gehen.
Kopacsi rückte mit 25 Polizisten an, aber Dudas hatte bewaffnete Posten auf den Straßen, die ihn zurückwiesen: "Wir erkennen weder Imre Nagy noch seine Regierung an", erklärte einer. "Wir wollen keine Kommunisten als Führer des Landes. Und wir wollen nicht, daß Nagys Leute mitten in der Nacht hier herumschnüffeln!" Kopacsi mußte wieder abziehen.
In Moskau rang man noch immer mit dem taktischen Problem, wie man den Aufstand niederschlagen könne. Drei Jahre später gab Nikita Chruschtschow in einer Rede vor Fabrikarbeitern in Budapest zu: "Während dieser für die ungarische Arbeiterklasse so kritischen Tage haben wir darüber diskutiert, wie man Ihnen helfen könne ... Einige unserer Genossen fragten, ob die ungarischen Genossen es wohl richtig verstehen würden, wenn wir ihnen zu Hilfe eilten."
Charles Bohlen, der amerikanische Botschafter in Moskau, sprach auf einem Abendempfang am 30. Oktober im Kreml den sowjetischen Verteidigungsminister, Marschall Schukow, auf dessen Behauptung an, daß die sowjetischen Truppen in Budapest während der letzten 48 Stunden keinen Schuß mehr abgegeben hätten: "In allen westlichen Rundfunksendungen wird berichtet, daß die sowjetische Artillerie in der Stadt schießt."
Schukow bestritt dies und erklärte rundweg: "Die sowjetischen Streitkräfte haben bereits den Befehl erhalten, die Stadt zu verlassen."
Bohlen berichtete um 22 Uhr nach Washington: "Die Sowjetführer machten einen viel düstereren Eindruck als gestern, es ist möglich, daß Schukows Erklärung eine über Nacht gefaßte Meinungsänderung darstellt, die durch uns hier unbekannte Ereignisse in Ungarn hervorgerufen worden ist."
Beobachter, die mit den Methoden der Sowjets vertraut waren, konnten deutlich erkennen, daß der Kreml Nagy an der langen Leine laufen ließ, an der er sich dann selbst aufhängen sollte.
Der jugoslawische Staatschef Tito sandte eine vertrauliche Botschaft an Nagy, in der er ihm riet, seine Samthandschuhe auszuziehen, solange es noch Zeit sei, und sowohl gegenüber den Stalinisten als auch gegenüber dem Mob auf der Straße scharf durchzugreifen.
Der US-Geschäftsträger in Budapest Spencer Barnes nannte die Situation eine "gefährliche Sackgasse, die möglicherweise zur Anwendung der ''eisernen Faust der Sowjets'' führen könnte". Es sei unwahrscheinlich, daß die Russen die von den Ungarn geforderten freien Wahlen akzeptieren würden, aber sie würden möglicherweise ihre Truppen zurückziehen, wenn sie sicher sein könnten, daß eine neue Regierung nicht antisowjetisch eingestellt sei.
Aber wer könnte der Führer einer solchen Regierung sein? Imre Nagys Prestige schien mit jedem Tag mehr zu schwinden. Barnes empfahl, sich so schnell wie möglich für eine Unterstützung der Aufständischen zu entscheiden, damit diese für den langen Kampf gegen die Russen gewappnet seien.
Inzwischen hatte auf dem Republikplatz der Kampf um die Zentrale der Budapester KP begonnen. Schon am Morgen hatte Imre Mezö, der Zweite Parteisekretär von Budapest, Ansammlungen bewaffneter Aufständischer bemerkt. Die ersten Kugeln pfiffen über den Platz.
Mezö rief telephonisch um Hilfe. In seinem mit Glassplittern übersäten Büro schaute er in die angespannten Gesichter S.168 seiner Mitarbeiter. "Es wird nur eine oder zwei Stunden dauern", versicherte er. "Das Zentralkomitee wird niemals einen solchen Angriff dulden!"
Er irrte. Entweder war es die böse Absicht von höherer Stelle, der kommunistischen Sache Märtyrer zu verschaffen, oder die übliche Unfähigkeit, Gefühllosigkeit und Stümperei -- für Mezö und seine Leute würde es jedenfalls keine Rettung geben.
Gegen Mittag war die Menge bis in Wurfweite vorgedrungen. Molotow-Cocktails hatten zahlreiche Räume in Brand gesetzt. Versuche, das Feuer einzudämmen, wurden durch Scharfschützen verhindert, die in dem slowakischen Studentenheim an der Ecke saßen. Einige Mitarbeiter rieten zur Kapitulation, aber Mezö schüttelte den Kopf. Er rief bei Ministerpräsident Nagy an, bekam aber nur die Antwort: "Er ist in einer Konferenz."
