27.02.2016

LiteraturDer Feind im Buch

Der Schriftsteller Siegfried Lenz schrieb 1951 die Geschichte eines Wehrmachtsoldaten, der zur Roten Armee überläuft. Sein Verlag weigerte sich, das Buch zu veröffentlichen. Nun erscheint „Der Überläufer“ zum ersten Mal. Eine Sensation.
Ein Traum von einem anderen Deutschland, das war es, was der junge Mann da geplant und geschrieben hatte. Der Traum von einem moralischen Staat: "Demut als Verfassung, erster Artikel: Barmherzigkeit", heißt es in dem Buch. Es war der zweite Roman von Siegfried Lenz,
der im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsoldat desertiert war. Kurz vor Kriegsende verschwand Lenz einfach in den Wäldern Dänemarks, nachdem er erfahren hatte, dass ein Kamerad, der sich aufgelehnt hatte, von seinen eigenen Leuten erschossen worden war. "Sie brauchten einen Toten, um uns an ihre Macht zu erinnern", schreibt er später. "Ich erfuhr es und erwachte."
Lenz geriet in englische Kriegsgefangenschaft. "Speak it out!", rief ihm ein englischer Offizier zu, dem er seine Kriegserlebnisse, seine Desertionsgeschichte erzählte. Er kam frei, studierte ein wenig, beschloss, Journalist zu werden, wurde Volontär bei der neu gegründeten Tageszeitung "Die Welt", wurde von Willy Haas, dem legendären Begründer der "Literarischen Welt", entdeckt und gefördert; sein erster Roman, "Es waren Habichte in der Luft", erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung, dann als Buch mit einigem Erfolg, sodass der junge Mann beschloss, den Journalismus aufzugeben und Schriftsteller zu werden. Und er, 1926 im masurischen Städtchen Lyck geboren, wurde einer der besten und erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, Gesamtauflage seines Werks: 25 Millionen. Mit der "Deutschstunde" veröffentlichte er 1968 eines der zentralen Werke über Pflicht und Kunst, Freiheit und Schuld im nationalsozialistischen Deutschland. Vor anderthalb Jahren ist Siegfried Lenz gestorben, vergangenen Herbst erschien noch eine kleine, letzte Erzählung von ihm, die er kurz vor seinem Tod abgeschlossen hatte.
Und jetzt? Da kommt nichts mehr, das schien klar. Lenz selbst hat in seinen letzten Lebensjahren keine alten, unpublizierten Texte erwähnt, seine zweite Frau Ulla erwartete nichts, Günter Berg, sein früherer Verleger und heutiger literarischer Nachlassverwalter, Geschäftsführer der Lenz-Stiftung, erwartete im Nachlass bestenfalls ein paar vergessene Erzählungen, Radiotexte, Essays, um sie später einmal gesammelt zu publizieren. Und dann fand er: einen Roman.
Erst handschriftlich in eine ähnliche Kladde, in die er schon "Es waren Habichte in der Luft" hineingeschrieben hatte, dann, im Jahr 1951, von seiner ersten Frau Liselotte fein säuberlich abgetippt, mit zwei Durchschlägen. Erster Arbeitstitel: "... da gibt's ein Wiedersehen", späterer geplanter Titel: "Der Überläufer". Die Geschichte eines deutschen Wehrmachtsoldaten, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zur Roten Armee überläuft, um den Krieg schneller zu beenden, um sein Leben zu retten, um "die Klicke" der deutschen Machthaber zu beseitigen. "Der Überläufer", ein Roman über Deutschland, der zweite Roman von Siegfried Lenz, erscheint jetzt, 65 Jahre nach seiner Entstehung.
