24.05.1982

Schneller Brüter gegen Easy Rider

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Becker über die Hamburger Kandidaten Klaus von Dohnanyi und Walther Leisler Kiep
Im Fernsehen ist, wenn über die Bürgerschaftswahl in Hamburg am 6. Juni berichtet und darüber spekuliert wird, ob der sozialdemokratische Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi siegen oder der CDU-Mann Walther Leisler Kiep ihn schlagen wird, von einem "Duell in Flanell" die Rede - so als werde im CCH, dem Kongreßzentrum der Hansestadt, über den Hosenschnitt der nächsten Saison abgestimmt.
Auch die lokale "Morgenpost" hat von einem "Wahlkampf der eleganten Anzüge" gesprochen, aber wohl nicht genau genug hingesehen: Der dunkelblaue Gabardine Dohnanyis hat an den Knien und sonstwo unfeine Beulen. Seine schwarzen Treter vertrügen eine Portion "Pilofix".
Ebenso obenhin hat ARD-"Report" aus München gemutmaßt: "Am liebsten sähen die Hamburger wohl beide im Senat", und an der Alster macht man Witze über Job-Sharing - einer vormittags, der andere nachmittags Bürgermeister, niemand merkt den Unterschied.
Der Unterschied aber ist eklatant, abgesehen davon, "daß wir beide über 1,80 Meter und unter 100 Kilo sind", wie Dohnanyi gemessen mitteilt. Nein: "Wir sind ziemlich unterschiedliche Menschen, daran ist kein Zweifel", sagt er, und Kiep widerspricht erst gar nicht.
Beide, der Bürgermeister und sein Herausforderer, charakterisieren sich gegenseitig so, daß Verwechslungen kaum möglich sind. Dohnanyi über Kiep: "Ich halte ihn für freundlich und schnell. Er fährt ja auch schnelle Motorräder und Autos." Kiep über Dohnanyi: "Während Dohnanyi Hölderlin liest, donnere ich lieber auf meiner BMW herum."
Freilich, schiebt der Easy Rider schnell nach, ein Regierungschef müsse auch in Hamburg mehr können, als Motorrad und Auto fahren, aber eben auch mehr, "als in einem Gewächshaus Petersilie anzusiedeln". Dohnanyi: "Ich weiß gar nicht, was er mit der Petersilie hat, Tatsache ist, daß ich gern im Garten arbeite."
BMW, Hölderlin, Petersilie - Wahlkampf '82? Wenn die zwei, was in diesen Wochen häufiger geschieht, zu öffentlichen Diskussionen aufeinandertreffen, wird deutlich, daß die Ungleichheit tiefer reicht.
Eben zwar noch gehen sie so galant miteinander um, als käme der eine gerade aus Ascot, der andere frisch von Salem. "Halten Sie sich", flötet der Sozialdemokrat, "bitte entfernt von mir, sonst kriegen Sie meine Grippe." Wie bei Hofe der Christdemokrat: "Oh, wie unangenehm, was machen Sie dagegen?" Artige Antwort: "Wahlkampf."
Was dem Blassen die Therapie, ist dem Frischen die Beschwer. "Herr Kiep", so Dohnanyi in einem Interview, "hat natürlich das Problem, daß er von den drängenden Hamburger Fragen noch fast nichts versteht."
Das ist nicht sonderlich übertrieben. Welches Thema auch aufkommt und was Kiep seinem Gegner auch immer vorhält oder unterstellt, am Ende loben gar die Springer-Zeitungen "das pralle Wissen" des sozialdemokratischen Bürgermeisters, finden Dohnanyi "erstaunlich locker" und urteilen, schon wieder habe er gegen Kiep "einen kleinen Punktsieg erkämpft". Der CDU-Spitzenkandidat kommt knapper weg: "Die Lernphase hanseatischer Kommunalkonflikte steht ihm noch bevor."
