25.05.1981

ARCHITEKTURKurze Blüte

Die Geschichte der Glaspaläste des 19. Jahrhunderts - damals Wunderwerke neuer Technik und gesellschaftliche Attraktion - haben zwei West-Berliner jetzt rekonstruiert.
Im Palmenhaus des Kommerzienrats, einem künstlichen Tropenwald unter Glas, verließ Melanie der "tapfere Mut ihrer Seele"; sie wurde schwach.
Es war "eine phantastisch aus Blattkronen gebildete Laube", überall "rankten sich Orchideen, die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten -- es atmete sich wonnig, aber schwer in dieser dichten Laube".
Melanie fühlte, "wie dieser berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte ... Diese weiche, schlaffe Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes lockerte sich und löste sich und fiel".
Daß die Heldin in Theodor Fontanes Roman eines Ehebruchs, "L''Adultera", ausgerechnet in der Schwüle einer privaten Palmensammlung den Halt verlor, war so recht nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts: Die Treibhäuser des Adels und der Geldaristokratie erhitzten die Phantasie der Bürger, die kaum je Zutritt zu den Wintergärten der Privilegierten fanden.
"Man sollte glauben, das ''Decamerone'' sei von Florenz nach Paris versetzt" -- so beschrieb die Illustrierte "Über Land und Meer" im Jahre 1869 die Gesellschaften im Wintergarten der Prinzessin Mathilde Bonaparte, einer Nichte des Kaisers, bei denen sich "der Reichtum der Natur mit dem Glanz des Luxus" verband.
Der Bonapartesche Wintergarten war weit mehr als nur ein Gewächshaus: ein Salon voller Teppiche und Fauteuils, mit Kandelabern, hohen Spiegeln und venezianischen Gläsern -- von "wahrlich feenhaftem Anblick", wenn die Lüster angezündet waren oder das Mondlicht durch das Kristalldach schien und "seine glänzenden Tropfen auf die breiten Blätter der exotischen Pflanzen streute".
Der "wunderbare Reiz, mitten im Winter balsamischen Frühlingshauch zu fühlen", wurde aber auch dem Volk zuteil, als vornehmlich Aktiengesellschaften die Sehnsucht nach tropischen Oasen in den Großstädten zu nutzen begannen.
Zunächst in Paris, dann in fast allen großen Städten Europas entstanden jene öffentlichen Wintergärten, Palmenhäuser und Floren, in denen tropische Natur gegen Eintrittsgeld zu besichtigen war.
Die Geschichte der Kristallpaläste, die Kühnheit ihrer Konstruktion, aber auch ihr meist nur kurzes Dasein dokumentiert nun eine Monographie, die von den West-Berliner Architekten Georg Kohlmaier, 42, und Barna von Sartory, 52, in zehnjähriger Forschungsarbeit zusammengestellt wurde: "Das Glashaus, ein Bautypus des 19. Jahrhunderts".
( Georg Kohlmaier/Barna von Sartory: "Das ) ( Glashaus". Prestel-Verlag, München; 756 ) ( Seiten; 198 Mark. )
In 745 Gesamt- und Detailansichten stellen die Autoren 124 Beispiele vor. Sie lassen ahnen, wie sensationell die oft gigantischen Glas-Eisen-Bauten auf die Menschen im vorigen Jahrhundert gewirkt haben mußten.
Die konventionelle Architektur jener Zeit wiederholte mit schwerem Gemäuer noch einmal die gesamte Stilgeschichte. In den Wohnungen herrschte Dämmerlicht. Hinter Gardinen und Portieren, zwischen dunklen Möbeln und Tapeten führte die obligate Zwergpalme ihr Kümmerdasein. "Wirkliche Hellräume", so Kohlmaier und von Sartory, "gestattete das 19. Jahrhundert nur den Gewächshäusern."
Die gläsernen Klimahüllen, unabhängig von den Bauvorschriften und den ästhetischen Prinzipien ihrer Zeit, entstanden gleichsam auf exterritorialem Gelände der Architektur. Ihre Konstrukteure waren oft experimentierfreudige Dilettanten: Gärtner und Ingenieure, wie die englischen Pioniere John Claudius Loudon und Joseph Paxton, der zur Weltausstellung im Jahre 1851 den riesigen Kristallpalast im Londoner Hyde Park schuf.