Das ist erstens eine ziemliche Überraschung und zweitens, wenn man das Buch gelesen hat, eine Sensation. Denn das Buch ist eben nicht so, wie das normalerweise der Fall ist, wenn Nachlassverwalter oder Witwen aus den Überbleibseln eines Schriftstellerlebens Archiv-Sensatiönchen zusammenklauben, die der Autor zu Lebzeiten mit gutem Recht in den Keller seines Werks gesperrt hat. Nein, "Der Überläufer" ist ein großartiger Roman, der das Werk von Lenz und damit die deutsche Nachkriegsliteratur um ein eindrucksvolles Stück erweitert.
Und die Geschichte der Ablehnung dieses Romans und das Verschwinden des Manuskripts im Vergessen ist eine bemerkenswerte Episode deutscher Mentalitätsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Bericht über die Kontinuität von Geschichte, über die Schimäre, dass sich das dunkle Deutschland quasi über Nacht im Mai 1945 in ein helles Deutschland verwandelt habe. Eine Geschichte über Feigheit und vorauseilende Zensur, über Literatur als Gefahr, über Kameradschaften in einem deutschen Verlag, über einen treuen, feinen, zurückhaltenden Gentleman-Autor, der nicht zum Kämpfer geboren war. Oder: ein Kämpfer höchstens auf dem Feld der Literatur. Und über den Beginn einer großen Karriere und die Kompromisse, die nötig waren. Oder nötig schienen.
Aber zunächst einmal das Buch: Zweiter Weltkrieg, letzter Sommer, der Soldat Walter Proska aus Lyck in Masuren ist auf dem Weg vom Heimaturlaub zurück an die Front, der Zug, mit dem er unterwegs ist, wird in die Luft gesprengt, Proska überlebt und wird von einem kleinen Trupp deutscher Soldaten gefunden, die ihn mit zu ihrer Einheit nehmen, die in den Sümpfen von Rokitno eine Bahnstrecke überwachen soll. Ein verlorener Posten, umgeben von Partisanen, umschwirrt von Millionen Mücken, vergessen und bald schon abgeschnitten von den anderen deutschen Truppen. Soldatenalltag im Sumpf, Soldaten in ständiger Todesangst und ständig selbst bereit zum Töten, normale Soldaten, keine Helden, nur abgestumpft durch dieses Leben in der Todeszone. Manche sind kurz davor, den Verstand zu verlieren, manche sehnen sich nach dem Tod. Der Kommandant des kleinen Lagers, der Unteroffizier, ist ein skrupelloser Killer. Als er einem friedlich durch den Sumpf wandernden polnischen Pfarrer in den Rücken schießt, aus Langeweile, aus Angst, aus Verachtung, steht die Welt im Lager – "Waldesruh" haben die Soldaten ihre selbst gebaute Festung hier genannt – eine Weile still. "Plötzlich hatten sie alle eine zähe, dickflüssige Müdigkeit in den Knochen."
Jeder geht seinen Weg. Von einem früheren Kameraden ist die Rede, der verschwunden ist, man weiß nicht, ist er geflohen, wurde er erschossen, gefangen genommen, ist er im Sumpf versunken? Einer wird beim Schwimmen im See erschossen, ein anderer, aus Oberschlesien, den sie "Schenkel" nennen, der Unteroffizier nennt ihn einen halben Polen, verliert beim Zweikampf mit einem enormen Hecht beinahe den Verstand und geht unbewaffnet in das nächstgelegene Dorf, um in der dortigen Kirche von der Kanzel zu predigen. "Es ist immer gewaltig, wenn ein einzelner Mann durch ein Dorf geht." Proska und ein kleiner, pausbäckiger, bleicher, nachdenklicher Kamerad, der "Milchbrötchen" genannt wird, beschließen schließlich, die Seite zu wechseln. Milchbrötchen hat ihn überzeugt: "Wenn wir zu einem festlichen Leben gelangen wollen, muß schon ein aktives Leben in Kauf genommen werden. Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein."
