24.05.1982

„Ein Heer für den Angriff“

Ausgelöst durch die Aufrüstung in USA und die Debatten um neue Atomraketen für Europa, stellen Politiker und Militärs das traditionelle Konzept der Bundeswehr in Frage. Finanz- und Personalnot zwingen zum Umdenken. Eine reine Defensivarmee käme mit weniger Geld und weniger Soldaten aus.
Hans Apel hatte wieder einmal eine jener Darbietungen arrangieren lassen, von der Spötter sagen, sie seien inzwischen das einzige, was auf der Hardthöhe noch funktioniere.
Ort: Simultanraum des Verteidigungsministeriums. Publikum: die Bundesregierung nebst Wehrexperten der Koalitionsfraktionen. Darsteller: zwei Obristen aus dem Hause Apel.
Gegeben wurde, streng geheim, die Dia-Show Krieg in Europa.
Mit verteilten Rollen - der eine für den Warschauer Pakt, der andere für die Nato sprechend - spielten die beiden Offiziere die Foigen einer Aggression aus dem Osten durch, die ausschließlich mit konventionellen Waffen vorgetragen wurde. In der ersten Variante des vierstündigen Schau-Kampfs griffen die Armeen des Warschauer Pakts mit einer Vorbereitungszeit von nur vier Tagen an, gleichsam aus dem Stand; nach der zweiten Version stellten sie sich in 15 Tagen optimal bereit, gaben damit aber auch den Nato-Verteidigern Zeit für Mobilisierung und Aufmarsch.
Das Planspiel-Ergebnis war in beiden angenommenen Fällen gleich deprimierend: Beim derzeitigen Kräfteverhältnis stünde das westliche Bündnis binnen kurzem vor der Entscheidung über den Einsatz atomarer Waffen.
Fazit eines Teilnehmers: "Konventionell hätten wir große Schwierigkeiten, so standzuhalten, daß Zeit für politische Schritte gewonnen wird."
Ganz anders klang es gleichentags aus dem Munde des damaligen Regierungssprechers. In der Debatte über Apels Kriegs-Szenario, verkündete Kurt Becker Ende September vergangenen Jahres vor der Bonner Presse, habe das Kabinett "die Auffassung bekräftigt, daß der Westen imstande ist, Europa zu verteidigen, daß das Risiko für einen möglichen S.81 Aggressor enorm groß ist und daß diese Gewißheit der Verteidigungsfähigkeit die beste Garantie dafür ist, den Frieden in Europa zu erhalten".
Hatte Becker womöglich eine andere Veranstaltung besucht? Oder ist es am Ende gar kein Widerspruch, einerseits die konventionelle Unterlegenheit des Westens zu konstatieren, andererseits zugleich die "Gewißheit der Verteidigungsfähigkeit" zu behaupten?
Die Nato-Strategie der "abgestuften Antwort" (Flexible Response) bejaht diese Frage.
Ihr Kern: Die West-Allianz schließt auf keiner Stufe einer militärischen Auseinandersetzung den Einsatz von Nuklearwaffen aus - sei es, daß sie einen Atomangriff mit gleichen Mitteln beantwortet; oder sei es, daß sie, wenn eine Aggression anders nicht zu stoppen ist, selbst nuklear eskaliert. Unkalkulierbarkeit der jeweiligen Nato-Reaktion ist die Zauberformel, die einen Angreifer abschrecken soll.
Umstritten war diese seit 15 Jahren gültige Doktrin schon immer. Doch nie zuvor wurde sie so heftig debattiert wie in diesen Tagen, da west-östliche Entspannung und Zusammenarbeit endgültig umzukippen drohen in Konfrontation und gigantisches Wettrüsten.
Nun hat die derzeitige Nato-Strategie, zur Verärgerung der Bonner, sogar einer ihrer Väter in Frage gestellt: Robert S. McNamara, von 1961 bis 1968 US-Verteidigungsminister.
Auch seine Ko-Autoren, der ehemalige Sicherheitsberater McGeorge Bundy, Ex-Botschafter George Kennan und Ex-Salt-Unterhändler Gerard Smith, wissen, wovon sie sprechen. Sie gehörten zu dem kleinen Zirkel jener Amerikaner, die geheime Einsatz- und Zielpläne und die verheerenden Folgen der Atomwaffen genau kennen.
McNamara und seine Mitarbeiter fordern von der Nato, auf den Ersteinsatz ("First Use") von Atomwaffen zu verzichten.
Ihre Begründung: "Jede seriöse Analyse und jede militärische Übung im S.84 Laufe von mehr als 25 Jahren haben demonstriert, daß selbst der behutsamste Gefechtsfeld-Einsatz zu enormer Vernichtung von Leben und Eigentum von Zivilisten führen würde. Es gibt für niemanden Anlaß, sich irgendwie darauf zu verlassen, daß solcher Nukleareinsatz nicht zu weiterem und zu noch vernichtenderem Schlagabtausch führen würde." Der Zusammenhalt der Nato, so ihr Urteil, sei bisher nur gewahrt worden durch "allgemeines Ignorieren solcher Szenarios".
Auch in der Bundesrepublik, die das bevorzugte Schlachtfeld wäre, wenn die Abschreckung versagt, mehren sich die Zweifler.
Vorbei scheint jene desinteressierte Gelassenheit, mit der es sich die Deutschen unter der gegenseitigen Bedrohung der Supermächte mit atomarem Overkill hatten wohl sein lassen.
Bürger, denen Militaria bisher gleichgültig, wenn nicht zuwider waren - sie reden plötzlich wie selbstverständlich von Erst- und Zweitschlagskapazitäten, von Vor- und Nachrüstung, von SS-20-Raketen und Cruise Missiles, von Neutronenwaffen und Megatonnen. Und auf Massendemonstrationen fordern sie, mit dem Rüstungswahnsinn müsse Schluß gemacht werden.
Unter dem Druck der öffentlichen Meinung diskutieren inzwischen auch Politiker und Militärs jene Fragen, die jahrelang mit wohlfeilen Floskeln von Bündnissolidarität und westlicher Schicksalsgemeinschaft verschleiert wurden.
Plötzlich ertönt Ketzerisches sogar aus den Reihen der Union, die sich sonst in ihrer Nato-Treue von niemandem übertreffen lassen will.