Über dem Platz lag eine dichte Wolke vom Rauch brennender Kraftfahrzeuge. In ihrem Schutz rannten die Aufständischen von Baum zu Baum, sie krochen immer näher an den Haupteingang, Maschinengewehre, Karabiner, Benzinflaschen und antiquierte Flinten in den Fäusten.
Hustend vor Rauch, telephonierte Mezö noch einmal mit dem Verteidigungsministerium. Die kühle Antwort lautete: "Wir können nicht helfen." Jetzt war alles aus. Mezö schlug vor, die Rebellen zu bitten, wenigstens Frauen und Kinder herauszulassen. Aus der Kantine wurde ein weißes Tischtuch geholt und an einem Stück Holz befestigt.
Mezö schob erst die weiße Fahne durch die Tür, dann trat er zusammen mit zwei Offizieren hinaus. Man hörte Rufe: "Nicht schießen!" und "Sie kapitulieren!"
Mezö ging auf den Bürgersteig, und die beiden anderen folgten ihm. "Nicht schießen!" rief er. Unmittelbar darauf ertönte ein Schuß, und Mezö fiel tödlich verwundet vornüber.
Kämpfend drang die Menge vor, ihr Geschrei erstickte jeden anderen Laut. Die Rebellen stießen die Tür auf und zogen einen Offizier heraus. Er ging etwa zehn Schritte mit erhobenen Händen, als er seine toten Kameraden sah und zurückprallte. Die Leute hinter ihm stießen ihn vorwärts. Er versuchte, etwas zu sagen. Plötzlich brach er, von einer Kugel in den Rücken getroffen, zusammen.
Aus dem Innern des Gebäudes drangen Schreie, Flüche, Schüsse und das Splittern von zerbrechendem Glas. Sechs junge Offiziere in schlampigen Polizeiuniformen ohne Rangabzeichen marschierten gesenkten Hauptes heraus, sie wurden um die Ecke geführt, brutal gegen eine Wand gestoßen und kurzerhand niedergestreckt.
Bald war der ganze Platz erfüllt von dem widerlichen Geruch brennenden Fleisches und verbrannten Papiers. Die Leute durchsuchten die Taschen der Toten, um zu beweisen, daß es AVH-Soldaten waren; eine junge Rot-Kreuz-Schwester kümmerte sich unauffällig um Verwundete.
Etwa zur selben Zeit, als in Budapest die Parteifunktionäre gelyncht wurden, brach im Nahen Osten eine neue Krise aus: Israel griff Ägypten an, und im geheimen Einverständnis benutzten Großbritannien und Frankreich diese Aggression als Vorwand, ihren eigenen Kleinkrieg um den Suezkanal zu eröffnen.
Während der nächsten vier Tage war die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von Ungarn abgelenkt. Schließlich zogen die Russen offenbar tatsächlich aus Budapest ab. Die Gefahr schien vorüber zu sein, und die Reporter begannen, das Land zu verlassen.
Der Sender "Radio Free Europe" fuhr fort, den Aufständischen in Ungarn Richtlinien zu übermitteln. Am 30. Oktober informierte der Münchner Sender die Zentrale in New York: "Verfolgen gleiche Linie wie vorher, halten Schritt mit den Forderungen der Aufständischen, unterstreichen Bedeutung der Fortsetzung des Generalstreiks der Arbeiter bis zum Abzug der sowjetischen Truppen."
Der Sender zitierte die Forderung der Rebellen von Miskolc, den Streik gegen das Nagy-Regime fortzusetzen. "Liebe Zuhörer", sagte an diesem Tag die schmeichelnde Stimme aus München, "mit den Waffen hat das ungarische Volk bereits einen Sieg errungen; nun muß noch der politische Sieg folgen durch den gemeinsamen, entschlossenen und heroischen Streik der Arbeiter."
Die Aufständischen in Ostungarn hatten konkrete Gründe, Imre Nagy nicht zu trauen. Mittags berichtete der S.170 Sender Freies Miskolc, daß sowjetische Truppen an der Grenze zusammengezogen worden seien. "Wofür sind neue sowjetische Truppen nötig?", fragte Radio Miskolc.
Später verbreitete der Sender eine neue Mitteilung: "In diesem Augenblick wird aus Kisvarda gemeldet, daß Tausende von Panzern in unser Land eindringen. Motorisierte Infanterie rückt auf Nyiregyhaza vor. Neue russische Verbände! Marschall Schukow, weißt du das?"
