27.02.2016

GeschichteGierig nach Geschenken

War der Hunnenkönig Attila wirklich nur ein brutaler Krieger im Blutrausch? Ein Althistoriker beschreibt den Eroberer als peniblen Bürokraten und Diplomaten.
Wie bei einem Feldherrn nicht anders zu erwarten war, starb der Hunnenkönig Attila in einer Blutlache. Das Ende des als äußerst grausam geltenden Herrschers im Jahr 453 sei allerdings "schmählich" verlaufen, wie der römische Geschichtsschreiber Priskos notierte. Der Hunnenführer erstickte im Vollrausch – an einem Schwall Blut, der aus seiner Nase geschossen war.
Tödliches Nasenbluten war gewiss ein überraschendes Schicksal für einen Mann, dessen Ruf als blutdürstiger Schlächter die antike Welt in Furcht versetzt hatte. Der gotische Gelehrte Jordanes beschrieb den Hunnen als "Schrecken aller Länder", mit "platter Nase und hässlicher Hautfarbe". Erleichtert kommentierte der damalige Papst Leo das Ableben Attilas: "Ich freue mich über das Erbarmen Gottes."
Doch wie sehr mischten sich Fakten und Fiktion, wenn Zeitzeugen und Geschichtsschreiber Attila als Bestie oder gar als spielsüchtigen Säufer porträtierten? "Arg danebengegriffen" sei manche Beschreibung des Hunnenkönigs, urteilt der Althistoriker Klaus Rosen. Der emeritierte Professor für Alte Geschichte hat Mosaikstücke aus dem Leben des Barbarenfürsten neu bewertet. Herausgekommen ist ein aufschlussreiches Psychogramm (*).
Zum Menschenfreund wird der Eroberer aus der Steppe auch in der neuen Abhandlung nicht: "Unerbittlicher Machtwille lag in seiner Natur. Ihn durchzusetzen war ihm jedes Mittel recht", befindet Rosen. Daneben entsteht jedoch auch das bislang wenig bekannte Bild eines pingeligen Bürokraten, der in seinem Machtbereich selbst über Details penibel Buch führte.
Überdies beschreibt Rosen Attila als einen Machthaber, der sich einerseits auf einer Stufe mit den römischen Kaisern sah, andererseits aber auf Pomp gänzlich verzichtete und von Holztellern aß, während seine Gäste von Goldgeschirr speisten. Auch relativiert der Historiker den Mythos des nahezu unbezwingbaren Nomadenhäuptlings: Attilas Erfolg, so der Befund, beruhte wesentlich auf der Schwäche des Römischen Reichs.
Der legendäre Steppenkrieger entstammte einem bunten Haufen nomadischer Stämme, die einst in den unwirtlichen Hochgebirgssteppen Zentralasiens gesiedelt hatten. Im vierten Jahrhundert fiel das Volk der Hunnen in das Karpatenbecken in Ostmitteleuropa ein, wo die Lebensbedingungen weit günstiger waren.
Attila übernahm die Macht von seinem Onkel Rua. Zum Alleinherrscher stieg er auf, nachdem er seinen Bruder Bleda gemeuchelt hatte und damit die doppelte Führung an der Spitze der Hunnen beseitigte.
Als der Hunnenkönig nach Europa vordrang und zur weltgeschichtlichen Figur wurde, lagen die goldenen Tage von Julius Cäsar und Augustus lange hinter dem Imperium. Seit der Reichsteilung im Jahre 395 regierten zwei Kaiser die Weltmacht im Niedergang; keiner der beiden Regenten hatte noch die Kraft, Attila die Stirn zu bieten.
In Ostrom versuchte Kaiser Theodosius II., den Hunnenherrscher mit der Zahlung gewaltiger Geldsummen zu beschwichtigen. "Kein römischer Kaiser hatte sich je von einem Barbaren jenseits von Rhein, Donau oder Euphrat ein Paket derartiger Zwangsauflagen gefallen lassen müssen", urteilt Rosen.
Auch der weströmische Kaiser Valentinian III. schreckte vor einem Krieg mit den Hunnen zurück und versuchte stattdessen, deren Oberbefehlshaber zu umgarnen: In Umkehrung der wahren Verhältnisse erklärte er Attila sogar zum "Freund des römischen Volkes".
Tatsächlich entwickelte sich zwischen den römischen Machtzentren und dem Hunnenreich eine Form des Austauschs, die auf skurrile Weise an die Gebräuche moderner Diplomatie erinnert. Regelmäßig schickte Theodosius Emissäre in den Hunnenstaat, die Attila "und den Seinen alles Gute" wünschten. Und Attila gab diese Wünsche stets artig zurück.
Grollte der Hunnenkönig dennoch, überschütteten ihn die Römer mit Präsenten: Gold, Edelsteinen, feinsten Stoffen – und Süßigkeiten, "die es bei den Hunnen nicht gab und auf die sie daher besonders scharf waren", berichtet Rosen.
