11.01.1982

UNTERNEHMEREwig was Neues

Innerhalb weniger Jahre sanierte ein jugendlicher Manager die nahezu bankrotte Textil- und Chemiefirma Pegulan.
In Frankenthal, einem gemeinhin ruhigen Städtchen in der Pfalz, kehren neuerdings aufregende Gäste ein.
Rund 800 Menschen drängten sich in der Aula des örtlichen Einstein-Gymnasiums, um mit dem abtrünnigen Bundeswehr-Generalmajor Gert Bastian über Reagan, Raketen und Russen zu diskutieren.
Die Schriftstellerin Esther Vilar erzählte den Pfälzern, wie schlecht es die Alten im Lande haben. Und Mohammad-Mehdi Navab-Motlagh, Botschafter des Ajatollah Chomeini in der Bundesrepublik, durfte die iranische Revolution in Frankenthal erläutern.
Eingeladen zum Vortrag in der Pfalz hatte stets der zweitgrößte Arbeitgeber am Ort, die Teppich- und Chemiefirma Pegulan-Werke AG. Die Firma bittet zu ihren "Frankenthaler Gesprächen", weil "ein Unternehmen" nach Ansicht von Firmen-Chef Dieter Vogel nicht nur eine Fabrik, "sondern eine gesellschaftliche Veranstaltung ist".
Diese Erkenntnis brachte Vogel nicht nur Freunde. Die örtliche CDU beklagte sich über das unübliche Tun. Ein Manager-Kollege aus dem Ort bat, bei "der nächsten Zusammenkunft des Industriekreises" doch mal die "einseitige Auswahl der Referenten" zu diskutieren. Im Frankenthaler Stadtrat stritten mißtrauische Honoratioren, ob dem Ansehen der Gemeinde nicht Schaden zugefügt werde.
Vogel, ein schlaksiger, fast zwei Meter großer Maschinenbau-Ingenieur, läßt sich davon nicht stören. "Das ist mein Bier." Das Selbstbewußtsein des gerade 40jährigen Firmenchefs rührt aus seinen bemerkenswerten geschäftlichen Erfolgen: Innerhalb weniger Jahre hat Vogel aus einem nahezu bankrotten Unternehmen eine blühende Firmengruppe gefügt.
Vor Vogels Antritt hatte der Frankenthaler Patriarch Fritz Ries, ein guter Freund von Franz Josef Strauß, die Firma zu Boden gewirtschaftet. Ries, der sich zugute hielt, 1934 das letzte Pistolenduell in Deutschland ausgetragen zu haben, hatte das Unternehmen wie eine Kadettenanstalt geführt und dabei die Trends in dem schnelllebigen Teppichmarkt verpaßt. Als die Banken den grantigen Inhaber endgültig aus der Firma drängten, setzte sich Ries vor einem Spiegel die Pistole an die Schläfe und drückte ab.
Schon vor dem Selbstmord des Gründers war die Firma allerdings auf dem besten Weg aus der Krise - dank der guten Idee eines anderen Ries-Freunds. Der später ermordete Arbeitgeberfunktionär Hanns Martin Schleyer hatte Vogel nach Frankenthal empfohlen.
Der diente damals dem Gütersloher Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn. Mit 31 Jahren war der promovierte Ingenieur bereits Leiter der technischen Betriebe in Europas größtem Medienkonzern. Mit 33 ging Vogel als stellvertretendes Vorstandsmitglied zu Pegulan. Er hatte festgestellt, daß bei "Bertelsmann die Vorgesetzten alle so jung waren".
Das war bei Pegulan bald nicht anders: 1978, gut drei Jahre nach Vogels Dienstantritt, hieß der Chef Dieter Vogel, 36.
In drei Jahren hatte der jugendliche Manager die Firma völlig umgekrempelt. Bis auf den Ries-Sohn Thomas, mit dem Vogel von Anfang an gut konnte, wurde der Vorstand ausgewechselt. Das buntgewürfelte Pegulan-Produktsortiment faßte der neue Chef zusammen und schnitt es auf verschiedene Kundenkreise S.44 zu: teure Fußböden Marke "Wehra" für den feinen Haushalt, die Billig-Marke "Febolit" für Discount-Läden. Mittelprächtiges verkauft Vogel unter dem Stammnamen "Pegulan" über den Fachhandel.
