24.05.1982

WIRTSCHAFTSPRÜFERSaubere Weste

Die Deutsche Treuhand prüfte die Heizungsfirma tele-therm, an der heimlich diverse Neue-Heimat-Manager beteiligt waren. Alles ging korrekt zu, meinten die Prüfer.
An den Urteilen gab es nichts zu beschönigen. Hamburger und Lübecker Gerichte waren in insgesamt 16 Prozessen zu dem Ergebnis gekommen, daß die Abrechnungen der Fernheizfirma tele-therm unzulässig, unverständlich oder nicht ordnungsgemäß seien.
Nach Ansicht von Wirtschaftsprüfern haben die Richter in all diesen Prozessen geirrt.
Die Deutsche Treuhand-Gesellschaft AG hatte über die "Ordnungs- und Gesetzmäßigkeit der Wärmeabrechnungen sowie der marktgerechten Preisstellung durch die tele-therm Gesellschaften für Fernwärme, Hamburg-Lübeck-Berlin" zu befinden. Auftraggeber des Gutachtens war tele-therm, und das Gutachten hätte für die Heizungsfirma und ihren Chef Karl Maximilian Eberhardt nicht besser ausfallen können.
Anlaß für die Sonderprüfung waren die SPIEGEL-Enthüllungen über die Strohmann-Geschäfte des Neue-Heimat-Chefs Albert Vietor und etlicher seiner Kollegen. Vietor und Co. gehörte die Heizungsfirma tele-therm, die zahlreiche Neue-Heimat-Mieter zu hohen Preisen mit Wärme versorgt.
Zehn Manager des Baukonzerns und Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach hatten den Kaufmann Karl Maximilian Eberhardt als Strohmann eingesetzt; S.46 sie selbst traten nach außen nicht in Erscheinung. Eberhardt hatte, so steht es im Treuhandvertrag, "entsprechend den Weisungen der Treugeber zu verfahren".
Der Prüfungsbericht der Deutschen Treuhand vernachlässigt derartige Feinheiten. Die Experten der Treuhand räumten vielmehr Vorwürfe aus, die niemand erhoben hatte.
"Zum 1. 1. 1982", so ihr Bericht, "und auch zum Zeitpunkt der Prüfung durch uns bestanden an dem Nominalkapital der tele-therm-Gesellschaften für Fernwärme mbH weder offene noch verdeckte Beteiligungen Dritter." Richtig: Die Hintermänner hatten sich 1979 zurückgezogen. Die Prüfer fanden "eine transparente Organisation" vor.
Damit wollen sie nicht das verzwickte Firmen-Reich Eberhardts mit der Franz A. Pabelick & Co GmbH an der Spitze gemeint haben. Mit der "transparenten Organisation", erläuterte später ein Prüfer dem SPIEGEL, sollte "zum Ausdruck gebracht werden, daß man uns alle Unterlagen gegeben und alle Geschäftsvorgänge transparent gemacht hat".
Der Bericht erweckte den Eindruck, der beabsichtigt war. "Treuhand bescheinigt tele-therm eine saubere Weste", überschrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihren Beitrag, das "Hamburger Abendblatt" notierte einen "Freispruch".
Das war es mitnichten. Es war vielmehr, so "Die Zeit", "ein Persilschein ohne Wert". Streng ihren von Eberhardt gestellten Auftrag im Auge, konzentrierten sich die Männer der Deutschen Treuhand auf wenige Punkte.
Es interessierte nicht, warum sich denn über ein Jahrzehnt lang Vietor, Hesselbach und Kollegen hinter dem Spezi Eberhardt versteckt hatten. Es interessierte genausowenig, wie der gelernte Journalist und ehemalige NH-Angestellte Eberhardt an so vielseitige Aufträge kam: Er war jahrelang, gegen ordentliche Provision, Heizölbeschaffer für die gesamten Sozialwohnungen der Neuen Heimat (NH), verdiente - immer in NH-Siedlungen - an Bowlingbahnen wie an Tankstellen, an Antennen wie an Ladeneinrichtungen von Supermärkten.
Aufgabe der Prüfer war es eben nicht, herauszufinden, warum Eberhardt von mindestens 210 000 Mietern Antennengebühren kassieren und warum dies für die Mieter der Gewerkschafts-Wohnungen um etliches teurer sein darf als üblich.
