15.03.1982

Der Machtkampf in Moskau

Während Leonid Breschnew und seine Getreuen ins Theater gehen, rätseln die Sowjetbürger und die Welt: Wer kommt nach Breschnew? Der Kampf um die Nachfolge hat schon begonnen. Gegen den Breschnew-Kandidaten Konstantin Tschernenko opponieren und intrigieren konservative Kräfte. Sie wollen das Reich zurückführen zu Disziplin und Ordnung. Ihre Führer sitzen in der Armee und im Staatssicherheitsdienst.
Die Versorgung war zusammengebrochen, der Verwaltungsapparat versagte, das Proletariat meuterte gegen die Kommunisten: Rußland 1922.
Staatsgründer Lenin machte sein Testament. Er sorgte sich um den Bestand seines Werkes, die Diktatur seiner Partei, in deren Reihen die Fraktionen gegeneinander kämpften, wobei eine linke "Arbeiteropposition" für eine Art Gewerkschaftsstaat eintrat - jener Klasse am nächsten, auf die sich die Partei berief.
Lenin verordnete eine "Neue Ökonomische Politik" (NEP) mit freier Marktwirtschaft in Handel und Gewerbe, vergab Konzessionen an ausländische Kapitalisten und widersetzte sich Plänen, die Gewerkschaften militärisch zu organisieren - sie sollten weiterbestehen, aber von der Partei abhängig sein.
Die Krise des Sowjetregimes vor 60 Jahren wird derzeit wieder lebendig in Moskau - in einem Theaterstück voller politischer Brisanz, aufgeführt im "Künstler-Theater" am Twerskoi-Boulevard. Titel: "So werden wir siegen."
Ein kranker, von Intrigen umsponnener Lenin gibt da (siehe Kasten Seite 122) dem Publikum des Jahres 1982 seinen Rat für den Fortbestand der Parteiherrschaft: Achtung vor dem "Willen der Arbeiterklasse".
Sein kranker, von Intrigen umsponnener Nachfolger, der Generalsekretär Leonid Breschnew, 75, führte am vorletzten Mittwoch sieben der 13 Mitglieder des Politbüros ins Künstler-Theater - und zurück in die Vergangenheit. Gemeinsam sah sich die Politbüro-Mehrheit das Theaterstück an, studierte, wie sie siegen könne - und applaudierte.
Einer der - altersbedingt - kaum noch Aufrechten Sieben applaudierte bereits zum zweitenmal: Konstantin Tschernenko, Nachfolgekandidat Breschnews und mit 70 fast so alt wie der Chef, war bei der Premiere schon dabeigewesen.
Wie mit Peking-Opern im China der Kulturrevolution wird nun auch in Moskau mit und auf der Bühne Politik gemacht: Die Botschaft des Schauspiels ist das Testament Breschnews, das Programm für den, der nach ihm kommt.
Breschnew im Theater, Breschnew auf dem Weltfrauentag, Breschnew beim Empfang des finnischen Präsidenten Koivisto - das deutet eigentlich darauf hin, daß so bald gar keiner nach ihm kommt, daß der in Börsengerüchten schon Totgesagte sich aufrecht hält und S.121 die UdSSR sehr wohl noch einen Führer hat.
Doch trotz, und vielleicht gerade auch wegen der betonten Zurschaustellung des Generalsekretärs wachsen in der Sowjet-Union und überall in der Welt seit zwei Wochen die Zweifel an der Funktionsfähigkeit der Moskauer Greisenriege.
Zuviel Ungereimtes und Dubioses aus dem Kreml verunsicherte Freund und Feind: Korruptionsaffären in höchsten Rängen, ungeklärte Todesfälle, Verhaftungen Prominenter, gezielt gestreute Gerüchte signalisieren einen Machtkampf, in dem mögliche Nachfolger noch vor dem Abgang des Chefs um die aussichtsreichsten Startplätze rangeln.
Die zweite Weltmacht womöglich kopflos in einer Zeit internationaler Hochspannung, das beunruhigte eine ohnedies von Kriegsfurcht erfaßte Welt noch mehr.
An Leonid Breschnew hatte sich die Welt gewöhnt, an den kriegerischen Exekutor von Prag und Kabul ebenso wie an den leutseligen Entspannungsreisenden von Helsinki und Bonn.
Doch wer nach ihm kommt, ist ungewiß; und ebenso ungewiß ist, welche Politik die Sowjet-Union betreiben wird. Moskau, das sich traditionell in Zeiten des Machtwechsels nach außen abschirmt, wird noch unberechenbarer, die Unwägbarkeiten in der Weltpolitik werden größer.
Wie der greise Leonid sich die Zeit nach seinem - physischen oder politischen - Ende vorstellt, sehen die Moskowiter allabendlich im Künstler-Theater. Dort wird wieder für eine neue ökonomische Politik geworben und wörtlich Lenins Verdikt gegen Stalin zitiert, der die liberale Wirtschaftspolitik beendete, das Bauernland enteignete und die Gewerkschaften militarisierte. In dem Theaterstück tritt sogar als positive Heldin die Sprecherin der innerparteilichen "Arbeiteropposition" auf.
Liberalisierung der Wirtschaft und Belebung der Gewerkschaften nach ungarischem Muster - das wäre ein Programm, mit dem sich die UdSSR den dunklen, drohenden Wolken entziehen könnte, die seit der Polen-Krise über das Sowjetland ziehen.
Breschnew versuchte es bereits mit einer Aktivierung seiner Gewerkschaften, jener Hilfsorganisationen der Partei, die zuständig sind für Sozialversicherung, Ferienheime und Steigerung der Akkordarbeit.
Auf dem Parteitag im Februar 1981 - Polens Reformkurs war gerade fünf Monate alt - rügte er seine "Berufsorganisationen", weil es ihnen "bisweilen noch an Initiative bei der Wahrnehmung ihrer umfangreichen Rechte mangelt. Sie reagieren noch zuwenig auf Verletzungen der Arbeitsgesetzgebung, auf Bürokratismus und Schlendrian".
Die Gewerkschaftsfunktionäre müßten aber fähig sein, "ohne eine Spur falscher Idealisierung die Stimmung der Massen, den Grad ihrer Bewußtheit und ihre Bedürfnisse zu bestimmen".
