24.05.1982

„Schwachsinn mit Methode“

Berliner Umweltschützer werfen Stadtgärtnern Naturzerstörung vor Amputierte Bäume, saubergefegte Parks, öde Einheitsrasenflächen - Westdeutschlands Stadtgärtner und Landschaftsarchitekten zählen nach Ansicht von Umweltschützern zu den Hauptschuldigen der innerstädtischen Naturzerstörung. In einer für den „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz“ (BBU) erstellten Analyse städtischer Grünpolitik wirft die „Baumschutzgemeinschaft Berlin e. V.“ den für das kommunale Grün in der Bundesrepublik zuständigen Politikern und Behördenbediensteten ökologische Ahnungslosigkeit vor. Auszüge:
Glaubt man den offiziellen Verlautbarungen und der Statistik, so werden unsere Städte grüner. Allein in den letzten vier Jahren wurde in Berlin durch Sonderpflanzaktionen die Zahl der Straßenbäume um 17 000 Exemplare erhöht, so daß man nunmehr von der stolzen Zahl von 223 000 Bäumen auf den Straßen der Halbstadt ausgeht.
Nun ist bei Bäumen nicht die Anzahl der Stämme entscheidend, sondern der Umfang der Kronen und die Blattmasse. Es hat uns ferner die Frage nach der Anwuchschance, der Lebensdauer, den Standortbedingungen und der Pflege zu interessieren.
Die ehrliche Beantwortung dieser Fragen läßt keinen allzu großen Optimismus zu, zum einen, weil die Voraussetzungen für ein gedeihliches Wachstum nach wie vor nicht gegeben sind, und zum anderen, weil die sogenannte Pflege meist gegen die Bäume gerichtet ist.
Da werden Bäume immer wieder dort gepflanzt, wo die Vorgänger eingegangen sind. Da werden Bäume auf Mittelstreifen und Fahrbahnteilungen zwischen Windwirbel und Abgasteppich eingesetzt, so daß ständiges Auswechseln vorprogrammiert ist. Da werden Tausende von Bäumen in Betonkübeln wie in Blumentöpfen gehalten, Pflegefälle und traurige Dekorationsware ohne Funktionswert.
Da werden bis zu sieben Meter hohe Jungbäume nach der Pflanzung geästet, so daß nur noch Karikaturen übrigbleiben; sie ähneln mehr Peitschenmasten als Bäumen. An manchen haben wir im letzten Frühjahr nicht mehr als 13 Knospen gezählt, Atmung und Stoffwechsel waren nicht mehr gegeben. Solche Pflanzen S.61 kommen kaum über das Jahr und landen mit Sicherheit auf der Müllkippe.
Im Herbst und Frühjahr ziehen die Bediensteten der Gartenbauämter kolonnenweise durch unsere Straßen und Parkanlagen und entfernen an Bäumen und Strauchwerk mehr Blattmasse, als durch Neuanpflanzung je ersetzt werden kann. Jahr für Jahr wird ehemals schöner Baumbestand so verstümmelt, daß letztlich nur das Fällen bleibt.
Dem vielfach gestörten Naturverhältnis des Bürgers und seinem falschen Verständnis von Ordnung Rechnung tragend, werden Parks und Grünanlagen "saubergefegt", und mit der Hundeharke wird entfernt, was den Pflanzen natürlicherweise als Nahrung dienen sollte. Und damit Bürger ihr Aha-Erlebnis haben, muß je nach Jahreszeit das entsprechende Blumenbeet leuchten. So wird beifallheischend im Frühjahr mit dem Krokus, der Osterglocke, der Narzisse und der Tulpe, später im Juni mit der Rose die Show abgezogen.