Der Aufschrei wurde überall gehört. In Tatabanya appellierte der Arbeiterrat an Nagy, bei den Vereinten Nationen zu protestieren, falls die sowjetischen Truppen sich nicht an die Vereinbarung über ihren Abzug halten sollten.
Die ernsteste Bedrohung der Autorität Nagys ging immer noch von Györ in Westungarn aus. Hier hatte ein umfassender Generalstreik begonnen -ein Beweis für die Macht des Rebellenführers Attila Szigethy. Er hatte eine Gegenregierung gebildet, einen "transdanubischen Nationalrat", dessen erste Sitzung am 30. Oktober stattfand.
Unter den 400 Delegierten waren Vertreter der weiter entfernten Kreise wie Borsod und Bacs-Kiskun und vom Zentralen Arbeiterrat, der in Csepel konstitutiert worden war. Eine Delegation der Budapester Technischen Hochschule schlug vor, Nagy sollte formell die Neutralität Ungarns erklären.
Nagy mußte vor allem versuchen, die Ordnung wiederherzustellen. Das bedeutete, daß er Verbindung mit den Revolutionsführern, wie Oberst Maleter, dem Helden der belagerten Kilian-Kaserne, aufnehmen mußte.
Pal Maleter erschien also, um Nagy im Parlament aufzusuchen. Er war durchaus nicht der Typ eines meuternden Obersten, wie Nagy es erwartet hatte. Er nahm Haltung an und grüßte militärisch: "Ich werde alle Befehle, die Ihre Regierung mir erteilt, ausführen." Es war nach Mitternacht, als Maleter in die Kilian-Kaserne zurückkehrte.
Als an diesem Abend die ersten sowjetischen Einheiten Budapest verließen und der Schutz öffentlicher Gebäude auf die neugebildete Nationalgarde überging, meldete sich ein neuer Revolutionsrat zu Wort: Mehrere Heeresoffiziere hatten sich an diesem Tage getroffen und im Verteidigungsministerium einen Revolutionsrat der ungarischen Volksarmee gegründet.
Das Auftreten dieser revolutionären Organisation im regulären Armeekommando komplizierte die Spitzengliederung. Dies war wohl auch die Absicht; denn ein völlig anderes Überwachungsgremium war bereits durch Ministerpräsident Imre Nagy "anerkannt und bestätigt" worden: Nagy hatte dem General Bela Kiraly den Auftrag erteilt, eine neue "Wehrmacht" aus der gegenwärtigen Armee, aus Polizei, Revolutionären, Arbeitern und Jugendbrigaden aufzubauen.
Allmählich wuchsen Nagy die Dinge über den Kopf. Nicht nur, daß Szigethy mit seiner Gegenregierung drohte, nun verbreitete Radio Budapest gegen 19 Uhr auch noch ein Ultimatum der Luftwaffe: Wenn die Sowjettruppen nicht binnen zwölf Stunden Budapest verließen, würde die Luftwaffe in Aktion treten.
Zu allem Überfluß wurde am 30. Oktober Kardinal Mindszenty, der 1948 von der AVH verhaftet worden war und wegen "Landesverrats, Spionage und Devisenschiebung" zu lebenslänglichem Kerker verurteilt wurde, freigelassen. Die Forderung der Rebellen nach vollständiger Rehabilitierung des verfolgten Kirchenfürsten war während des Tages immer lauter geworden. Und nun sollte dieser fanatische, alte Kirchenführer nach Budapest zurückkehren.
Nachdem sich das Ereignis herumgesprochen hatte, versammelte sich eine riesige Menschenmenge vor der Residenz Mindszentys in der Uri utca, um vor ihm niederzuknien und Rosen auf seinen Weg zu streuen. Bei seiner Ankunft verkündete der Rundfunk Nagys Rehabilitationsdekret.
In dieser Nacht war es vorbei mit der in Miskolc herrschenden Euphorie. Die sowjetischen Streitkräfte, die so viel Aufhebens um ihren Rückzug gemacht hatten, schienen endgültig zurückzukehren.
Erschreckte Revolutionäre riefen den stellvertretenden Ministerpräsidenten Zoltan Tildy in Budapest an. Nagy wurde geweckt. Er erklärte sich damit einverstanden, im Laufe des Tages das Kabinett zusammenzurufen, um diese neue Entwicklung zu beraten.
In Budapest waren beim Morgengrauen immer noch einige sowjetische Soldaten zu sehen. Die Straßen waren noch immer voller Trümmer, Straßenbahnwagen S.172 lagen quer auf dem Boden oder hingen in den Oberleitungen fest.
