01.06.1981

STRAUSSEiner der Schärfsten

In einem Beleidigungsprozeß um Vorwürfe in Sachen NS-Vergangenheit kontert Franz Josef Strauß überraschend: Er präsentiert sich als Widerstandskämpfer.
Wir schreiben, was wir wollen. Ätsch!!", hält "Flattermann", Zeitung der Mönchengladbacher "Falken", gelegentlich den Respektspersonen aus Familie, Schule oder Politik entgegen.
Unter den Etablierten, die am Blatt der linken Jugendorganisation Anstoß nehmen, tat sich letztes Jahr die "Katholische Elternschaft Deutschlands" hervor. Es ging um eine derbsatirische Auseinandersetzung der Flattermänner mit Glaubensfragen (Unterzeile: "Wenn es einen Gott gäbe, müßte man ihn abschaffen!"). Der fromme Bund trug die Sache zum Staatsanwalt.
Die Anklagebehörde in Mönchengladbach ermittelte auch sogleich wegen Religionsbeschimpfung und sogar Volksverhetzung. Und den Staatsanwälten war noch etwas aufgefallen: eine Wahlkampfattacke der linken Jungredakteure auf Strauß, illustriert mit Karikaturen zur Polit-Karriere des Bayern, NS-Zeit eingeschlossen.
Eine Zeichnung wurde inkriminiert. Sie zeigt Strauß als "Nazilehrer mit Naziuniform", der "mit der ausgestreckten rechten Hand Hitlers 'Mein Kampf' jungen Menschen anpreist" (Anklage). Die Staatsanwaltschaft schickte das Heft "gemäß unseren Richtlinien" an Strauß, und der stellte prompt Strafantrag. So muß sich der verantwortliche Redakteur Michael Strauß, 19, nun auch wegen Verunglimpfung seines Namensvetters vor dem Gladbacher Jugendschöffengericht verantworten.
Leidtragender dieses Verfahrens wird jedoch auch der Münchner Strauß sein -- wie stets, wenn er gerichtlich gegen Darstellungen seiner Rolle während der Hitler-Zeit vorgeht. Denn unstreitig war er im NS-Studentenbund, und er war auch Mitglied im NS-Kraftfahr-Korps (NSKK), wo, wer aufgenommen werden wollte, als "politisch zuverlässig" ausgewiesen sein mußte. Von ihm wurde erwartet, daß er immer tiefer "in das nationalsozialistische Gedankengut" (NSKK-Richtlinien) eindringe.
Schließlich kam auch Straußens Funktion als "Offizier für wehrgeistige Führung" an der Flakschule in Schongau (eine der Voraussetzungen für diese Aufgabe: "aktivistischer Nationalsozialist") durch das Gladbacher Verfahren mal wieder ins Gespräch.
Doch es gab in diesem Verfahren auch "Überraschendes", wie der Rechtsanwalt des jungen Angeklagten erfuhr, als Bayerns Ministerpräsident am Freitag vorletzter Woche in München als Zeuge vernommen wurde. In dreieinhalb Stunden Sitzung mit den aus Mönchengladbach angereisten Prozeßbeteiligten präsentierte sich Franz Josef Strauß als aktiver Hitler-Gegner, Teil eines "geschlossenen Systems des Widerstandes", das an Schongaus "lakschule installiert gewesen sei: Ich war seit dem Winter 1943/"4 " Mitglied des Kreises 20. Juli, wobei ich bemerke, daß dieser " " Name dem Kreis später gegeben wurde. Ich war in dieser " " Eigenschaft über den geplanten Anschlag informiert, ohne über " " Ort und Zeit Bescheid zu wissen. "
Historiker haben zwar bislang von einem Widerständler Strauß noch nicht Kenntnis genommen, doch dafür hat Bayerns Ministerpräsident bei der Zeugenvernehmung eine Erklärung: "Ich habe mich stets nach dem Grundsatz verhalten, daß der gefährliche Gegner nicht der aufgefallene, sondern der nicht aufgedeckte ist."
Derart bedeckt, rutschte Student Strauß 1937 ins NSKK: Wegen "Äußerungen gegen den Führer und das System" sei er in "größte Gefahr" geraten und von einem Professor zu Tarnmanövern gedrängt "orden. Der Professor damals, so Strauß heute: Ich muß Sie allen " " Ernstes um zwei Dinge bitten. Erstens, daß Sie Ihren Mund " " halten, und zweitens, daß Sie ein Zeichen setzen, also in " " irgendeine Organisation eintreten, damit ich irgend etwas für " " Ihre Rechtfertigung sagen kann. "
Im NSKK trug man zwar, räumte der Ministerpräsident im Gericht ein, "gelegentlich eine Uniform mit einer Hakenkreuzbinde, diese Kleidung war vorgeschrieben". Aber ansonsten nimmt sich die Organisation, in der Strauß Rottenführer wurde, in der Erinnerung mehr als harmloser Haufen aus -- "über uns ging der Spitzname: nur Säufer, keine Kämpfer".