Da meldet der stellvertretende CDU-Vorsitzende Kurt Biedenkopf öffentlich seinen Zweifel an, daß die westliche Atomstrategie auf Dauer konsensfähig sei. Begründung: "Das System der globalen nuklearen Abschreckung ist gezwungen, die Vernichtung all dessen, was man verteidigen will, mitzudenken. Dieser Konflikt kann von der überwältigenden Zahl der Menschen nicht nachvollzogen werden."
Im CDU-Bundesvorstand bezog der Professor dafür Prügel - aber nicht, weil er in der Sache unrecht habe, sondern weil er die christdemokratische Anhängerschaft verunsichere. Und das ist nicht einmal abwegig, klingt es doch ganz ähnlich aus der sozialdemokratischen Ecke.
Für den SPD-Abrüstungsexperten Egon Bahr beispielsweise ist die "Idee der Abschreckung" nur eine "Übergangstheorie". Sie kranke nämlich an einem gefährlichen "inneren Widerspruch".
Bahr: "Sie will Kriegsverhinderung mit der Führbarkeit von Kriegen verbinden, falls Krieg nicht zu verhindern wäre."
SPD-Chef Willy Brandt mag es bei bloßer Kritik an der Nuklearstrategie nicht belassen. Er überlegt bereits, wie das Problem der Atomwaffen in Europa "überhaupt" zu lösen sei. Seine Antwort: "Die Chancen steigen, durch intelligente Abwehrsysteme einem konventionellen Übergewicht des möglichen Angreifers erfolgreich entgegenzutreten."
Der SPD-Parteitag in München hat sich diese Ansicht zu eigen gemacht. Fast einmütig beschlossen die Delegierten die Einsetzung einer Kommission des SPD-Vorstandes. Sie soll die Nato-Strategie so überdenken, daß ein Einsatz von Atomwaffen überflüssig würde. Die Bundeswehr soll zudem auf eine streng defensive Bewaffnung festgelegt werden.
Das hört sich - noch - futuristisch an, trifft aber den Kern des Problems. Denn nicht minder widersprüchlich als die atomare ist die konventionelle Komponente des westlichen Abschreckungskonzepts. Welchen Sinn, fragt nicht nur Brandt, macht eine herkömmliche Rüstung, die, obwohl immer aufwendiger und komplizierter, im Kriegsfall bestenfalls geeignet ist, den atomaren Holocaust ein paar Tage hinauszuzögern?
Da ist auch die stereotype Beteuerung deutscher Verteidigungsminister, die Bundeswehr sei nach Ausbildung und Material "eine der besten Armeen der Welt" (Apel), kein Trost. Eine Bundeswehr, die in den Planspielen der Hardthöhen-Strategen stets rasch kapituliert, muß sich fragen lassen, ob sie nicht die falsche Armee ist.
Doch die fällige Diskussion über alternative Verteidigungskonzepte und Waffen kommt bei Bonns Regierenden nur mühsam in Gang. Es scheint, als ob die zaghaften Ansätze, einmal intensiver über Qualität statt Quantität nachzudenken, auch noch vom Rüstungselan der amerikanischen Regierung verschüttet werden.
Dabei ist Präsident Ronald Reagans fixe Idee, mit den Sowjets auf allen militärischen Gebieten zumindest gleichziehen zu müssen und so jedes "Fenster der Verwundbarkeit" zu schließen, nicht einmal in den USA unumstritten. Der frühere Vorsitzende der US-Stabschefs, Maxwell D. Taylor, einer der Erfinder der "Flexible Response", beispielsweise hält Reagans strategisches Raketenprogramm für weit überzogen.
Eine gut geschützte, auf die ökonomischen und militärischen Zentren der Sowjet-Union gerichete Abschreckungs-Streitmacht, so Taylor, käme mit "substantiell weniger Waffen aus, als in unserem derzeitigen Arsenal verfügbar sind". Größe und Zahl der Raketen sollten eben "nicht bestimmt werden durch das, was die Russen haben", sondern allein durch den Zweck, "den Sowjets Verluste ähnlich wie oder größer als im Zweiten Weltkrieg zufügen zu können".
Taylor: "Mit einem Arsenal von solch tödlichem Abschreckungswert wäre es Schwachsinn, den Russen weiterhin einen Wettlauf um die Zahl der Raketen zu liefern." Vielmehr sollten die gesparten Mittel in die konventionelle Rüstung gesteckt werden.
Diesen Part aber hat die Reagan-Administration, die von immer neuen Waffen nicht lassen will, vor allem den Europäern zugedacht. Seit der Präsident das größte Rüstungsprogramm in Friedenszeiten mit jährlichen Zuwachsraten von mehr als zehn Prozent aufgelegt hat, wächst unaufhörlich der Druck gerade S.86 auf Bonn, mitzuziehen und die konventionelle Nato-Schwäche in Europa ausgleichen zu helfen. Nur wie?
Vergeblich versuchten bei der Internationalen Wehrkunde-Tagung Mitte Februar in München die deutschen Teilnehmer von US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger zu erfahren, welche Strategie hinter der gigantischen Aufrüstung der Vereinigten Staaten stehe, wie die Arbeitsteilung im Bündnis aussehen solle und wieviel die Europäer für Wehr und Waffen ausgeben müßten, um die amerikanische Regierung endlich zufriedenzustellen. Weinberger blieb ganz allgemein.
Außer der Forderung nach "more and more", gekoppelt mit der Drohung eines Rückzugs der US-Truppen aus Europa im Falle der Verweigerung, ist vorerst nichts Konstruktives von Weinberger zu erwarten.
Der amerikanische Nato-Oberbefehlshaber Europa, General Bernard Rogers, meinte schließlich, nach Abzug der Inflationsraten müsse nicht eine drei-, sondern ("no question about it") eine vierprozentige Erhöhung der Rüstungs-Etats herauskommen.
Zwei Fakten aber machen es der Bundesrepublik unmöglich, der Forderung nach immer mehr nachzukommen. Es fehlt nicht nur das Geld für eine neue Generation von Flugzeugen, Panzern und Schiffen, die jetzt auf die Reißbretter müßte. Es fehlen auch die Soldaten, die sie bedienen sollen.
