11.01.1982

RUNDFUNKGesammeltes Leiden

Im Deutschlandfunk, der fremdsprachigen Hörfunk nach Osteuropa ausstrahlt, kämpfen Emigranten ums Mikrophon.
Am schlimmsten erging es dem Redakteur Karl Kürti. Erst wurde der Mitarbeiter des Deutschlandfunks (DLF) in Köln fristlos gefeuert, dann durfte er, kraft Urteil des Bundesarbeitsgerichts, weiter arbeiten; aber seither hat er nichts zu lachen.
Er mußte sich gegen unbegründete Abmahnungen wehren, aber es nützte ihm nichts, daß er mehrere Prozesse gewann. Denn bald wurde er kaltgestellt und erhielt nur noch Hilfstätigkeiten in der Redaktion zugewiesen.
Kürti klagte gegen die vertragswidrige Beschäftigung - und gewann wieder. Im S.69 Mai letzten Jahres jedoch brach er mit einem Herzinfarkt zusammen, weil, wie empörte Kollegen berichten, "er immer weiter schikaniert wurde".
Kaum war er wieder im Dienst, fertigte ein Mitschikanierer heimlich einen Mitschnitt von einem Disput mit ihm im Studio an. Kürti bekam wieder eine Abmahnung, bevor die Anstaltsleitung sie, mit einer Mißbilligung des Abhörfalles, kassierte. Letzte Woche verurteilte das Kölner Arbeitsgericht den Kollegen, den Mitschnitt zu löschen und heimliche Aufnahmen künftig zu unterlassen.
Dr. Kürtis gesammeltes Leiden ist symptomatisch für die innere Verfassung der Sendeanstalt in Köln, die, anders als die regional sendenden Anstalten vom Bayerischen bis zum Norddeutschen Rundfunk, ein bundesweites Hörfunkprogramm ausstrahlt und, wie auch die "Deutsche Welle", fremdsprachig ins Ausland sendet. Der Krach im Sendehaus ist mittlerweile beinah stärker als die Resonanz auf die Sendungen.
"Fast jeder siebte Mitarbeiter klagt gegen das Haus", sagt der Kölner Rechtsanwalt Augustus Pick, "das gibt es bei keiner anderen Rundfunkanstalt." Im November brach eine Welle von Arbeitsprozessen über die Anstalt herein, weil wegen eines lange zurückliegenden, kürzlich vom Bundesrechnungshof gerügten Formfehlers die Arbeitszeit für den Schichtdienst rund um die Uhr verlängert wurde.
Aber auch die Einzelfälle haben es in sich. "Mit unglaublicher Härte", beobachtete Pick, würden mißliebige Mitarbeiter von DLF-Juristen bisweilen "fertiggemacht, wie man das sonst nur vom früheren Militär kennt".
Größter Unruheherd ist derzeit die Ungarn-Redaktion, zu der auch Kürti gehört. Er selbst mag sich nicht äußern: "Kein Kommentar." Doch der zuständige Programmdirektor hat "Emigrantensyndrome" ausgemacht, bei denen sich Konflikte bis zum Kreislaufkollaps und zum Herzinfarkt entladen. Zeitweiliger Krankenstand: acht von dreizehn. Besonders häufig im Bett: Ressortleiter Klaus Mester.
Als Kern des Übels haben Anstaltskenner ausgemacht, daß eine im Programm heimisch gewordene Magyaren-Sippe eifersüchtig über ihren Besitzstand wacht. So schanzte einer dieser Magyaren, Mesters Stellvertreter, seiner pensionierten Tante samt Sohn freie Mitarbeit im Wert von einigen tausend Mark im Monat zu; bis zur Pensionierung war die Dame Fremdsprachenredakteurin im Ressort. Gutbezahlte Redakteure wurden unterdessen auf untergeordnete Tätigkeiten abgedrängt und klagten vor dem Arbeitsgericht auf Zuweisung vertragsgemäßer Arbeit.