Im Verlauf des Morgens wurden die sowjetischen Panzer vor dem Parlament und anderen öffentlichen Gebäuden abgezogen. Allzu selbstsicher verkündete der Rundfunk um 8 Uhr, daß alle sowjetischen Streitkräfte Budapest verlassen hätten. Sofort erschienen Plakate mit der Aufschrift: "Radio Kossuth lügt!"
Eine Stunde später hieß es im Rundfunk bedauernd: "Es befinden sich noch immer sowjetische Panzer vor dem Verteidigungsministerium, dem Innenministerium und vor der sowjetischen Botschaft." Aber das Verteidigungsministerium versprach, daß die letzten Panzer am Vormittag verschwinden würden.
Für Chruschtschow läuft alles nach Plan: Er kann jeden Augenblick seine Truppen in die ungarische Hauptstadt zurückschicken und den Aufstand niederschlagen, vor allem, wenn Nagys Sicherheitskräfte erst einmal die Freiheitskämpfer geschwächt und entwaffnet haben.
Aber die Chinesen sprechen sich gegen eine Rückkehr aus. Mao Tse-tung hat eine Delegation nach Moskau geschickt, die das Problem mit den sowjetischen Gegenspielern diskutiert. Die Chinesen raten: "Sie sollten aus Ungarn herausgehen und es der Arbeiterklasse überlassen, es wiederaufzubauen und mit der Konterrevolution fertigzuwerden."
Es ist fast Morgen, als die Beratungen zu Ende gehen, und die Entscheidung ist gefallen -- gegen die Anwendung von Gewalt. Im Laufe des Tages findet eine Sitzung des ZK-Präsidiums statt, und Chrutschtschow berichtet über die Beratungen. Aber dann fügt er hinzu, daß er die Entscheidung noch einmal überschlafen habe und sie zu unsicher finde.
Die Debatte dauert Stunden. Inzwischen kommen die Nachrichten vom britisch-französischen Angriff auf Ägypten. Schließlich stimmt das ZK-Präsidium mit Chruschtschow darin überein, daß man sich nicht weigern könne, den ungarischen Genossen zu helfen.
Man fragt Marschall Konew, den Oberbefehlshaber der Warschauer-Pakt-Truppen: "Wie lange wird es dauern, in Ungarn die Ordnung wiederherzustellen und die konterrevolutionären Kräfte zu schlagen?"
Konew: "Drei Tage, nicht mehr." Zu diesem Zeitpunkt wartet die chinesische Delegation bereits auf den Abflug von Moskau. Das gesamte ZK-Präsidium kommt in einem Autokonvoi zum Flughafen, um den Chinesen die neue Entscheidung mitzuteilen. Der Delegationsleiter bemerkt lediglich: "Ich glaube, Genosse Mao wird diese Entscheidung billigen." S.173
Ahnungslos, was die nächste Zukunft ihnen bringen würde, marschierten die Ungarn entschlossen in die Vergangenheit zurück. KP-Sekretär Janos Kadar mußte mitansehen, wie das Nagy-Regime immer weiter nach rechts schlitterte.
Einige Wochen später erklärte er: "Durch seine Unfähigkeit und Passivität unter dem Ansturm der Konterrevolution deckte und schützte Nagy praktisch den mörderischen konterrevolutionären weißen Terror ... Wenn er machtlos war, hätte er zurücktreten und dem Lande und der ganzen Welt erklären müssen, daß Konterrevolutionäre die Kommunisten und andere progressive Patrioten, Arbeiter und Mitglieder der Intelligenz in den Straßen von Budapest umbrachten."
Nach Gesprächen mit dem Sowjet-Emissär Mikojan und dem Parteiphilosophen György Lukacs über die Erneuerung der Kommunistischen Partei unter einem anderen Namen, begann Kadar um Unterstützung zu werben. Er wies Mikojan warnend darauf hin, daß die alte ungarische Partei der Werktätigen hoffnungslos im revolutionären Morast zu versinken drohe. Mikojan riet ihm, alles daranzusetzen, um die Partei gründlich zu reformieren, notfalls in der Opposition.
Bald darauf sprach Imre Nagy wiederum zur Bevölkerung. Dieses Mal hatte er eine sensationelle Kabinettsentscheidung mitzuteilen: "Ungarische Brüder!" begann er, "heute haben wir mit den Verhandlungen über den Abzug der Sowjettruppen aus unserem Land und über die Aufhebung der uns im Warschauer Pakt auferlegten Verpflichtungen begonnen."