Denn die Kontrolleure des Proletariats hatten die Lage idealisiert und Massenunmut zu spät gemeldet.
Tatsächlich war es im Mai 1980 wegen Überstunden überraschend zu einem Busfahrerstreik in der Autostadt Toljiatti gekommen, der Ausfall der Verkehrsmittel für die Arbeiter führte zu einem Produktionsstopp in der Kfz-Fabrik. Auch in der Rüstungsschmiede Gorki legten die Werktätigen wegen Lebensmittelmangel die Arbeit nieder, in dem Leningrader Betrieb "Leninez" hatte die Belegschaft einen halben Tag lang gestreikt, weil ihr Meister Nilow in Polizeihaft gestorben war.
Streiks auch in zwei Abteilungen der Traktorenfabrik von Minsk, weil sich die Lohnauszahlung verzögert hatte, und in der Radiofabrik von Minsk, wo die Lohntarife gesenkt werden sollten.
Im Kombinat "Petschenganikel" bei Murmansk hatten Arbeiter für mehrere Tage die Hochöfen stillgelegt. Wegen Erhöhung des Plansolls und schlechter Versorgungslage waren im Oktober des Polenjahrs 1980 im estnischen Tartu rund 1000 Arbeiter der Landmaschinenfabrik "Kaceremonditechas" für zwei Tage in den Ausstand getreten; zugleich hatten, wie vorher mehrfach in Tallinn, Tausende von Schülern und Studenten gegen die russische Vorherrschaft demonstriert.
An mehreren Orten der UdSSR entstanden Zellen einer unabhängigen Gewerkschaft, der "Freien Interprofessionellen Vereinigung der Werktätigen" (SMOT), mit dem Zentrum im Donez-Gebiet.
Leonid Breschnew hielt die Klagen des Volkes weithin für berechtigt. Auf dem Parteitag beschwerte auch er sich über "besonders empfindliche Versorgungslücken" bei Fleisch, Milch und Butter - dabei war die dritte Mißernte in einer Folge noch nicht in Sicht -, über die alljährlich wiederkehrende Nichterfüllung der Pläne "bei vielen Waren für den Bevölkerungsbedarf, besonders Stoffen, Wirkwaren, Lederschuhen, Möbeln und Fernsehgeräten".
Doch wo Leonid Breschnew den Sowjetbürgern entgegenkommen möchte, versuchen andere Mächtige in der S.123 Kreml-Riege, jedes Nachgeben gegenüber den Forderungen der Arbeiterschaft zu verhindern: nichts mit Vorrang des Lebensstandards vor der Aufrüstung, mit Öffnung nach Westen und Menschenrechten gemäß der Schlußakte von Helsinki.
Anführer dieser Konservativen im Kreml war über Jahrzehnte Michail Suslow, der oberste Hüter der reinen Lehre. Er wehrte sich auch gegen das Lenin-Theaterstück, das ursprünglich schon zum 26. Parteitag vor einem Jahr uraufgeführt werden sollte. Eigenhändig strich Suslow an den gefährlichsten Passagen herum, so daß die Schauspieler immer neue Texte lernen mußten.
Er bezweifelte, daß die Partei durch Reformen siegen könne, fürchtete, daß sie viel eher unterliegen werde - er hatte sich die polnische Bescherung vor Ort angesehen. Jetzt plädieren andere Spitzenfunktionäre - ganz nach Stalin-Art - dafür, dem Volk den Riemen noch enger zu schnallen, das Land von Auslandshilfe unabhängig zu machen, noch mehr Rubel in die Rüstung zu stecken - jeden Widerstand im Land zu brechen.
Solch ein Programm, zu Stalins 100. Geburtstag 1979 in der "Prawda" formuliert, befürworten offensichtlich vor allem jene Sowjetfunktionäre, die sich kraft Amtes um die Sicherheit des Staates sorgen: die Genossen vom "Komitee für Staatssicherheit" (KGB), die sich nach der Tscheka, der berüchtigten Geheimpolizei der 20er Jahre, stolz "Tschekisten" nennen. Semjon Zwigun, der Erste Vizechef des KGB mit dem Militärrang eines Armeegenerals, entwickelte ein Kontrastprogramm zu Breschnews Politik der Nachgiebigkeit gegenüber dem Volkswillen.
Weil er den Machtverlust der Partei in Polen auf westliche Machenschaften zurückführte, beschuldigte Zwigun in einem Grundsatzartikel des ZK-Organs "Kommunist" im vorigen September ausländische Propaganda- und Spionagezentralen, auch die UdSSR zu unterwandern: Sie trügen Subversion und Konsumlust ins Sowjetland, führten die Sowjetjugend mit Popmusik in die Irre, heuerten Dissidenten an.
Breschnews zu Protokoll gegebenes Verständnis für die Nöte der 270 Millionen Sowjetmenschen, Suslows Beharren auf der reinen Lehre, Zwiguns Theorie von den geheimnisvollen Feinden im Ausland - es sind magere Antworten auf eine Krise des Systems, deren Symptome durch nichts mehr zu vertuschen sind.
Die Bilanz von 18 Jahren Breschnew ist für die Bürger so trostlos, daß sogar die Parteipropagandisten, die sich noch stets an Planphantasien berauschten und dem Volk mit aberwitzigen Zahlenspielereien zu beweisen suchten, wie gut es ihm doch gehe, eine jähe Kehrtwendung vollzogen haben und nun dem Volk "15 schwere Jahre" prophezeien.
Bis zum vorigen Jahr noch gab es für sowjetische Leitartikler grundsätzlich nur eine Krise - die des zum Untergang verdammten Kapitalismus. "Inflation, Arbeitslosigkeit und sozialer Absturz sind die einzigen Weihnachtsgeschenke, welche die Arbeiter im Westen erwarten können", unkte Ende 1980 die Moskauer Wirtschaftszeitung "Sozialistischeskaja industrija".
Im vorigen November, als die dritte Mißernte bereits die Katastrophe ankündigte, berauschte sich "Tass" immer noch am Prinzip Hoffnung, das allemal den Sozialismus siegen läßt:
"Anders als die kapitalistischen Industriestaaten und deren Führungsmacht, die USA, die von wirtschaftlichen Rückschlägen und Krisen heimgesucht werden, kann die Sowjet-Union auch in den S.124 80er Jahren mit hinreichend hohen wirtschaftlichen Zuwachsraten rechnen." Dies, so die Agentur, "dank der außergewöhnlich dynamischen und krisenfreien Entwicklung der Sowjetwirtschaft".