Ein weiterer Verwandter wurde, entgegen einer Intendanten-Anweisung, so lange als freier Mitarbeiter beschäftigt, bis er sich als Angestellter einklagen konnte. Eine Fremdsprachenredakteurin hingegen, die gerade für 40 000 Mark auf Senderkosten umgeschult wurde, mußte die ihr zugesagte Planstelle gegen den Familienprotege vor Gericht verteidigen. Inzwischen ist sie, von Konflikten zermürbt, sanatoriumsreif.
Erklären läßt sich das alles, wenn überhaupt, nur durch den Parteienproporz im Sender. Intendant Richard Becker (SPD) kann offenkundig nicht tun, was er für geboten hält. Er ist, da er am Freitag dieser Woche wiedergewählt werden möchte, auf mehr Stimmen angewiesen, als die Sozialliberalen im Rundfunkrat aufzubieten haben. Und um die CDU/CSU nicht zu verprellen, muß er einen Mann gewähren lassen, der die Ungarn-Sippe, weil politisch genehm, protegiert: Europa-Programmdirektor Jürgen Reiß (CDU).
Ungarn-Ressort-Chef Mester wiederum ist Sozialdemokrat. Und da er, wie sein Stellvertreter Istvan Romhanyi von der Magyaren-Sippe, journalistisch keine gute Figur macht, wirken sich alle Konfrontationen noch krasser aus, als es der Proporz schon nahelegt.
Der zerstrittene Kölner Klub der Ungarn diskreditiert die Arbeit eines Senders, die sich in anderen Bereichen durchaus hören lassen kann. Das Polen-Programm beispielsweise ist professionell gut gemacht - nach der Devise: Information und Analyse, aber keine Propaganda.
Die auf Zuverlässigkeit bedachten Nachrichten, etwa in Polen unveröffentlichte Neuigkeiten über die Gewerkschaftsbewegung "Solidarität", fanden dankbare Abnehmer in Warschau, Danzig, Krakau. Seit langem wuchs die Menge der Hörerpost aus Polen. Nie gab es so viele Zuschriften wie seit dem Ausbruch der Streiks, 21 000 im vorletzten, über 30 000 im vergangenen Jahr.
Nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen blieb von den Vorwürfen der Moskauer Nachrichtenagentur Tass gegen westliche Rundfunksender wegen angeblicher Hetze zu "Streik und Sabotage", "Lüge und Verleumdung" in Richtung Polen der Deutschlandfunk ausgenommen.
Die Polen-Welle und die Ungarn-Welle zählen zu insgesamt zehn fremdsprachigen Programmen des Deutschlandfunks, der, anders als die "Deutsche Welle", früher fast nie mit Hauskrach und Skandal von sich reden machte.
Zwar erschien die Neuaufteilung einiger Zielgebiete zwischen dem DLF und der Deutschen Welle (34 Auslandsprogramme) den Gegnern der Bonner Ostpolitik vor Jahren als Versuch, "die Rundfunksendungen nach Osteuropa den sowjetischen Wünschen anzupassen" (so Axel Springers "Welt"). Doch danach wurde es wieder still ums DLF-Programm für Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei, Frankreich, Italien, England, Holland und Skandinavien.
Im Sender aber rumort es seit jenen Tagen weiter, als sich dort noch Serben und Kroaten bekriegten, bis das Jugoslawien-Programm 1977 in die Deutsche Welle ausgegliedert wurde. "Es ist erschreckend", meint ein Mitarbeiter des Ungarn-Programms, "daß kaum ein Monat ohne Gerichtstermin vergeht."
Becker hoffte, den Streit der Ungarn letztes Frühjahr durch eine sogenannte Programmbeobachtung schlichten zu können. Doch die Redakteure bekamen vorsichtshalber mitgeteilt, wann genau ihre Arbeit "ins Visier genommen" würde. Die Absicht eines unbeeinflußten Urteils war somit unterlaufen.