Beim Podiumsgespräch im "Thalia in der Kunsthalle" offenbart Kiep Schwierigkeiten sogar beim Lernen. "Habe ich Sie", fragt er den Bürgermeister, "richtig verstanden? Wollen Sie an der Macht bleiben, gleichgültig wie die Wahl ausgeht?"
Nein, antwortet Dohnanyi, das habe der Kandidat keineswegs richtig, möglicherweise gar nicht verstanden, und Trauer zieht über sein Gesicht, weil er nun das ganze Einmaleins noch mal erklären muß. Daß also darüber, wer regiert, die Mehrheiten in der nächsten Bürgerschaft entscheiden - wenn es welche geben sollte. "Herr Kiep", doziert Dohnanyi geduldig, "in Hamburg ist die Verfassung so, daß ...", und zählt her, wie die Verfassung so ist. Beispielswiese so, daß der alte Senat und mit ihm der Bürgermeister nach der Bürgerschaftswahl nicht neu gewählt werden muß, sondern lediglich abgewählt werden kann, sofern sich eine Mehrheit für einen anderen findet.
Es hilft nichts. "Der Bürgermeister ist absolut überzeugend", gibt Kiep zu, "aber ich muß ihm doch widersprechen" - und tut's. Er gibt ein Inserat auf: "Herr von Dohnanyi will auch dann nicht als Erster Bürgermeister zurücktreten, wenn ihm der Wähler die Mehrheit entzieht."
Auf den Wahlplakaten an den Hamburger Straßen sieht man ihn vor sich, überlebensgroß, wie er so etwas wohl diktiert, den Kopf etwas schief gelegt und mit einer typischen Handbewegung, die, wie bei Robert Lemke, alles mögliche bedeuten kann: So habe ich ihn im Luftkampf erwischt - aber Kiep war nicht Flieger, sondern Kapitänleutnant zur See, damals. Oder: So trocknet Nagellack am besten.
Als Modell für ein anderes Wahlplakat hat Kiep wohl versehentlich einen der Zettel in der Hand behalten, die er immer aus der Aktentasche zieht, wenn es brenzlig wird. Bei der Diskussion fängt er damit zu fingern an, wenn die Rede, unvermeidlich, auf das Kernkraftwerk S.30 Brokdorf und die Energieversorgung der Hansestadt kommt.
Während Dohnanyi freihändig doziert, daß Hamburg einstweilen sowohl Kernenergie als auch herkömmliche Energie benötige, setzt sich Kiep erst mal die Lesebrille auf und holt seinen Spickzettel aus dem Schnellhefter. Doch wenn er endlich die Stelle gefunden hat, wo etwas über Grundlast aufgeschrieben steht, ist Dohnanyi schon bei der Wärme-Kraft-Kopplung angelangt und bleibt auch für den Rest der Unterhaltung immer einen Punkt voraus. "Herr Kiep ist", erklärt er dem Publikum vom Katheder herab, "auf 'ner falschen Schiene gelaufen."
Anderntags in Inseraten weiß Walther Leisler Kiep es aber wieder besser: "Brokdorf nach und nach aufzugeben und dafür immer mehr Kohlekraftwerke mitten in die Stadt zu bauen, ist unverantwortlich." Also: "Hamburg braucht den Wechsel. Hamburg braucht Kiep."
Das zweite ist Glaubenssache, der Wechsel dagegen denkbar. Vor vier Jahren, bei der letzten Bürgerschaftswahl, schafften die Sozialdemokraten mit 51,5 Prozent die absolute Mehrheit, ließen die CDU mit 37,6 Prozent weit hinter sich. Nun aber hat, laut Umfragen, Herr Trend die CDU gleichziehen lassen, und von der Zahl der Grünen und der Liberalen im neuen Parlament des Stadtstaats wird es abhängen, wer - und ob einer - künftig regieren kann.
