24.05.1982

CDU/CSUKreide im Mund

Mit einer Freundschaftsoffensive wirbt die Union um die Gewerkschaften. Der Zeitpunkt, so zeigte sich beim DGB-Kongreß, ist gut gewählt.
In früheren Jahren, wenn die CDU zum Traditionsempfang beim Bundeskongreß des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bat, blieben viele Tische leer, schaute der DGB-Vorsitzende meist nur kurz zu einem Anstandsbesuch vorbei. Diesmal aber herrschte lärmende Fülle.
Am Mittwoch letzter Woche gaben im Dachgarten des Berliner Congreßzentrums der CDU die Ehre: der neue DGB-Vorsitzende Ernst Breit, Vorgänger Heinz Oskar Vetter, dazu fast der gesamte geschäftsführende Bundesvorstand und Bosse der Einzelgewerkschaften wie Heinz Kluncker (ÖTV), Rudolf Sperner (Bau), Karl Hauenschild (Chemie) und Günter Döding (Nahrung). Der IG-Metall-Vorsitzende Eugen Loderer umarmte ungeniert zur Begrüßung Berlins Regierenden CDU-Bürgermeister Richard von Weizsäcker.
Seit die Union bei Umfragen und Wahlen auf immer mehr Zustimmung bei Arbeitnehmern stößt und ihre Position weiter festigt, halten die Gewerkschaften die Zeit für gekommen, ihr Feindbild aus alten Tagen behutsam zu korrigieren und die Frontstellung gegen die C-Parteien langsam abzubauen.
Die Unionschristen sehen sich nach dem DGB-Kongreß auf ihrem Weg nach oben einmal mehr bestätigt. Der SPD können sie nun auch noch entgegenhalten, der soziale Friede sei nicht in Gefahr, wenn die CDU/CSU die Macht in Bonn übernehme und schmerzhafte Sparbeschlüsse fälle.
Die Unionsoberen hüten sich davor, gegen die durch Dauerarbeitslosigkeit, Affären und Lohnverzicht geschwächten Gewerkschaften aufzutrumpfen. Im Gegenteil, beim Kongreß in Berlin empfahlen sie sich als künftige Partner.
So, als hätte der CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber nicht nach 1979 mit dem Zerschlagen der SPD-orientierten Einheitsgewerkschaft gedroht, verpfändete Franz Josef Strauß vor dem DGB-Kongreß sein Wort, sich gegen alle Pläne für eine Konkurrenzgewerkschaft zu stemmen: "Solange ich Vorsitzender dieser Partei bin, wird es nicht auch nur einen Millimeter Entwicklung in diese Richtung geben."
Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl sparte nicht mit Lob für die maßvollen Tarifabschlüsse der vergangenen Monate - so daß es den Delegierten schon zuviel wurde. Sie klatschten, als SPD-Chef Willy Brandt zum wirtschaftlichen Verantwortungsbewußtsein der Gewerkschaften anmerkte: Obwohl stimme, was in dem Begriff stecke, könne es "doch, wenn es andere sagen, einen faden Beigeschmack bekommen". Wie immer hatte Strauß noch einen draufgesetzt. Er gab den Gewerkschaften zu verstehen, sie hätten fast schon zuviel Opfer gebracht: "Sie können davon ausgehen, daß CDU und CSU sich der Notwendigkeit bewußt sind, daß bei Lohnabschlüssen in Zukunft wenigstens wieder die Inflationsrate im Nettolohn ausgeglichen werden muß."
Einmal "den Mund voll Kreide" (Brandt), versprach der Bayer gleich noch mehr: eine unionsgeführte Bundesregierung werde gut sein für ein reales Wirtschaftswachstum von durchschnittlich vier Prozent - nur so ließen sich die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen und das soziale Netz erhalten.
Wie er das neue Wirtschaftswunder schaffen will, darüber schwieg sich der CSU-Vorsitzende aus.
Die Union hat ihre Freundschaftsoffensive gegenüber den Arbeitnehmerorganisationen verstärkt, seit die sozialliberale Koalition bei den Sparbeschlüssen des letzten Sommers die Mittel für aktive Beschäftigungspolitik kürzte, die Besserverdienenden aber ungeschoren davonkommen ließ.
Offen warb Kohl zum Seitenwechsel: "Im DGB sind viele kluge Leute, die die Erkenntnis (...) haben, daß die Opposition von heute die Regierung von morgen und die Regierung von heute die Opposition von morgen sein kann."
Aus vertraulichen Gesprächen von Beauftragten des Bonner Konrad-Adenauer-Hauses mit den Gewerkschaftsführern in den vergangenen Wochen zog Kohl den Schluß, daß er aus der Enttäuschung der DGB-Spitze über den SPD-Kanzler Profit ziehen könne und die Sozialdemokratie nicht länger wie selbstverständlich auf die massive Unterstützung der Arbeitnehmerorganisation zählen dürfe. Ein Kohl-Mitarbeiter: "Die reden vom Machtwechsel, als wäre er eine Selbstverständlichkeit."
Wie stark sich die Unionsspitze inzwischen schon fühlt, wurde klar, als sich Kohl mit dem Vetter-Wort auseinandersetzte, der DGB werde einer neuen bürgerlichen Regierung in Bonn notfalls "an die Gurgel gehen". In Berlin rieb der CDU-Vorsitzende den Gewerkschaftsführern hin, daß "zwischen 40 und 45 Prozent aller DGB-Mitglieder" bereit seien, die Union zu wählen: "Niemand geht sich an die eigene Gurgel. Das ist eine Frage der Logik." Kohls Logik beruht allerdings auf einem Rechenfehler: Nicht 42 Prozent - so das jüngste Umfrageergebnis - der Gewerkschaftsmitglieder, sondern der Arbeitnehmer insgesamt würden christlich wählen.
Doch Kohls Kalkül, den Funktionären werde es schon nicht gelingen, ihre Basis gegen eine Unionsregierung zu mobilisieren, könnte aufgehen. In Berlin reichte es nicht einmal mehr für einen eindrucksvollen Protest gegen die Reizfigur Strauß. Einige klassenbewußte Delegierte, die beim Kungeln mit der Union nicht mitmachen wollten, brachten sich selber um die Wirkung einer Demonstration.
Als Strauß zum Rednerpult stapfte, zogen sie aus dem Plenum aus. Doch von Neugier getrieben, was der Bayer wohl zu bieten habe, kehrte ein Gutteil von ihnen, darunter der Stuttgarter IG-Metall-Bezirksleiter Franz Steinkühler, durch Hintertüren wieder zurück. Der CSU-Chef, der vor seinem ersten Auftritt S.23 bei einem DGB-Bundeskongreß noch Bammel gehabt hatte, ärgerte sich anschließend, daß er nicht schon früher auf die Kollegen von der Gewerkschaft zugegangen war. "Wenn ich das vor ein paar Jahren gemacht hätte, könnte ich heute Kanzler sein."

DER SPIEGEL 21/1982
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