Bis 1985, so hat Hans Apel seinen Generalen vorgerechnet, geht im Rüstungshaushalt nichts mehr, alles Geld wird für die bereits bestellten Prestigeobjekte "Tornado"-Bomber, "Leopard 2"-Panzer und Fregatte F 122 gebraucht. Planungen für das nächste Jahrzehnt müssen zu den Akten. Apel: "Den bisherigen Trend, immer mehr und immer besser, können wir nicht fortschreiben."
Schon von 1984 an fehlen der Bundeswehr zudem, wenn die bisherigen Musterungskriterien beibehalten werden, Tausende Wehrpflichtige. Die Geburtsjahrgänge 1967 und folgende sind - Folge des "Pillenknicks" - so schwach, daß von 1987 an nicht einmal der derzeitige Bundeswehr-Mindestbedarf von jährlich 200 000 Rekruten zur Verfügung steht.
Dem Mangel abzuhelfen, sind den Generalen bisher nur traditionelle Lösungen eingefallen: Verlängerung der Wehrpflicht von 15 auf 18 Monate, Einberufung von Gastarbeiter-Kindern und freiwilliger Dienst von Frauen - Modelle, die in Koalition wie Opposition noch auf heftigen Widerspruch stoßen.
Eine Verkleinerung der Bundeswehr aber gilt bei den meisten Militärs und Politikern von Apel bis zum CDU-Verteidigungspolitiker Manfred Wörner derzeit noch als Tabu.
Tatsächlich ist eine Friedensstärke von 495 000 Mann nirgends vertraglich vereinbart. Die Halb-Millionen-Zahl ist lediglich im Nato-Dokument MC 55/1 als Forderung festgeschrieben und könnte in Verhandlungen mit den Nato-Partnern zur Disposition gestellt werden.
Doch nach dem olympischen Motto "schneller, höher, weiter" haben sich die Militärs an die Vorstellung gewöhnt, mit Personal und Technik, mit Waffen und Gerät aus dem vollen zu wirtschaften. Jetzt fordern die einst satten Zuwachsraten der frühen siebziger Jahre ihren Tribut.
Verteidigungsminister Helmut Schmidt sagte den Rüstungsplanern per Erlaß zu, sie könnten Jahr für Jahr mindestens 1,5 Prozent mehr Geld (real) für neue Waffen und Gerät einplanen. Nachfolger Georg Leber bestellte dann - mit Zustimmung des Parlaments - alles, was gut und teuer war; und manchmal sogar noch mehr.
"Da wurde", ereiferte sich Apel vor Genossen, "ins Blaue hinein geplant und beschissen." Jahrelang sei nur von neuen Panzern, Flugzeugen und Schiffen geredet worden, aber niemand habe weitergerechnet: den höheren Spritverbrauch, die neue Munition, die größeren Wartungshallen und Ersatzteillager. Apel: "Ich muß jetzt streichen statt streicheln."
Der graue Rock war wohl von Anfang an zu groß geschneidert. Die Bundeswehr sollte alles können und erhielt folglich zu viele und komplizierte Waffen. "Die Zahl der präsent zu haltenden Verbände", so der ehemalige Generalinspekteur Ulrich de Maiziere 1979 in einem Bericht für den Verteidigungsminister, "ist zu hoch."
Er empfahl - ebenso wie schon sieben Jahre zuvor der ehemalige Nato-Befehlshaber Europa-Mitte Johann Graf von Kielmannsegg - eine stärkere Kaderung S.87 der Bundeswehr: Stammeinheiten aus Offizieren und Unterführern, die erst im Krisenfall mit Reservisten aufgefüllt werden.
Doch die aktiven Militärs wehren sich immer noch, obwohl bereits jetzt 20 000 Unteroffiziere, vor allem technische Spezialisten, fehlen. Allein das Heer wird Mitte dieses Jahrzehnts, wenn der Leopard-2-Panzer bei der Truppe ist und zugleich die Wehrpflichtigen knapp werden, 4837 Kampf- und 3432 Schützen-, Jagd-, Späh- und Flugabwehrpanzer sowie Zehntausende geländegängige Last- und Personenwagen fahren, pflegen und instandsetzen müssen. Und schon heute steht rund ein Drittel der Bundeswehrfahrzeuge herum, weil entweder Ersatzteile oder Mechaniker fehlen.
Die Ursachen des Dilemmas liegen weit zurück: Die Bundeswehr ist, in Gliederung und Struktur, noch immer die Armee, die fünf Jahre nach der totalen Niederlage zehn Generäle und Admirale sowie fünf Stabsoffiziere der Hitler-Wehrmacht in der Abgeschiedenheit des Eifelklosters Himmerod gegen ein Honorar von 4500 Mark konzipiert haben. Für die Niederlage im Krieg hatten die Herren im Rückblick nur eine Erklärung, die den Militärs seit Jahrhunderten einfällt: zuwenig Soldaten und zuwenig Waffen.
Das Ergebnis ihrer Denkschrift fiel entsprechend aus. Hauptforderung: Die "Kampfhandlungen" müßten "möglichst bald auf ostdeutsches Gebiet vorgetragen werden". Und: "Die Verteidigung muß, wo immer möglich, offensiv geführt werden. Das bedeutet, daß überall und von Beginn an angegriffen werden muß."
Der deutsche Beitrag zur westeuropäischen Streitmacht sollte deshalb aus zwölf Panzerdivisionen (3600 Panzern), Jagd- und Schlachtflugzeugen (821 Maschinen) und einer kleinen Marine (36 Schnell- und 24 U-Boote) bestehen. Den Sowjets müsse die "gepanzerte Faust" entgegengehalten werden, forderten die im Panzer- und Offensivdenken erzogenen Hitler-Generäle; die meisten der Verfasser, zum Beispiel Adolf Heusinger und Hans Speidel, zogen zehn Jahre nach Deutschlands Niederlage wieder Uniform an und machten sich an den Aufbau der Bundeswehr.
Deren heutiger Generalinspekteur Jürgen Brandt und sein mutmaßlicher Nachfolger, Generalleutnant Wolfgang Altenburg, bestreiten zwar, daß die Bundeswehr 1981 immer noch der in Himmerod entworfenen Armee gleiche, doch ihre Beweise sind nicht sehr eindrucksvoll.
