05.10.1981

RUDOLF AUGSTEINAlso sprach Caspar Weinberger

Das Mißtrauen zwischen vielen Europäern -- einer "denkenden Minderheit"? -- und ihrer Schutzmacht USA ist, wie jeder Tag zeigt, überaus begründet. Jeder Tag bringt "Statements", die, da und solange man sie ernst nehmen muß, den Gedanken an Krieg nahelegen, den Gedanken eher an den großen als an den begrenzten Krieg.
Kriege entstehen meist nicht durch schiere Angriffslust einer Person oder Clique (klassische Fälle der Neuzeit: Hitler oder Napoleon). Sie entstehen oft durch schiere Unkenntnis (siehe jetzt Afghanistan, siehe früher Vietnam). Sie entstehen dadurch, daß man die Absichten, die Möglichkeiten, die Interessen des Gegners falsch einschätzt oder, aus ideologischer Voreingenommenheit heraus, schlicht ignoriert. Sie entstehen durch Unkenntnis der menschlichen Psyche, oder gar durch Nicht-wahrhaben-wollen, weil man ja eh schon alles gewußt hat.
"lso sprach Caspar Weinberger zum SPIEGEL: WEINBERGER: Die " " Sowjet-Union ist ein aggressiver, imperialistischer, " " repressiver Staat. Die Geschichte, besonders die russische " " Geschichte, kennt viele Beispiele solcher Regime. Wenn das " " Volk unruhig wurde, zettelten die Herrscher gemeinhin einen " " Krieg an, um das Volk wieder hinter sich zu bringen und von " der Repression im eigenen Land abzulenken.
" Wir müssen sicherstellen, daß wir stark genug sind, die " " sowjetischen Oligarchen davon abzuhalten, an einen Angriff " " auf den Westen auch nur zu denken, der den durch das " " Scheitern ihrer Revolution entstandenen Druck mindern soll. " " Wir müssen sicherstellen, daß dieses sowjetische Imperium, " " wenn es denn aufgrund seiner eigenen Widersprüche " " zusammenbricht, das mit einem Winseln tut und nicht mit einem " " großen Knall. "
Weinberger ist Ronald Reagans wichtigster Minister. Man wüßte gern, wann, seit Gründung der USA 1776, die russischen Herrscher einen Krieg angezettelt hätten, "um das Volk wieder hinter sich zu bringen und von der Repression im eigenen Lande abzulenken".
Meint Weinberger den Krim-Krieg von 1853 bis 1856? Das Regime des Zaren Nikolaus stand zu Beginn des Krieges solider gegründet als das des Kriegsteilnehmers Napoleon III., der seine usurpatorische Stellung 1853 festigen konnte und der 1870, nach seinem vergeblichen Abenteuer in Mexiko, den Versuch, das Volk durch Krieg gegen Deutschland hinter sich zu halten, unterging. So war's, einige Schulaufgaben könnten nicht schaden.
Der Krieg Rußlands gegen Japan 1904, durch Vermittlung des Präsidenten Theodore Roosevelt 1905 beendet, war von beiden Seiten ein Raubkrieg um die Mandschurei und Korea, populär in Japan, nicht im europäischen Rußland. Der "Große Meyer" von 1907 schreibt: "Während (1904) immer deutlicher die Revolution (von 1905) sich vorbereitete, wurde Rußland durch einen Krieg mit Japan überrascht."
Nicht ganz so. Meyers Lexikon von 1978 weiß es besser: Rußland habe damals durch einen "kleinen und siegreichen Krieg" von den innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken wollen. Dies war ohne Zweifel die erklärte Absicht des einflußreichen Innenministers Plehwe. Also hätte Weinberger zumindest einen Punkt gut? Nein. Die "Sowjet-Enzyklopädie" entrüstet sich: Gegen alles Völkerrecht, in" " verräterischer Weise und ohne vorherige Kriegserklärung, noch " " während der Verhandlungen, überfiel die japanische Flotte " " unter dem Kommando des Admirals Togo am 26. Januar 1904 ganz " " unvermutet das auf der Reede von Port Arthur liegende " " russische Geschwader. "
Pearl Harbor hat also Tradition. Aber auch die russische Regierung scheint den Krieg gewollt zu haben. Die Zarenclique und das Großbürgertum wollten sich im Fernen Osten bereichern. Für die gegenwärtige Konfrontation zwischen den beiden atomaren Weltmächten gibt der Russisch-Japanische Krieg, der von den USA und dem Deutschen Kaiserreich herzlich begrüßt wurde, Null Komma nichts her.
