27.02.2016

KinoKulturkampf um Anne Frank

Der erste deutsche Film über den wohl berühmtesten Teenager der Geschichte erzählt klug von den Nöten der Pubertät in schrecklicher Zeit – und wäre doch beinahe gescheitert.
Anne liegt rücklings auf dem Sofa, die Beine über die Lehne gespreizt, und in ihrer Hand befindet sich ein kleiner Schminkspiegel. Sie hält ihn leicht geneigt über ihren Unterleib und betrachtet neugierig ihr Geschlecht.
Was eine 13-Jährige eben so macht. Und was man im deutschen Kino eben so zeigt, wenn man einen Film über ein pubertierendes Mädchen dreht. Regisseur Hans Steinbichler, 49, hat allerdings keinen Film über irgendeinen Teenager gedreht, sondern über den vielleicht berühmtesten der jüngeren Geschichte. Nach der Premiere bei der Berlinale läuft "Das Tagebuch der Anne Frank" ab kommender Woche bundesweit in den Kinos.
Mit der Szene im Amsterdamer Wohnzimmer der Familie Frank macht Steinbichler gleich zu Beginn klar, was ihn an diesem Stoff interessiert: die Geschichte eines ganz normalen Mädchens – eines Mädchens allerdings, das ein außergewöhnliches Schicksal erleidet, das als Kind einer deutschen Familie die Besetzung der Niederlande durch die Nazis erlebt, das zwei Jahre in einem Versteck verbringt und im März 1945 in Bergen-Belsen zugrunde geht.
Dass er die Geschichte einer jungen Jüdin erzählt, gerät dabei fast in Vergessenheit. Steinbichler reduziert Anne Frank: Ihre Religion oder ihre kulturelle Herkunft ist ihm fast gleichgültig. Man kann ihm deswegen Naivität bescheinigen, man kann aber seine Beschränkung auf das Wesentliche auch als eindeutiges Signal gegen jeden Rassismus verstehen: Anne Frank war ein Teenager wie jeder andere Teenager auf dieser Welt.
Steinbichlers Anne ist allerdings wirklich ein pubertärer Kracher. Sie verliert das, was in diesem Alter wichtiger ist als alles andere, ihre Freiheit, und rebelliert entsprechend heftig. Eingesperrt auf 50 Quadratmetern zusammen mit den Eltern, der Schwester sowie vier weiteren jüdischen Flüchtlingen, muss sie nun mit dem Erwachsenwerden klarkommen.
Sie hat ständig Streit mit der Mutter, sie bekommt ihre erste Monatsblutung, stopft sich Socken in den viel zu großen BH und knutscht zum ersten Mal mit einem Jungen herum, ihrem Leidensgenossen Peter van Daan. Am Ende werden die Untergetauchten von der Gestapo entdeckt und – mit Ausnahme von Annes Vater Otto Frank – in Konzentrationslagern umgebracht.
Dass ihm dieser Film, der erste deutsche Kinofilm über Anne Frank überhaupt, gelungen ist, verdankt Steinbichler vor allem seinen Schauspielern. Die erst 15-jährige Lea van Acken spielt Anne mit einer hoch professionellen Coolness, auch Stella Kunkat als Annes Schwester Margot, Ulrich Noethen als Vater und Leonard Carow als ihr Freund Peter überzeugen.
Wirklich großartig wird der Film in den Szenen mit Martina Gedeck. Sie ist Annes Mutter, eine verhärmte Frau, die um die Zuneigung ihrer kapriziösen Tochter kämpft. Martina Gedeck verhält sich komplett rücksichtslos gegen den ihr sonst eigenen Charme, sie spielt eine enttäuschte, bittere Frau, die alles verloren hat: Sicherheit und Wohlstand, ihre Schönheit und schließlich die Liebe ihres Mannes.
Eine sehenswerte Geschichte also, und doch ist dieser Film nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.
Bereits im vergangenen Sommer nutzte Steinbichler ein Pressegespräch am Rande des Münchner Filmfests, um ein bisschen über sein neues Werk zu plaudern. Die Vorlage seines neuen Films, so erklärte er zur Verblüffung der Journalisten, sei nun einmal "ein Tagebuch und kein Thriller", "ganz viele Teile dieses Buchs" seien "sterbenslangweilig" und bestünden nur "aus Wiederholungen".
Wahrscheinlich wollte der Regisseur mit diesen Sprüchen lediglich seine Verdienste an dem keineswegs langweiligen Film ins rechte Licht rücken. Die Wirkung war jedoch verheerend. Mehrere Blätter zitierten Steinbichlers Sottisen. Die Produzenten des Films, Walid Nakschbandi und Michael Souvignier, sowie der Basler Anne Frank Fonds, der die Rechte an dem Stoff hält, sahen den Erfolg des Projekts gefährdet. Nur mit einem "unverhältnismäßigen finanziellen und zeitlichen Einsatz", so hielt der Sprecher des Fonds, Yves Kugelmann, 44, später Steinbichler vor, habe man kritische "Medienberichte" in den USA, in Europa und Israel "zurückhalten" können.
Kugelmann war ohnehin schon skeptisch, als er von der Entscheidung der Produzenten für diesen Regisseur hörte. Steinbichler hatte bis dahin vor allem Krimis und, allerdings von der Kritik hochgelobte, bayerische Heimatfilme gedreht. Empfohlen hatte er sich nur durch ein einziges Werk, den TV-Film "Landauer" über den jüdischen Präsidenten des FC Bayern, Kurt Landauer, der den Verein nach dem Krieg vor dem finanziellen Ruin rettete.
