08.12.1980

SPIEGEL Gespräch„Für Moskau geht es um Leben oder Tod“

Der französische Kommunist Jean Elleinstein über Polen und die Folgen für den Westen
SPIEGEL: Herr Elleinstein, Sie haben gesagt: "Wenn die Regime jenseits des Eisernen Vorhangs kommunistisch sein sollen, bin ich kein Kommunist mehr." Da Sie sicherlich noch Kommunist sein wollen -- wie nennen Sie jene Regime?
ELLEINSTEIN: Es sind Regime, die auf der Herrschaft einer neuen Gesellschaftsklasse beruhen. Die ist zwar schon vor 25 Jahren entstanden, so beschrieben von dem Jugoslawen Djilas in seinem Buch "Die neue Klasse". Aber sie ist heute als Klasse klar herausgebildet, weil sie sich soziokulturell reproduziert. Deshalb kann man diese Regime auch bürokratisch nennen.
SPIEGEL: Ist aber die Bürokratie ihr wichtigstes Kennzeichen?
ELLEINSTEIN: Der Ausdruck "bürokratisch" scheint mir unzureichend, denn er verdeckt die totalitäre Seite dieser Regime. Sie sind totalitär, weil der Staat alle Aktivitäten im Leben seiner Bürger beherrscht, weil die neue Klasse den Staat beschlagnahmt hat. Ein tschechoslowakischer Journalist, Jiri Lederer, hat aus Spaß gesagt, es handele sich bei diesen Regimen um Totalitarismus mit menschlichem Antlitz.
SPIEGEL: Worin müßte man das Menschliche in diesem Antlitz sehen?
ELLEINSTEIN: Lederer wollte sagen, daß dieser Totalitarismus weniger blutig sei als der unter Stalin. Das stimmt, aber Totalitarismus bleibt er trotzdem.
SPIEGEL: In Polen ist jetzt jedoch etwas fundamental Neues geschehen: Eine kommunistische Partei ließ freie Gewerkschaften und das Streikrecht zu. Haben Sie gedacht, daß so etwas möglich wäre?
ELLEINSTEIN: Ich habe schon vor einigen Jahren gesagt, daß sich in diesen Systemen Widersprüche aufgetan haben, daß eine immer stärker werdende Arbeiterklasse und Millionen anderer Arbeitnehmer gegen die herrschende Klasse stehen. Wir haben es mit einer neuen Form der Arbeiterbewegung zu tun. Es ist unvermeidlich, daß sich dieser Widerspruch nicht nur in Polen, sondern auch in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei und der Sowjet-Union auftut.
SPIEGEL: Das Beispiel Polens zeigt doch auch drastisch die Sackgasse, in die diese Regime geraten sind: Sie können nicht bleiben, wie sie sind, ohne eine wirtschaftliche Katastrophe zu riskieren. Sie können sich aber auch nicht ändern, ohne den politischen Zerfall zu riskieren. Wohin wird das Ihrer Meinung nach führen?
ELLEINSTEIN: Ich glaube, das wird zu einer Generalkrise des Systems führen, und deshalb war die Sowjet-Union über die Ereignisse in Polen von Anfang an so besorgt.
SPIEGEL: Was heißt das aber? Wird das System zerbrechen?
ELLEINSTEIN: Man muß sich darüber im klaren sein, daß es sich um eine historische Bewegung großen Ausmaßes handelt. Sie wird sich nicht in ein, zwei Jahren vollzogen haben, sondern vielmehr viele Jahre anhalten. Man hat Elemente von ihr schon 1968 in der Tschechoslowakei zu spüren bekommen, aber die Sowjetmacht hat sie zugedeckt, daß heißt, sie ist in die Tschechoslowakei eingefallen, um diese Bewegung zu ersticken. Das ist ihr auch gelungen, aber nur vorläufig und S.144 nur zum Teil. Unter der Asche schwelt das Feuer weiter.
SPIEGEL: Und warum konnten die Sowjets das Feuer nicht endgültig austreten?