Den Ersten Weltkrieg haben die Russen so wenig angefangen wie den Zweiten. Jedenfalls nicht, um inneren Wirren zu entgehen. Nicht so sehr die Rücksicht Frankreichs auf die inneren Schwächen Rußlands hat zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beigetragen, vielmehr die Rücksicht Deutschlands auf die Schwächen der k.u.k. Monarchie.
Den Krieg gegen die Finnen 1939/ 40 haben die Sowjets begonnen, um Leningrad gegen Hitler zu sichern, kein rundherum unvernünftiges Vorhaben. Und daß die Sowjets aus innenpolitischen Gründen den Führer Adolf Hitler überfallen hätten, behauptet selbst "Cap the Knife" nicht.
Der Krieg gegen den äußeren Feind, um den inneren niederzuhalten, ist ein probates Rezept von alters her, das auch Carl von Clausewitz (in "Nachrichten über Preußen in seiner großen Katastrophe") seinen "reußischen Militärmonarchen empfiehlt: Eine einfache Monarchie, "n " welcher das politische Leben des Bürgers nicht durch " " Teilnahme an den öffentlichen Institutionen hervorgerufen " " wird, muß von Zeit zu Zeit Krieg haben, oder es muß " " wenigstens die Regierung in einer kriegerischen Stellung " " überall keck vorschreiten, überall mit Ehre und Erfolg " " auftreten, gefürchtet, geachtet, im Besitz des Vertrauens " " ihrer Klientschaft sein, damit dem Stolz und Selbstgefühl des " " Bürgers geschmeichelt werde. "
Nur, Russen und Amerikaner hatten seit Bestehen der USA keine Not, auf dieses klassische Rezept zurückzugreifen. Sie hatten mit ihren "natürlichen" Eroberungen vollauf zu tun, die zudem meist populär waren. "Periclitirt", über die Grenzen ihres ihnen von Gott (angeblich) zugewiesenen Herrschaftsgebietes hinaus vorgedrungen, ist der eine in Vietnam, der andere in Europa. Die USA konnten sich aus Vietnam zurückziehen, die Sowjets können aus der DDR und Polen nicht heraus, ohne daß ihr Imperium zerbricht.
Beide Mächte "periclitiren" unaufhörlich, keine von ihnen tut es, um inneren Wirren zu entgehen. Gibt es denn nicht einen Privatlehrer für den hartnasigen "Cap the Knife"? 1907, so könnte Weinberger im großen Meyer von heute lesen, zogen sich die Russen aus Afghanistan, einem Teil ihrer gottgegebenen Interessensphäre, zurück. Sie ermöglichten so die Aussöhnung mit England, auf dessen Seite die USA 1917 in den Krieg eintraten.
Es bedarf mithin einer äußerst seltenen prognostischen Gabe, um den sowjetischen Oligarchen etwas zu unterstellen, was quer durch die Geschichte oft genug praktiziert wurde, nur eben von den Russen weniger als von anderen, und gar nie von den russischen Bolschewiken.
Weinberger unterstellt ihnen konkret eine Selbstmord-Gesinnung, denn Selbstmord wäre es, an einen Angriff auf den Westen auch nur zu denken, um den durch das Scheitern ihrer Revolution entstandenen Druck zu mindern. An einen Angriff zu denken, das müßte ihren Generalstäblern (wie denen der USA auch) erlaubt sein, solange ihre Oligarchen nicht daran denken, durch kollektiven Selbstmord die Ordnung in S.21 Polen wiederherzustellen. Und hier haben wir bislang nicht das mindeste Anzeichen.
Wohl aber gibt es Anzeichen dafür, daß Weinberger, wenn er das sowjetische Imperium "mit einem Winseln" ("whimper") zusammenbrechen sieht, hier einem persönlichen Wunschtraum nachhängt, wie man ihm im Kreml nicht mehr begegnet. Sometimes wishes come true, aber anders als man denkt.