Das Verrückte an dem Buch, wenn man es heute liest, ist diese Unmittelbarkeit. Es hat eine Wucht und eine frische Sprache, unverbrauchte Bilder, kraftvoll, suchend, schließlich entschlossen. Und das alles mit der leisen Eindringlichkeit des Tons, des Lenz-Tons, der hier, in diesem frühen Werk, auch noch in keiner Weise durch Betulichkeit gebremst wird, sondern schnell und hell ist. Es ist eines von Siegfried Lenz' besten Büchern, das nun hier aus dem Archiv heraus überrascht und umhaut. Plötzlich der junge Lenz, wie aus dem Nichts, unverstaubt.
"Es packt den Leser im Genick", schrieb der vom Verlag Hoffmann und Campe mit der Bearbeitung und Beurteilung des Werks beauftragte Lektor Otto Görner am 13. November 1951 an Siegfried Lenz. Da schien noch alles gut. "Ein paar technische Probleme" hätten sich in ihm festgesetzt, schreibt er dem jungen Autor. Dann erläutert er auf zwei Seiten seine Vorschläge zu Veränderungen am Manuskript und fügt am Ende noch einmal versichernd hinzu: "Es geht mir nur um das Technische, um das Handwerkliche." Wenige Tage zuvor war das Buch von Lenz schon in einer Sammelbesprechung neuer Kriegsbücher in der "Zeit" lobend erwähnt worden. Offenbar hatte man das Manuskript, wenigstens die erste Hälfte, schon an Zeitungen verschickt, wohl um einen möglichen Vorabdruck des neuen Romans des jungen, zu so großen Hoffnungen Anlass gebenden Autors prüfen zu lassen. "Die Atmosphäre des russischen Feldzugs, der Schneesturm im Winter, die Häuser der Dörfer (...), dies alles rückt in beklemmende Nähe, liest man Siegfried Lenz' Roman", heißt es in dem Bericht in der "Zeit", in dem die anderen Kriegsbücher eher negativ beurteilt werden.
Lenz jedenfalls setzte sich nach dem ermutigenden Brief noch einmal an das Manuskript und versuchte, die Vorschläge, soweit es ihm möglich war, umzusetzen, und schickte es wieder los. Am 21. Januar 1952 schrieb ihm Otto Görner zurück. Und was der Lektor da schrieb, war kein wohlmeinender Brief mehr, sondern ein Angriff. Eine wutschnaubende, eine empörte Zurückweisung. Die Botschaft: Der Verlag wird dieses Buch nicht veröffentlichen.
Man fragt sich, was in der Zwischenzeit passiert war. Hatte Görner das Manuskript einem weiteren Verlagsmitarbeiter zu lesen gegeben? War ihm in der Zwischenzeit klar geworden, welchen gesellschaftspolitischen Sprengstoff das Werk enthielt? Lenz hatte das Manuskript gründlich umgearbeitet, auch um ein ganzes Kapitel erweitert, in dem er die Motivation der beiden Überläufer zu ihrer Tat klarer macht. Es ist ein intensives Kapitel, über die Gefangennahme Proskas, seine jämmerlichen Versuche, sich mit dem Partisanen, der ihn bewacht, zu verbrüdern, was dieser kühl zurückweist: "Sobald ihr besiegt seid, wollt ihr Brüder sein. Das kennen wir." Es ist das neu hinzugefügte neunte Kapitel, in dem auch diese Sätze stehen, die den Lektor vielleicht besonders aufbrachten: "Ansteckend ist jedoch das nationalistische Ressentiment. Dieses Ressentiment ist die Wurzel des deutschen Hochmuts und der Quell dieses gottverdammten Auserwähltheitsbewußtseins." Dies und die Tatsache, dass Lenz, anders als von Görner gefordert, den Studenten Milchbrötchen nicht zu einem pflichtbewussten deutschen "Gegenspieler" Proskas gemacht hatte, ließ den Lektor wutentbrannt an den Autor schreiben. Plötzlich ist an dem Buch fast alles schlecht. Mehr noch: Er halte es "für äußerst gefährlich", den Roman im bisherigen Zustand zu publizieren. Weitere Arbeit an dem Text sei "sinnlos": "Die massive unklare Gefühligkeit ist geblieben." Die pazifistischen, defätistischen Gedankengänge seien kaum revidiert worden, es sei nun ein Roman mit dem "Odium der handgreiflichen Treulosigkeit gegen die Heimat".