So wurde der Begriff "Vorwärts"-Verteidigung durch "Vorne"-Verteidigung ersetzt; und die motorisierten Schneidereien, Schusterwerkstätten und Wäschereien, die den deutschen Landser im nächsten Ostfeldzug mit sauberer Wäsche und frisch besohlten Stiefeln versorgen sollten, wurden Ende der sechziger S.89 Jahre abgeschafft. Altenburg: "Das sah ja aus, als wollten wir wieder in die Pripjet-Sümpfe."
Dennoch gilt weiter, was der Panzergeneral Franz Uhle-Wettler feststellte: Mit der Himmeroder Offensivkonzeption sei eben "nicht die dazugehörende Heeresstruktur" gefallen. Uhle-Wettler: "So haben wir von 1955 bis heute mit zunehmender Ausschließlichkeit ein Heer entwickelt, das am besten für weitreichende Angriffsoperationen in offenem Gelände geeignet wäre, indessen aber in zentraleuropäischem Gelände die (Vorne-) Verteidigung durchführen soll."
Fast mathematisch stellt die Nato in Europa dem gleichfalls auf offensive Verteidigung eingeschworenen Warschauer Pakt gleichartige Waffen entgegen - Panzer gegen Panzer, Kanonen gegen Kanonen, Flugzeuge gegen Flugzeuge.
Mag das westliche Kriegsgerät auch von besserer Qualität sein, die östlichen Armeen besitzen das numerische Übergewicht. Doch der Frage, wie angesichts der Finanznot das konventionelle Kräfteverhältnis gleichwohl verbessert werden könnte, weichen Militärs und Strategen aus.
Generälen der alten Generation fällt dazu allenfalls Marginales ein. Der Ende September pensionierte Heeresinspekteur Hans Poeppel etwa denkt angesichts des hochgezüchteten Kampfpanzers Leopard 2 noch heute an die unkomplizierte Effektivität des russischen Weltkrieg-II-Modells T 34 zurück. Poeppel: "Den Leo-Nachfolger wünschte ich mir schon einfacher."
Aber ein Panzer muß es halt sein. Auch das Verteidigungsweißbuch 1979 stellt autoritativ fest: "Die stärkste Panzerabwehrwaffe ist der Kampfpanzer."
Panzergeneral Guderian läßt grüßen.
Ähnlich einfallslos sind die Wunschlisten der Teilstreitkräfte für die 90er Jahre. Da fordert das Heer nicht weniger als 8000 gepanzerte Fahrzeuge, vor allem Schützen- und raketenbestückte Jagdpanzer. Die Marine hätte - neben einer neuen U-Boot- und Kampfhubschrauber-Flotte - gern die 7. und 8. Fregatte, zum Stückpreis von jetzt rund 500 Millionen Mark.
Die Herren von der Luftwaffe wollen 120 neue Aufklärungsflugzeuge haben und träumen von 200 bis 300 Jägern. Der Wunsch nach immer neuen Fliegern folgt auch aus der Entscheidung für den mittlerweile 100 Millionen Mark teuren Supervogel "Tornado": Der Tiefflieger braucht, weil schon bald aus der Luft verwundbar, Jagdschutz.
Eine Rüstungskette ohne Ende, vor der Apel resigniert: "Ich habe als Verteidigungsminister gelernt, daß es Panzer, Flugzeuge und Schiffe immer geben wird."
Der Minister wird umlernen müssen. Der Münchner SPD-Parteitag forderte S.92 nicht nur ein Defensivkonzept für die Bundeswehr. Der Verteidigungshaushalt dürfe, so wünschen es die Genossen, nicht mehr überdurchschnittlich wachsen, sondern nur noch den allgemeinen Preissteigerungen angepaßt werden.
Der vom Minister eingesetzten Langzeitkommission, die bis zum Sommer Pläne für die neunziger Jahre vorlegen soll, ist bisher nichts Originelles zu diesem Thema eingefallen. Dabei läuft in den Fachzirkeln längst eine Debatte, in der mit der Bewaffnung auch überkommene operative Verteidigungskonzepte in Frage gestellt oder umgestoßen werden.
Kern der Diskussion: Wenn die Bundeswehr doch ausschließlich defensiven Charakter hat, warum dann ihre jetzige Bewaffnung, die für weiträumige Angriffsoperationen allemal besser geeignet ist?
Das Radikalkonzept - weg vom Euphemismus der Vorne-Verteidigung, hin zur reinen Defensivarmee - wurde gedacht von zunächst drei Autoren: dem österreichischen Panzergeneral Emil Spannocchi, dem französischen Major Guy Brossollet und dem deutschen Friedensforscher Horst Afheldt (siehe Kasten Seite 88).
Gemeinsamer Denkansatz aller drei ist, was Spannocchi so umschreibt: "Zunächst einmal ist es eine geschichtliche Tatsache, also nicht unbedingt eine Erkenntnis des Atomzeitalters, daß immer der ... Schwächere bei einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Stärkeren dann in kürzester Frist unterliegt, S.95 wenn er nach denselben Maximen, aber aufgrund eines geringeren Potentials - sozusagen in der maßstabsgerechten Verkleinerung - zur Auseinandersetzung angetreten ist", sich also "genau jenes Verhalten aufzwingen ließ, das der Stärkere ihm vorschrieb".
Programmatisch für die daraus gezogene Schlußfolgerung ist der Titel der Arbeit Brossollets: "Essay über die Nicht-Schlacht."
Das heißt: Dem überlegenen Angreifer wird nicht gestattet, seine Stärke auszuspielen; der Verteidiger verzichtet auf ungleichen Schlagabtausch, den er in einer oder mehreren Schlachten schnell verlieren würde. Statt sich zum klassischen Aufmarsch im Grenzraum zu stellen, verteilen sich die abwehrenden Streitkräfte in kleinen Verbänden und Einheiten über das ganze Land. Sie kämpfen, schreibt Spannocchi, "nach der Maxime der Abnützung des Angreifers, durch eine nicht endenwollende Kette kleiner Gefechte, aber auch nach der des eigenen Überlebens".
In seinem Modell für eine alternative Verteidigung der Bundesrepublik geht Afheldt von der These aus, daß jede Sicherheitspolitik, die sich ein Wettrüsten aufnötigen läßt, "langfristig den Frieden gefährdet". Deshalb müsse die Bundesrepublik in der Nato eine "Verteidigungsstrategie anstreben, die es gestattet, Art und Umfang der eigenen Rüstungsanstrengungen von der Rüstung der Gegenseite in möglichst weiten Grenzen unabhängig zu halten" - dies unter der Prämisse, daß sie nicht das zerstören, "was sie sichern sollen: unsere soziale und wirtschaftliche Struktur".