Und als auf den Weltmeeren längst aller verfügbare Schiffsraum der UdSSR unterwegs war, um nach der katastrophalen Ernte alles verfügbare Getreide auf der Welt an Bord zu nehmen, sah der Washingtoner "Tass"-Korrespondent Jewgenij Jegorow zwar eine Landwirtschaft zusammenbrechen - aber nicht daheim, sondern beim Hauptlieferanten USA: "Hinter einem Scheinvorhang von Prosperität und Effektivität in der amerikanischen Landwirtschaft gibt es ungeheure Probleme, die bald zu einem Kollaps des gesamten Versorgungssystems in den USA führen könnten."
Eine zutreffende Beschreibung der Zustände - in der Heimat des Genossen Jegorow, wo die Versorgung zusammenbrach, so daß die Weltmacht Sowjet-Union 36 Jahre nach Kriegsende in weiten Teilen des Reiches wieder Lebensmittel rationieren mußte und die ohnehin kargen Rationen nur dank der Zukäufe aus dem angeblich verrottenden Westen aufbringen konnte.
Noch vor einem Jahr hatte Leonid Breschnew den Bürgern versichert: "Wir haben alles, was wir brauchen, um das Leben des Volkes noch besser zu machen." Aber das angesprochene Volk reagierte darauf nur mit dem Scherz, es wolle gar nicht, daß es ihm noch besser gehe, es sei durchaus zufrieden, wenn es ihm endlich einmal einfach gutgehe.
Im ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat jedoch leben die Arbeiter und Bauern 64 Jahre nach der Revolution, die ihnen unablässig als die ihrige gepriesen wird, noch immer hart am Existenzminimum. Wohl in keinem Industriestaat der Welt ist das Proletariat heftiger erniedrigt und beleidigt, von jeglicher Beteiligung an der Macht, an der Gestaltung seines eigenen Schicksals und vom Informationsfluß so ausgeschlossen wie ausgerechnet die Bevölkerung dieses angeblich sozialistischen Gemeinwesens.
Die Einwohner des riesigen Sowjetreiches haben allenfalls den Lebensstandard des Westens der frühen 50er Jahre erreicht, müssen drei Viertel ihres Einkommens für Nahrung ausgeben - und dafür noch tagtäglich und oft vergebens Schlange stehen.
Viele Millionen sowjetischer Bürger, vor allem auf dem Land, sehen oft monatelang kein Stück Rind- oder Schweinefleisch, können Milch für ihre Kinder oft nur auf ärztliches Rezept kaufen, fahren stundenlang durch ihre Stadt oder tagelang in die nächste Stadt, um eine Sorte Wurst, ein Pfund Butter, Käse, Tee oder Nudeln, Reis und Kartoffeln zu organisieren.
Praktisch alles ist "defizitno", mal Speiseöl, aber auch Zwiebeln oder Karotten, neben Kohl die einzigen Vitaminspender im langen Winter; kein Wucherpreis, der auf dem "Rynok", dem privaten Bauernmarkt, wovon es allein in Moskau mehr als zwei Dutzend gibt, nicht verlangt - und von jenen, die es sich leisten können, auch bezahlt - würde: zehn Rubel oder im Winter auch mal 15 (33 bis 50 Mark) für ein Kilo Gurken oder Tomaten, zwölf (fast 40 Mark) für ein Huhn, sieben (22 Mark) für ein Kilo Mandarinen.
Der Durchschnittslohn aber liegt bei 172 Rubel, etwa 550 Mark, Rentner müssen oft mit einem Viertel davon auskommen; für die meisten sind diese Preise mithin unerschwinglich, sie müssen auf jede Kopeke achten. Diese kleinste Kupfermünze, gut drei Pfennig wert, werfen Kirchenbesucher den Bettlerinnen vor der Pforte als Almosen hin. Die Empfängerinnen segnen sie dafür, denn S.125 16 Kopeken reichen für ein Brot, das es immer noch gibt.
Das ist der Alltag des Sowjetbürgers im siebenten Jahrzehnt einer Gesellschaft, die als klassenlos, also gerecht, als Gesellschaft der Zukunft angetreten ist, die aber niemals auch nur annähernd mit ihrer Gegenwart fertig wurde und deshalb immer auf später vertröstet werden mußte.
Seit drei Generationen hören die Sowjetbürger, sie müßten erst einmal die Ärmel aufkrempeln, Opfer bringen für die leuchtende Zukunft: für den Aufbau des Ersten Sozialistischen Staates, die Bekämpfung und Ausrottung seiner inneren Feinde.
Als Hitlers Wehrmacht einfiel, mußte die bedrohte Heimat gerettet werden; als der grausame Feind besiegt war, in der stolzesten Stunde des Sowjetregimes und der Mehrheit seiner Bürger, stand vor dem Goldenen Zeitalter nur noch der Wiederaufbau des verwüsteten Landes.
Nikita Chruschtschow, der sprach wie ein Mann aus dem Volk, verhieß dem Volk nach dem Tod des Massenmörders Stalin einen Gulasch-Kommunismus mit vollen Töpfen und versprach das kommunistische Paradies mit genauem Datum für 1980: Dann würden die Sowjetbürger mehr besitzen und weniger arbeiten als alle anderen Erdenbürger.
Die neuen Männer um Leonid Breschnew und Alexej Kossygin verlangten neuen Einsatz für riesige Neulanderschließungen, die Entwicklung der Schatzkammer Sibirien, für Jahrhundertprojekte wie die Baikal-Amur-Eisenbahn und ließen unverdrossen auch die Zukunftshoffnungen weiter keimen.
Kossygins Ansätze einer Wirtschaftsreform, Lohnerhöhungen, massierter Wohnbau und eine Versorgung, die, wenn auch zaghaft, so doch spürbar besser wurde, schürten die Erwartungen der dritten Sowjetgeneration, daß sich zu ihren Lebzeiten doch etwas zum Besseren wenden werde.