ELLEINSTEIN: Weil der Wille zur Veränderung revolutionär ist, denn er sucht das bestehende politische System umzustürzen und dessen gesellschaftliche Grundlagen zu verändern; weil es darum geht, der neuen Klasse die usurpierte Macht wieder zu nehmen.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, daß die Krise im Grunde ein Ausfluß der Rückständigkeit eines Systems ist, in dem sich die Arbeiterklasse erst jetzt das Streikrecht erobert, das sie in den kapitalistischen Ländern schon seit Beginn des Jahrhunderts erobert hat?
ELLEINSTEIN: Ganz genau. Es handelt sich hier sogar um das stärkste Indiz dafür, daß das System gescheitert ist. Dieses System ist allen Ländern Osteuropas mit Ausnahme Jugoslawiens gewaltsam aufgezwungen worden. Die Führer der polnischen kommunistischen Partei wurden vor dem Krieg bis auf einen einzigen erschossen.
( In der Sowjet-Union. -- Red. )
Auch 1945 gab es in Polen noch sehr wenige Kommunisten. Auf den sowjetischen Bajonetten wurde dieser Typ von Regime eingeführt. Das ist die Ursünde des Sowjet-Imperiums.
SPIEGEL: Es ist deshalb aber auch um so erstaunlicher, daß die Sowjets mit ihren Bajonetten nicht gleich wieder in Polen einmarschiert sind. Warum dieses Zögern?
ELLEINSTEIN: Dafür gibt es viele Gründe, womit ich nicht sagen will, daß sie schließlich nicht doch noch einmarschieren. Aber es gibt enorme Schwierigkeiten für sie. Erstens ist Polen ein Land mit über 35 Millionen Einwohnern, also keine Kleinigkeit. Dann ist das Land westlich geprägt, und schließlich handelt es sich um ein Volk, das stolz auf seine nationale Eigenart ist. Obschon es mehr als ein Jahrhundert lang keinen polnischen Staat gegeben hat, ist es diesem Volk gelungen, als Nation zu überleben -lauter schwere Hindernisse für eine sowjetische Invasion.
Damit will ich nicht sagen, daß die Sowjets nicht die militärische Stärke für eine solche Invasion hätten. Aber es würde gewiß zu schweren Kämpfen kommen.
SPIEGEL: Spricht die Tatsache, daß die Russen mit einer Invasion zögerten, nicht aber auch für eine gewisse Evolution?
ELLEINSTEIN: Ich bin da pessimistischer als Sie. Es gibt eine solche Evolution, aber sie vollzieht sich sehr langsam und hat die Leute in der Führungsspitze S.145 der Sowjet-Union noch nicht erreicht. Die verstehen schier gar nichts von dem, was da passiert. Sie stopfen die Breschen, aber sie sind absolut unfähig zu begreifen, wo das Übel sitzt.
SPIEGEL: Mithin schließen Sie eine sowjetische Intervention keinesfalls aus?
ELLEINSTEIN: Nein, absolut nicht. Von Anfang an, in meinem ersten Artikel am 23. August in "Le Monde", habe ich das Problem klar und präzise beim Namen genannt: Die Ereignisse in Polen reißen eine unerträgliche Bresche ins System des sowjetischen Imperiums und ins Innere des Sowjetregimes. Meiner Meinung nach ist es für dieses System eine Frage von Leben oder Tod.
SPIEGEL: Wenn Moskau nun einerseits mit Blick auf die großen Risiken eine militärische Intervention zu vermeiden suchte, sich aber andererseits einer tödlichen Gefahr gegenübersieht, was sollte es dann tun?
ELLEINSTEIN: Breschnew verhält sich ein wenig so, wie US-Präsident Theodore Roosevelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der praktizierte, was man die "Politik des großen Knüppels" nannte, in dem er sagte: Ich zeige meinen großen Knüppel, um ihn nicht benutzen S.146 zu müssen. Entsprechend möchte ich die Haltung der Sowjets und Breschnews jetzt die "Politik des großen Panzers" nennen. Breschnew ist breit genug, um einen Panzer im Rücken haben zu können, und seit den Ereignissen in der Tschechoslowakei weiß man, daß er intervenieren kann.