Exakt das aber befürchtet der Friedensforscher von der geltenden Konzeption der beweglichen Vorneverteidigung. Ansammlungen schwerer gepanzerter Verbände, Militärflughäfen, die weit ins Hinterland reichende logistische Infrastruktur, dazu Kernkraftwerke, Atomdepots und Raketenstellungen böten "ein monumentales Bild von militärisch wichtigen Zielen", die im Kriegsfall "die Zerstörung der Bundesrepublik geradezu erzwingen".
Wie schwer sich deutsche Strategen mit unkonventionellen Überlegungen tun, zeigte sich Ende letzten Jahres bei einer Diskussion zwischen General Altenburg und dem Forscher. "Herr Afheldt", eröffnete der Offizier den Wortwechsel, "lassen Sie sich eins sagen: Unsere Strategie macht uns selber so viel Sorgen, daß wir es uns gar nicht leisten können, auch noch Modelle, wie Sie sie sich vorstellen, ernsthaft zu diskutieren."
Nach massiver Kritik an dem Techno-Konzept - "Ich sehe die Gefahr, daß Sie große Teile der Bundesrepublik zum Gefechtsfeld machen" - räumte Altenburg immerhin Übereinstimmung in Teilaspekten ein: so etwa in der Absicht, durch "möglichst viel Auflockerung" weniger lohnende Ziele zu bieten ("Das versuchen wir zu tun"); so etwa im Umdenken "vom Schwerpunkt Panzer auf Schwerpunkt Panzerabwehr" ("Da sind wir dabei").
Und am Ende machte er Afheldt sogar ein Kompliment: "Sie haben so viele Elemente drin, die es wert sind, diskutiert zu werden, daß wir das auf der Fachebene auch tun sollten."
Apel-Vorgänger Leber dagegen hatte sich noch in bewußter Verkennung des Modells lustig gemacht: "Ich kann doch nicht hinter jede deutsche Eiche einen Infanteristen stellen."
Zu ähnlichen Schlüssen wie Afheldt kommen auch McNamara und Co. Der Westen neige dazu, so ihr Urteil, die eigene Stärke unterzubewerten und die des Ostens zu überschätzen: "Die Entwicklung von Präzisionslenkwaffen auf der technologischen Seite und die sichtbare S.97 Schwächung der militärischen Solidität des Warschauer Paktes sind nur zwei Beispiele für Veränderungen, die zum Vorteil des westlichen Bündnisses wirken."
Ernsthaftere Einwände gegen Afheldt und seine Raumverteidigungs-Mitstreiter wie General a. D. Hans-Joachim Löser sind:
* Die geringe Tiefe der Bundesrepublik (mittlere Ost-West-Ausdehnung: 250 Kilometer) lasse eine Abnutzungsstrategie nicht zu.
* Das guerillaähnliche Operationsprinzip der Kommandos setze, wenn es im Kriege halbwegs funktionieren solle, eine Militarisierung der Bevölkerung schon in Friedenszeiten voraus.
* Die Techno-Trupps seien empfindlich gegenüber Flächenfeuer und könnten sich gegen konzentrierte Vorstöße in einzelnen Marschblöcken nicht wehren.
Fazit eines Hardthöhen-Offiziers: "Wenn die Russen in drei, vier Keilen am Rhein stehen, ist der Krieg gelaufen."
Afheldt selbst gibt zu, daß seine autonomen Techno-Kommandos nicht erreichen könnten, "daß die beim Vorrücken dezimierten Verbände des Warschauer Paktes aus dem Lande geworfen werden".
Diese Aufgabe müßten die Nuklearstreitkräfte der Amerikaner tragen: Die Drohung mit, notfalls der Einsatz von Atomwaffen gegen ausgewählte militärische und ökonomische Ziele in Osteuropa soll die Sowjet-Union zwingen, den Status quo ante wiederherzustellen.
Doch wo die Schwelle zum Atomeinsatz liegt, bleibt zweifelhaft. Unklar ist, wie die Verteidiger im Kriegsfall eine Verhandlungspause erzwingen können, bevor Nuklearwaffen ins Spiel kommen.
Daß Afheldts Techno-Netz militärisch überwindbar sei und mithin "keine zuverlässige Abschreckung" bedeute, ist auch für den Friedensforscher Carl-Friedrich von Weizsäcker "ein starker Einwand". Freilich ist er überzeugt, "daß dasselbe auch von der heutigen Nato-Verteidigung gilt".
Die seit 1967 im Nato-Dokument MC 14/3 festgeschriebene Strategie der abgestuften Erwiderung (Flexible Response) geht davon aus, daß die Abwehr eines Angriffs direkt an der Grenze beginnt. So soll verhindert werden, daß es zu einem "länger andauernden Kampf auf dem Territorium der Bundesrepublik kommt".
Wenn der Angriff mit konventionellen Mitteln grenznah nicht zu stoppen ist, müssen, so die Planer, Atomwaffen eingesetzt werden - "so spät wie möglich, aber so früh wie nötig", formulierte das Bonner Verteidigungs-Weißbuch 1975 vieldeutig.
Die von den Nato-Militärs in Dutzenden Planspielen erdachte Eskalationsleiter sieht zunächst "demonstrative Warnschüsse" vor - jene, von denen US-Außenminister Alexander Haig Anfang November berichtete und sein Kollege im Pentagon, Caspar Weinberger, nichts zu wissen vorgab. Die Probeschüsse sollen dem Gegner das Risiko eines Atomkrieges aufzeigen, wenn er sich nicht sofort zurückzieht.
Auf der zweiten Stufe ist der Einsatz von atomaren Kurz- und Mittelstreckenwaffen gegen ausgewählte militärische Ziele in der DDR, Polen, der CSSR und neuerdings auch in der westlichen Sowjet-Union vorgesehen.