Seine Verkäufer trieb Vogel an, die Abnehmer ständig mit neuen Produkten auf Trab zu halten: "Früher sahen die uns alle zwei Jahre, jetzt haben wir ewig was Neues."
Beim Durchstöbern des Ries-Imperiums fand Vogel eine schwäbische Filiale, die Plastikeimer und Bierkästen preßte. Kurzerhand wurde die Produktion umgestellt: Gepreßt wird immer noch, aber inzwischen Kunststoff-Teile für die Autoindustrie. Und da immer mehr Teile am Auto aus Kunststoff sind, floriert das Geschäft trotz Auto-Flaute.
Zuweilen hat der emsige Chef, der "seit elf Jahren jeden Tag zwölf Stunden" arbeitet, auch Glück. Per Zufall entwickelten Pegulan-Techniker ein Verfahren, wie sich PVC-Fußböden ohne Asbest in Form halten lassen. Kurz darauf verbot der Bonner Innenminister Gerhart Baum den krebserregenden Stoff im Fußboden: Pegulan-Mann Vogel war als erster mit dem neuen Produkt am Markt.
Eine glückliche Fügung verhalf Vogel zu einem angenehmen Großaktionär. Seit dem Rückzug von Ries hielten die kreditgebenden Banken gut 50 Prozent des Pegulan-Kapitals; es diente ihnen als Sicherheit für die Schulden des ausgeschiedenen Patriarchen. Als ruchbar wurde, daß die Pegulan-Mehrheit zu haben war, meldete sich neben allerlei "komischen Leuten, die zu Geld gekommen waren" (Vogel), auch ein überaus seriöser Geldgeber: die Zigarettenfabrik British American Tobacco (BAT).
Die Londoner Firma hatte eine Untersuchung über die Märkte der Zukunft angestellt und war dabei auf den Heimausstatter Pegulan gestoßen. In schwierigeren Zeiten, so die schlüssige Analyse, würden die Menschen sich mehr in ihre vier Wände zurückziehen und daher auch dort mehr Geld ausgeben. Für rund 46 Millionen Mark kaufte die deutsche BAT-Holding Interversa die Pegulan-Mehrheit.
So ein gutes Geschäft, das stellte sich bald heraus, machen auch Zigarettenhersteller nur selten. Aus dem maroden Unternehmen, das Mitte der siebziger Jahre mit 2400 Werktätigen nur knapp 300 Millionen Mark Umsatz erwirtschaftete, machte Vogel einen strammen Konzern mit über 5000 Beschäftigten und mehr als 800 Millionen Umsatz. Mit zwei Firmen-Zukäufen, die offiziell der Interversa gehören, aber zum Pegulan-Sortiment zählen, setzt Vogel inzwischen mehr als eine Milliarde Mark um.
Und neuerdings tut der allseits Gelobte, der inzwischen auch im Interversa-Vorstand sitzt, noch Gutes. Als Esther Vilar über die Leiden der alten Menschen referierte, "ist uns was eingefallen". Vogel handelte für die betagten Pegulan-Beschäftigten mit dem Betriebsrat einen gleitenden Abgang in die Rente aus. 60jährige ("Damen und Behinderte mit 58") können statt acht Stunden täglich nur sechs arbeiten und bekommen sieben Stunden bezahlt. Mit 63 Jahren läßt sich die Arbeitszeit auf vier Stunden reduzieren, bezahlt werden sechs.
Das, so findet Vogel in einer Mischung aus Spott und Manager-Kauderwelsch, "ist gut für die Sozialhygiene des Betriebs und das Corporate image".
Damit das Image auch im örtlichen Unternehmerzirkel wieder in die Reihe kommt, ist ein unverdächtiger Gast zu den "Frankenthaler Gesprächen" eingeladen: der rechtsgewirkte Otto von Habsburg. Aber dann kommt auch bald Erhard Eppler.
S.43 Mit Ehefrau. *

DER SPIEGEL 2/1982
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