Jedenfalls muß man verstehen, daß die Polen die Intervention fürchten, und sie haben Grund dazu. Wir Westler sind lediglich Zuschauer, die rufen: "Bravo, bravo, die Polen sollen leben]" Aber welche Hilfe bringen wir den Polen? Und sind wir denn auch in der Lage, Polen mit Waffengewalt zu verteidigen?
SPIEGEL: Wäre es überhaupt vertretbar, Polen mit Waffengewalt verteidigen zu wollen? Der Sinn des westlichen Militärbündnisses ist es doch nicht, ein Land der östlichen Allianz gegen die Vormacht dieser Allianz zu verteidigen.
ELLEINSTEIN: Das ist die Zweiteilung der Welt, die seit Jalta besteht. Im Fall einer sowjetischen Intervention in Polen sollten wir im Westen den politischen Mut aufbringen, unser Mißvergnügen zu manifestieren. Denn lediglich eine Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen würde das Problem nicht lösen. Allein die Angst vor einem Krieg könnte die Russen von einer Intervention in Polen abschrecken.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich nicht, daß die Russen vielmehr sicher sein können, daß der Westen sich jeder kriegerischen Drohung enthalten wird?
ELLEINSTEIN: Die Sowjets haben auch noch eine andere Angst: Das sowjetische Volk hängt sehr an der Politik der Entspannung, und die sowjetischen Führer zögern, dieses Gefühl zu verletzen. Trotz der Tatsache, daß es in der Sowjet-Union keine Demokratie gibt, sind die Sowjetführer nämlich gezwungen, auf die Gefühle ihrer Bürger Rücksicht zu nehmen. Breschnews "Politik des großen Panzers" wird, meine ich, dadurch ein bißchen ausgeglichen, und deshalb tun die Sowjets alles, um Lösungen zu finden, eine direkte Intervention zu vermeiden.
SPIEGEL: Ost-Berlin und Prag sehen in Polen "antisozialistische Kräfte" am Werk und haben ihre Länder gegen Polen abgeschottet. In den letzten Wochen ist der Ton gefährlich scharf geworden. Glauben Sie, daß die Abschottung genügt, um die anderen Staaten Osteuropas vor Ansteckung durch die polnische Krankheit zu schützen?
ELLEINSTEIN: Nein, ganz und gar nicht.
SPIEGEL: Sehen Sie Zeichen für eine solche Ansteckung?
ELLEINSTEIN: Aber ja, zum Beispiel in der Tschechoslowakei. Dort mußte sich Husak in aller Eile in das Kohlerevier von Ostrava begeben, weil dort etwas in Bewegung gekommen war.
Es gibt auch Anzeichen in der DDR, eine Unzufriedenheit in den Betrieben, recht diffus, aber doch vorhanden. Wenn Sie so wollen, besteht da eine Art Wartehaltung. Die Menschen, vor allem der Tschechoslowakei, sagen sich: "Gut, wir haben 1968 den ersten Schlag getan, danach hat man uns abgewürgt; S.148 wir werden ja sehen, was in Polen passiert." Die Schließung der Grenzen kann mithin nur eine prophylaktische Maßnahme sein, die einen "cordon sanitaire" um Polen legen sollte.
SPIEGEL: Sind die Ereignisse in Polen in Ihren Augen auch eine Konsequenz der Politik der Entspannung und der Vereinbarungen von Helsinki, die Moskau so unbedingt schließen wollte? Jetzt erhält es die Rechnung.
ELLEINSTEIN: Ja, ich bin sogar überzeugt, daß die Ereignisse in Polen ohne die Entspannung und die Vereinbarungen von Helsinki nicht möglich gewesen wären. Ich lese da viele Kritiken, nach denen der Westen nicht nach Helsinki hätte gehen sollen. Im Gegenteil, der Westen hat -- ungewollt vielleicht, ich weiß es nicht -auf den fundamentalen Widerspruch des Sowjet-Systems gesetzt, der zwischen dem Volk und der herrschenden Klasse besteht, zwischen dem Fehlen einer politischen Demokratie und dem Willen oder dem Wunsch nach dieser Demokratie. Sie kennen das Wort Lincolns, daß man nicht ein ganzes Volk immerzu zum Narren halten kann ...
