05.10.1981

„Die Kirche ist uns völlig Wurscht“

SPIEGEL-Interview mit dem Kirchenrechtler Horst Herrmann
SPIEGEL: Herr Professor, Sie gehörten als Schüler, Theologie-Student und junger Priester zu einer der konservativsten Bewegungen, die es in der katholischen Kirche gibt, zur Schönstatt-Bewegung. Dann wandelten Sie sich allmählich zum Kirchenkritiker. Nun hängen Sie nach 17 Priesterjahren den schwarzen Rock ganz an den Nagel. Was ist der Grund?
HERRMANN: Na ja, ich war ursprünglich mal davon überzeugt, daß nichts die Menschen so verbessern könnte wie die Kirche. Aber im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, daß nichts so ungeeignet zur Verbesserung der Menschheit ist wie die Kirche.
SPIEGEL: Inwiefern ungeeignet?
HERRMANN: Statt ein Sammelbecken für menschliche Entfaltung und Befrejung zu sein, terrorisiert die Kirche ihre Mitglieder mit selbstgestrickten Zwängen und Schranken, die schon viele Menschen kaputtgemacht haben.
SPIEGEL: Auch die Zwänge, denen Sie sich am Freitag mit dem Gang zum Standesamt unterwerfen, haben schon manchen kaputtgemacht.
HERRMANN: Meine Frau und ich, wir würden uns nicht wohl fühlen, wenn wir das anders machen würden.
SPIEGEL: Sie haben jahrelang für eine Reform der Kirche getrommelt -offenbar doch, weil Sie eine Reform für möglich hielten. Sind Sie da jetzt anderer Meinung?
HERRMANN: Kirche bleibt Kirche, das ist mir mittlerweile klargeworden. Es sind ja nicht nur ein paar Bischöfe, die sich ändern müßten. Die Struktur der Kirche ist unmoralisch. Eine Kirche, die vorgibt, ihre Autorität und Wahrheit von Gott persönlich zu beziehen, ist eben ein Unding. Das muß zu Unmenschlichkeiten führen.
SPIEGEL: Die Kirche hat Ihrer Meinung nach also ausgedient?
HERRMANN: Sie bleibt natürlich für viele so eine Art Tabernakel des Unterbewußten, des Religiösen. Aber da leistet sie nicht mehr als ein afrikanischer Medizinmann. Für die Menschheit wäre es heilsamer, wenn diese Kirche so schnell wie möglich absterben würde.
SPIEGEL: Päpste werden nicht mehr benötigt?
HERRMANN: Sehen Sie sich Johannes Paul II. an. Der ist doch nur eine Wunderkerze, die schon über die Hälfte abgebrannt ist. Nehmen Sie nur seine Haltung zum Zölibat. Bis zu Papst Wojtyla hielt die Kirche zwar am Zölibatsgesetz fest, ließ aber die Laisierung wenigstens bei dem zu, der darum bat. Der Menschenrechtspapst Wojtyla dagegen läßt nicht einmal so viel zu. Nur noch ganz wenige Laisierungsanträge werden genehmigt. Priester sind also jetzt mehr noch als zuvor gezwungen, den Zölibat faktisch zu unterlaufen, etwa in Form einer heimlichen Liaison.
SPIEGEL: Sie führen Ihre Liaison jetzt über in eine standesamtliche Heirat, ohne kirchliche Genehmigung. Damit sind Sie und Ihre Frau nach katholischem Kirchenrecht automatisch exkommuniziert, das heißt, wichtiger Rechte als Kirchenmitglied beraubt. Warum treten Sie da nicht gleich aus der Kirche aus? S.58
HERRMANN: Das wäre zweifellos konsequent. Und das machen wir auch, je nachdem wie die kirchliche Hierarchie auf unsere Heirat reagiert. Wenn die uns komisch kommen, kriegen sie postwendend zwei ausgefüllte Austrittsformulare als Antwort.
SPIEGEL: Die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche ist Ihnen also nicht mehr viel wert, aber ...
HERRMANN: Nicht mehr viel? Die ist mir vollkommen Wurscht. Warum sollen wir uns noch zu einem Kreis von Menschen zählen wollen, der das Evangelium von der Liebe ständig verrät?
SPIEGEL: ... aber würden Sie bei einem so radikalen Schnitt nicht auch eine Menge Freunde verlieren?
HERRMANN: Ach, wissen Sie, für jeden katholischen Freund, den Sie verlieren, gewinnen Sie zehn nichtkatholische hinzu. Ich habe jedenfalls in den wenigen Monaten seit April mehr Menschlichkeit im Münsteraner Institut für Soziologie erfahren als vorher in zehn Jahren Theologischer Fakultät. Es gibt nichts Kälteres als katholische Geistliche.
SPIEGEL: Wenn Ihnen die Kirche schon nichts mehr bedeutet, würden Sie sich dennoch weiterhin als religiös bezeichnen?
HERRMANN: Was Religion ist, weiß ich längst nicht mehr so genau wie früher. Ich fühle mich als Mensch. Mich interessiert nicht mehr so sehr das Jenseits oder Gott, eher die Frage: Wie mache ich meiner Umwelt das Leben erträglicher? Wenn es einen Gott gibt, den das freut, dann soll's mir recht sein.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht mehr an Gott?
HERRMANN: Mein Leben wäre ohne einen Glauben an Gott angenehmer. Aber ich kann auch nicht sagen, daß ich völlig in die Tiefe stürzte, wenn ich den Glauben nicht mehr hätte.
SPIEGEL: Glauben Sie denn noch an so etwas wie an einen letzten Sinn der Welt?
HERRMANN: An einen letzten Sinn -- weiß ich nicht. Ich empfinde es als schön, mit meiner Frau zusammenzuleben, eine schöne Wohnung zu haben, mich bekochen zu lassen, meinen Papagei Pascal und meinen Hund Tölpel zu kraulen, Studenten auszubilden, Leuten zu helfen. Das ist schon eine ganze Menge Sinn.
SPIEGEL: Manche Ihrer Gegner haben Ihnen vorgeworfen, daß Sie ohne Maß kritisieren, zu viel Schaum vor dem Mund haben.
HERRMANN: Lieber zu viel Schaum vor dem Mund als zu viel Dreck am Stecken.
SPIEGEL: Was haben Sie in Zukunft vor, werden Sie sich weiter mit der Kirche beschäftigen?
HERRMANN: Als Professor für "Institutionenlehre unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte, des Rechts und der Soziologie religiöser Institutionen" werde ich die Kirche mit milder Distanz behandeln. Im übrigen werde ich meine antikirchliche Tätigkeit künftig auf das Lesen der Heiligen Schrift beschränken.

DER SPIEGEL 41/1981
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