11.01.1982

RÜSTUNGGelber Regen

Mit einem Blatt und einem Zweig wollte die US-Regierung beweisen, daß Moskau toxische Waffen einsetzt. Eine US-Nachrüstung in solchen Waffen steht angeblich bevor.
Amerikas Außenminister war wieder einmal zu schnell. Als erste Informationen über geheime Labortests aus dem State Department in die US-Presse sickerten, ließ er sich zu der Behauptung hinreißen: "Wir haben handfeste Beweise aus Südostasien, daß die Sowjet-Union und ihre Alliierten tödliche chemische Waffen einsetzen." Die beschuldigten Regierungen belehrte er: "Die Benutzung solcher Toxine ist vom Genfer Protokoll von 1925 verboten."
Das war bei seinem Berlin-Besuch am 13. September 1981. Die Beweisstücke, die Haigs Helfer im State Department in Eile kurz darauf präsentierten, wirkten S.89 dürftig: ein Blatt und ein Zweig "von einem Busch oder Baum irgendwo an der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand". Und diese Beweise sind in den vergangenen vier Monaten nicht stärker geworden.
Labortests hätten ergeben, ließ Washington verlauten, daß die vorgezeigten Pflanzenteile von drei Pilzgiften, sogenannten Mykotoxinen, befallen seien: Sowjetische Transportflugzeuge vom Typ Antonow An-12 und Hubschrauber sowjetischer Bauart mit vietnamesischen Hoheitszeichen hätten die Gifte als "gelben Regen" versprüht.
Als Opfer ("einige tausend") ortete das State Department besonders den Stamm der Hmong in Nordlaos, der während des US-Krieges in Vietnam auf Amerikas Seite gekämpft hatte. Auch die Symptome der Leiden beschrieb Washington genau: "Benommenheit, Ohnmacht, Bluthusten, Schock und Tod derjenigen, die in direkte Berührung mit den versprühten Stoffen kamen."
Moskaus Nachrichtenagentur Tass reagierte auf die Anschuldigungen in der gewohnten Tonlage: "Böswillige Verleumdungen und antisowjetische Farce."
Weit gewichtiger klangen die Zweifel angesehener Experten der chemischen und biologischen Kriegführung, die die US-Regierung bis heute nicht ausräumen konnte. "Es fällt mir schwer, dies zu glauben", wandte der Biologe Matthew Meselson von der Harvard University ein. Vom wissenschaftlichen Standpunkt sei es "ungeheuerlich", aus nur einer Probe so weitreichende Schlußfolgerungen zu ziehen.
Sein britischer Kollege Julian Perry Robinson von der Universität Brighton pflichtete ihm bei: Die Beweisführung des US-Außenministeriums sei "erstaunlich ungeschickt".
Die Forscher nahmen sich besonders zwei Behauptungen des State Departments vor:
* "Diese Mykotoxine kommen in warmen Klimazonen, zum Beispiel in Südostasien, in der Natur nicht vor."
* Drei verschiedene Pilzgifte gleichzeitig auf einer Pflanze beweisen, daß die Gifte von außerhalb herangeschafft wurden.
Forscher Robinson zum SPIEGEL: "Auch nur eine oberflächliche Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur zeigt, daß dies nicht stimmt." Mykotoxine seien auf Pflanzen in nahezu allen Bodenarten und Klimazonen zu finden - von arktischem Permafrost bis in die Wüste Sahara.
Und daß zwei Toxine auf einer Pflanze gleichzeitig vorkämen, weise die Fachliteratur bereits seit 1972 nach. Eine Studie aus Frankreich beschreibe sogar gleich drei verschiedene Mykotoxine auf einer auf natürlichem Wege verschimmelten Getreidesorte.
Was hinter Washingtons Anschuldigungen an die Adresse Vietnams und der Sowjet-Union stecken könnte, formulierte der britische Forscher vorsichtig: Noch in diesem Monat, vermutlich in seinem Bericht zur Lage der Nation am 26. Januar, wolle Präsident Reagan eine Erhöhung der Ausgaben für chemische Kampfstoffe ankündigen. Kosten für die ersten fünf Jahre des Programms: acht Milliarden Dollar.