An diesem Abend druckte die "Prawda" ihren letzten nachsichtigen Bericht über die Ereignisse in Budapest. Mikojan und Suslow waren wieder nach Moskau zurückgekehrt und berichteten über die schlimme Entwicklung: das Wiedererstehen der alten Parteien in Ungarn, die Gefahr freier Wahlen, den Zusammenbruch des kommunistischen Parteiapparats, die Lynchjustiz auf dem Republikplatz.
Chruschtschow startete zu einer Rundreise durch die Hauptstädte der Satellitenstaaten. Am 1. November flog er zusammen mit den Politbüromitgliedern Molotow und Malenkow nach Brest, um mit den polnischen Führern zusammenzutreffen. Dann reisten Chruschtschow und Malenkow weiter nach Bukarest. Die Rumänen boten bereitwillig Truppen gegen ihre verhaßten Nachbarn an -- ein Angebot, das Chruschtschow zurückwies.
Die tschechoslowakischen KP-Führer trafen ebenfalls mit Chruschtschow zusammen, aber das war eine reine Formalität. Sie brauchten nicht überredet zu werden. Ein Besuch Ost-Berlins war gar nicht erst nötig. Ungarn hatte, wie es schien, keine Freunde. Eine Rettungsaktion lief an, aber sie galt nicht Nagy.
An jenem 1. November brachte Dudas seine Zeitung "Unabhängigkeit" mit der Schlagzeile heraus: "Sowjetische Einheiten verschanzen sich am Rande von Budapest!"
Als diese Ausgabe der Zeitung schon verkauft war, erfuhr Dudas durch seine Informanten, daß weitere sowjetische Panzerverbände entlang der von Chop kommenden Hauptstraße in Stellung gingen und daß russische Flak-Einheiten die Brücken über die Theiß bei Szolnok und die Donau bei Dunaföldvar bewachten.
Allmählich konnte man sich ein Bild machen. Rebellenführer hatten eine Funkabhörstation in der Technischen Hochschule aufgebaut und überwachten das von den Sowjets kontrollierte Sprechfunknetz der ungarischen Eisenbahnen.
Dudas wußte, daß die Aufständischen die Schlacht verlieren würden. Er hatte für den 1. November einen Kongreß aller revolutionären Kräfte im Budapester Sportstadion angekündigt, doch die Russen hatten diese Absicht S.176 durch die Einkreisung Budapests zunichte gemacht.
Nur mit Flugzeugen hätte Dudas die Rebellen aus allen Teilen des Landes heranbringen können -- aber nun hatten die Sowjets auch noch den Flugplatz besetzt. Dudas mußte deshalb das Massentreffen auf unbestimmte Zeit verschieben.
Er schickte einen Vertreter nach Györ, um Szigethys Transdanubischen Nationalrat davon in Kenntnis zu setzen, daß er als Vorsitzender des "Nationalen Revolutionsrates" bereit sei, ihn als Gegenregierung anzuerkennen.
An diesem Morgen konnte Nagy die Alarmmeldungen nicht mehr ignorieren. Weitere Panzer hatten die Grenze überschritten und rollten auf den Fernverkehrsstraßen durch Debrecen und Szolnok ins Landesinnere. Das engere Kabinett trat zusammen. Entscheidende Schritte waren jetzt nicht mehr zu umgehen.
Nagys erster Schritt war nicht sonderlich kühn. Er sandte Marschall "oroschilow, dem sowjetischen Staatsoberhaupt, ein Telegramm: Unt"r " Bezugnahme auf die jüngste Erklärung der Regierung der " " Sowjet-Union, wonach diese bereit ist, mit der ungarischen " " Regierung über den Rückzug sowjetischer Truppen aus Ungarn zu " " verhandeln, lädt die ungarische Regierung die sowjetische " " Regierung ein, eine Delegation zu bestimmen, so daß die " " Gespräche sobald wie möglich beginnen können. Sie bittet die " " sowjetische Regierung, Zeit und Ort festzulegen. "
Nagy ließ auch den sowjetischen Botschafter Andropow zu sich kommen und beklagte sich über das Eindringen neuer sowjetischer Truppen. In scharfem Ton sagte er: "Dieser Einmarsch ist von meiner Regierung weder erbeten noch gebilligt worden; er ist eine Verletzung des Warschauer Vertrages, und meine Regierung wird den Vertrag aufkündigen, falls diese Verstärkungen nicht zurückgezogen werden."
Der Russe stellte sich unwissend, sagte aber, er werde mit Moskau Kontakt aufnehmen. Mittags rief er Nagy an, verbindlich und liebenswürdig wie immer: Der Kreml stehe zu seiner Zusage, über einen Rückzug der sowjetischen Truppen zu verhandeln.
