15.12.1980

AUFSICHTSRÄTEDrunter und drüber

Muß der Hamburger Bankier Hans Hermann Münchmeyer wegen schlapper Kontrolle im Aufsichtsrat einer Pleitefirma fünf Millionen Mark zahlen?
Anderthalb Jahre lang hat der Hamburger Rechtsanwalt Christian Andreae an einem Kunststück gearbeitet, wie es noch keinem gelungen ist -"schwerer", so gab Altbankier Hermann Josef Abs einmal zum besten, "als ein eingeseiftes Schwein am Schwanz zu packen".
Die Vorführung ist auf Dienstag dieser Woche angesetzt: Da soll die 8. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg entscheiden, ob ein ehemaliges Aufsichtsratsmitglied einer Pleitefirma für Managementfehler haften muß.
Treffen würde es einen aus allerfeinstem hanseatischen Geldadel, den 39jährigen Bankier Hans Hermann Münchmeyer. Weil Münchmeyer seine Pflichten im Aufsichtsrat der 1976 in Konkurs gegangenen Lenz-Bau AG gröblich vernachlässigt habe, fordert Andreae im Auftrag der Gläubigerversammlung Schadenersatz -- drei Millionen Mark plus aufgelaufene Zinsen, alles in allem über fünf Millionen Mark.
Versucht wurde es schon öfter -aber bislang ist noch nie der Nachweis gelungen, ein Aufsichtsrat habe seine Pflichten -- Aufsicht zu führen und Rat zu geben -- so vernachlässigt, daß er Schadenersatz leisten muß.
Jetzt will Andreae "einen Präzedenzfall" schaffen, der wohl weitreichende Folgen haben würde: Vor allem die vielbeschäftigten Bankenvertreter in den Aufsichtsräten der Großunternehmen müßten befürchten, für Fehlentscheidungen künftig regreßpflichtig gemacht zu werden.
So kämpft der persönlich haftende Gesellschafter des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. auch für seine gesamte Zunft. Er selbst sieht sich in dem Prozeß als Opfer persönlicher Querelen: "Da will mich jemand ärgern."
Das ist, wie Münchmeyer zugibt, auch gründlich gelungen: So gereizt ist die Stimmung, daß inzwischen jede Partei der anderen Zeugenbestechung zutraut und die gegnerischen Anwälte ihre Schriftsätze mit Verbalinjurien garnieren.
"Märchen" würden aufgetischt und ein "professioneller Zeuge" präsentiert. Von "ungeheuerlicher Verleumdung" ist die Rede, von "bösartigsten Unterstellungen" und "kapriolischen Auslegversuchen".
Die Affäre begann im Jahr 1972.
Damals vermittelte die Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co., eine der feinsten Adressen im privaten deutschen Kreditgewerbe, 60 Prozent der Aktien von Lenz-Bau AG an die britische Lewston International Ltd., die auf Kredit kaufte.
Anfang 1973 zogen Lewston-Chairman Alan F. Findlay und sein Board-Kollege Mervyn F. Andrews in den Aufsichtsrat von Lenz-Bau ein, mit fast 1200 Beschäftigten Hamburgs größte Baufirma.
Die Engländer hatten viel vor, gab das damalige Lenz-Vorstandsmitglied Horst Kühne vergangenen Monat zu Protokoll: "Ihre Zielsetzung war, unser kleines Geschäft, die Lenz-Bau, zu vergrößern, das heißt, Grundstücke aufzukaufen und zu bebauen."
In welchem Stil der neue Großaktionär vorging, zeigte sich schnell. Lewston kaufte für über 14 Millionen Mark ein Grundstück in der Hamburger City, finanziert von Münchmeyers Bank, gegen entsprechende Sicherheiten, wie es sich gehört.
Bald gab es im Lewston-Board Krach. Wirtschaftsprüfer Andrews S.89 schied am 4. Juni 1973 aus: Ihm sei, wie er versicherte, der Expansionsdrang zu unsolide, das Management zu chaotisch. Tatsächlich, so sagt Münchmeyer heute, sei Andrews "einstimmig gekündigt worden, und dafür liegen Beweise vor".
Unstreitig hingegen ist, daß der Engländer anderthalb Monate nach seinem Ausscheiden, am 19. Juli, nach Hamburg fuhr, zu einem Gespräch mit dem Finanzier Münchmeyer. Gerade zum rechten Zeitpunkt, denn einen Tag später sollte der Bankier in den Lenz-Aufsichtsrat einrücken, Andrews ausscheiden.
An jenem Tag, so schwor der Engländer sieben Jahre später vor dem Hamburger Landgericht, habe er Münchmeyer ausführlich darüber instruiert, wie es bei der Lenz-Muttergesellschaft zugehe.
Lewston-Chef Findlay, so Andrews angeblich, betreibe eine hektische Expansionspolitik ohne solide Finanzierung, plane Investitionen ebenso hastig, wie er sie wieder umstoße. In der Firma gehe es derart drunter und drüber, daß seit 1972 fünf Manager ihren Job aufgegeben hätten. Wenn es so weitergehe wie bisher, sei Lewston in zwei Jahren bankrott.