Der Brief trägt nun alle Anzeichen von Panik. Wenn er schreibt, "Sie können sich maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht", so ist das erstens eine eindeutige Drohung, zweitens scheint aber auch die Angst des Lektors mitzuschwingen, hier an einem vaterlandsverräterischen Projekt mitgewirkt beziehungsweise es nicht verhindert zu haben. Der Geist, der aus dem neuen Görner spricht, wird in seiner Wortwahl deutlich. Plötzlich und unvermittelt spricht auf Seite zwei des Briefs ein "Wir" zu Lenz: "Lieber Herr Lenz, wir haben das Gefühl, als hätten Sie uns alle (...), vielleicht in allzu großem Vertrauen auf die Atmosphäre kameradschaftlichen Verstehens, in der wir zu sprechen gewohnt waren, ein wenig hereingelegt." Wir. Kameraden. Du. Deserteur. Hereingelegt. Deutlicher gesagt: verraten.
Ein zur gleichen Zeit vom Verlag bestelltes Gutachten kommt zum gleichen fatalen Schluss: "Es steckt in der Haltung der geschilderten Menschen ein mangelndes Verantwortungsgefühl für das Schicksal der Gemeinschaft, ein überheblicher Individualismus, der gerade in einer Zeit, in der man den Nationalismus bekämpft, gefährlich ist." Gefährlich. Der Kalte Krieg begann. Ein Überläufer zu den Sowjets als Held eines Romans – es durfte nicht sein.
Der Brief, den Siegfried Lenz am 24. Januar 1952 an seinen Lektor schickt, ist ein beeindruckender Beleg kühler Noblesse, der Brief eines Gentleman, der jedoch, sei es aus grundsätzlicher Treue zu seinem Verlag, aus Dankbarkeit, aus Unsicherheit vielleicht auch, nicht kämpft, nicht droht, nicht klagt. Er akzeptiert das Urteil, allein die Vorwürfe weist er kühl zurück. "Lieber Herr Dr. Görner, ich danke Ihnen für den ausführlichen Brief und möchte Ihnen dazu Folgendes schreiben: Sie halten die zweite Fassung meines Manuskriptes für nicht geglückt. Dazu habe ich nur zu sagen, daß ich Ihr Urteil in jeder Weise akzeptiere." Die persönlichen Vorwürfe der Faulheit, der Undankbarkeit, Treulosigkeit, des Verrats weist er alle freundlich, verbindlich zurück, erklärt dem Lektor ruhig, dass man eine Romanfigur, so sie lebendig geschildert wurde, nicht einfach nach Belieben umformen kann. Dass man aus einem vergrübelten, skrupulösen Soldaten, der sich zur Desertion entschließt, nicht einfach wieder einen kampfesfrohen Soldaten machen kann. Großartige Sätze schreibt Lenz: "Der Sprung über die Hürde ist mir nicht geglückt. Die Hürde war nicht für mich gebaut. Ich habe durchaus ernsthaft über die Möglichkeiten meines Stoffes nachgedacht; ich fand nur meine Möglichkeiten, und wie es sich herausstellte, reichen sie nicht aus." Ein junger Mann, am Anfang seiner Karriere, erkennt, dass er verloren hat. Ihm bleibt nichts, als seine Niederlage anzuerkennen: "Ich möchte Ihnen nun mit Besonnenheit und völlig leidenschaftslos sagen, dass ich diesen Roman nicht schreiben werde; und zwar werde ich ihn nicht schreiben, weil ich ihn nicht schreiben kann." Und er schließt: "Den besten, wenn auch schwer erkennbaren Zins bringen uns die mißglückten Versuche. Vielleicht werde ich Ihnen in zwei, drei Jahren ein neues Manuskript zeigen dürfen, ein Manuskript, das besser und ein wenig reifer ist." Und er bedankt sich für "die Mühewaltung, für Ihre Teilnahme und die vielen guten Ratschläge".