Es ist gefährlich, in einer herausgehobenen amtlichen Stellung öffentlich Wünsche und Träume miteinander zu vermengen. Es ist gefährlich, und gewiß weder dem Frieden noch Rüstungskontrollverhandlungen dienlich, den anderen als gewichtigen Partner nicht mehr ernst zu nehmen, oder ihn ständig als einen Koloß auf tönernen Füßen abzubildnern, wo man doch de facto ernsthaft mit ihm zu verhandeln vorgibt, wenn nicht gar vorhat.
Was Weinberger sichergestellt wissen will, ist eine pure Unmöglichkeit. Er will sicherstellen, daß das sowjetische Imperium, wenn es denn aufgrund seiner inneren Widersprüche zusammenbricht -- davon geht die Regierung Ronald Reagans, dem Herrgott als Kiebitz in die Karten guckend, unverdrossen aus --, mit einem Winseln, und nicht mit einem Knall zusammenbrechen wird. Keine US-Regierung kann das sicherstellen, zumal bis dahin noch viel Wolga-Wasser Stalingrad passiert haben wird.
Wohl aber kann die mächtigste Regierung, wie diese hier, objektiv den Knall befördern, den zu verhindern sie vorhat. Dies ist keine Vernunftpolitik mehr, sondern Besessenheit, besessene Idee(ologie). Traurig, sagen zu müssen, daß unsere Sicherheit noch am ehesten gewährleistet wird, wenn Ronald Reagan mit seiner (zu) riskanten Wirtschaftspolitik scheitert: auch dies schon eine mittlere Katastrophe.
PS.: Um dem Anschein von Kriegshysterie zu entgehen, sei angemerkt, daß nicht nur Newcomer einem Irrtum erliegen können. George Kennan, Federführer der Eindämmungspolitik 1947 und heute ferventer Gegner der amerikanischen Regierungspolitik, beging damals den gleichen Irrtum wie Caspar Weinberger, als er in "Foreign Affairs" schrieb: "Es steht durchaus in der Macht der Vereinigten Staaten, die sachlichen Schwierigkeiten, unter denen die Sowjet-Politik arbeiten muß, ganz außerordentlich zu steigern und so dem Kreml ein weit größeres Maß an Zurückhaltung und Vorsicht aufzuzwingen, als er in den letzten Jahren zu beobachten genötigt war. Das aber würde die Tendenzen fördern, die schließlich entweder zum Zerfall oder zu einer allmählichen Milderung der Sowjet-Herrschaft führen müssen." Ob er das heute noch so schreiben würde?
S.20
WEINBERGER: Die Sowjet-Union ist ein aggressiver, imperialistischer,
repressiver Staat. Die Geschichte, besonders die russische
Geschichte, kennt viele Beispiele solcher Regime. Wenn das Volk
unruhig wurde, zettelten die Herrscher gemeinhin einen Krieg an, um
das Volk wieder hinter sich zu bringen und von der Repression im
eigenen Land abzulenken.
Wir müssen sicherstellen, daß wir stark genug sind, die sowjetischen
Oligarchen davon abzuhalten, an einen Angriff auf den Westen auch
nur zu denken, der den durch das Scheitern ihrer Revolution
entstandenen Druck mindern soll. Wir müssen sicherstellen, daß
dieses sowjetische Imperium, wenn es denn aufgrund seiner eigenen
Widersprüche zusammenbricht, das mit einem Winseln tut und nicht mit
einem großen Knall.
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Gegen alles Völkerrecht, in verräterischer Weise und ohne vorherige
Kriegserklärung, noch während der Verhandlungen, überfiel die
japanische Flotte unter dem Kommando des Admirals Togo am 26. Januar
1904 ganz unvermutet das auf der Reede von Port Arthur liegende
russische Geschwader.
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Eine einfache Monarchie, in welcher das politische Leben des Bürgers
nicht durch Teilnahme an den öffentlichen Institutionen
hervorgerufen wird, muß von Zeit zu Zeit Krieg haben, oder es muß
wenigstens die Regierung in einer kriegerischen Stellung überall
keck vorschreiten, überall mit Ehre und Erfolg auftreten,
gefürchtet, geachtet, im Besitz des Vertrauens ihrer Klientschaft
sein, damit dem Stolz und Selbstgefühl des Bürgers geschmeichelt
werde.
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Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 41/1981
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