24.05.1982

ARGENTINIENInnere Front

Der Hurra-Patriotismus richtet sich zunehmend auch gegen die USA. Und für die zivilen Politiker ist er Tarnung ihrer innenpolitischen Manöver.
Die wilden Gurkhas aus Nepal", drohte der Oberstleutnant, "werden gegen unsere blutrünstigen Messerstecher von Corrientes antreten müssen, die sie mit ihren fürchterlichen Klingen von einem halben Meter Länge erwarten." Auch seine Soldaten, versprach der Offizier, seien Experten im Kampf mit "heißem Blut".
Auch der als gemäßigt geltende Oberbefehlshaber der Luftwaffe Basilio Lami Dozo, der politisch zu den oppositionellen Christdemokraten tendiert, versprach der englischen Flotte einen baldigen "massiven Angriff".
"Die Tatsache, daß wir vorübergehend unsere Freiheit verloren haben", erklärten die Insassen des Gefängnisses von Caseros, "schließt uns nicht von dem Recht aus, unser Land zu verteidigen."
Und die Tageszeitung "Clarin" prophezeite düster: "Es wird keine friedliche Lösung geben im Südatlantik ohne ein vorhergehendes Blutbad."
Trotz solcher Droh- und Krafttöne ist die anfangs einhellige Kriegsbegeisterung in Argentinien jedoch inzwischen verblaßt. Bedrückende, längerfristige Konflikte zeichnen sich ab, neue Fronten werden gebildet. Kalkül tritt zumindest bei den Politikern an die Stelle des Hurra-Patriotismus.
Neben dem immer noch als Aggressor gebrandmarkten Feind Großbritannien pflegen die Argentinier zunehmend ein neues Feindbild: Die Engländer sind zwar "Piraten", doch die US-Amerikaner sind noch viel Schlimmeres, nämlich "Hurensöhne" und "Verräter".
So schickte etwa Fregattenkapitän Amaro Victor Nelson Diez eine Urkunde an die Washingtoner Botschaft in Buenos Aires zurück, die er für seine Beteiligung an der Kuba-Blockade 1962 von den USA erhalten hatte: "Sie kommt aus den USA", meinte er, "und verletzt meine Würde."
Ebenso sandte Luftwaffenoffizier Demostenes Jorge Ramos seinen in den USA erworbenen Pilotenschein zurück, "wegen der fast bedingungslosen Unterstützung, die der grausame und unmenschliche Feind von der Regierung Ihres einst so bewundernswerten Landes bekommt".
Vorsorglich sind schon zahlreiche in Argentinien ansässige US-Manager vorübergehend nach Montevideo oder Sao Paulo gezogen. Rotarier und Lions Clubs aus Kleinstädten haben wütend die Beziehungen zu den Mutterorganisationen abgebrochen.
US-Außenminister Alexander Haig wird in Witzen als käuflich dargestellt, seine mühevollen, wenn auch gescheiterten Vermittlungsversuche gelten nun als heimtückisches Manöver.
Besonders übel wurde die Geheimmission von Reagans Sonderbotschafter, dem ehemaligen CIA-Vizechef General Vernon Walters, aufgenommen. "Ich habe keine Ahnung, warum er kam", klagte Außenminister Nicanor Costa Mendez, "da er mit mir nicht gesprochen hat."
Tatsächlich verhandelte Walters während seines 48-stündigen Blitzbesuches ausschließlich mit den Militärs. "Clarin" und "La Prensa" beschuldigten den einstigen Spionenchef, er sei nur gekommen, um im Komplott mit der US-Botschaft die Junta zu destabilisieren. Deshalb habe der innenpolitische Referent der Botschaft auch Gespräche mit Gewerkschaftern, Oppositionspolitikern und Mitarbeitern des von General Leopoldo Galtieri im vergangenen Dezember gestürzten Ex-Präsidenten General Roberto Viola geführt.
Die Botschaft bestätigte zwar Kontakte zu Violas ehemaligem Außenminister Oscar Camilion, beschuldigte aber "ausländische Kreise, die Differenzen zwischen Argentinien und den USA vertiefen" zu wollen.
"Gewiß versuchen die USA, die Regierung zu destabilisieren", so Enrique Gilardi Novaro, enger Mitarbeiter des Admirals a. D. Massera, zum SPIEGEL. "US-Botschafter Shlandeman versuchte, den Präsidenten Galtieri zu ersetzen. Sein Mann war Oscar Camilion."
Tatsächlich ist die Position Galtieris keineswegs unantastbar. In Argentinien, einer der brutalsten Diktaturen des Kontinents, verteilt sich die Macht auf über hundert Generale und Admirale, die Mitspracherecht in Anspruch nehmen.
Ohne die Unterstützung der Befehlshaber der fünf Heeresgruppen kann kein Juntachef weiterregieren. Gerade Galtieri weiß das, denn er übernahm die Macht von seinem Vorgänger General Viola durch eine Palastrevolte.
Wäre Galtieri in der Malvinenfrage etwa zu weich, könnten ihm Waffenbrüder zu seiner Rechten die Macht streitig machen. Die politischen Spannungen innerhalb des Regimes werden von den lokalen Zeitungen schon offen "innere Front" genannt, Fragen der "Nachkriegszeit" eingehend diskutiert. Innerhalb der Streitkräfte wurden zwei Kommissionen gebildet, politisch die eine, wirtschaftlich die andere, die über die Zukunft des Regimes beraten sollen.
Die noch vor kurzem so verpönten zivilen Politiker werden wieder ernster genommen, obwohl für viele von ihnen der Schlachtruf "Malvinas argentinas" nur die Fahne ist, unter der sie ihren Kampf für die Demokratisierung des Landes führen. Galtieri selber schrieb an seinen venezolanischen Amtskollegen Herrera Campins, er werde nach Beilegung des Konflikts "die Demokratie in Argentinien säen".
"Das wichtigste ist", meinte nun auch der zuvor als Falke aufgetretene Innenminister General Alfredo Saint-Jean, "daß wir eine vom Volk gewählte Regierung bilden können" - doch dazu besteht S.135 wenig Aussicht, solange der Krieg dauert.
Die zivilen Politiker wollen sich mit einer nur scheinbaren Öffnung nicht begnügen. "Die Malvinen dürfen kein Vorwand sein", forderte der Peronist Deolindo Bittel, "damit sich diese Regierung an der Macht verewigt." "Wir sind für die nationale Souveränität über die Malvinen", so auch Gewerkschaftsboß Saul Ubaldini, "aber auch für volle Souveränität durch Demokratie. Wir sind in keiner Weise für diese Regierung."
So suchen die in unzählige Parteien und Flügel zersplitterten Oppositionspolitiker nun verzweifelt nach einer Übergangslösung. Konkretere Vorschläge als eine Einheitsregierung der "nationalen Rettung" konnten sie bislang aber noch nicht vorweisen.
Einige hoffen fatalistisch, daß die Demokratie von selbst kommen werde: "Argentiniens Geschichte verläuft in Zyklen", schrieb der Kolumnist Iglesias Rouco. "Einmal regieren die Politiker, einmal die Militärs."

DER SPIEGEL 21/1982
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