"In zwei, drei Jahren" – "Danke für die Ratschläge." Was sich heute wie Selbstverleugnung liest, ist erstens sicherlich Lenz' grundsätzlich freundlichem Charakter geschuldet. Hoffmann und Campe sollte sein Verlag werden. Dieser Verlag wollte den Roman nicht publizieren. Also war da nichts zu machen. Außerdem ist der Brief natürlich der Atmosphäre jener Jahre geschuldet. Görner hatte ja nicht aus der Luft argumentiert, als er die Gefahren für den jungen Autor ausmalte. Die Atmosphäre war kriegerisch, die Fronten formierten sich wieder neu, Kontinuität in den Beamtenapparaten, an den Universitäten, die alten Emigranten, die im Exil ausgeharrt und auf ihre Rückkehr in ein neues Deutschland gehofft hatten, waren enttäuscht wieder abgezogen oder lebten vergessen wie Gespenster im Land oder brachten sich um. Koreakrieg, beginnende Diskussion über eine mögliche Wiederbewaffnung, Schuld vergessen, die Reihen geschlossen. Wie Görner geschrieben hatte: "Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein." Und er fordert Lenz auf, eine kurz zuvor erschienene Ausgabe des SPIEGEL (50/1951) zu lesen, in dem der Fall des Überläufers Heinrich Graf von Einsiedel geschildert worden war und ein Kriegskamerad so zitiert wurde: "Nachdem ich mich aber nun persönlich von Ihrer Wandlung vom anständigen Kerl zum Lumpen überzeugt habe, tut es mir leid, daß ich einen Graf Einsiedel zum Kameraden gehabt habe."
Zur etwa gleichen Zeit hatte der junge Alfred Andersch seinen Desertionsbericht "Kirschen der Freiheit" dem Rowohlt-Verlag angeboten. Dessen Lektor Kurt Marek, der unter dem Namen C. W. Ceram den Superbestseller "Götter, Gräber und Gelehrte" geschrieben hatte, antwortete Andersch, er könne für ein solches Buch "nicht mehr als siebzig Exemplare" voraussagen. Und lehnte ab. Das Buch erschien dann bei der Frankfurter Verlagsanstalt und wurde von Heinrich Böll als "Trompetenstoß in schwüler Stille" begrüßt und in den Feuilletons diskutiert, vom Publikum aber zunächst nur wenig beachtet. Gerd Ledigs legendärer Desertionsroman "Stalinorgel" wurde zwei Jahre später von 45 Verlagen abgelehnt, bis ihn schließlich Claasen veröffentlichte, obwohl der Lektor eine Ablehnung des Publikums erwartete. Aber hier war ein Kämpfer im Lektorat, der schrieb an den Autor, er hoffe, "dass man den Sortimenter vielleicht zwingen kann, sich gegen seinen Willen für das Buch einzusetzen". Durch Beharrlichkeit und Diskussion und Bestehen auf das Richtige.
Über Andersch hatte Lenz selbst später geschrieben, die Desertion sei das Grunderlebnis dessen Lebens und Schreibens (die so, wie Andersch es in dem Bericht "Kirschen der Freiheit" ausdrücklich als autobiografische Wahrheit verstanden wissen wollte, womöglich niemals stattgefunden hat): "Dass Enttäuschungen, dass ehrbare Niederlagen diese lange Suche begleitet haben, liegt auf der Hand. Sie begleiten unvermeidlich jeden, der wie Andersch in einem bestimmten Augenblick 'die Tat wählt, die dem Leben Sinn verleiht'. Schließlich wird jeder Sinn durch die notorische Interesselosigkeit der Geschichte widerlegt. Was bleibt, ist allenfalls die Weisheit der Narben."