Die Glas-Eisen-Konstruktionen waren Ausdruck einer technischen Revolution. Die Gebäude waren komplett vorfabriziert; an der Baustelle wurden nur noch die serienmäßig hergestellten Teile montiert. So konnte der Londoner Kristallpalast aus 4000 Tonnen Eisen und 84 000 Quadratmeter Glas in knapp sieben Monaten zusammengefügt S.209 werden: 563 Meter lang, 124 Meter breit, rund 20 Meter hoch -- siebenmal St. Paul''s Cathedral. Der Münchner Glaspalast, 240 Meter lang, wurde in 87 Tagen aufgestellt. Noch heute, mehr als hundert Jahre danach, bewundern Fachleute die filigrane Konstruktion der Bauten.
Doch erst die neuartige Dampf- und Warmwasserheizung machte die Glashäuser auch zu einem tropischen Theater; in der Umschreibung Kohlmaiers und von Sartorys zu einem "Louvre, in dem Meisterwerke der Natur ausgestellt waren".
Hecken mit tropischen Vögeln gehörten zur Inszenierung wie Wasserfälle und Pflanzenkaskaden, welche die Tragsäulen kaschierten; Falter und Reptilien tummelten sich zwischen Drachenbäumen und Riesenfarnen.
Im Palmenhaus auf der Berliner Pfaueninsel konnte Alexander von Humboldt sich "in die Urwälder des Orinoco zurückversetzt" fühlen. Im Jardin d''Hiver auf den Pariser Champs-Elysees waren im März 1849 mehr als 200 000 blühende Kamelien ausgestellt. In der Flora zu Charlottenburg ergingen sich die Berliner zu Weihnachten unter Bananen.
Die Treibhäuser dienten aber nicht allein der Erbauung, sondern oft mehr noch dem Amüsement. So setzte sich im Jardin d''Hiver am Rond Point die Promenade der Pariser unter dem Glasgewölbe fort -- idealer Ort für ein Rendezvous S.211 an einem Wintertag. Bis zu 8000 Menschen versammelten sich zwischen Fontänen und Felswerk zu Konzerten und Bällen. Herren tranken Schokolade, lasen Zeitung, Damen spielten Billard, man traf sich nach dem Theater -- bei sanfter Hörnermusik von den Galerien.
In der Berliner Flora fanden bei Konzerten sogar bis zu 12 000 Menschen Platz -- herangeschafft von einer Pferdeeisenbahn, die Berlin mit der Flora in Charlottenburg verband.
Die meisten der fragilen Konstruktionen überdauerten nicht ihre Zeit -wie "eine schimmernde Seifenblase, die zerplatzt". Der Pariser Jardin d''Hiver, Werk wie Opfer von Spekulanten, stand nur zwölf Jahre. Die Berliner Flora mußte nach rund einem Vierteljahrhundert der Bodenspekulation weichen. Auch die extravagante, expressionistische Glasgrotte von Pau wurde bald wieder abgerissen. Der Londoner Kristallpalast wurde nach Sydenham versetzt, wo er 1936 ausbrannte. Der Münchner Glaspalast brannte gleichfalls nieder.
Andere Glashäuser stehen -- "gleich Fossilien einer ausgestorbenen Tierart" -- teils baufällig, teils an vergessenem Ort. Lediglich das Palmenhaus im Park Schönbrunn, der einstigen Sommerresidenz des kaiserlichen Hofes vor den Toren Wiens, bietet sich mit seiner schwungvollen Eisenkonstruktion noch wie bei seiner Einweihung dar.
Eine Ursache für den Niedergang der Lustgärten sehen die Autoren in derselben Mobilität, die einst den Glaspalästen zur Blüte verhalf: Der Massentourismus nahm den Wintergärten das Sensationelle -- "die Landschaft des Südens konnte an Ort und Stelle verkauft werden."
S.208 Georg Kohlmaier/Barna von Sartory: "Das Glashaus". Prestel-Verlag, München; 756 Seiten; 198 Mark. *

DER SPIEGEL 22/1981
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