Nagy: "Aber was ist mit unserer Beschwerde? Können Sie zusichern, daß die Truppenbewegungen sofort eingestellt werden?"
Andropow: "Die Truppen haben die Grenze nur überschritten, um die Kampftruppen zu entlasten und um sowjetische Zivilisten zu schützen."
"Ich will keine Entschuldigungen hören", unterbrach ihn Nagy. "Ich verlange, daß die sowjetische Regierung binnen einer Stunde auf diese Beschwerde eingeht. Ich werde mich an die Vereinten Nationen wenden, falls das Eindringen weiterer Truppen nicht aufhört!"
Andropow gab ihm sein Wort, daß keine weiteren Truppen folgen würden. Moskau spielte offensichtlich auf Zeit.
Nagy war blaß, jedoch gefaßt. Sein damaliger außenpolitischer Berater György Heltai erinnert sich: "Wir kamen zu der Überzeugung, daß die Russen entweder das ungarische Volk zum Angriff herausfordern und dann die Revolution niederschlagen oder daß sie ganz Ungarn kampflos besetzen wollten. Es gab nur einen Weg, das Land zu retten: aus dem Warschauer Pakt auszutreten und Ungarns Neutralität zu erklären."
Imre Nagy beauftragte Heltai damit, die beiden Dokumente aufzusetzen. Fieberhaft wurde nach dem authentischen Text des Warschauer Vertrages von 1955 gesucht. Maleter erinnerte sich, daß ein Freund eine Kopie mit nach Hause genommen hatte. Er rief den Mann an.
Inzwischen war es 14 Uhr geworden. Nagy hatte sein engeres Kabinett und die Parteivorsitzenden zu einer Sitzung zusammengerufen, die historische Bedeutung bekommen sollte. Er teilte den Anwesenden mit, daß Andropows Frist S.177 abgelaufen sei. Das Kabinett beschloß, daß Nagy jetzt auch das Außenministerium übernehmen sollte.
Wütend rief Nagy den sowjetischen Botschafter an: "Meine Militärexperten haben festgestellt, daß während der letzten drei Stunden noch weitere sowjetische Truppen die Grenze überschritten haben. Ihre Regierung versucht, Ungarn wieder zu besetzen. Aus diesem Grunde tritt Ungarn mit sofortiger Wirkung aus dem Warschauer Pakt aus."
Anschließend legte Nagy dem Kabinett Heltais Text der Neutralitätserklärung vor. Sie sollte an den Generalsekretär der Vereinten Nationen gerichtet werden. Ungefähr um 16 Uhr billigte das Kabinett diesen Schritt. Kadar als Parteiführer erhob keine Einwände.
Das Außenministerium wurde benachrichtigt; es war 17.30 Uhr. Der Mann am Fernschreiber schaltete die Verbindung nach New York, die schon zuvor hergestellt worden war, und tickerte an die Vereinten Nationen: "Hier Budapest! Bitte, sind Sie bereit?"
In New York ist es Mittagszeit. Uno-Beamte drängen sich vor dem Gerät und erleben mit, wie Nagys historische Erklärung über den Fernschreiber tickert. Sechs Minuten vergehen, dann bestätigt New York den Empfang. Um 12.37 Uhr war Nagys Botschaft offiziell in Händen der Vereinten Nationen.
"Ich ersuche Eure Exzellenz", so hieß es in seinem Appell an den Uno-Generalsekretär, "die Frage der Neutralität Ungarns und die Verteidigung dieser Neutralität durch die vier Großmächte auf die Tagesordnung der nächsten Vollversammlung zu setzen." Damit hatte Nagy das Schicksal seines Volkes dem Schutz der Weltorganisation anvertraut.
Ein Sonderkurier brachte die Note ins Büro des Generalsekretärs. Aber im Büro von Dag Hammarskjöld war Mittagspause. Das Telex geriet zwischen andere Papiere, und es war mittlerweile 14 Uhr, als der Pressechef das Dokument zwischen anderen Unterlagen entdeckte.
Es hätte zu keiner ungünstigeren Zeit kommen können. Die Vollversammlung sollte um 17 Uhr zusammentreten -- aber auf der Tagesordnung stand die Suezkrise und nicht Ungarn. Und tatsächlich wurde Ungarn lediglich einmal erwähnt, als der britische Uno-Botschafter Sir Pierson Dixon Großbritanniens Vorgehen am Suez dem Verhalten der Sowjet-Union gegenüberstellte, die "darauf abziele, ihre Herrschaft über Ungarn für immer aufrechtzuerhalten".
