17.05.1982

AUSLANDSSTUDIUMKultureller Schock

Erstmals in der Bundesrepublik wird angehenden Betriebswirten ein sorgsam abgestimmtes multinationales Studium offeriert - in Reutlingen, Reims, Bilbao und London.
Für den frankophilen Reutlinger Fachhochschulprofessor Hans J. Tümmers ist ein Auslandsstudium "schon ein Wert an sich". Daß sich einer dabei "solide Fremdsprachenkenntnisse" aneignet, hält der Dozent für Europa-Studien für "ein erfreuliches Nebenprodukt".
Bedeutsamer erscheint Tümmers, ob die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft "geeigneten Führungsnachwuchs" bekommt, der in der Lage ist, "ausländische Geschäftspartner und deren Länder in ihren nationalen Eigenheiten zu begreifen". Betriebswirten etwa, meint auch der Tübinger Universitätspräsident Adolf Theis, könne eine "spezifische Auslandserfahrung" nicht schaden, wenn sie später "einmal in einem deutschen Unternehmen mehr sein möchten als Kostenrechner".
Das derzeitige Bildungssystem freilich honoriert eher die "Bequemlichkeit einer Heimkarriere", wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth bei der Jahresversammlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) in Konstanz klagte. Die meisten Studenten scheuen ein Auslandsstudium, weil sie die "vermeintlichen Nachteile", so WRK-Präsident George Turner, höher einschätzen als "die nicht immer meßbaren Vorteile". Die Sorge, S.90 die Berufschancen zu Hause könnten durch einen grenzüberschreitenden Exkurs geschmälert werden, trägt zur wachsenden Immobilität deutscher Studenten bei: Nur 1,7 Prozent, rund 18 000 von mehr als einer Million, studieren im Ausland; noch vor zwanzig Jahren war der Anteil beinahe doppelt so hoch (SPIEGEL 52/1981).
Der Reutlinger Tümmers weiß, daß die vielgeschmähte Auslandsmüdigkeit angehender Akademiker "sehr schnell schwindet", wenn das Auslandsstudium organisatorisch mit den einheimischen Prüfungsordnungen in Einklang gebracht wird und es "nicht zu einer Verlängerung der Studiendauer führt".
An der Reutlinger Fachhochschule für Technik und Wirtschaft braucht niemand zu fürchten, daß er wegen externer Studien daheim den Anschluß verliert. Im Verband mit zwei Partnerhochschulen, der "Ecole Superieure de Commerce" in Reims und dem "Middlesex Polytechnic" im Londoner Vorort Enfield, bietet die württembergische Lehranstalt - erstmals in der Bundesrepublik - ein Studium an, bei dem der Wechsel des Studienorts zum System gehört: das "Europäische Studienprogramm für Betriebswirtschaft".
Vier Semester, die Hälfte des Studiums, absolvieren die Studenten im Ausland. Vom ersten Vorlesungstag bis zum Examen büffeln Deutsche gemeinsam mit französischen oder englischen Kommilitonen. Die "bisherigen Ergebnisse" des vor drei Jahren begonnenen und vom Bonner Bildungsministerium geförderten Modellversuchs sind, so Initiator Tümmers, "sehr ermutigend" - nächstes Jahr soll das Programm um einen deutsch-spanischen Studiengang mit der Universität Bilbao erweitert werden.
Die Nachfrage übertrifft das Angebot an vorhandenen Studienplätzen um ein Vielfaches. Für die 72 in Reutlingen offerierten Plätze gingen zum vorigen Aufnahmesemester 253 Bewerbungen aus allen Bundesländern ein, obschon ansonsten gerade Fachhochschulen Studienanfänger fast ausschließlich in der näheren Umgebung rekrutieren.
Würde nach dem üblichen Vergabeverfahren ausgesiebt, hätten nur Anwärter mit einer Abiturnote von mindestens 1,9 eine Chance. Mitentscheidend ist jedoch das Ergebnis einer Eingangsprüfung, die in Reutlingen wie in Reims und London abgenommen wird.
Sie ist, so Tümmers, "sachlich geboten", weil sich so eher erweist, wer für ein multinationales Studium geeignet ist. Tümmers: "Wer's nicht packt, fliegt wieder raus." Dank strenger Auslese ist die Zahl der Studienabbrecher, etwa jeder achte, "äußerst niedrig".
Die Eingangsprüfung sei aber auch "formal erforderlich", damit tatsächlich an allen Hochschulen die gleichen Zugangsvoraussetzungen erfüllt sind. Denn darauf legen die Partner größten Wert: Studien- und Prüfungspläne, Lehr- und Prüfungsinhalte werden sorgsam koordiniert, und vom vierten Semester an sind alle Prüfungen, außer den rechtswissenschaftlichen, identisch.
Trotz der organisatorischen Perfektion beginnt der Auslandsaufenthalt allemal mit einem "kulturellen Schock". Die deutschen Studenten, sagt Tümmers, "sind von dem stark verschulten System, dem elitären Anspruch und dem etwas autoritären Lehrbetrieb einer französischen 'grande ecole' zutiefst verwirrt". Und an der englischen Hochschule irritierten sie "die eher gelockerte Atmosphäre und der zunächst etwas desorganisiert erscheinende Lehrbetrieb".
Das größte Problem für die Deutschen in England sind die hohen Lebenshaltungskosten: Tausend Mark pro Monat sind da mindestens anzusetzen. Leistungsbezogene Teilstipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sollen Abhilfe schaffen.
Die erfolgreichen Absolventen können sich mit zwei akademischen Graden schmücken: die Deutschen mit dem "Diplom-Betriebswirt (FH)" und dazu mit dem "B. A. Honours in European Business Administration" oder dem "Diplome d'Etudes Superieures Europeennes de Management".
Zukunftssorgen, die sonst das Studium in der Fremde als hinderlich erscheinen lassen, brauchen sich die Reutlinger, so Tümmers, nicht zu machen. Bereits vor zwei Jahren, "kaum daß wir angefangen hatten", kamen Vertreter schwäbischer Firmen auf den Campus. Tümmers: "Die wollten uns schon die Leute wegengagieren."

DER SPIEGEL 20/1982
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