Beide Weltmächte besitzen unbestritten bereits heute große Arsenale chemischer Waffen. Als jedoch 1969 bei einem Kampfstoff-Versuch im US-Bundesstaat Utah 6000 Schafe umkamen, unterließ Washington die Herstellung neuer C-Waffen. Eine Nachrüstung auch auf diesem Gebiet könnte einen neuen Konflikt zwischen Washington und Bonn heraufbeschwören; in der Bundesrepublik lagern US-Kampfstoffe, die längst überholt sind.
Hätten die Sowjets Giftstoffe nicht nur hergestellt, sondern auch angewendet, würde dies ein starkes Argument für eine C-Nachrüstung abgeben. So schickte denn die US-Regierung schon im Oktober vergangenen Jahres ein Expertenteam in die Hauptstädte der wichtigsten Nato-Verbündeten, um ihre Anschuldigungen gegen Moskau zu wiederholen. Überzeugende Beweisstücke konnte die Gruppe den Regierungen und ausgewählten Journalisten jedoch nicht präsentieren.
Am 22. Oktober kündigte dann John H. Holdrige, Unterstaatssekretär für Ostasien im State Department, Gewebeproben an, die von sezierten Guerillaleichen aus Kambodscha stammten. Resultate stehen bis heute aus.
Kurz darauf war sich Richard Burt, Leiter der Abteilung für politisch-militärische Fragen im Außenministerium, vor einem Senatsunterausschuß sicher: "Wir haben jetzt eindeutige Beweise." Harvard-Professor Meselson konterte erneut: "Es bestehen weiterhin sehr ernsthafte Zweifel, ob die angeführten Beweise der Regierung ausreichen."
Auf Vortragsveranstaltungen in Amerika-Häusern stellte Ende vergangenen Jahres zudem der amerikanische Journalist Sterling Seagrave ausführlich sein Buch "Gelber Regen" vor,
( Sterling Seagrave: "Yellow Rain. A ) ( Journey Through the Terror of Chemical ) ( Warfare". M. Evans and Company, New ) ( York 1981, 11 ,85 Dollar. )
das - Zufall oder Absicht - genau zum Zeitpunkt der Haig-Rede in Berlin erschienen war. Darin wiederholt Autor Seagrave, der bei seinen Recherchen in Südostasien und Afghanistan Kontakte zu Amerikas Geheimdiensten pflegte, die Behauptung der US-Administration vom Einsatz toxischer Waffen. Überzeugende Beweise vermochte auch er nicht vorzulegen.
Eine Expertengruppe der Vereinten Nationen bereitete der amerikanischen Regierung vergangenen November die nächste Enttäuschung. Im Auftrag von Generalsekretär Waldheim sollte das vier Mann starke Team unter Leitung des ägyptischen Experten Generalmajor Dr. Esmat A. Ezz den Anschuldigungen vor Ort nachgehen - Beweise für Haigs Tatarennachricht fanden auch diese Forscher nicht.
In ihrem Bericht an die Uno-Generalversammlung melden die Fachleute, sie hätten lediglich Zugang zu Flüchtlingslagern in Thailand erhalten. Dort aber waren nicht einmal die Flüchtlinge auszumachen, die das State Department als Augenzeugen der Gift-Einsätze benannt hatte.
Die Ärzte in den Lagern führten den Uno-Rechercheuren keine Opfer vor, deren Leiden eindeutig auf den Einsatz toxischer Waffen schließen ließen.
Auf der weiteren Suche nach Beweisen für den Einsatz toxischer Waffen bekam die US-Regierung jetzt unerbetene Hilfe: Robert K. Brown, Herausgeber des Söldner- und Abenteurermagazins "Soldier of Fortune", verspricht jedem sowjetischen oder vietnamesischen Piloten, der mit "tödlichen chemischen und/oder biologischen Stoffen" in den Westen desertiert, eine Prämie von 100 000 Dollar.
S.89 Sterling Seagrave: "Yellow Rain. A Journey Through the Terror of Chemical Warfare". M. Evans and Company, New York 1981, 11 ,85 Dollar. *

DER SPIEGEL 2/1982
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