Um 4 Uhr nachts, zum Schluß der Debatte, erklärte der amerikanische Außenminister Dulles: "Ich hoffe, daß S.179 diese Angelegenheit, die auf der Tagesordnung des Weltsicherheitsrats ist, dort dringend behandelt wird." Dies war eine Rede lediglich für die Schlagzeilen der Zeitungen. In Wirklichkeit sorgte sie nur für eine weitere Verzögerung.
Der 2. November, ein Freitag, begann in Budapest mit kaltem Regen. Gegen 10 Uhr wollte Nagy mit Janos Kadar über das Programm sprechen, das der Parteisekretär ihm tags zuvor vorgelegt hatte. Kadar war nicht zu finden.
Im Laufe des Tages begann der persönliche Assistent Nagys, Jozsef Szilagyi, nach dem verschwundenen Parteichef Kadar und dem ebenfalls unauffindbaren Innenminister Münnich zu suchen. Münnichs Fahrer gab schließlich zu, beide Männer zur sowjetischen Botschaft gefahren zu haben, wo sie die Wagen gewechselt hätten und weggefahren seien. Szilagyi notierte sich: "Man muß annehmen, daß Janos Kadar und Ferenc Münnich zu den Sowjets desertiert sind."
Um 16.30 Uhr empfing der stellvertretende Ministerpräsident Zoltan Tildy mehrere Journalisten. Er machte einen energischen und entschlossenen Eindruck. Zwei Posten mit Maschinenpistolen standen Wache.
"Wie viele Panzer sind Mittwoch nacht aus der Ukraine nach Ungarn gekommen?" fragte der italienische Korrespondent Alberto Cavallari.
"Mehrere hundert", erwiderte Tildy.
"Und wo befinden sie sich jetzt?"
"Rund 200 Kilometer innerhalb unserer Grenzen."
"Welche Politik wird eine freie ungarische Regierung verfolgen?"
"Eine gerechte, soziale Politik. Wir werden unsere seit 1945 erworbenen Errungenschaften, zum Beispiel die Agrarreform, nicht aufgeben."
"Und in welchem Zustand befindet sich die Kommunistische Partei?"
Verächtlich antwortete Tildy: "Im Zustand des Zusammenbruchs!"
Nachdem die Journalisten gegangen waren, erschien Nagy in der Tür und bat den tags zuvor zum General beförderten Maleter zu sich. Der Ministerpräsident sah besorgt aus. Er fragte den General, welche Chancen ein Widerstand haben würde. Maleter erwiderte: "Es hängt alles von den Offizieren ab."
Für den amerikanischen Geschäftsträger Spencer Barnes brachte dieser Tag eine Entlastung: Tom Wales, der neue Gesandte, war eingetroffen; er hatte einen Funker und einen tragbaren Sender mitgebracht. Um 22 Uhr schickte Wales seinen ersten Bericht nach Washington:
"Die Situation während des Tages: überwiegend ruhig, mit Ausnahme kurzer, vorübergehender Schießereien nach Einbruch der Dämmerung. Es S.180 gibt zahlreiche Berichte, daß weitere sowjetische motorisierte Einheiten sich auf Budapest zu bewegen, die Stadt ist fast vollständig von den Sowjets eingeschlossen. Keine wichtigen Nachrichten über die innere Situation des Landes aus offiziellen Quellen."
Während die politische Macht in Budapest allmählich auf die bürgerlichen Parteien überging, wuchs die Uneinigkeit innerhalb der revolutionären Verbände. Bei den Aufständischen, die sich in der Corvinpassage festgesetzt hatten, löste ein Anführer den anderen ab, die Disziplin ließ nach, Apathie breitete sich aus.
D ie Aufständischen -- vor allem die früheren Armeeoffiziere -- waren darüber beunruhigt, daß die neue Nationalgarde, die von Nagy geschaffen worden war, systematisch alle Waffen und Munition einsammelte und so die Stadt ihrer Verteidigungsmöglichkeiten beraubte: Was würde geschehen, wenn die Russen zurückkehrten?
Die Regierung hatte militärische Ratgeber für den Rundfunk ernannt. Ihnen diktierte Maleter folgende Anweisungen: "Die Revolution darf nicht nach rechts abdriften ... Es gibt Anzeichen dafür, daß die Revolution selbst in Gefahr ist. Sie können sicher sein, daß die Russen wie die Geier auf jede Gelegenheit zur Einmischung warten."