Alle Voraussetzungen schienen gegeben: Im Zeichen der Detente entspannte sich das Verhältnis zur Bundesrepublik und zu den USA, Türen taten sich auf für Milliardenkredite und überlegene westliche Technologie. Die überreichlich vorhandenen heimischen Bodenschätze stiegen jählings im Wert. Denn der Ölpreissprung von 1974, der den Westen in die Wirtschaftskrise stürzte, geriet den Sowjets zum unverhofften Segen:
Die UdSSR, der Welt bei weitem größter Ölproduzent, kassierte für ihre Öl-, Gas- und sonstigen Rohstoffexporte viele zusätzliche harte Devisen-Milliarden, die Zukunft schien hell und nah.
Doch die Kreml-Bürokraten wucherten schlecht mit ihren Pfunden. Sie steckten, ohne Zwang, den Großteil des erzielten Mehrwertes in eine in Friedenszeiten beispiellose Rüstung.
Ausgerechnet in den Jahren, in denen die andere Weltmacht damit ausgelastet war, selbstquälerisch die Wunden ihres mißglückten Vietnam-Abenteuers zu lecken, die Wehrpflicht abschaffte und sich mit Jimmy Carter einen Präsidenten wählte, der als erstes teure Rüstungsobjekte strich, mobilisierten die Russen nahezu sämtliche Ressourcen für die Rüstung.
Ausgerechnet in jenen Jahren, in denen die Westeuropäer im Verein mit den Amerikanern in Helsinki die sowjetischen Kriegs- und Nachkriegsgewinne auf dem europäischen Kontinent festschrieben, steckte Moskau ungezählte Milliarden in eine neue, auf Westeuropa gerichtete Raketengeneration.
Zu verlockend schien dem politischmilitärischen Establishment im Kreml, das die Kuba-Schlappe von 1962 nie verwunden hatte, offenbar die Chance, den Westen, wenn es schon wirtschaftlich nicht geglückt war, auf militärischem Gebiet einzuholen und zu überholen.
Zu leicht ließen sich angesichts einer mit sich selbst und ihren Krisen beschäftigten westlichen Welt überall Terraingewinne erzielen. Fast jeden November ließ sich in den Parolen zum Jahrestag der Oktoberrevolution ein Neuzugang im sozialistischen Lager begrüßen: Südjemen und Angola, Mosambik und Äthiopien, Laos und Kambodscha.
Und dann, Ende 1979, entschloß sich die Militärgroßmacht Sowjet-Union sogar dazu, ihre neue Stärke erstmals außerhalb des eigenen Machtbereichs auszuprobieren: in Afghanistan. Möglicherweise wird der Panzervorstoß über den Hindukusch einmal als die folgenschwerste Fehlkalkulation einer Kremlführung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges angesehen werden.
Denn der nicht zu gewinnende Krieg in Afghanistan kostete Moskau die Sympathien großer Teile der Dritten Welt, zog Olympia- und Weizenembargo nach sich, blockierte Kredite und Handel, machte die UdSSR Polen gegenüber aktionsunfähig, half mit, in Amerika Ronald Reagan an die Macht zu bringen, S.126 der nun seinerseits den roten Erzfeind totrüsten will.
All dies geschieht zu einer Zeit, da in der Sowjetwirtschaft nichts mehr geht. Die Hochrüstung und deren Folgekosten verschlingen fast 15 Prozent (in den USA fünf Prozent) des kaum noch wachsenden Sozialprodukts, marode Verbündete auf der ganzen Welt kosten fast 50 Milliarden Mark im Jahr. Öl und Gold aber sind im Preis wieder gefallen; die Devisenkasse ist leer; Kapital und Arbeitskräfte werden knapp - und die vorhandenen Arbeitskräfte lassen sich nun nicht mehr motivieren: Nach den leeren Versprechungen von Generationen haben die Sowjetarbeiter ihr Land in einer Hinsicht tatsächlich in ein Arbeiterparadies verwandelt - keiner arbeitet mehr so richtig.
Eine Art nationaler Bummelstreik lähmt das Land. "Die drei Hauptformen der allgemeinen Sabotage", schreibt der emigrierte Physiker Dmitrij Mikejew, "sind Daumendrehen, Diebstahl und Trunksucht." Arbeiter erscheinen spät oder überhaupt nicht zur Arbeit, schludern, produzieren Ausschuß, gehen mit Maschinen und Material verantwortungslos um, machen Geschäfte "nalewo" - auf links. Passieren kann ihnen kaum etwas: Arbeitskräfte sind knapp, sie können nicht gefeuert werden.
"Wenn ich nicht Schriftsteller wäre, sondern Maler", charakterisiert der in die Bundesrepublik ausgebürgerte Moskauer Autor Wladimir "oinowitsch die Stimmung seiner Generation, würde ich ein Bild " " malen, eigentlich zwei, eine Art Diptychon. Auf der linken " " Tafel würde die Jahreszahl 1917 stehen, auf der rechten 1977. " " Ich würde das Werk "Wege der Väter" nennen oder "60 Jahre" " oder so ähnlich ...
" Links würde ich einen Matrosen malen, so einen richtigen " " revolutionären Matrosen, mit hängendem Schnurrbart und " " Patronengurten. Rechts aber würde ich seinen Enkel malen, der " " ihm sehr ähnlich sieht, aber ohne Schnurrbart. Und statt mit " " Patronengurten ist er mit lauter Rollen Toilettenpapier " umgürtet.
" Sein Gesicht strahlt vor Glück und Zufriedenheit, daß er " " erreicht hat, was andere nicht geschafft haben. Sein " " Großvater träumte, daß er die ganze Welt befreien und allen " " Menschen das Glück bringen würde. Aber der Enkel ist " " glücklich, daß er nach zwei Tagen Schlangestehen " " Toilettenpapier bekommen hat. "
So desillusioniert, so zynisch ist fast die ganze um ihr Lebensglück betrogene gegenwärtige Generation der UdSSR.
So sehr Leonid Breschnew sich auch mühen wollte, dem Unmut der Massen mit mehr Volkswohlfahrt zu begegnen - es wäre allenfalls eine Schönheitsreparatur. Denn längst ist das Fundament der Gesellschaft ausgehöhlt, sind nicht mehr Marxismus, Leninismus, Kommunismus oder Sozialismus die Bastionen des Systems. Das Grundgesetz des realen Sozialismus sowjetischer Prägung läßt sich vielmehr mit einem Wort umschreiben: Korruption. Und die zerfrißt alles.