Lenz wusste, wovon er schrieb. Dachte er damals im Jahr 1974, als er das schrieb, auch noch an seinen eigenen Roman? Die Weisheit seiner eigenen Narben? In seinen letzten Lebensjahren hat er den verhinderten Roman jedenfalls nie erwähnt. Einen Roman, in dem Lenz auch so viel über die Notwendigkeit von Literatur aufgeschrieben hat, über die Notwendigkeit des Individualismus, des Widerstands, über das helle Deutschland. "Muss denn alles unbemerkt bleiben?", ruft Proska aus, als er in einer dramatischen Situation den eigenen Schwager erschossen hat. "Warum haltet ihr nicht das Herz an? (...) Ist mein Schmerz so wenig der eure?"
Siegfried Lenz besuchte in seinen letzten Jahren oft ein altes Café in Hamburg-Nienstedten. Nun sitzt Ulla Lenz dort, wo er, wie sie es sagt, "seinen Hochsitz hatte". Ulla und Liselotte Lenz waren jahrzehntelang befreundet, bevor Siegfried und sie, nach Lilos Tod, ein Paar wurden. "Er rief mich immer wieder an. Wahrscheinlich hat er mich gebraucht." Sie kann es selbst noch nicht glauben, was er dagelassen hat mit diesem Roman. Sie erzählt von Proska, dass so der kleine Zug hieß, der von seinem Heimatstädtchen Lyck nach Sybba verkehrte. Von dem alten, frühen Freund, der das Vorbild für Milchbrötchen gewesen sein muss. Vom Vorbild des Schwagers für Proskas Schwager, der Siegfried Lenz das Angeln beigebracht hat, noch bevor er lesen konnte. Sie erzählt von Lenz' "Papageiengehör" und seiner großen Gabe zur Stimmenimitation. Und wenn sie sich an die letzten Jahre mit ihm erinnert, fällt ihr als Erstes ein, dass vielen Menschen Tränen in die Augen traten, wenn sie dem alten Autor zufällig begegnet sind. Er war für viele Leser eine Art Gegen-Grass, sanftmütiger, niemals rechthaberischer Liebhaber seiner erfundenen Figuren. Und jetzt noch einmal unerwartet er. Noch einmal sein Ton als junger Mann. Noch einmal seine Romanstimme, die eine neue, unbekannte Geschichte erzählt. "Ich hörte, wie er das erzählte, mit seiner Stimme", sagt Ulla Lenz. "Auf einmal war er wieder da."
"Wer kann Auskunft geben", fragt sich Proska, als er am Bahnhof nach dem Krieg den flehentlichen Aushang seiner Schwester liest, die ihren Mann sucht. Sie weiß nicht, dass er tot ist. Sie weiß nicht, dass ihr eigener Bruder ihn erschossen hat. "Du Proska, du allein", heißt es am Ende des Buchs. Er schreibt es seiner Schwester auf, in einem Brief. Er kommt nie an. Empfänger verzogen. Ein ungeöffneter Brief mit der Wahrheit eines Lebens. Wie ein Roman in einem Archiv ohne Leser.

"Was bleibt, ist allenfalls die Weisheit der Narben."

Über den Autor

Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, war jahrelang Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Seit Mai 2015 ist er Autor beim SPIEGEL. Er ist Gastgeber des "Literarischen Quartetts" im ZDF. Sein Bestseller "Ostende. 1936" wurde in zehn Sprachen übersetzt und ist vor Kurzem auch in England und den USA erschienen.
Siegfried Lenz: "Der Überläufer". Hoffmann und Campe, Hamburg; 368 Seiten; 25 Euro.
Von Volker Weidermann

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