Attilas Gier auf Geschenke nahm zeitweilig bizarre Züge an: So machte sich der Hunnenkönig den diplomatischen Brauch zunutze, dass Gesandtschaften von den Gastgebern großzügig mit Gaben bedacht wurden. Dem Gelehrten Priskos fiel auf, dass Attila "Anlässe erdichtete und leere Vorwände erfand", um Delegationen in die römischen Metropolen zu entsenden.
Beladen mit Kostbarkeiten kehrten die hunnischen Diplomaten von solchen Mumpitzmissionen zurück. Ausgerechnet jener gefürchtete Feldherr, der auf den Schlachtfeldern Europas so viel Chaos stiftete, entpuppte sich auf einmal als ausgemachter Erbsenzähler. Punkt für Punkt ließ sich Attila die Geschenke der Besuchsreisen auflisten und aushändigen. Unterschlagungen von Mitbringseln ahndete der König ohne Gnade: Sein eigener Sekretär Constantius starb am Kreuz, weil er nicht den gesamten Ertrag einer diplomatischen Mission abgeliefert hatte.
Gelegentlich geriet die von Rom betriebene Kuscheldiplomatie mit dem reizbaren Reiterkrieger allerdings ins Straucheln: 448 wollte Theodosius den lästigen Hunnenherrscher durch ein Attentat beseitigen lassen. Das Mordkomplott war von den Chargen des Kaisers aber derart dilettantisch eingefädelt worden, dass der Plan aufflog. Selbst aus diesem Zwischenfall, so Rosen, schlug Attila noch Gewinn: Statt blutig Vergeltung zu üben, ließ er sich für den missglückten Anschlag mit größeren Goldzahlungen entschädigen.
Gleichwohl galten die Hunnen in Rom als ungehobeltes Barbarenvolk. Geprägt wurde das Bild der Krieger aus dem Karpatenbecken von dem römischen Chronisten Ammianus Marcellinus. Der Gelehrte berichtete, die Hunnen seien "so abgrundtief hässlich und missgestaltet, dass man sie für zweibeinige Tiere halten könnte". Entsprechend folgerte Ammianus: "Wie unvernünftige Tiere haben sie nicht die geringste Vorstellung von Ehre und Schande."
Auch war dem Geschichtsschreiber zu Ohren gekommen, dass die Hunnen eher hausten als wohnten: "Nie suchen sie in Häusern Unterschlupf, sondern meiden sie, als wären es Gräber", schrieb Ammianus. Jahrzehnte später stellte sein Gelehrtenkollege Priskos während einer diplomatischen Mission in das Reich Attilas jedoch verblüfft fest, dass die Hunnen Dörfer gebaut hatten, deren Häuser teilweise sogar schon mit Bädern ausgestattet waren.
Keineswegs musste der römische Gesandte rohes Fleisch verzehren, wie er befürchtet hatte. Stattdessen erlebte er "ausgesuchte hunnische Gastfreundschaft", wie Rosen bemerkt. Auch Attilas Auftreten als leutseliger Volkstribun ließ sich nur schwer mit dem Bild vom Teufel aus der Steppe in Einklang bringen, das römische Chronisten verbreitet hatten.
Entgegen allen Erwartungen hatte der Hunnenkönig Teile des Nomadenvolks nicht nur zur Sesshaftigkeit angehalten, sondern auch noch einen gut funktionierenden bürokratischen Apparat aufgebaut. Eine eigene Kanzlei bewältigte für Attila den diplomatischen Schriftverkehr mit West- und Ostrom. Zudem hatten seine Assistenten ein akkurates Verzeichnis mit jedem einzelnen hunnischen Krieger erstellt, der in das Römische Reich übergelaufen war.
Solche durch Kriegshandlungen erlittene Verluste konnte Attila ohne Rachedurst verwinden, wenn er dafür materiell reichlich entschädigt wurde. Eines aber brachte ihn tatsächlich in Rage: wenn die römische Kaisermacht ihm mit Arroganz begegnete und seine Gleichrangigkeit in Zweifel zog. Einmal untersagte er einer römischen Gesandtschaft, auf einem Hügel gegenüber zu campieren – die römischen Zelte hätten sein eigenes Quartier überragt.
Sein Selbstbewusstsein speiste sich aus der Tatsache, Alleinherrscher über ein Gebiet zu sein, das sich vom Kaukasus die Donau entlang bis an den Rhein erstreckte. "Attilas Tod fällte dann auch das Urteil über seine historische Leistung: Ein Jahr später gab es sein Reich nicht mehr", schreibt Rosen.
Wie ein hässlicher Treppenwitz der Geschichte war Attila plötzlich über die antike Welt hergefallen – und nach etwa 20 Jahren genauso plötzlich wieder daraus verschwunden. Rosen: "Eine tiefere Ursache für seine historische Rolle gab es nicht."

* Klaus Rosen: "Attila. Der Schrecken der Welt. Eine Biographie". C. H. Beck, München; 324 Seiten; 24,95 Euro. Erscheint am 9. März.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 9/2016
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