Die Verkäuferin nimmt ihren Zehnten für die Waren, die sie unter dem Ladentisch verkauft, der Schalterbeamte für die Fahrkarte, die es offiziell nicht gibt. Der Polizist kassiert privat beim Autofahrer, der Theaterkassierer beim Kulturbeflissenen. Ob ein Herd repariert, ein Kind auf eine bestimmte Schule geschickt, ein Zahn gefüllt, ein Sanatoriumsplatz reserviert werden soll - immer muß der schwarze Rubel rollen.
Einen naiven jungen Polizisten, der einen illegalen Blumenverkäufer (Preis für eine Nelke: drei Rubel - zehn Mark) von einem U-Bahn-Eingang im Stadtzentrum von Moskau verweisen wollte, winkte der Händler erst mit zehn Rubel und zuckte dann, als die zu seiner Überraschung nicht verfingen, die Achseln: "Gut, dann kostet''s bei deinem Chef 50 Rubel, aber morgen wirst du mich hier grüßen und nicht belästigen."
Der Phantasie sind in dieser Welt des schwarzen Marktes und der Korruption kaum Grenzen gesetzt: Privatbordelle mit Schwimmbad und Sauna, in denen die Funktionärsschickeria verkehrt, Datschen-Paläste, deren Wohnräume mit Fellen ausgeschlagen sind, ein Kaviar-Schmuggelskandal, in den 300 Beamte bis hinauf zum Minister verwickelt sind, gebündeltes Bares in Millionenwerten in zerfransten Koffern unterm Bett - Gogol könnte so etwas nicht erfinden.
Die Polizei des Innenministeriums (MWD) und die KGB-Staatsschützer des Semjon Zwigun eröffneten zwar im vorigen Herbst eine Kampagne gegen die sowjeteigene Korruption. Die Strafmaßnahmen wurden verschärft, die Genossen auf Parteiversammlungen im November verwarnt.
Als abschreckendes Beispiel beschrieb die "Literaturnaja gaseta" den Fall des Bürgermeisters von Sotschi, der wegen Bestechlichkeit 13 Jahre Gefängnis erhielt (siehe Kasten Seite 128).
Daß eigene Staatsschützer weithin in die allgemeine Korruption verwickelt waren, bremste den Zwigun und seine Fahnder nicht. Doch am 19. Januar war Zwigun tot.
Wie Zwigun, 64, ums Leben kam, ist ungewiß. Eine offizielle Bekanntmachung in der "Prawda", ein Nachruf seiner Kameraden, gab die unwahrscheinlichste Erklärung, die oft hervorgeholt wird, wenn es etwas zu verbergen gilt: "nach langem, schwerem Leiden". Gerüchten in Moskau zufolge entleibte sich Zwigun selbst - nach einem Streit mit Saubermann Suslow, der ihm geraten haben soll: "Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich zu erschießen." Demnach war Zwigun einer Sache auf der Spur, die ins Zentrum der Sowjetmacht zielte, oder versuchte - so die Gerüchte -, sie zu vertuschen.
Die Moskauer Politszene gewann den Charakter eines Kriminalromans; sie verlagerte sich auf die Friedhöfe.
Am 27. Dezember nämlich, drei Wochen vor Zwiguns Ableben, hatte sich eine Angestellte des Moskauer Staatszirkus auf die Beerdigung ihres früheren Direktors Nikolai Asanow begeben, Frau Irina Bugrimowa, Löwenbändigerin von Beruf und hochdotiert; ihr gehört eine Sammlung erlesener Brillanten aus der Zarenzeit.
Als die Dompteuse vom Begräbnis heimkehrte, stand ihre Wohnungstür offen, und von ihren Juwelen fehlten die schönsten Stücke. Die Polizei fand das Geraubte wieder, bei Boris Burjatow, genannt "Der Zigeuner".
Der ist Chorist mit gelegentlichen Soli am Bolschoi-Theater und ein stadtbekannter Playboy mit Mercedes, bodenlangem S.127 Pelz und am Hals ein diamantenbesetztes goldenes Kreuz. Oft hat er die Galina Tschurbanowa ausgeführt, die Tochter Breschnews, zum Beispiel in das "Haus des Künstlers" in der Scholtowskaja-Straße.
Galina, deren zwei Kinder von Breschnew-Gattin Wiktorija Petrowna aufgezogen werden, war in erster Ehe mit dem Akrobaten Milajew verheiratet. Sie hat einen verständlichen Hang zur Welt außerhalb der streng gefügten, abgeschlossenen Parteihierarchie, eben zum Zirkus, obwohl sie die Parteihochschule absolviert hat und so ohne weitere Umstände Parteisekretärin einer Großstadt werden könnte.
Galina wollte nicht. Während ihr Bruder Jurij es zum Ersten Vize-Außenhandelsminister brachte und privat allenfalls mal Videogeräte und -bänder importierte (was als systemsprengend strik: verboten ist) oder sich im Pariser Crazy-Horse-Salon mit einem 100-Dollar-Trinkgeld bedankte, bestritt Galina ihren gehobenen Lebensunterhalt durch Handel mit Brillanten, Zobelmänteln und West-Konsumgütern.
Ihre selbständigen Unternehmen begründete sie damit, sie wolle nicht enden wie die Chruschtschow-Tochter Jelena nach dem Sturz des Vaters: Die arbeitet, ohne Vermögen, für 160 Rubel (530 Mark) im Monat als Lektorin im Moskauer Wachtangow-Theater.
Daß sich Zwigun bei diesem Ermittlungsstand Rat bei Suslow holte, ist plausibel, daß er auf Strafverfolgung bestanden haben soll, weniger: Er selbst war mit Wera Petrowna verheiratet und somit ein Schwager der Breschnew-Ehefrau Wiktorija.
Zwigun hatte Breschnew vor 31 Jahren in der Sowjetrepublik Moldawien kennengelernt, wo beide gemeinsam den Landesteil Bessarabien zu befrieden hatten, der bis 1940 und während des Krieges zu Rumänien gehörte - Breschnew sorgte als lokaler Parteichef für Ordnung, Zwigun als Vize-KGB-Chef für Ruhe.
