24.05.1982

AUTOMOBILEKurzes Gedächtnis

Der Rabbit ist in Gefahr - die amerikanische Version des VW Golf läßt sich nur noch schwer verkaufen.
Das waren noch Zeiten, während der Ölkrise von 1979: Wochenlang war in den Vereinigten Staaten der Kraftstoff rationiert, an den Tankstellen stauten sich lange Wagenreihen - und die Amerikaner zahlten bis zu 1000 Dollar Aufpreis für einen sparsamen Diesel-Rabbit, die amerikanische Version des VW Golf.
Doch drei Jahre danach, klagt ein Sprecher der VW of America, beweisen Amerikas Autofahrer, "wie kurz ihr Gedächtnis ist". Der Benzinpreis pro Gallone (3,785 Liter) ist an die Ein-Dollar-Grenze (umgerechnet etwa 2,30 Mark) gerutscht und nicht auf zwei Dollar geklettert, wie Pessimisten seinerzeit geargwöhnt hatten. Nun spreche niemand mehr "von Energiekrise und schon gar nicht von Sparautos".
Die Verkaufsstrategen der großen amerikanischen Automobil-Konzerne setzen offenbar wieder auf Vertrautes - auf die Benzinschlucker früherer Jahre. Und die Autokäufer scheinen ihnen recht zu geben.
Kleine und sparsame Autos verkaufen sich schlechter. Volkswagen of America trifft der Trend besonders hart, die amerikanische Tochter des Wolfsburger Konzerns steckt in der schwersten Absatzkrise seit Jahren.
Wie weit der wichtigste VW-Auslandsmarkt in nur wenigen Monaten heruntergekommen ist, davon konnte sich der neue VW-Chef Carl Hahn bei seinem Antrittsbesuch im März selbst überzeugen. Der Absatzschwund in den USA, stellte Hahn vor Ort fest, hat allerdings nicht nur mit der Renaissance der Straßenkreuzer zu tun; er ist zu einem gut Teil hausgemacht: falsche Modellpolitik und gravierende Produktionsmängel trieben den amerikanischen VW-Ableger noch tiefer als andere in die Krise.
Nach seiner Rückkehr beschloß Hahn ein sofortiges Notprogramm. Der wegen seiner zahlreichen Mängel als Pannenauto verschriene Rabbit soll so schnell wie möglich auf deutschen Qualitätsstandard getrimmt werden.
James ("Big Jim") McLernon, VW-Statthalter in den Vereinigten Staaten, erhielt von Hahn eine Gnadenfrist. Sollte ihm in den nächsten Monaten nicht gelingen, die Managementfehler auszumerzen, muß er mit seiner Ablösung rechnen.
McLernon hat nach Meinung der Wolfsburger Manager die Kundenwünsche falsch eingeschätzt. Auf seine Anordnung hin wurde der sportliche Kompaktwagen aus Wolfsburg so umgebaut, daß er in Ausstattung und Fahrverhalten eher einem amerikanischen Straßenkreuzer gleicht.
Statt für Plüsch und Chrom beim Rabbit, der auch das schwammige Fahrverhalten amerikanischer Limousinen mit übernommen hat, entscheiden sich immer mehr Käufer in den USA derzeit für den aus Wolfsburg importierten Jetta. Von der Golf-Version mit Stufenheck wurden drüben im ersten Quartal über zwanzig Prozent mehr verkauft.
Der amerikanische VW-Sprecher Thomas McDonald preist den Rabbit zwar immer noch als das "beste Auto, das in Amerika zur Zeit verkauft wird". Doch die Kritiker in Wolfsburg halten der McLernon-Crew eine lange Mängelliste vor.
Seit Produktionsbeginn im Jahre 1978 hapert's am Rabbit. Und erst kürzlich fiel VW wieder durch zwei Rückruf-Aktionen auf: Das Unternehmen bot 1,2 Millionen Besitzern von Rabbit-, Scirocco- und Audi-Modellen kostenlose Reparaturen an.
Eine Serie von Rabbits blieb wegen undichter Ventile auf den Highways stehen, bei einer zweiten versagte, sobald es kalt wurde, die Einspritzdüse. Sollten alle Betroffenen ihre Autos in die Werkstatt bringen, könnten sich die Gesamtkosten des Rückrufs auf rund 41 Millionen Dollar belaufen.
Hinzu kommt eine Image-schädliche Zollaffäre: Für zu wenig entrichtete Zölle in den Jahren 1971 bis 1975 soll Volkswagen bis Ende 1985 insgesamt 25 Millionen Dollar zahlen.
Die Aussichten für das laufende Geschäftsjahr werden dadurch zusätzlich getrübt. Schon 1980 hatte die amerikanische VW-Tochter einen Verlust von über 30 Millionen Dollar gemacht.
Damit die Minuszahlen nicht noch weiter anschwellen, mußte McLernon vorübergehend die Fließbänder abstellen. Fünfmal legte das Werk Feierschichten ein. Mehr als 1000 VW-Werker wurden entlassen.
Im ersten Quartal 1982 sackte der Verkauf im Vergleich zum Vorjahr um rund 50 Prozent ab, nur gut 22 000 Rabbits wurden in diesem Zeitraum abgesetzt. Am 1. April standen auf den Lagerplätzen des Werkes rund 12 000 Wagen und bei den Händlern 23 000 unverkaufte Rabbits herum.
Statt für angestrebte 60, reichte der Auto-Bestand für 105 Verkaufstage. Die Rabbit-Nachfrage ist derzeit so flau, daß die Fabrik, in der die Tagesproduktion von mehr als 1000 auf 724 Wagen gedrosselt wurde, eine um die andere Woche S.168 schließen könnte. Der VW-Marktanteil in den USA ist inzwischen auf 1,9 Prozent abgefallen, weit entfernt von der fünfprozentigen Traummarke, die VW mit seinen importierten Wagen Anfang der siebziger Jahre auf dem US-Markt erreicht hatte. VW-Chef James McLernon hatte noch bei der Eröffnung des amerikanischen VW-Zweigwerks gehofft, diese fünf Prozent wieder zu erreichen.
Mit drastischen Preisnachlässen will VW nun wieder Boden gutmachen. Ohnehin sind die Rabbits mit Preisen zwischen 6000 und 8000 Dollar im Vergleich zu den US-Karossen und den Japanern um rund zehn Prozent teurer.
Der Rabbit LS wurde um rund 275 Dollar billiger und die L-Version sogar um 625 Dollar. Außerdem gewährt VW seinen Mitarbeitern Firmenrabatte beim Rabbit-Erwerb, um sie von amerikanischen und japanischen Modellen wegzulocken. Der Hersteller nimmt seinen 1006 Händlern auch einen Teil der drückenden Zinslast für die Finanzierung der Lagerbestände ab. Für seine Verkäufer schrieb VW Wettbewerbe aus. Wer gut verkauft, kann Reisen nach Hawaii und in die Karibik gewinnen.
Parallel dazu ist, so McDonald, eine "aggressive Anzeigenkampagne" ("Nothing else is a Volkswagen" - Es gibt nur einen Volkswagen) angelaufen, in der das Unternehmen vor allem auf die technische Überlegenheit des Rabbit gegenüber der billigeren Konkurrenz hinweisen will.
Doch ob diese Botschaft ankommt, steht vorerst dahin. Die Amerikaner, meint ein US-Automanager, legen keinen großen Wert auf hochwertige Technik, ihnen reiche es, wenn ihr Auto keine Probleme mache: "Einsteigen, anlassen, abfahren."

DER SPIEGEL 21/1982
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