In der "European High Priority List" des amerikanischen Nato-Oberbefehlshabers in Europa (Saceur) sind 2500 Ziele fixiert: Panzeransammlungen, Nachschubdepots, Flugplätze, Raketenstellungen, Hauptquartiere und Eisenbahnknotenpunkte - hier vor allem die an der Ostgrenze Polens liegenden Bahnhöfe, auf denen die Nachschubzüge von der russischen Breit- auf die europäische Normalspur gesetzt werden müssen.
Selbst wenn alle diese Ziele "abgedeckt" sind, wie es im Militär-Jargon euphemistisch heißt, bleiben in den europäischen Nato-Depots noch 3500 Atomsprengköpfe zur freien Verfügung übrig. Ein Großteil würde wahrscheinlich auf dem Boden der Bundesrepublik hochgehen, wo die US-Atom-Artillerie bereits ihre "Kill-Zonen" festgelegt hat.
Der atomare Holocaust, der Einsatz der strategischen Interkontinentalraketen gegen militärische und industrielle Ziele in der Sowjet-Union, ist die letzte Stufe der Eskalationsleiter. Sie heißt in der Sprache der Militärs schlicht GNR: General Nuclear Response.
Diese Strategie ist zwar theoretisch in sich schlüssig. Aber welchen Zweck sollte ein zeitlich oder räumlich begrenzter Angriff der Sowjet-Union eigentlich haben?
Politisch könnte Moskau durch Stiche gegen West-Berlin oder Provokationen an der Nord- oder Südflanke der Nato den Westen sehr viel stärker in Bedrängnis bringen als durch eine "handstreichartige Besetzung des Wolfsburger Zipfels", wie sie von den Militärs immer wieder in ihren Modellen eines begrenzten Krieges gespielt wird.
Militärisch ist es ohne Sinn, gerade dort anzugreifen, wo der Westen trotz allem am stärksten ist: in Mitteleuropa.
Denn bei einem konventionellen Angriff müßten die Sowjets derart massiv Truppen konzentrieren, daß die Nato sofort alarmiert wäre: durch Satelliten, Flugzeuge und elektronische Aufklärung. Das Hauptaufmarschgebiet DDR ist kein geschlossenes Land; Zehntausende Bundesbürger fahren täglich als Besucher durch den anderen deutschen Staat, benutzen die Transitstraßen oder fliegen über die Luftkorridore nach Berlin.
Die von den Nato-Militärs benutzte Standardformel, der Westen müsse sich durch allzeit präsente Verbände gegen einen sowjetischen Überraschungsangriff "aus dem Stand" schützen, wird auch durch ständige Wiederholung nicht richtiger.
Wie vorsichtig Moskau militärisch operiert, machte das Beispiel CSSR deutlich: 1968 ließen die Sowjets 29 Divisionen mit 490 000 Mann gegen eine tschechoslowakische Streitmacht von zehn Divisionen mit 150 000 Soldaten S.100 aufmarschieren, obwohl sie deren Führung, Bewaffnung und Ausrüstung genau kannten.
Zwar sind die Warschauer-Pakt-Staaten bei Soldaten, Panzern, Geschützen und Flugzeugen zahlenmäßig überlegen - aber keineswegs in dem Ausmaß, wie manche Nato-Pessimisten aus Brüssel in ritualisierten Abständen zu melden pflegen. Nach einer militärischen Standardformel braucht ein Angreifer mindestens eine 3:1-Überlegenheit, will er zum Erfolg kommen - und die ist längst nicht überall gegeben.
Zudem würde in Polen und der CSSR ein latenter, schleichender Bürgerkrieg geführt, dessen Ende nicht absehbar wäre. Jeder zweite konventionelle Soldat der Warschauer-Pakt-Armeen wäre Pole oder Tscheche; daß auf sie Verlaß ist, bezweifeln selbst die für die "Feindlage" zuständigen G-2-Offiziere der Hardthöhe. Mindestens ein Drittel der sowjetischen Streitkräfte, so ihre Einschätzung, müsse im Kriegsfall Polizei- und Sicherungsaufgaben übernehmen.
Ex-Generalinspekteur de Maiziere: "Gleichgewicht ist nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch der Qualität - und diese ist schwer zu beurteilen."
Sollten die Sowjets aber, aus welchen Gründen auch immer, zum Äußersten entschlossen sein, werden sie sich kaum durch "demonstrative Warnschüsse" beeindrucken lassen. Wahrscheinlich ist, daß die sowjetische Führung, um einem Ersteinsatz der Nato-Atomwaffen zuvorzukommen, mit einem atomaren Großschlag die drei Dutzend Flugplätze und Raketenstellungen und rund 100 sogenannten Sondermunitionslager auf dem Gebiet der Bundesrepublik zu zerstören versucht.
In einem solchen Fall bliebe den Russen immerhin noch die vage Hoffnung, daß der große amerikanisch-sowjetische Atomkrieg ausbleiben könnte. US-Präsident Ronald Reagan hat diese Hoffnung jüngst sogar genährt: "Ich könnte mir vorstellen, es könnte zu einem Schlagabtausch mit taktischen Waffen (Atomwaffen) auf dem Schlachtfeld kommen, ohne daß eine der beiden Supermächte dazu gebracht würde, den Knopf zu drücken."
Die Strategie der Flexible Response ist schon seit den siebziger Jahren zu einer Strategie der flexiblen Auslegung geworden. Die amerikanischen und europäischen Interessen decken sich nicht mehr.
Die Europäer, vor allem aber die Deutschen, halten an der Fiktion fest, die Strategie der abgestuften Erwiderung diene ausschließlich der Abschreckung: Sie verhindere den Krieg, weil sie der Sowjet-Führung deutlich macht, daß sie im Falle eines Angriffs auf Westeuropa mit der totalen Zerstörung ihres eigenen Landes rechnen muß.
"Wenn die Abschreckung versagt", spotten seit Jahren die Bundeswehrsoldaten, "haben wir unseren Auftrag nicht S.101 erfüllt. Dann ziehen wir die Uniform aus und gehen nach Hause."
Die Amerikaner halten eine solche Auslegung seit langem nicht mehr für glaubwürdig. Sie denken nicht nur an die Verhinderung von Konflikten, sondern mehr und mehr auch an ihre Bewältigung - politisch oder, Beispiel Golf, militärisch. Und wenn Krieg schon, statt unbedingt verhindert, durchdacht wird, dann muß er natürlich auch gewonnen werden.
Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hatte die Westeuropäer schon 1979 eindringlich davor gewarnt, ihre Sicherheit allein auf die Bereitschaft seines Präsidenten zu stützen, die Zivilisation auszulöschen. Bereits sechs Jahre früher, 1973, hatte er die Westeuropäer aufgefordert, zu sagen, wie sie sich eine realistische Verteidigung des alten Kontinents vorstellen.
"Sollen wir planen, eine längere Zeit konventionell kämpfen zu können? Wenn ja, mit welchem Ziel?" fragte Kissinger. Und wenn dies nicht möglich sei: "Wann, wie und mit welchem Ziel sollten wir taktische Nuklearwaffen einsetzen?"
Eine Antwort erhielt er nicht. Die Europäer, vor allem die deutschen Politiker und Militärs, verweigerten die Strategie-Debatte, mit gutem Grund.
"Die Drohung, bei einem Angriff Selbstmord zu begehen, ist nicht gerade überzeugend", hatte schon 1965 der SPD-Fraktionschef Fritz Erler erkannt. Helmut Schmidt kam einige Jahre später zum gleichen Ergebnis: Die Bundesrepublik sei nur "um den Preis der totalen Zerstörung" zu verteidigen.
Beide Optionen der Amerikaner, einen lang andauernden konventionellen Krieg oder einen kurzen atomaren Schlagabtausch zu führen, sind für die Deutschen unannehmbar. Bundeswehrplaner haben bei Computer-Spielen errechnet, daß ein konventioneller Krieg von 20 Tagen die Bundesrepublik genauso in Schutt und Asche legen würde wie ein fünftägiges Atomfeuer.
Dennoch spielen die Nato-Militärs, mit Billigung der Politiker, im Sandkasten nach altbewährtem Muster weiter, um ihre Forderungen nach mehr und besseren Waffen begründen zu können.
Wenn die vorderen Stellungen überrollt sind, fordern die Divisionskommandanten bei allen Nato-Übungen mit schöner Regelmäßigkeit den Atomschlag an.
Zwischen Anforderung (Request) und Freigabe (Release) der Atomwaffen durch den US-Präsidenten liegen, so haben sie gelernt, mindestens 24 Stunden. Der Ruf nach Atomwaffen kommt deshalb in der Regel sehr früh - "zu früh", wie General a. D. Gerd Schmückle aus seiner Zeit als stellvertretender Nato-Oberbefehlshaber Europa weiß.
Und sein Kollege Johannes Steinhoff, von 1970 bis 1974 Vorsitzender des Nato-Militärausschusses, S.102 beklagte schon vor Jahren im SPIEGEL, es sei "sehr schwierig, die Militärs davon zu überzeugen, daß nukleare Waffen nicht Ersatz für konventionelle Artillerie" sind. Steinhoff: "Wir haben uns zu sehr an Kriegsbilder gewöhnt, in denen nach dem atomaren Trommelfeuer der Leutnant aus dem Graben springt, den Staub vom Ärmel schüttelt und seine Soldaten zum Angriff führt."
Reagans Vorgänger, Richard Nixon und Jimmy Carter, sahen das ähnlich. Sie drängten die Europäer, sich auf einen bis zu 90 Tage dauernden konventionellen Krieg einzustellen; und Carter versicherte, er werde "den Einsatz von Atomwaffen nur bei Gefährdung der Sicherheit und Existenz der eigenen Nation erlauben".
Doch die Konsequenz, die konventionelle Kampffähigkeit zu stärken, konnte bisher und kann auch künftig aus Mangel an Geld nicht gezogen werden: Die Nato hat zwar Zehntausende Panzer und Geschütze, aber nicht genug Munition.
Die Bundeswehr wäre im Kriegsfall bereits nach 20, die US-Armee nach 30 Tagen leergeschossen. Und die in den USA für Europa bereitgehaltenen Verstärkungskräfte kämen wahrscheinlich viel zu spät.
Auch daraus entsteht im Ernstfall ein Druck, früh oder zu früh die Grenze zum Atomschlag zu überschreiten. Überdies setzt die neue Generation der Nuklearwaffen die Hemmschwelle weiter herab. Cruise Missiles und Neutronenbomben vermeiden die massive Zerstörung, lassen sich gezielt einsetzen; die Wirkung ist verheerend, aber begrenzbar: Damit wird ihr Einsatz noch wahrscheinlicher.
Nicht länger mehr können sich deshalb die Bonner an die Illusion klammern, daß der amerikanische Präsident im richtigen Augenblick schon die für Europa richtige Entscheidung fällen wird.
Er ist, solange das Nato-Konzept gilt, Herr über Leben und Tod der Europäer. Ihm allein steht die Verfügungsgewalt über alle Atomwaffen zu. Er muß nicht einmal seine Verbündeten fragen, bevor er Befehl zum tödlichen "Feuer frei" gibt. Egon Bahr: "Nicht wir, sondern andere treffen die Entscheidung über unsere Existenz."
US-Außenminister Alexander Haig hat, als er noch Nato-Oberbefehlshaber Europa war, die amerikanische Haltung so charakterisiert: "Das Wesen unserer Strategie ist ihre Unkalkulierbarkeit."
Den europäischen, speziell den deutschen Sicherheitsinteressen läuft eine solche Definition zuwider; die politischmilitärische Unkalkulierbarkeit aus amerikanischer Optik bedeutet für Europäer physisch-materielles Risiko.
Als 1979 die Nato-Militärs den Nachrüstungsteil des Doppelbeschlusses vorbereiteten, forderte der amerikanische Oberbefehlshaber Europa und jetzige US-Außenminister Alexander Haig, den sowjetischen SS-20-Raketen nicht weniger als 1800 westliche Mittelstreckensysteme entgegenzustellen. Entsetzt wehrten die Europäer, voran die Deutschen, ab: Eine solche, an rein militärischen Kriterien orientierte Größenordnung werde die Russen zwingen, noch stärker zuzulegen. Es gelte aber, den politischen Charakter von Atomwaffen zu bewahren.
Westliche Nachrüstung in Europa müsse deshalb so begrenzt werden, daß der Zusammenhang mit den strategischen Interkontinentalwaffen der Amerikaner nicht verlorengeht. Zugleich aber müsse sie stark genug sein, um in Moskau ernst genommen und somit Verhandlungsgegenstand zu werden.
Das Ergebnis langwieriger Diskussionen waren jene 108 "Pershing 2" und 464 Cruise Missiles, die in Westeuropa aufgestellt werden sollen, falls es zu keiner Vereinbarung über die Begrenzung oder gar Abschaffung der Mittelstreckenraketen kommt.
Wenn aber der politische Charakter in der Abschreckung Priorität hat - warum dann das Aufdröseln des Atomschirms in einzelne Bereiche von Bedrohung? Warum der Versuch, eine militärische Balance für Interkontinental- und Mittelstreckenraketen, für Flugzeuge und U-Boote berechnen zu wollen, wenn beide Seiten sich zunächst bemühen könnten, jede Art militärischer Konfliktsituation zu meiden?
Es könnte reichen, in den Worten des neuen SPD-Vorstandsberaters Günter Gaus, den "allerdicksten, kräftigsten amerikanischen Knüppel", die totale Vergeltung, im Arsenal zu haben.
So regelmäßig, wie simulierte Kriegsspiele in einem raschen Zusammenbruch der konventionellen Nato-Verteidigung in Europa enden, führen Planspiele, die alle militärischen und politischen Daten einbeziehen, zu einem Ergebnis, das der deutsche Militärautor K. Peter Stratmann so zusammenfaßt: "Offenbar erwartet die sowjetische Seite nicht ... in Mitteleuropa bei kontrollierbarem Risiko erfolgreich ihre militärische Macht einsetzen zu können. Man kann im Gegenteil davon ausgehen, daß sie ... politisch entschieden daran interesssiert ist, den Ausbruch eines bewaffneten Konflikts in diesem Raum zu verhindern."
Andererseits, so Stratmann, beruhe die Nato-Abschreckung "vor allem auf militärischen Optionen und etwaigen Eskalationszwängen, die auch und gerade auf westlicher Seite heftige Selbstabschreckungsreflexe auslösen".
Deshalb fordert auch er eine Verstärkung der konventionellen Verteidigungsfähigkeit, um die "Abhängigkeit von der Androhung des Einsatzes von Kernwaffen so weit wie möglich zu verringern".
An Mängelrügen fehlt es nicht - nur an Hinweisen, wie es besser zu machen wäre.
So kritisiert General Uhle-Wettler, die Vollmechanisierung und "Übertechnisierung" S.103 habe das "Heer in eine Sackgasse geführt":
* taktisch, weil solche Verbände für rund die "Hälfte des deutschen Geländes" (Dörfer, Städte, Industrielandschaften, Waldzonen und Mittelgebirge) ungeeignet seien;
* logistisch, "weil die riesigen Versorgungsorgane die Kampftruppe auszehren, nicht mehr geschützt werden können und selbst zu empfindlich sind";
* finanziell, "weil die Kampftruppen so teuer sind, daß wir nur einen Teil der erforderlichen Divisionen aufstellen und nicht einmal diese mit einem ausreichenden Kriegsvorrat versehen können";
* politisch, "weil der Zwang zur frühzeitigen Mobilmachung der politischen Führung die Handlungsfreiheit einschränkt";
* strategisch, "weil es höchst fragwürdig bleibt, ob das Heer die zwingend erforderliche Zeit zur umfassenden Mobilmachung jemals erhalten wird".
General Altenburg, der seinem Kollegen prinzipiell "völlig recht" gibt, fordert für die Zukunft eine Rüstung, die "Menschen so schonend wie möglich einsetzt oder gar ersetzt".
Die Waffentechnologie weist in diese Richtung: Panzer, Flugzeuge und Schiffe muß und wird es nicht immer geben, - egal, was Hans Apel dazu meint.
Der Physiker und Nobelpreisträger Hans Bethe: "Früher oder später werden Panzer so überflüssig sein wie die Kavallerie."
Der amerikanische Rüstungsforscher Paul F. Walker kam (SPIEGEL 42/1981) "angesichts der jüngsten Fortschritte bei den intelligenten Waffen" zu dem Schluß, daß präzisionsgelenkte Systeme "früher oder später die meisten, wenn nicht alle Abwehrmaßnahmen überwinden und das Gefechtsfeld der Zukunft beherrschen werden". In einer "so schwer bewaffneten Region wie Mitteleuropa" werde dann "die Seite am verwundbarsten sein, die zuerst angreift und damit ihre Position verrät".
Mit anderen Worten: Der Verteidiger wäre überlegen, militärisch bestünde ein Patt.
Und ein Patt, das zeigten die Bemühungen der Supermächte um die Begrenzung der strategischen Waffen, scheint die Mindestvoraussetzung für Rüstungskontrolle zu sein: Je ausgeprägter die konventionelle Defensivkraft der Nato, desto weniger Sinn würde eine geballte Offensivkraft des Warschauer Pakts ergeben - langfristig also auch ein neuer Ansatz für die seit Jahren stagnierenden Verhandlungen über ausgewogene Truppenreduzierung in Europa.
Überdies wären die künftigen "denkenden" Abwehrwaffen preiswerter als immer neue Leo- oder Tornado-Entwicklungen, billiger schon wegen der geringeren Unterhaltungskosten. Faustregel für herkömmliches Großgerät: Ein Leo 2, der fast vier Millionen Mark kostet, verlangt im Laufe seiner etwa 20jährigen Friedens-Nutzungszeit noch einmal das Doppelte an Unterhalt.
Wenn aber die Militärs von ihrem gewohnten Spielzeug nicht lassen können, sind die Politiker gefordert. Wollte Hans Apel wirklich Änderungen durchsetzen, könnte er sich auf einen über 100 Jahre alten Rat des britischen Staatssekretärs und späteren Premierministers Lord Salisbury an den Generalgouverneur von Indien, Earl of Lytton, berufen, den Generalinspekteur Jürgen Brandt gern zitiert: "Sie hören zu sehr auf die Soldaten ... Sie sollten nie Experten trauen. Glaubt man den Ärzten, ist nichts gesund; glaubt man den Theologen, ist nichts unschuldig; glaubt man den Soldaten, ist nichts sicher."
S.86 Phantoms der Luftwaffe. * S.92 Bei Landsberg/Lech. * S.97 In Ansbach. * S.102 Rekrutengelöbnis auf dem Münchner Königsplatz am 6. November 1980. *

DER SPIEGEL 21/1982
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