Dritter im Bunde war Breschnews Agitprop-Chef Tschernenko. Aufsteiger Breschnew nahm die beiden Freunde später mit nach Moskau und ließ sie an seiner Karriere teilhaben.
Tschernenko gilt seit geraumer Zeit schon als Breschnews Wahl für das höchste Amt. Anders als Freund Zwigun wurde er 1976 ZK-Sekretär und rückte er vor vier Jahren ins Politbüro. Neuerdings steht er auf offiziellen Photos, den Orientierungshilfen fürs Volk nicht nur gleich neben Breschnew, sondern auch noch in der Mitte.
Das mag Zwigun veranlaßt haben, die Treue zur Breschnew-Verwandtschaft aufzukündigen; die Loyalität gegenüber einem Gönner kann nicht länger währen als die Förderung durch ihn, auch nicht mehr wiegen als die Bindung an die eigene Behörde - das KGB.
Das Gerücht, Zwigun habe auf Empfehlung Suslows Selbstmord begangen, stammt vom russischen Dienstpersonal der US-Botschaft in Moskau, ausnahmslos Vertrauensleute des KGB, das an dieser Version Interesse hatte.
Wo Zwigun beigesetzt wurde, blieb unbekannt. Unter dem "Prawda"-Nachruf für Zwigun fehlte Breschnews Name, ein Hinweis darauf, daß Zwigun sich möglicherweise gegen den Chef gestellt hatte. Es fehlen auch die Namen des Regierungschefs Tichonow oder eines seiner Stellvertreter, obwohl Zwigun als Vize-Vorsitzender dieses Staatskomitees Regierungsmitglied war - ein Indiz dafür, daß der Konflikt politischer Natur war.
Als ranghöchster Parteivertreter hatte Tschernenko unterschrieben, vielleicht aus Nostalgie oder Opportunität, dazu ein weiteres Politbüro-Mitglied: ZK-Sekretär Gorbatschow, ein Mann Suslows, zuständig für die ruinöse Landwirtschaft, keineswegs für die Staatssicherheit.
Das deutete darauf, daß der Mann, der auf der nächsten ZK-Sitzung über Landwirtschaftsfragen als Sündenbock herhalten muß, sich neue Verbündete suchte, beim KGB. Denn was immer Zwigun getan hatte, seine Firma bekannte sich zu ihm: Unter dem Nachruf standen die Namen der Creme des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes, der Hauptabteilungsleiter.
Auffällig: Mit dem toten KGB-Zwigun solidarisierten sich per Unterschrift auch noch Verteidigungsminister Marschall Ustinow und Luftfahrtminister Marschall Bugajew. Es sah fast wie eine neue Regierungsliste aus, genauer: der Vertrag einer Koalition zwischen Staatsschutz, Armee und einigen Parteileuten, getarnt gerade durch den Namen ihres eigentlichen Gegners: Tschernenko.
Am Tage des Erscheinens der ominösen Todesanzeige - es war zufällig Lenins 58. Todestag - erlitt Suslow, der Königsmacher der Partei, laut offizieller Mitteilung einen Schlaganfall, drei Tage darauf hatte "So werden wir siegen" Premiere, wiederum einen Tag später war auch Suslow tot - nach "langer schwerer Krankheit". Belegt wurde das durch ein ärztliches Kommunique mit einer langen Leidensgeschichte, obwohl Suslow, der stets durch seine gute Gesundheit auffiel, noch wenige Tage vor seinem Tode Polens Außenminister Czyrek empfangen hatte.
Das Abtreten des starren Suslow nahm Breschnew und seiner Mannschaft eine Bürde, der Partei aber auch den obersten Schiedsrichter zwischen den widerstreitenden Interessengruppen. Der Machtkampf wurde offenkundig.
Die Leitung der Sitzungen des ZK-Sekretariats, bis dahin Suslows Privileg, übernahm sofort Tschernenko. Er empfing eine griechische Genossen-Delegation, er vertrat die KPdSU auf dem Parteitag der französischen KP, ohne den zuständigen ZK-Sekretär Ponomarjow, einst Suslows Intimus.
Souverän gab Tschernenko in Paris der Zeitschrift "Latitude" ein Interview, in dem er erstmals seine Meinung zur gesamten Weltlage kundtat. Nur: Die Moskauer Medien nahmen davon keine Kenntnis, eine Rezension seiner gesammelten Reden wurde sogar aus dem georgischen Parteiorgan "Sarja wostoka" nach dem Druck wieder entfernt - die S.129 ganze Macht besitzt Tschernenko mitnichten.
Er konnte nicht einmal verhindern, daß sogar Gönner Breschnew unter Beschuß geriet.
Mit - wohl gezielter - Verspätung kam aus Leningrad ein Text in die Hauptstadt, wie ihn die Sowjetbürger in einer Sowjetzeitschrift noch nie hatten lesen können, seit Lenin als eine der ersten Errungenschaften der Oktoberrevolution die Zensur eingeführt hatte.
Die vom Schriftstellerverband und vom Parteijugendverband "Komsomol" herausgegebene literarische Zeitschrift "Awrora" (benannt nach dem Schiff, das den Signalschuß zur Oktoberrevolution abgefeuert hatte) "eröffentlichte eine Satire über einen Möchtegern-Schriftsteller: " " Die Mehrzahl glaubt, er sei schon lange tot, so sehr " " bewundert man dieses Talent. Sind doch Balzac, Dostojewski, " " Tolstoi längst in jener Welt, wie andere berühmte " " Schriftsteller auch. Sein Platz ist dort, neben ihnen. Er hat " diese Ehre wohl verdient!
" Ich glaube, lange werden wir nicht zu warten haben. Er " " enttäuscht uns nicht. Wir alle bauen auf ihn. Wir wünschen " " ihm, daß er seine noch unvollendeten Arbeiten vollendet. Und " " daß er uns möglichst bald die Freude macht. "
Die Schmähschrift erschien unter dem Titel "Jubiläumsrede" auf Seite 75 der Dezemberausgabe der "Awrora", die dem 75. Geburtstag Breschnews gewidmet war. Laut Sowjetpresse ist der Generalsekretär einer der "am meisten gelesenen Autoren des Planeten", für seine Memoiren und Reden erhielt er den Lenin-Preis für Literatur.