Die SPD, die es allein nicht mehr gut schaffen kann, und die FDP, die nach nur 4,8 Prozent beim letztenmal in die Bürgerschaft zurückstrebt, möchten, wenn es nur irgend geht, sozialliberal koalieren. Aber SPD-Dohnanyi würde, sagt er, den Liberalen sogar zum Bündnis mit CDU-Kiep raten, "wenn das reicht" und nichts anderes. So hängt das Schicksal einer hanseatischen sozialliberalen Koalition davon ab, um wieviel Prozentpunkte mehr die Sozialdemokraten vor den Christdemokraten rangieren, als die Freidemokraten hinter den unvermeidlichen Grünen zurückbleiben.
Weil die einen endlich "den Wechsel", die anderen "dem Hamburger Weg treu bleiben" wollen, haben CDU und SPD die besten Leute aufgeboten, die sie gerade verfügbar hatten - in Bonn allerdings, nicht in der Hansestadt.
"Der sehr ehrenvolle Vorschlag", wie Dohnanyi den Marschbefehl inzwischen empfindet, sich statt des unglücklichen Hans-Ulrich Klose zum Hamburger Bürgermeister bestellen zu lassen und den festgefahrenen sozialdemokratischen Karren in Jahresfrist bis zur Bürgerschaftswahl wieder halbwegs flott zu kriegen, erreichte den Staatsminister im Auswärtigen Amt im Urlaub.
In beiden Fernsehprogrammen tat der SPD-Vorsitzende Willy Brandt überraschend kund, mit Dohnanyi habe man einen hervorragenden Kandidaten für Hamburg gefunden - Dohnanyi-Chef Genscher wußte davon so wenig wie die hamburgische SPD, und eigentlich stand der Kandidat schon bei den rheinlandpfälzischen Genossen für deren nächste Landtagswahl im Wort. Kiep: "Herrn von Dohnanyi hat man doch nach Hamburg beordert."
Kiep erging es freilich ebenso. Als der, Juni vorigen Jahres, gerade von einer USA-Reise kam, konnte er in der "Welt am Sonntag" lesen: "Kohl: Kiep muß nach Hamburg" - er selber wußte noch nichts davon, daß sein Parteioberer ihn aus der Bundeshauptstadt bereits fort- und ihn sich damit aus dem Weg gelobt hatte. "Eigentlich", hatte er immer gesagt, "möchte ich in Bonn bleiben."
Von der Rolle des Lokalmatadors in der Provinz hatte der weiland niedersächsische Finanzminister die Nase voll. Zur Bundestagswahl 1980 erlitt der Spitzenkandidat der Landesliste in Niedersachsen ein CDU-Ergebnis, das sein Ministerpräsident Ernst Albrecht als "große Scheiße" einstufte - minus 5,9 Punkte, unter 40 Prozent.
Kiep warf den Bettel hin, verzichtete auf sein Amt als niedersächsischer Finanzminister und beschloß, in Kohls Bonner Schattenreich eine Antwort auf die Frage zu finden: "Wie überwinden wir das Tief, in das wir geraten sind?"
Nach Hamburg kam der 56jährige Kiep schon wieder im Hoch und mit der Chance, als liberaler CDU-Beau, Liebling von Reedern, Kaufmannschaft und Gewerbe die Dinge dort christdemokratisch zu wenden. Er ist nicht nur, wie Dohnanyi auch, in Hamburg geboren, wo sein Vater Generaldirektor der Landesbank und "Hapag"-Vorstand, der Urgroßvater Kolonialwarenhändler war. Er ist, gut betucht und rastlos um den Globus unterwegs, von dem Typ, der in der Kaufmannstadt, dem Tor zur Welt, noch immer etwas gilt, dessen bestechender Blick und routinierter Charme sich in Provision und Courtage, in Mark und Pfennig niederschlagen.
Hat den CDU-Mann doch der SPD-Kanzler Helmut Schmidt vor drei Jahren losgeschickt, weltweit und multilateral für die Sanierung der bankrotten Türkei zu sammeln. War er es doch, der, freisinnig, von der sturen CDU/CSU-Linie abwich, 1973 für den Grundlagen- und 1976 für einen Polenvertrag stimmte und der auch jetzt sagt, er stehe "für eine Außenpolitik, wie Helmut Schmidt sie macht".