Diese Warnung, womöglich prozeßentscheidend, hat Münchmeyer nach dessen Erinnerung nie erreicht: Der Wirtschaftsprüfer habe wohl einen "Falscheid" abgelegt.
Nur, und das muß auch der Hamburger Bankier einräumen, im Rückblick klingt die Aussage des Engländers logisch: Es kam alles so.
Als Andrews die Lenz-Mutter Lewston verließ, liefen die Geschäfte freilich noch prächtig. Auch das Hamburger Bau-Unternehmen war 1973 noch bestens bei Kasse. Denn im Juni ließ der Aufsichtsrat die Firma 2000 Wohnungen in Berlin verkaufen. Das brachte der Lenz-Bau 16,5 Millionen Mark ein, für Münchmeyers Bank fiel dabei eine Provision von 277 500 Mark ab.
Doch gegen Ende 1973 verdüsterte sich das Bild. Die Konjunktur kippte um, Immobilien und Baugewerbe wurden nachhaltig getroffen. Lenz mußte einige millionenschwere Projekte abschreiben.
Noch ärger aber ging es dem Großaktionär. Lewston hatte sich bei seinen Grundstücksgeschäften gründlich verspekuliert. Auf schnelle Wertsteigerung der auf Pump gekauften Immobilien war nicht zu hoffen. Die Zinsen drückten, den Engländern wurde bald klamm.
In seiner Not wandte sich Findlay an die deutsche Tochter und ließ um drei Millionen Mark nachsuchen. Nur: Da war nichts, was dieses Geld hätte absichern können.
Das Grundstück in der Hamburger City, im Besitz einer holländischen Lewston-Tochter, war an das Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. verpfändet. So lockte Lewston mit einem vagen Angebot: Wenn Lenz-Bau die drei Millionen herausrücken würde, dürfte das Unternehmen auch das Hamburger Grundstück bebauen, zu marktüblichen Preisen.
Der Baubranche ging es damals so schlecht, daß diese Zusage, wenn auch nur mündlich gegeben, wohlgefällig erörtert wurde. In der entscheidenden Aufsichtsrats-Sitzung vom 18. Juni 1974, so erinnert sich Lenz-Manager Kühne, habe Münchmeyer auch "über das Risiko gesprochen. Das Geschäft sollte angesichts der schlechten Zeiten gewagt werden".
Lenz-Bau beteiligte sich mit 32 000 Gulden an der Amsterdamer Lewston-Tochtergesellschaft und reichte über eine Tochterfirma am 27. Juni 1974 dann 2 986 000 Mark nach London. Lewston wollte dafür damals 14 Prozent Zinsen zahlen.
Wenn er auch "nur den leisesten Verdacht gehabt hätte", daß Lewston in der Bredouille steckte, so Kühne später vor Gericht, hätten weder Vorstand noch Aufsichtsrat die Transaktion genehmigt.
Nie und nimmer, beteuert Münchmeyer, hätte er der Drei-Millionen-Beteiligung zugestimmt, wenn er gewußt hätte, wie es bei den Engländern zuging. Das Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. habe während dieser Zeit seine Kredite bei Lewston aufgestockt und durch die Lewston-Pleite "sehr viel Geld" verloren.
Denn nun ging es, wie von Andrews prophezeit, rasch bergab. Wenige Monate nachdem Lenz-Bau die drei Millionen Mark nach London überwiesen hatte, wurden die Lewston-Manager vom Großaktionär, dem britischen Bowater-Konzern, entmachtet.
Im Mai 1975 krachte Lewston in den Konkurs, Lenz-Bau anderthalb Jahre später.
Der mit dem Prozeß beauftragte Anwalt der Gläubiger rechnet sich nun gute Chancen aus, Münchmeyer regreßpflichtig machen zu können -selbst wenn der Bankier tatsächlich nicht ein Jahr zuvor von dem Wirtschaftsprüfer Andrews vor den Lewston-Praktiken gewarnt worden wäre.
Denn Münchmeyer, so Andreae, habe in jedem Fall als Bankier im Aufsichtsrat die Pflicht gehabt, die Bonität des Kreditnehmers genauer zu überprüfen.
Schließlich, so bemerkte der Bundesgerichtshof schon vor Jahren in schönstem Juristen-Deutsch, hafte ein Aufsichtsratsmitglied schon dann, "wenn es die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer acht läßt".
Wie immer das Hamburger Landgericht entscheiden mag -- der Rechtsstreit wird, aller Voraussicht nach, alle Instanzen durchlaufen. Münchmeyer will, wenn es sein muß, bis zum Bundesgerichtshof gehen, sein Kontrahent wird wohl mithalten.
Beide Seiten haben genug Geld für den aufwendigen Prozeß. Hinter Hans Hermann Münchmeyer steht, mit einer Bilanzsumme von rund zwei Milliarden Mark, eine der größten deutschen Privatbanken. Der Konkursverwalter hat rund sieben Millionen Mark aus der Konkursmasse der Lenz-Bau.

DER SPIEGEL 51/1980
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