Daß unsere öffentlichen Grünanlagen Aufgaben der Ökologie zu erfüllen, zum Beispiel den Insekten und anderen freilebenden Tieren Nahrungsquellen und Möglichkeiten zum Überleben zu bieten haben, findet keine Beachtung. Die Auswahl der Pflanzen ist zu einseitig. Nach wie vor bestimmen die Gärtner darüber, was wachsen darf und was als "Unkraut" beseitigt werden muß. (Naturschutzgesetz Berlin: Wildwachsende Pflanzen und wildlebende Tiere sind als Teil des Naturhaushalts zu schützen und zu pflegen ...)
Neuerdings hat man den in der Stadt anfallenden Stallmist wiederentdeckt. Was im Prinzip zu begrüßen ist, wird in der Praxis dadurch entwertet, daß man ihn hoch aufschichtet. Eine Überdüngung mit hohen Nitratanteilen ist die Folge.
Werden dann doch einige sogenannte Unkräuter damit fertig, weil sie helfen, die Überdüngung abzubauen, werden sie mit dem Stallmist spatentief untergegraben. Das fördert nicht die Bodenfruchtbarkeit, sondern Fäulnis und Ammoniakbildung.
Am Beispiel der Verwendung von Torfmull zur angeblichen Bodenverbesserung erkennt man, wie bereitwillig Stadt- und Kleingärtner sowie Landschaftsbaufirmen der Suggestion der Torfmullproduzenten aufgesessen sind. Ohne dem erstrebten Ziel einer Bodenbereicherung und Bodenverbesserung sowohl in schweren als auch leichteren Böden näherzukommen, werden rücksichtslos die letzten Feuchtgebiete dieser Erde, auch unseres Landes, vernichtet.
Früher wurde Torf nur zu Heizzwecken verwendet. Später kam dieser schädliche Industriezweig auf den Gedanken, Torfmull weltweit als Streudünger anzubieten. Dies kam beim Verbraucher mit seiner Neigung zur Bequemlichkeit an und ließ ihn glauben, daß er den aufwendigen S.62 Arbeitsgang des richtigen Kompostierens sich ersparen und dennoch gute Braunerde erzielen könne.
Torfmull aber kann die Bodenaktivität nicht anregen, er selber ist unbelebt. Bei zu reichlicher Anwendung kommt es zur Versauerung der Böden. Wegen zu starker Luftzufuhr in leichten Sandböden mineralisiert (oxydiert) Torfmull sehr schnell; das macht ständige Neuanwendung notwendig.
Der Schwachsinn hat Methode: Die Feuchtgebiete, unersetzliche Biotope, werden vernichtet; Tier- und Pflanzenarten sterben aus; teuer und energieaufwendig wird Torf zum Teil Tausende von Kilometern transportiert.
Für dieses wertlose Material wird viel bezahlt. Organisches Rohmaterial für Kompost, wie etwa Laub, das meist vor der Tür liegt, wird dagegen energieaufwendig und teuer beseitigt.
Wie lernfähig sind diese Gärtner eigentlich? Jährlich zweimal ziehen sie mit ihren Sägen und Äxten durch die Straßen und hacken alle Triebe ab, die die hochstämmigen Straßenbäume gebildet haben, weil ihnen durch die Reduzierung der Kronen die Stammbeschattung fehlte.
Unzählige Stammwunden, Infektionsstellen für Pilze und Bakterien, die Zerstörung der Saftleitbahnen mit krebsartigen Auswucherungen sind Folgen dieses falschverstandenen Ordnungsstrebens. Dabei würde ein solcher Austrieb, besonders im unteren Stammbereich, Rindenverätzungen durch Hunde-Urin vorbeugen. Dachpappenmanschetten sind denkbar ungeeignete Maßnahmen.
Nach jahrzehntelangem Wirken von Gärtnern fällt es schwer, sich vorzustellen, wie Bäume wirklich auszusehen haben.
Ein Prüfstein dessen, was Gärtner vermögen oder nicht vermögen, ist die Beschaffenheit der Böden. Sie sind Sand geblieben oder zu Sand geworden.

DER SPIEGEL 21/1982
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