SPIEGEL: Vor allem nicht im Zeitalter des Fernsehens, des Tourismus, des Austausches von Ideen und Gütern.
ELLEINSTEIN: Ja, die stalinistische Politik, praktiziert bis 1953, hatte noch Zusammenhalt, einen furchtbaren, blutigen, entsetzlichen Zusammenhalt. Die Sowjet-Union war vom Rest der Welt S.149 durch einen wahrhaft Eisernen Vorhang isoliert, mithin war es leicht, Breschen zu verstopfen. Der grundsätzliche Widerspruch der Sowjets bestand darin, daß sie glaubten, ein paar Breschen öffnen zu können und den Rest des Systems dennoch intakt zu halten.
SPIEGEL: Wenn Sie an der Stelle des polnischen Parteichefs Stanislaw Kania wären, was hätten Sie getan? Er versuchte sich ja an einem ungewöhnlichen politischen Kunststück: Er mußte seinen Arbeitern glaubhaft versprechen, daß sie ihre neuen Freiheiten behalten würden, und er mußte zur gleichen Zeit den Russen ebenso glaubwürdig versichern, daß die Arbeiter eben diese Freiheiten nicht behalten würden.
ELLEINSTEIN: Kania ist ein politischer Pragmatiker, also versuchte er zu verhindern, daß dieser Widerspruch explosiv wird. Aber er betreibt eine Politik, die darin besteht, zurückzuweichen, um besser springen zu können. Er weicht zurück, weicht zurück, weicht zurück. Aber an einer bestimmten Stelle wird seine Situation dramatisch: Entweder er stellt die Arbeiter ganz zufrieden, oder er ist gezwungen, gegen sie die Kräfte der Repression einzusetzen.
SPIEGEL: Herr Elleinstein, was bleibt vom Kommunismus eigentlich noch übrig, wenn man die Diktatur des Proletariats aufgibt, das Machtmonopol, die Herrschaft der Einheitspartei und all das, was Generationen von Kommunisten teuer war?
ELLEINSTEIN: Genau das ist das Problem des Kommunismus.
SPIEGEL: Und des Leninismus.
ELLEINSTEIN: Vom Leninismus bleibt, glaube ich, nicht viel übrig. Was wir jetzt erleben, ist die Zerstörung des Gebäudes, das in der Epoche Lenins und seit Lenin errichtet wurde.
SPIEGEL: Sie selbst sind zu einer gewissen Zeit Leninist und sogar Stalinist gewesen.
ELLEINSTEIN: Ich bin der kommunistischen Partei 1944 beigetreten und habe eine stalinistische Prägung bekommen. Das Werk, aus dem ich meine Kenntnisse bezog, war das Stalins: "Über die Grundlagen des Leninismus". Aber gleichzeitig war ich Intellektueller, und deshalb hatte ich Zugang auch zu anderen Wissensquellen, vor allem nach dem Bericht Chruschtschows über Stalins Verbrechen.
SPIEGEL: Das klingt wie eine Entschuldigung.
ELLEINSTEIN: Nein, das ist eine Erklärung; ich war Stalinist. Was die Sowjet-Union tat, wurde als gut betrachtet, was ihre Gegner taten, als schlecht. Aber 1953, als Stalin starb, war ich glücklicherweise erst 26 Jahre alt und mithin noch jung genug, mich dieser Welt zu entziehen.
SPIEGEL: 1977 haben Sie die Sowjet-Union als ein sozialistisches Land bezeichnet, "in dem ich nicht leben möchte". Würden Sie unter einem Regime leben wollen, wie es sich in Polen entwickelt hat?
ELLEINSTEIN: Zweifellos eher als in der Sowjet-Union, aber von politischer Demokratie sind die Polen doch noch weit entfernt. Noch gibt es keine Pressefreiheit und keine Koalitionsfreiheit, von den Drohungen der Sowjet-Union gegenüber der Unabhängigkeit Polens nicht zu reden. Wenn Sie meinen innersten Gedanken wissen wollen: Ich bin sehr zufrieden damit, daß der liebe Gott mich in Frankreich leben läßt.