Der Autor der Satire, Wiktor Goljawkin, ist vor allem aus dem Samisdat, der Untergrundpresse der Dissidenten, bekannt. Den Text hatte er der Redaktion vor Monaten eingereicht. Auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte er nach Auskunft seiner Frau keinen Einfluß.
Darüber hatte in letzter Instanz die Leningrader Parteiorganisation der KPdSU zu entscheiden, Chef: Grigorij Romanow, 59, Mitglied des Politbüros, aber ohne Aussicht, jemals an die Spitze der Partei zu treten: Ein Mann aus der nach Westen orientierten früheren Hauptstadt Rußlands kann Moskau nicht regieren.
Der Signalschuß aus Leningrad erweckte den Eindruck, als ob R omanow sich nur für eine Schmach hatte rächen wollen: Breschnew hatte ihm untersagt, seiner Tochter eine angemessene Hochzeit auszurichten, nämlich in der Kunstausstellungshalle auf dem Oktober-Platz neben dem Moskauer Kreml, der "Manege", früher Tattersall der Leibgarde des Zaren.
So fand die Hochzeit denn in Leningrad statt, mit dem Silber, Porzellan und Damast der Zaren aus dem Winterpalast. Das kam heraus, weil sich eine Kustodin des Eremitage-Museums beim Politbüro beschwerte.
Der im Zeichen der Anti-Korruptions-Kampagne angreifbare Romanow konnte sich der Anti-Breschnew-Koalition angeschlossen haben. Doch ebenso denkbar ist, daß Romanow die Satire nie gesehen hat, sondern einer KGB-Intrige zum Opfer fiel.
Die Demontage Breschnews jedenfalls setzte sich fort. Bei der Beisetzung Suslows - neben Stalin, an der Kremlmauer - zeigte das sowjetische Fernsehen zum erstenmal die gesamte Führungsriege in einem physischen Zustand, der an den S.132 Ausflug eines Altenpflegeheims erinnerte. Breschnew setzte sich hinter der Balustrade des Lenin-Mausoleums zweimal erschöpft auf einen Stuhl, zeigte sich irritiert über den Ablauf der Zeremonie und wußte nicht mehr, wann er die vorbeimarschierende Trauergarde zu grüßen hatte.
Diese TV-Vorführung war das Werk des Fernsehkomitee-Vorsitzenden Sergej Lapin, eines stockkonservativen Suslow-Anhängers - letzter Salut für seinen abgetretenen Herrn.
Während die Führung auf dem Roten Platz trauerte, wurde Boris, der Zigeuner, verhaftet. Er erklärte den KGB-Beamten, die bei ihm vorgefundenen Diamanten, Devisen und Antiquitäten gehörten nicht ihm, sondern der Breschnew-Tochter.
Die Verfolgung bis in die Nähe der Breschnew-Familie setzte sich also auch nach Zwiguns Tod fort; der Zeitpunkt zum Zuschlagen war offensichtlich gewählt worden, damit Galina nicht ihren Vater um Hilfe angehen konnte - der saß derweil erschöpft auf dem Lenin-Mausoleum.
Drei Wochen später wurde ein weiterer Galina-Freund verhaftet, der Direktor des sowjetischen Zirkuswesens und Vize-Kulturminister Anatolij Kulewatow. Bei ihm entdeckten die Fahnder einen Kasten mit Schmuck und Westgeld im Wert von über einer Million Rubel (3,3 Millionen Mark). Auch sein Vize Wiktor Gorski kam angeblich in Haft.
Als Breschnews alter Freund Konstantin Gruschewoi, 75, starb, bekam der Generaloberst und bis zuletzt Politchef des Wehrkreises Moskau - anders als der ranghöhere Zwigun - ein Fernsehbegräbnis, und Lapins indiskrete Kameraleute zeigten im Trauergefolge ein zitterndes, weinendes Staats- und Parteioberhaupt, in Nahaufnahme.
Die TV-Botschaft entsprach dem - aus allen Buchhandlungen und Bibliotheken verschwundenen - "Awrora"-Artikel: Breschnews Tage sind gezählt, bald wird er seinen Genossen folgen. Und das hieß fürs Volk, aber auch für Stellenbewerber: Stellt euch ein auf einen neuen Mann, womöglich einen Kurs.
Kein Sowjetführer hat bisher noch im Alter von 75 Jahren regiert. Freilich ist es auch längst nicht mehr Breschnew, der handelt: Er wird nur noch - ähnlich dem Generalfeldmarschall Hindenburg nach seiner zweiten Wahl zum Reichspräsidenten 1932 - der Öffentlichkeit oder ausgewählten Besuchern stundenweise vorgeführt, zur Legitimation jener, die für ihn die Geschäfte besorgen.
Das ist Breschnews persönlicher Stab, insgesamt befähigte und weltoffene Berater:
* Der außenpolitische Experte Andrej Alexandrow-Agentow, 63, der neben einem Dutzend anderer Sprachen fließend Deutsch spricht und - ohne Parteikarriere - seit vorigem Jahr dem ZK angehört;
* der Jugendfreund Breschnews und ehemalige Eisenbahningenieur Anatolij Iwanow ("Blatow"), 67, bis 1968 Leiter der Deutschland-Abteilung des Außenministeriums, seit 1981 ZK-Kandidat;
* der Landwirtschaftsexperte Wiktor Golikow, 67, den Breschnew auch einst in Moldawien kennengelernt hatte, seit 1981 ZK-Kandidat;
* der Berater in Parteiangelegenheiten Georgij Zukanow, 62, Breschnews intimster Freund, ZK-Mitglied seit 1971 und jüngst besonders aktiv in Gewerkschaftsfragen;
* Konstantin Tschernenko, der designierte Nachfolger.
Sie sind es, die alle Entscheidungen treffen und von ihrem Chef in einem guten Augenblick abzeichnen lassen; sie führen die Verhandlungen, denen er, meist nur noch schweigend, präsidiert. Sie schreiben die Reden, die er vorliest.
Sie agieren von der Gnade ihres Herrn, bei dessen Abtreten auch ihre Macht erlischt. So suchen sie die Stunde der Wahrheit möglichst hinauszuschieben.