Am Abend war er mit Kameraden in der Kilian-Kaserne zusammen und besprach die für den nächsten Tag angesetzten Militärverhandlungen mit den Sowjets. Maleter: "Unsere vordringlichste Aufgabe ist es, die Ordnung wiederherzustellen. Das ist die einzige Möglichkeit, Einfluß auf die Russen zu gewinnen."
Als der Kommandant der Kaserne besorgt die neuesten Aufklärungsmeldungen erwähnte, blieb Maleter gelassen: "Die Sowjet-Union verfügt in Ungarn bereits über mehr Streitkräfte, als sie für eine Aktion gegen uns benötigt."
Er schüttelte den Kopf, als wisse er besser Bescheid: "Nach meiner Ansicht werden die Sowjettruppen gegen den Westen konzentriert. Das ist Moskaus Reaktion auf Suez. Säbelrasseln. Wichtig ist, daß wir die Waffenruhe nicht verletzen. Ein einziger Schuß könnte unberechenbare Folgen haben."
Die meisten westlichen Journalisten entschlossen sich jetzt, Budapest zu verlassen. Als der Schweizer Rundfunkreporter Francois Bondy in seinem Buick über die Margaretenbrücke nach S.181 Westen fuhr, klatschte Schneeregen gegen die Windschutzscheibe. Als er sich der letzten Stadt vor der Grenze näherte, kamen ihm 15 Sowjetpanzer entgegen.
Ein russischer Soldat riß die Wagentür auf und nahm Bondy die Kamera weg. Ein Bauer flüsterte dem Reporter zu: "Lassen Sie sich nicht in Diskussionen ein. Fahrt weg und erzählt drüben, was ihr hier gesehen habt."
Bondys Buick war einer der letzten Wagen, die noch hinauskamen. Nur wenig später wurde ein Konvoi von Diplomatenfamilien und Journalisten von 24 Panzern gestoppt und gezwungen, nach Budapest zurückzufahren.
In Moskau hatte die sowjetische Presse noch nicht einmal gemeldet, daß Nagy die Neutralität seines Landes proklamiert und den Warschauer Pakt aufgekündigt hatte, geschweige denn, daß er die Sowjet-Union beschuldigte, weitere Truppen nach Ungarn geschickt zu haben.
Auf einem Empfang fiel dem US-Botschafter Bohlen in Moskau auf, daß Chruschtschow noch immer abwesend war und daß Marschall Schukow und andere frühzeitig gingen, wobei sie eine "befriedigte und sogar triumphierende Miene zeigten". Bohlen erkundigte sich bei Marschall Woroschilow und Mikojan, ob Chruschtschow krank sei. "Nein, er ist zu Hause", log der eine. Und: "Wir können nicht alle an jedem Empfang teilnehmen", sagte der andere.
Bohlen war beunruhigt. Um Mitternacht bemerkte er, daß die sowjetischen Medien in der Behandlung der Krise eine deutliche Kehrtwendung gemacht hatten. Nagys Regierung wurde jetzt als "konterrevolutionär" mit den Rebellen gleichgesetzt.
An diesem Abend verließ auch der Italiener Cavallari Budapest. Es war etwa 18 Uhr, als er losfuhr. Auf der Ausfallstraße sah er waffenstarrende junge Männer, die die großen Barrikaden, die erst vor vier Tagen entfernt worden waren, wieder errichteten.
Hinter Györ stellte sich ihm ein Sowjetpanzer in den Weg, ließ ihn aber passieren. Als er Magyarovar erreicht hatte, wurde ihm klar, daß er sich in einer Sackgasse befand. Die Stadt war von schweren sowjetischen Panzern eingeschlossen und nichts konnte die Russen dazu bewegen, ihn durchzulassen.
Gegen 19 Uhr hatten sich die beiden Spitzen der gewaltigen sowjetischen Zangenbewegung um Budapest vereinigt, gleichzeitig war die Grenze nach Westen abgeriegelt worden.
Damit war die Wiederbesetzung perfekt. Chruschtschow konnte zum letzten Schlag ausholen und den Aufstand der Ungarn mit brutaler Gewalt ersticken.
Ende
S.176
Unter Bezugnahme auf die jüngste Erklärung der Regierung der
Sowjet-Union, wonach diese bereit ist, mit der ungarischen Regierung
über den Rückzug sowjetischer Truppen aus Ungarn zu verhandeln, lädt
die ungarische Regierung die sowjetische Regierung ein, eine
Delegation zu bestimmen, so daß die Gespräche sobald wie möglich
beginnen können. Sie bittet die sowjetische Regierung, Zeit und Ort
festzulegen.
*
S.176 Mit Politbüro-Mitglied Suslow in Moskau. *
Von Imre Nagy

DER SPIEGEL 22/1981
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