SPIEGEL: In dem Augenblick, da die Polen den Sowjet-Kommunismus verabschieden wollen, restalinisiert sich die Kommunistische Partei Frankreichs im Inneren und billigt nach außen die gesamte S.150 Sowjetpolitik, einschließlich der Invasion in Afghanistan. Warum macht die KPF das?
ELLEINSTEIN: Es gibt mehrere Gründe dafür, zunächst einen innenpolitischen: Die KPF hatte Angst davor, gemeinsam mit einer Sozialistischen Partei an die Macht zu kommen, die bei den Wahlen besser abgeschnitten hätte als sie selbst.
SPIEGEL: Also mußte sich die KPF restalinisieren, um verlorenes Gelände wiederzugewinnen?
ELLEINSTEIN: Ja, die KPF hatte Angst davor, ihrer Logik bis zum Ende zu folgen, weil diese Logik mit den traditionellen Positionen des Kommunismus nichts mehr gemein hatte. Es handelte sich noch nicht um die sozialdemokratische Position, aber die Anerkennung des Pluralismus war doch schon einbegriffen und auch politische Demokratie; das heißt Preisgabe des Begriffes von der Diktatur des Proletariats, Unabhängigkeit gegenüber Moskau und schließlich demokratische Regeln im Innern der KPF.
SPIEGEL: War es wirklich unrealistisch, eine solche Entwicklung zu erwarten?
ELLEINSTEIN: Jedenfalls hätte sie die Unterschiede zwischen Sozialisten und Kommunisten vermindert. Seit der Unterzeichnung des Gemeinsamen Programmes zwischen den Linksparteien im Jahre 1972 haben die beiden Parteien einander dasselbe Terrain streitig gemacht.
Von da an hat es die KPF vorgezogen, sich auf sich selbst zurückzuziehen, sich in einer Art Festung einzuschließen und so zu tun, als ob diese Festung belagert würde. Indem sich die Partei wieder stärker auf die Sowjet-Union stützt, legt sie sich ein neues Image zu, das sie von der Sozialistischen Partei wieder klar abhebt. Auf diese Weise stellt die KPF ihre Identität wieder her -- die freilich einem archaischen Bild des Kommunismus entspricht.
SPIEGEL: Zuflucht im Stalinismus, kann das gut sein?
ELLEINSTEIN: Ich würde eher sagen: Zuflucht im Leninismus-Stalinismus. Was die KPF von den Sozialisten unterschieden hat, war ihre Gefolgschaft gegenüber dem Leninismus. Und um ihre Identität noch weiter zu stärken, hatte die KPF das Bedürfnis, sich auf die Sowjet-Union und deren Vorstellungen von internationaler Politik zu stützen.
SPIEGEL: Wie hat sich diese Anpassung an die sowjetische Politik konkret vollzogen? Im Laufe der Jahre haben nicht wenige Intellektuelle die KPF verlassen, aber keiner hat die Mechanismen S.151 enthüllen können -- oder wollen --, nach denen Moskau der KPF seinen Willen auferlegt.
ELLEINSTEIN: Zunächst gibt es da einen ideologischen Mechanismus.
SPIEGEL: Aber wie funktioniert der? Breschnew läßt doch Marchais nicht ständig ans Telephon rufen.
ELLEINSTEIN: Nein, so geschieht es wohl nicht. Vielmehr gibt es da eine ideologische Identität. Man versteht sich, man sieht sich. Delegationen der KPF kommen nach Moskau, Sowjets kommen nach Paris. Dann spielt die sowjetische Botschaft in Paris eine Rolle. Vergessen Sie bitte nicht, daß Moskaus Botschafter hier nicht irgendwer ist. Es ist vielmehr Herr Tscherwonenko, der im ZK der KPdSU sitzt und der 1968 in Prag war. Schließlich gibt es viele Wirtschafts- und Finanzkontakte durch die Unternehmen, die von der KPF kontrolliert werden. All das veranlaßt die KPF, der sowjetischen Politik zu folgen. Sie hat eine Schwenkung nach Osten vollzogen. Sie kennen bestimmt die berühmte Anekdote: "Warum ist die ''Humanite'' teurer als die ''Prawda''? -- wegen der Übersetzungskosten."