Trotzdem registrierten die beiden bestellten Programmbeobachter neben S.70 "einigen Schwächen" auch "grundsätzliche Mängel": "Eintönigkeit" des täglichen Programmablaufs, langweilige Themenauswahl, eine kabarettreife Aneinanderreihung von Berichten, übergangslos von wissenschaftlichen Ergebnissen der Schlafforschung zu Potenzschwierigkeiten deutscher Männer und Gefahren des Telephonierens in der Badewanne - "lächerlich und auch verwirrend".
Während die Gutachter aber auch mal Lobenswertes im Programm fanden - Kulturberichte "ausgezeichnet", Sport und Musik "tadellos" -, weiß der Kölner Fachhochschulprofessor Ernö Vilaghy von Reisen in sein Geburtsland Ungarn nur Schlimmes zu berichten. Bei den Auswertern des ungarischen Rundfunks sorge das DLF-Programm "immer für Heiterkeit", so Vilaghy, die Bundesrepublik gelte dort als "Rundfunk-Entwicklungsland".
Aus seiner Kritik an "elementaren Sach-, Form- und Sprechfehlern" machte Vilaghy Programm-Verantwortlichen gegenüber kein Hehl. Anonym als Spion angeschwärzt, erhielt er von der Bundesanwaltschaft nach den fälligen Ermittlungen einen Persilschein: unverdächtig.
Unversehens war der Soziologieprofessor, dessen Ehefrau zum zerstrittenen Ungarn-Kader des DLF gehört, zwischen die Fronten jener osteuropäischen Rundfunk-Emigranten geraten, die einander schnell mal als verkappte Faschisten, heimliche Kommunisten oder unverbesserliche Royalisten verdächtigen.
Beispiel CSSR-Programm: Schachgroßmeister Ludek Pachman verlangte letztes Jahr weniger "Entspannungseuphorie", dafür mehr Emigranten-"Meinung zum Weltgeschehen". Nicht einmal der konservative Hans Graf Huyn, CSU-Vertreter im Rundfunkrat, machte sich allerdings Pachmans Kritik zu eigen.
Der Kampf um Richtung und Meinung ist ein Gründungserbe des Deutschlandfunks. Schon bei der Planung des "Wiedervereinigungssenders" gab es vor zwei Jahrzehnten eine rechtlich fragwürdige Intervention der Bonner Regierung. Sie beschloß damals, unter Konrad Adenauer, die Gründung der Anstalt in Köln und verhinderte so den vorgesehenen Standort Berlin, um das "hochpolitische Instrument" im Bonner Dunstkreis besser unter Kontrolle zu bekommen.
Seitdem schlägt die altkonservative Note immer mal wieder durch - etwa wenn Hitler-Nachfolger Karl Dönitz, den die Alliierten wegen unmenschlicher Befehle als Kriegsverbrecher verurteilten, in einem DLF-Kommentar zum "Ehrenmann" und wünschbaren Vorbild als "großer deutscher Soldat" erklärt wird. Reiß ließ die Eloge des Deutschland-Programms nach dem Tod von Dönitz in Europa verbreiten.
Der christdemokratische Direktor hat sich - zusätzlich zum proporzgerecht produzierten Sendematerial der Deutschlandredaktion, das auch im Europaprogramm ausgewertet wird - einen eigenen Kreis von Kommentatoren zugelegt, den er allein dirigiert.
Typisch oder nicht - bei der Beobachtung des Ungarnprogramms wurden, trotz Vorwarnung der Redaktion, "innenpolitisch nicht ausgewogene", "einseitig gegen die SPD/FDP-Koalitionsregierung gerichtete" Sendungen moniert.
Reiß pocht darauf, daß ein Programm nach draußen "nur glaubwürdig" sei, "wenn wir auch das Negative melden". Sein Vorbild: "Das BBC-Programm im Krieg, wo auch die eigenen Niederlagen gemeldet wurden."
Bisweilen geht die "negative Selbstdarstellung" aber so weit, daß in einer Sendung "über die Bundesrepublik nur Negatives zu hören" sei - so die Beobachter-Bilanz zu einem der Tagesprogramme für Ungarn: "Radio Moskau hätte es nicht besser machen können."

DER SPIEGEL 2/1982
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