Die Treuhand sollte nur herausfinden, daß Eberhardt "keine unangemessenen Vorteile erhalten" hat, als er von der Neuen Heimat die restlichen 50 Prozent Anteile an der Antennen-Verwaltungs- und Betreuungs-GmbH (AVB) für gut 7,4 Millionen Mark kaufte.
Ein schlechtes Geschäft war das jedenfalls nicht. Die AVB warf schon 1978, zum Zeitpunkt des Kaufs, einen Jahres-Gewinn von über 1,1 Millionen Mark ab, der Gewinn ist seitdem dank einer Preisgleitklausel unaufhaltsam weiter angestiegen.
Die Wirtschaftsprüfer beschieden sich mit dem, was sie feststellen sollten. Kein Zweifel bestand für sie, daß die Heizrechnungen der tele-therm gut verständlich seien. Die gesetzliche Vorschrift, wonach "die maßgeblichen Berechnungsfaktoren vollständig und in allgemein verständlicher Form auszuweisen" sind, halten die Experten der Treuhand für erfüllt.
Tele-therm berechnet, beispielsweise in Lübeck, die Heizkosten nach der Formel GP (0,65 + 0,10 Mn/M + 0,15 LMn/LM + 0,10 LHn/LH) + AP (0,94 Hn/H + 0,06 Sn/S) + MP (0,3 + 0,7 LMn/LM). Diese Formeln gelten der Treuhand "grundsätzlich nicht als unverständlich". Richter in Lübeck, im Umgang mit solchen Details offenbar weniger geübt, hatten die tele-therm-Rechnungen hingegen für unverständlich erklärt.
Warum die Neue Heimat die Fernwärmelieferungen einem Dritten, nämlich tele-therm übertragen hat, erklären die Wirtschaftsprüfer mit ökonomischen Gründen. Eine fremde Firma könne alle Kosten auf die Mieter umlegen; wenn aber der Vermieter selbst die Heizung betreibe, sei dies nicht möglich: "Nicht umlagefähig sind insbesondere die Kosten für Investitionen, Erhaltung und Verbesserung der Anlagen."
Was die Treuhand verschweigt: Für diese Kosten kassiert die Neue Heimat, wenn sie ihre Wohnblocks per Zentralheizung wärmt, von den Mietern keine Umlage, sondern eine Pauschale.
Bei so gründlicher Arbeit wundert es nicht weiter, daß die Treuhand auch "keine Anhaltspunkte für eine überhöhte Preisstellung durch tele-therm und eine sich daraus ergebende Benachteiligung der Verbraucher gefunden" hat.
Das inspirierte zwar das "Handelsblatt" zu der Schlagzeile "Kein Schaden für NH-Mieter entstanden". Die Betroffenen aber sehen das anders.
Am Freitag vorletzter Woche war, wieder einmal, Gerichtstermin in Lübeck: tele-therm gegen die Sozialmieter der Neuen Heimat.
In der Lübecker NH-Siedlung Buntekuh weigern sich seit letztem Jahr rund 700 Mieter, den vollen Betrag ihrer Fernwärme-Rechnung zu bezahlen. Die tele-therm-Zwangskunden wollen herausgefunden haben, daß ihr mit Schweröl befeuertes tele-therm-Fernheizwerk trotz geringerer Brennstoffkosten Wärme teurer liefert als eine Ölzentralheizung. Die ersten Prozesse - in allen 15 Abteilungen des Lübecker Amtsgerichts - gewannen die Mieter.
Jetzt gingen die Verfahren in die zweite Instanz. Dort präsentierten die Vertreter von tele-therm den Treuhand-Bericht. Allerdings rückten sie nur die 28seitige Kurzfassung heraus, die Eberhardt auch an die Presse verteilt hatte. Nach welchen Methoden die Wirtschaftsprüfer ermittelt hatten und wie tele-therm kalkuliert, steht in dem vollständigen Bericht, der rund 100 Seiten dick ist. Doch den mochten die teletherm-Manager nicht vorzeigen.
Das Gericht vertagte sich erst einmal. Vorher hatte es noch einen Vergleichsvorschlag gemacht: tele-therm möge die strittige Abrechnung doch um 20 Prozent ermäßigen.

DER SPIEGEL 21/1982
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