Im Politbüro sitzt heute eine Mehrheit von Breschnew-Anhängern - eben jene Männer, die mit ihm ins Theater gingen.
Von den in Moskau ansässigen Politbüro-Mitgliedern blieben drei fern: Andrej Kirilenko, der noch vier Monate älter ist als Breschnew; Wiktor Grischin, ein ehemaliger Gewerkschaftschef und Gegenspieler Kirilenkos (er ließ einmal dessen Konterfei aus einem Gruppenphoto in einer ihm unterstellten Zeitung herausschneiden), jüngst offiziell krankgemeldet, und schließlich der junge Scharfmacher Gorbatschow, der Bundesgenosse des KGB.
Zu seinen Anhängern zählt Breschnew die Chefs von Armee und KGB, Ustinow und Andropow - beide keine Profis in ihrem Dienstbereich und häufig im Clinch mit ihren nächsten Untergebenen.
Marschall Ustinow hat voriges Jahr öffentlich seinem Ersten Vize, Marschall Ogarkow, dem Generalstabschef, in der S.133 Sache widersprochen - es ging um den Sieg im Atomkrieg, den Ogarkow für machbar hält. Ogarkows Standpunkt erschien jetzt als Broschüre des Verteidigungsministeriums.
KGB-Chef Andropow, von Haus aus Flußschiffahrts-Experte, widersprach gleichfalls radikalen Militär-Ideen. Um ständige Arbeit für die Staatssicherheit vorzutäuschen, läßt er das Licht in seinem Büro nachts brennen, wenn er längst auf seiner Datscha oder in seiner Wohnung am Kutusow-Prospekt ist, eine Etage über der Stadtwohnung Breschnews.
Wohl mit seiner Hilfe führte die Breschnew-Mannschaft einen Gegenschlag gegen die Spürhunde des Innenministeriums: Vize-Innenminister Konstantin Sotow wurde verhaftet. Er leitete eine der sicherheitsempfindlichsten Behörden des Sowjetstaates, die Paßverwaltung. Vorwurf: Von Juden, die ausreisen wollten, aber dabei Schwierigkeiten hatten, nahm er statt der 350 Rubel amtlicher Gebühren für das Ausreisevisum das Hundertfache, 35 000 Rubel.
Den nächsten Schlag richteten die Breschnewisten am 5. März - zufällig Stalins 29. Todestag - gegen den Gewerkschaftschef Alexej Schibajew, der vor fünf Jahren von Suslow auf seinen Posten gebracht worden war, als Nachfolger des KGB-Mannes Schelepin.
An seine Stelle trat der Minister für Holzwirtschaft, Stepan Schalajew, 52, der früher Vorsitzender der Holzarbeitergewerkschaft gewesen war - erster Gewerkschafter auf dem Sessel des Chefs der Berufsorganisationen seit 1956.
In der Partei sollen bereits mehrere tausend Suslow-Anhänger gefeuert, vorige Woche auch der Vize-Kulturminister Nikolai Mochow, 64, verhaftet worden sein. Der Breschnew-Clan bekam auch das Medium Fernsehen wieder in den Griff: Ihr Herr, der beim Jaruzelski-Besuch noch hinfällig nach Atem rang, wurde nun wieder in guter Form vorgeführt.
Immer dabei war Konstantin Tschernenko, den die Breschnew-Gehilfen aus ihrem eigenen Kreis als Garanten ihrer Hintergrundrolle ausgewählt haben.
Doch ob sich die Gerontokratie mit derlei Kunstgriffen an der Macht halten kann, ist ungewiß; allmählich gibt es außerhalb der eigenen Reihen keinen Sündenbock mehr, die nächste Krise aber kommt bestimmt.
Da bleibt dem Riesenreich möglicherweise nur ein Ausweg - die Rückkehr zur "Porjadok", der Ordnung der Stalin-Ära: Disziplinierung der Arbeiter durch Polizei und Militär. Dort mündete schließlich auch die neue ökonomische Politik Lenins. Er siegte nicht, er scheiterte.
S.126
würde ich ein Bild malen, eigentlich zwei, eine Art Diptychon. Auf
der linken Tafel würde die Jahreszahl 1917 stehen, auf der rechten
1977. Ich würde das Werk "Wege der Väter" nennen oder "60 Jahre"
oder so ähnlich ...
Links würde ich einen Matrosen malen, so einen richtigen
revolutionären Matrosen, mit hängendem Schnurrbart und
Patronengurten. Rechts aber würde ich seinen Enkel malen, der ihm
sehr ähnlich sieht, aber ohne Schnurrbart. Und statt mit
Patronengurten ist er mit lauter Rollen Toilettenpapier umgürtet.
Sein Gesicht strahlt vor Glück und Zufriedenheit, daß er erreicht
hat, was andere nicht geschafft haben. Sein Großvater träumte, daß
er die ganze Welt befreien und allen Menschen das Glück bringen
würde. Aber der Enkel ist glücklich, daß er nach zwei Tagen
Schlangestehen Toilettenpapier bekommen hat.
*
S.129
Die Mehrzahl glaubt, er sei schon lange tot, so sehr bewundert man
dieses Talent. Sind doch Balzac, Dostojewski, Tolstoi längst in
jener Welt, wie andere berühmte Schriftsteller auch. Sein Platz ist
dort, neben ihnen. Er hat diese Ehre wohl verdient!
Ich glaube, lange werden wir nicht zu warten haben. Er enttäuscht
uns nicht. Wir alle bauen auf ihn. Wir wünschen ihm, daß er seine
noch unvollendeten Arbeiten vollendet. Und daß er uns möglichst bald
die Freude macht.
*
S.126 Fabrikneue Badewannen verrotten vor einem Wohnhaus. * S.127 Ein angetrunkener Bulldozerfahrer kippte das Fahrzeug in die Grube, die er aushob. * S.129 Vorn: Ehefrau Wiktorija, Urenkelin Galina. Stehend: Schwiegersohn Tschurbanow, Enkelin Wiktorija und Ehemann, Tochter Galina, Sohn Jurij, angeheiratete Enkelin Jelena, Schwiegertochter Ljudmila, Enkel Andrej. * S.132 Zivilisten mit Trauerflor: Breschnew, Tichonow, Tschernenko; rechts in Uniform: Ustinow. *

DER SPIEGEL 11/1982
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