Als Offizier für wehrgeistige Führung ließ Strauß sich ebenfalls den Widerständler nicht anmerken. Wenn der Leutnant Vorträge hielt, "so waren dies geschichtliche Themen". Und auch einen Schlimmeren an seiner Stelle blockierte Wehrgeist Strauß durch Ausharren: Damit nicht "ein anderer Vorträge hielt" und "gegenüber der Truppe nationalsozialistische Hetzpropaganda betrieben wurde".
Überdies hatte der Kommandeur den Leutnant erst am Portepee fassen müssen: "Er sagte mir etwa: Strauß, das machen Sie. Wir wollen nicht jemanden kriegen, der nicht zu uns paßt. Wir wollen keinen Weltanschauungsheini bekommen." S.99
Die listigsten Einfälle aber, das System zu unterminieren, hatten die Untergründler von Schongau im direkten Zweikampf. Stramme Nazis brachten sie zur Strecke, indem sie die als schlechte Nazis "nschwärzten und so deren Abzug an die Front bewirkten. Es wurden" " innerhalb der Heeresschule überzeugte Nationalsozialisten von " " uns bewußt schlecht beurteilt, insbesondere im Bereich ihrer " " weltanschaulichen Zuverlässigkeit, um solche Offiziere aus " " der Heeresschule loszuwerden. "
Zum Beleg, daß dies verschwiegene Aufbegehren an zuständiger Stelle schließlich doch nicht ganz übersehen worden ist, präsentierte Strauß vorletzte Woche den verblüfften Gerichtspersonen ein Papier, das ihm "vor einigen Wochen übergeben worden" sei -- eine hymnische Beurteilung durch die für Strauß' Entnazifizierung zuständige "pruchkammer. Auszug: (Strauß übte) nicht nur passiven, sondern i" " hohem Maße aktiven Widerstand gegen NS-Maßnahmen und " " -Ideologie. Er war einer der schärfsten, überlegensten und " " erfolgreichsten Gegner des Nationalsozialismus. In Schule, " " Universität und Dienstzeit hat er für seine Anschauungen " " leidenschaftlich geworben, seine antinationalsozialistischen " " Anschauungen unter Gefahr weiterverbreitet, aktiv Widerstand " " geleistet. "
Freilich: Einer der maßgeblichen Entnazifizierer im Bereich Schongau war Landrat Franz Josef Strauß. Und dort, so hat sich später ein Spruchkammervorsitzender beklagt, arbeiteten die beiden öffentlichen Ankläger und der Landrat -- alle "Mitglieder der CSU" -- besonders eng zusammen, wenn "CSU-Mitglieder vor der Spruchkammer standen".
S.98
Ich war seit dem Winter 1943/44 Mitglied des Kreises 20. Juli, wobei
ich bemerke, daß dieser Name dem Kreis später gegeben wurde. Ich war
in dieser Eigenschaft über den geplanten Anschlag informiert, ohne
über Ort und Zeit Bescheid zu wissen.
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Ich muß Sie allen Ernstes um zwei Dinge bitten. Erstens, daß Sie
Ihren Mund halten, und zweitens, daß Sie ein Zeichen setzen, also in
irgendeine Organisation eintreten, damit ich irgend etwas für Ihre
Rechtfertigung sagen kann.
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S.99
Es wurden innerhalb der Heeresschule überzeugte Nationalsozialisten
von uns bewußt schlecht beurteilt, insbesondere im Bereich ihrer
weltanschaulichen Zuverlässigkeit, um solche Offiziere aus der
Heeresschule loszuwerden.
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(Strauß übte) nicht nur passiven, sondern in hohem Maße aktiven
Widerstand gegen NS-Maßnahmen und -Ideologie. Er war einer der
schärfsten, überlegensten und erfolgreichsten Gegner des
Nationalsozialismus. In Schule, Universität und Dienstzeit hat er
für seine Anschauungen leidenschaftlich geworben, seine
antinationalsozialistischen Anschauungen unter Gefahr
weiterverbreitet, aktiv Widerstand geleistet.
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DER SPIEGEL 23/1981
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