SPIEGEL: Wird nach Ihrer Kenntnis im Politbüro der KPF wirklich diskutiert, sagen wir über die Invasion in Afghanistan?
ELLEINSTEIN: Es hat sicherlich Diskussionen gegeben, besonders 1976/ 77, bevor die Entscheidung fiel, mit den Sozialisten zu brechen und die Moskauer Politik wieder zu unterstützen. Schließlich haben die Gegner dieser Politik kapituliert.
SPIEGEL: Die Parteilinie wird von Generalsekretär Georges Marchais bestimmt. Welche persönlichen Eigenschaften machen ihn eigentlich zum Chef?
ELLEINSTEIN: Zunächst die Tatsache, daß Marchais sehr gut im Fernsehen aufzutreten weiß. Er bringt seine Gedanken mit Nachdruck vor. Persönlich habe ich da zwar Zweifel, denn er wirkt eher wie ein Spaßmacher, und viele Stimmen dürfte er kaum bringen. Aber im Kreis der eher farblosen Funktionäre ist er so was wie ein bunter Vogel. Und er ist voller Härte und Energie, in der Lage, seinen Willen anderen aufzuerlegen. Und mit solchen Eigenschaften gelingt es einem, sich in einem kollektiven System durchzusetzen.
SPIEGEL: Dem Personenkult, der in Moskau um Breschnew getrieben wird, entspricht in Frankreichs KP der Personenkult um Marchais. Warum gibt es in der KPF nicht mehr Opposition dagegen?
ELLEINSTEIN: Zunächst, weil das Präsidentschaftssystem in Frankreich S.152 zu einer Personalisierung der politischen Macht überhaupt geführt hat. Immerhin aber gibt es trotzdem Widerstand gegen den Personenkult um Marchais. In vielen Sektionen der Partei wurden Säuberungen durchgeführt, wurden die Leute ausgeschlossen, die sich Marchais'' Politik widersetzten.
SPIEGEL: All das hat aber der Partei offenbar nicht geschadet.
ELLEINSTEIN: Bei den letzten Wahlen hat die KP einen relativ bedeutenden Stimmenanteil verloren, und das nicht durch Zufall. Die Arbeiter verlassen die KPF auf Zehenspitzen, und man kann keineswegs ausschließen, daß die KPF bei den nächsten Wahlen noch mehr Stimmen verliert.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, wegen der Politik von Marchais?
ELLEINSTEIN: Es ist nicht allein die Politik von Marchais, sondern die der ganzen Führungsgruppe, die sich der Realität der heutigen Welt keineswegs angepaßt hat. Vielmehr wurde die Vergangenheit in diese heutige Welt hineingetragen.
SPIEGEL: Wie erklären Sie dann aber, daß immer noch um die 20 Prozent kommunistisch wählen?
ELLEINSTEIN: Weil die Kommunisten doch noch immer die Herolde sind, Sprachrohre für die Forderungen der Arbeiter. Das rührt die Arbeiter an.
SPIEGEL: Hat es Ihnen in der Partei jemals Probleme gemacht, daß Sie Jude sind?
ELLEINSTEIN: Ja, manchmal gab es Bemerkungen von der Art, es sei ja nicht erstaunlich, daß ich die Politik der Partei kritisiere, weil ich Jude sei. Man hat sogar angedeutet, ich sei Zionist. Die Parteiführung möchte nicht den Eindruck erwecken, daß sie zu sehr dem Einfluß von Juden unterliege. Nach dem Attentat auf die Pariser Synagoge hat die Parteiführung es jedenfalls vermieden, von Antisemitismus zu sprechen, und sich darauf beschränkt, gegen den Rassismus im Allgemeinen Stellung zu beziehen.