Daß sich ihm als Teilhaber des zweitgrößten deutschen Versicherungsmaklers, der Firma Gradmann & Holler, und als Finanzminister des Landes Niedersachsen private und Amtsgeschäfte offensichtlich zu einer lukrativen Verbindung verflochten, brachte ihn nicht in Verlegenheit. Insofern hielt sich Kiep offenbar schon damals nur an eine alte hanseatische Staatsweisheit, daß der Handel der Flagge folgt.
Dohnanyi, 53, segelt dagegen unter der Markenbezeichnung "kleiner Kennedy", S.31 auch das macht schon einen Unterschied. Sein Vater, ein Reichsgerichtsrat, kämpfte im Widerstand mit Goerdeler und Canaris, Oster und von Tresckow gegen Hitler und wurde von den Nationalsozialisten umgebracht, so auch Klaus und Dietrich Bonhoeffer, Brüder seiner Mutter. Dem Klaus von Dohnanyi hat es eine tiefe, bis heute spürbare Sicherheit gegeben, seine Leute hätten auf der richtigen Seite gestanden: "Das ist mir nie unklar geblieben."
Dohnanyis Tonfall hört sich noch immer nach dem alten Potsdam an, sein nicht geringes Selbstwertgefühl resultiert aber auch aus seiner eigenen Karriere: die Promotion magna cum laude nach nur fünf Jura-Semestern, das Stipendium in Yale, Chef der Planung bei Ford in Köln, Mitbegründer des Meinungsforschungsinstituts Infratest.
Karl Schiller holte ihn als Staatssekretär schließlich ins Bundeswirtschaftsministerium, Kanzler Brandt machte ihn zum Bundesminister für Bildung und Wissenschaft. Brandt-Nachfolger Schmidt schmiß den intelligenten Überflieger wieder aus dem Kabinett - nach der Standard-Devise des Kanzlers: "Intelligent bin ich selber."
Der ruhmlose Abgang des Brandt-Lieblings hinterließ keine allzu große Bildungslücke im Bonner Reformgetriebe. Zu oft auch hatte der schnelle Brüter bei seiner Umwelt den Eindruck verfestigt, seine Gedanken seien zu brillant, als daß sie sich in dieser trivialen Welt verwirklichen ließen. Seinen Hamburgern empfahl sich der denkfixe Bürgermeister nach dem überraschenden Brokdorf-Beschluß seines Senats als ein Mann, der ein Haus mit zwei Ausgängen mit Sicherheit durch den dritten verläßt.
Zur Überraschung aller brachte er, inzwischen Bonner Staatsminister, 1979 in Rheinland-Pfalz die SPD als Spitzenkandidat von 38,5 auf 42,3 Prozent, ihrem bislang besten Ergebnis dort. Fortan stand er auf der Liste, wann immer die Partei einen ehrenwerten Nachfolger suchte - für den Bundesgeschäftsführer, für Verteidigungsminister Apel, tatsächlich dann für Klose in Hamburg.
Unauffällig, ohne große Geste, ist er auf den Hamburger Wahlplakaten abgebildet, mit nur einer Besonderheit: Auf seinem Schlips sind untereinander drei seemännische Flaggensignale angeordnet, deren Bedeutung mit Hilfe des "Internationalen Signalbuchs" zu entschlüsseln ist.
Die beiden oberen Zeichen besagen: "In meinem Gebiet ist guter Ankergrund". Das dritte ist gleichfalls auf die Wähler gemünzt: "I wish to communicate with you" - ich möchte mit Ihnen in Verbindung treten.
Allerdings mag sein, daß Dohnanyi auch die frühere Bedeutung dieses Signals im Sinn hat, wenn er die Krawatte knotet. Dann wäre Kiep gemeint: "You should stop your vessel instantly" - bleiben Sie, wo Sie sind.

DER SPIEGEL 21/1982
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