Nakschbandi, 47, hatte bereits ein mit mehreren Preisen ausgezeichnetes Dokudrama ("Meine Tochter Anne Frank") für die ARD produziert, gewissermaßen als Probelauf für das deutlich kostspieligere Kinoprojekt. Alarmiert durch den Eklat beim Münchner Filmfest nahm er sich zusammen mit Kugelmann den Rohschnitt des Anne-Frank-Films vor und war entsetzt: Steinbichler hatte seinen Plot offenbar ohne jede Rücksicht auf historische Sensibilitäten entwickelt. Dem Film fehle zudem die "zweite Ebene", so klagte Kugelmann, also das geschichtliche Umfeld. Streckenweise spiele die Bedrohung der Versteckten gar keine Rolle mehr. Leibhaftige Nazis etwa tauchten erst kurz vor dem Ende des Films auf.
Verabredet und geplant war einmal etwas ganz anderes. Drehbuchautor Fred Breinersdorfer hatte sich ausdrücklich von früheren Hollywoodverfilmungen distanziert, die nur eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt hätten, Breinersdorfer setzte ganz auf "die politische Dimension" des Stoffs. Für Nakschbandi ergaben sich "geradezu zwingende Parallelen zur Gegenwart": Die Tatsache etwa, dass die Familie Frank aus Frankfurt nach Amsterdam emigriert sei, müsse doch jeden Kinozuschauer an die aktuelle Flüchtlingskrise erinnern. Nakschbandi war selbst als 14-jähriger Teenager aus Afghanistan geflohen.
Die "zweite Ebene" ließ sich freilich im Schneideraum nicht mehr in den Film implementieren. Jetzt ging es nur noch um Schadensbegrenzung. Nakschbandi und Kugelmann nahmen den Regisseur in die Mangel, um ihren Film bei der Postproduktion doch noch zu retten. Ein bemerkenswerter Kulturkampf: Ein in Afghanistan geborener Muslim und ein Schweizer Jude versuchten mit Engelszungen, einem bayerischen Katholiken die rechte Sensibilität für den empfindlichsten Stoff der deutschen Geschichte einzutrichtern.
Steinbichler hingegen verteidigte seine persönliche Lesart. Wenn Nakschbandi und Kugelmann etwa historische Präzision anmahnten und das Fehlen von Sichtblenden vor den Fenstern in der Hinterhofwohnung monierten, das alsbald zur Entdeckung der Untergetauchten geführt hätte, berief er sich auf seine eigene ästhetische Konzeption. Ohne Tageslicht könne man so einen Film nun einmal nicht machen.
Dramatisch wurde der Konflikt um den Schluss des Films. Zwar hatten die Beteiligten verabredet, dass die Geschichte über das Tagebuch hinaus bis zum Tod Annes erzählt werden sollte. Aber Steinbichler betrachtete diese Vereinbarung offenbar als Freibrief für möglichst schockierende Szenen. So ließ er die Frauen bei der Aufnahmeprozedur in Auschwitz nackt durchs Bild laufen – was Nakschbandi und Kugelmann als entwürdigend für die Opfer empfanden und herausschneiden ließen. Ein Eingriff, den der Regisseur bis heute nicht verstehen kann, man habe die Häftlinge im Konzentrationslager nun einmal so behandelt. Immerhin fanden die Beteiligten am Ende einen guten Kompromiss: Man erkennt zwar, dass die Frauen nackt sind, aber man sieht sie nicht nackt.
Zeigen wollte Steinbichler schließlich auch den Hungertod von Annes Mutter in Auschwitz und das Sterben der an Typhus erkrankten Schwestern Anne und Margot in Bergen-Belsen. Diese Szenen fielen ebenfalls einem Machtwort des Produzenten und seines Lizenzgebers zum Opfer.
Doch auch hier hat der Film am Ende gewonnen: Die letzten Sequenzen sind sogar sehr anrührend geworden. Den Frauen werden nach und nach die Haare geschoren, auch Annes schöne Locken fallen zu Boden, und ihr Gesicht zeigt schon während dieser Erniedrigung den großen Schmerz, der ihr bevorsteht. Zum Schluss reißt die Hand einer Wärterin sie buchstäblich aus dem Bild. Der Rest der Geschichte wird von Anne im Off erzählt.
Yves Kugelmann ist trotz aller Korrekturen nicht besonders glücklich mit dem Film und dessen Regisseur. So hatte Steinbichler noch während der Arbeiten am "Tagebuch der Anne Frank" mit der ARD bereits über ein Angebot für einen Film über die Hitler-Freundin Leni Riefenstahl verhandelt – was Kugelmann "als Schlag ins Gesicht des Projekts und der Überlebenden" des Holocausts betrachtet.
Die Enttäuschung ist auch deswegen so groß, weil der Basler Anne Frank Fonds diverse Angebote aus den USA abgelehnt und ganz auf den deutschen Film gesetzt hatte. Kugelmann wollte gerade junge Leser für das Tagebuch und dessen politische Botschaft interessieren; nun hat er leise Zweifel, ob Steinbichlers Werk wirklich den gewünschten pädagogischen Erfolg haben wird.
Sein Mitstreiter Nakschbandi wirbt dessen ungeachtet schon für Schulvorführungen in den Kinos. Nach all den Querelen mit Steinbichler wirkt er geradezu erleichtert, dass der Film nun doch seinen eigenen Ansprüchen genügt. Ob er auch Erfolg hat, ist ihm nicht so wichtig wie die – begründete – Hoffnung, Anne Frank gerecht geworden zu sein.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 9/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kino:
Kulturkampf um Anne Frank

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg