24.05.1982

VERBRECHENBesser Pastor

Ist die Polizei schuld daran, daß die entführte Schülerin Nina von Gallwitz 149 Tage lang gefangengehalten wurde?
Im Nachtzug D 209 von Dortmund nach Basel vertrieb sich der Journalist Franz Tartarotti, 40, die Zeit scheinbar mit Kindereien. Immer wenn der Schaffner in den leeren Abteilen des letzten Waggons das Licht ausknipste, schaltete Tartarotti das Licht wieder an.
Er half auf diese Weise womöglich, das Leben eines Kindes zu retten: Die Entführer der achtjährigen Kölner Schülerin Nina von Gallwitz, die vermutlich an mehreren Stationen entlang der Strecke postiert waren, hatten ausdrücklich gefordert, die Abteile von draußen einsehen zu können - sie wollten sich vergewissern, daß der Lösegeld-Überbringer Tartarotti allein im Wagen saß.
Kurz vor dem rheinischen Andernach, am Mittwoch vorletzter Woche um 0.38 Uhr, empfing Tartarotti über Funk den vereinbarten Befehl, sich bereitzuhalten: mehrere hohe Pieptöne. Tartarotti riß das Gangfenster runter, hielt eine aus Markisenstoff selbstgenähte Tasche mit 1,5 Millionen Mark aus dem Zug, dann hörte er über Kopfhörer das Abwurfsignal: einen langen tiefen Ton.
Mit voller Kraft schleuderte er die Tasche gegen eine Böschungsmauer - Sekunden später vernahm er ein weiteres Piepsignal: "Tasche und Abwurfstelle gesehen." Vier Nächte später war die kleine Nina frei.
Der Entführungsfall hätte sich in Italien zutragen können, wo mafiaähnliche Kriminellen-Syndikate wie die "Anonima Sequestri" eine florierende Entführungsindustrie aufgebaut haben - in der Bundesrepublik ist er ohne Parallele.
Nie zuvor war in Westdeutschland eine Geisel so lange, 149 Tage, gefangengehalten worden wie Nina von Gallwitz, die am Morgen des 18. Dezember 1981 auf dem Schulweg in Köln-Hahnwald in einen Wagen gezerrt und entführt worden war. Beispiellos ist auch die Zermürbungstaktik, mit der die Menschenräuber die Familie des Bankprokuristen Hubertus von Gallwitz, die Helfer und die Fahnder traktierten. Während des fünfmonatigen Nervenkrieges verdoppelte sich die Lösegeld-Forderung nahezu, für Kommentatoren Anlaß zu der Annahme, daß "die Kindesentführer - erstmals in Deutschland - keine Laien sind".
Nie zuvor auch sahen sich westdeutsche Fahnder von den Angehörigen der Entführten so lange ins Abseits gestellt: Gallwitz, der sich "falsch beraten" fühlte, hatte sich "völlig von der Polizei abgeseilt" und auf zwei private Helfer gesetzt: den aus Südtirol stammenden Journalisten Tartarotti als Mittelsmann und den einstigen BKA-Kriminaldirektor Hans Fernstädt, 42, derzeit Sicherheitschef des Elektrokonzerns BBC, als kriminalistischen Experten.
Das ungleiche Paar - Tartarotti ein Draufgänger, der sich als Kriegsberichterstatter auch schon in Vietnam und Afghanistan herumgetrieben hat, Fernstädt ein "rationaler, analytischer Kopf" (Tartarotti) - war von der Familie eingeschaltet worden, nachdem sie monatelang vergebens versucht hatte, die Lösegeld-Übergabe zu bewerkstelligen.
Für die Kette von Pannen, die sich in jener Zeit ereignete, trägt nach Ansicht Tartarottis wie auch der Gallwitz-Familie die Polizei die Hauptverantwortung (siehe SPIEGEL-Gespräch). Die Kölner Fahnder, die eine 65 Mann starke Sonderkommission gebildet hatten, waren in zwei Lager gespalten. Uneins waren die Beamten, die sich offiziell heraushielten, auf welche Weise unterderhand observiert werden sollte: Der Leiter der Sonderkommission, Herbert Mertens, plädierte für äußerste Zurückhaltung, Kripochef Manfred Gundlach hingegen spottete über den behutsamen Kollegen: "Der wäre besser Pastor geworden."
Die zunächst genannten Übergabetermine platzten, weil sich die Fahnder sichtlich nicht an die Entführer-Bedingung gehalten hatten: "Keine Polizei." Am 24. Dezember etwa stieg von Gallwitz mit 800 000 Mark Lösegeld und in Begleitung von mehr als hundert Beamten in den D 720.
Am 30. Dezember sollte der Abwurf des Geldes von einem "privat gechartert klein 2-Mann-Hubschrauber" erfolgen (Erpresser-Brief). In die Luft stieg jedoch ein mit Spezialgeräten bestückter Vier-Mann-Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes. Bei der dritten geplanten Übergabe, am 5. Februar, sollte zwar ein kleiner Hughes-Hubschrauber in die Luft gehen, aber der mußte erst warten, bis von der Polizei angeforderte "Phantom"-Flugzeuge gestartet waren, die Wärmebilder machen sollten, und bis auf der Autobahn polizeiliche Funkverstärkung stationiert war. Der Helikopter kam mit 55 Minuten Verspätung, die Kidnapper schrieben: "Wir haben kein Vertrauen mehr."
Mit Zeitungsanzeigen "an die Entführer von Nina" versuchte sodann Tartarotti das Vertrauen der Kidnapper zu gewinnen: Ihm sei "klar geworden, daß Sie am Mißlingen der Auslösungsversuche die Schuld nicht tragen". Kölns Kripochef Gundlach reagierte verstimmt: "Ich lasse mich nicht mit Dreck bewerfen." Über die Familie von Gallwitz zürnte der Beamte: "Es gibt Leute, denen kann man nicht raten."
Tartarotti, der im Herbst 1980 an der Polizei vorbei die Freilassung der in Italien entführten Kinder und eines Neffen seines Kollegen Dieter Kronzucker bewerkstelligt hatte, wurde zunächst beschattet und bis zum Ende der Entführung abgehört.
Ein Spitzenmann des Bundeskriminalamtes setzte zudem den Journalisten unter Druck. "Ein Abteilungspräsident des BKA, der mit mir", so Tartarotti, "im Kronzucker-Fall zusammengearbeitet hat", habe ihm gesagt: "Laß die Finger raus, das ist eine Nummer zu groß für dich." Weil Tartarotti angeblich über Details der Kronzucker-Entführung geplaudert habe, drohte ihm der Kriminalist: "Das kann dich jederzeit zwei Jahre Gefängnis kosten."
S.108 Am 16. Mai; mit ihrer Mutter. *

DER SPIEGEL 21/1982
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