SPIEGEL: Lange Zeit haben Sie wohl geglaubt, daß man die KPF reformieren, eine demokratische Organisation aus ihr machen könne. Glauben Sie es immer noch?
ELLEINSTEIN: Ich antworte darauf frei nach de Gaulle: "Ich habe eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg." Es gibt zwar keine Hoffnung auf einen Wechsel in der Parteiführung. Diese Parteiführung ist unfähig, einen Weg der Erneuerung einzuschlagen.
Dagegen aber stehen Zehntausende von kommunistischen Parteimitgliedern, die der Sowjet-Union gegenüber zutiefst kritisch eingestellt sind, die durch die Ereignisse in Polen erschüttert werden und die nicht glauben, daß die Bilanz der kommunistischen Länder "global genommen positiv" sei, wie Marchais gesagt hat. Diese Parteimitglieder erkennen, daß man sie belügt.
SPIEGEL: Offenbar sind Sie der gleichen Meinung, denn Sie haben öffentlich S.153 erklärt, daß Sie zweifelten, ob man bei den Präsidentschaftswahlen im April für Marchais stimmen soll. Warum, glauben Sie, hat man Sie eigentlich noch nicht ausgeschlossen wie das Politbüromitglied Roger Garaudy 1970?
ELLEINSTEIN: Die Parteiführung hat es vorgezogen, gegen mich das "administrative Verfahren" anzuwenden, indem sie erklärte, ich hätte mich außerhalb der Partei gestellt. Das hat für sie den Vorteil, daß eine politische Debatte vermieden wird, vor der sie Angst hat.
Denn wenn die Parteiführung mich ausschließen würde, wäre sie gezwungen, mich anzuhören und also eine Debatte zu beginnen.
1970, als Garaudy ausgeschlossen wurde, stand er allein, während es heute in der KPF eine sehr bedeutende kritische Bewegung gibt. Ich will damit nicht sagen, daß meine Anhänger sehr zahlreich wären, aber es gibt Tausende von ratlosen Kommunisten, die sich jetzt Fragen stellen.
SPIEGEL: So rollt denn seit Monaten das komische Schauspiel ab, daß Sie die Partei herausfordern, Sie auszuschließen, und die Partei Sie herausfordert, doch auszutreten. Warum wollen Sie dieser Kirche nicht den Rücken kehren, die Sie als Ketzer betrachtet?
ELLEINSTEIN: Die KPF ist nicht das Eigentum der Parteiführung. Die Parteiführung hat in der Partei die Macht etwa so an sich gebracht, wie in der Sowjet-Union die herrschende Klasse die Macht an sich gebracht hat. Deswegen die Partei verlassen zu wollen hieße, Marchais und seinen Freunden freie Bahn zu geben.
Im Prinzip habe ich mich dem Willen von Marchais nicht zu unterwerfen. Wenn die Sowjet-Union zu kritisieren bedeutet, sich außerhalb der Partei zu stellen, gut, dann habe ich mich außerhalb der Partei gestellt. Wenn für politische Demokratie zu kämpfen bedeutet, sich außerhalb der Partei zu stellen, gut, dann habe ich mich außerhalb der Partei gestellt. Aber ich habe keineswegs die Absicht, Marchais freie Bahn zu lassen.
SPIEGEL: Muß man daraus schließen, daß Sie bei den Präsidentschaftswahlen tatsächlich nicht für den Kandidaten der KPF stimmen, der Georges Marchais heißt?
ELLEINSTEIN: Meine Meinung ist, daß man nicht der Partei, wohl aber der politischen Richtung der Parteispitze eine Niederlage bereiten muß. Es wäre unredlich, der Öffentlichkeit gegenüber zu verbergen, daß ich die katastrophale Politik der KPF entschieden verurteile. Man kann nur wünschen, daß die Wähler die prosowjetische, demagogische und antisozialistische Politik der KPF gleichfalls klar verurteilen.
SPIEGEL: Herr Elleinstein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
S.144 In der Sowjet-Union. -- Red. * S.146 Marschall Rokossowski (M.) mit dem polnischen General Rola-Zymierski in Lublin. *

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