24.05.1982

SPANIENPistole im Genick

Mit Bomben legte die baskische Separatistenbewegung Eta das Atomkraftwerk von Lemoniz lahm.
Starke Scheinwerfer suchen die Atlantikbucht Basorda vor der Baskenstadt Bilbao liegt. Auf den Felsen ringsum halten sich Scharfschützen versteckt. Hinter Mauern und dreifachem Stacheldrahtverhau patrouillieren 70 Mann mit abgerichteten Hunden:
Spaniens größte Baustelle, das Atomkraftwerk Lemoniz in der Nähe von Bilbao, ist das am schärfsten bewachte Stück Erde im Land. Doch die Baustelle liegt halb verlassen da, die Arbeiten sind eingestellt. Die 200 Techniker und Ingenieure weigern sich weiterzuarbeiten, seit vor drei Wochen der Technische Direktor Angel Pascual im Kugelhagel von Eta-Attentätern starb.
Vor 20 Jahren geplant, seit zehn Jahren im Bau, ist das fast fertige Werk mit zwei Reaktoren von je 930 Megawatt wohl dazu bestimmt, niemals Atomstrom zu liefern. Keines der rund 200 im Bau befindlichen Kernkraftwerke der Welt sieht sich solch einer Opposition gegenüber wie Lemoniz: Seit Jahren liefert die baskische Separatistenbewegung Eta dem Elektrokonzern Iberduero, dem Besitzer von Lemoniz und zweitgrößten Unternehmen in Spanien, einen blutigen Kampf, der den Konzern täglich über 120 Millionen Peseten (2,7 Millionen Mark) kostet und bei dem außer Angel Pascual schon zehn weitere Menschen ums Leben kamen.
Von Anfang an war das Atomkraftwerk von Lemoniz ein Skandal, wie er wohl nur in der Franco-Diktatur entstehen konnte: Selbstherrlich und ohne daß irgendeine Erlaubnis eingeholt, selbst ohne daß Sicherheitsmaßnahmen geprüft worden wären, hatte der Konzern Anfang der siebziger Jahre zu bauen begonnen - nur knapp 20 Kilometer von der Großstadt Bilbao mit über einer Million Einwohnern entfernt.
Schon unter Franco regte sich heftiger Widerstand gegen eine baskische Atomküste. Nach dem Tod des Generalissimus schwoll der allgemeine Groll zu einer gewaltigen Bürgerbewegung an.
Die Separatistenbewegung Eta (militar), die mit zunehmender Demokratisierung des Baskenlandes an Einfluß auf die Bevölkerung verlor, erkannte die Chance und schloß sich den Umweltschützern an, obwohl sie zuvor noch S.176 Atomstrom als "revolutionäre Energie" gepriesen hatte: Atomstrom könne das Baskenland von Spanien energieunabhängig machen.
Die Kampfform der Eta wurde schnell brutal: Sie setzte Mord und Bomben gegen den Atomstrom ein. Der Präsident der Provinzverwaltung von Biscaya, Guillermo Unceta-Barrenechea, der dem Konzern nachträglich die Baugenehmigung erteilt hatte, starb als erster unter den Kugeln der Eta.
Im Juni 1977 explodierten die ersten Bomben auf dem Baugelände. Dann wurde ein Eta-Aktivist erschossen, als er versuchte, die Stahl- und Betonkuppel mit Plastiksprengstoff in die Luft zu jagen. Der Tote war einer der tüchtigsten Vorarbeiter einer Maurerkolonne im Atomkraftwerk.
Nach einer gewaltsamen Besetzung der Kernkraftanlage stürmte die Polizei das Gelände und vertrieb die Arbeiter mit Gewalt.
Sabotageakte waren nicht selten. "Der Feind ist mitten unter uns", begriff die Bauleitung viel zu spät: Eine Bombe explodierte an der verwundbarsten Stelle des Atommeilers, im gerade fertiggestellten Reaktordruckbehälter. Drei Arbeiter kamen bei den Anschlägen ums Leben.
Je mehr die Eta schoß und bombte, desto schneller verlor die "Atomkraftnein-danke"-Bewegung an Popularität. Als dann aber bei einer Anti-Lemoniz-Demonstration in Tudela die Polizei eine junge Demonstrantin erschoß, stieg die Sympathie für den Kampf gegen Lemoniz erneut.
Die Eta hatte sich inzwischen auch eine neue Taktik ausgedacht, um den Elektrizitätskonzern in die Knie zu zwingen. In einer beispiellosen Bombenaktion wurden die meisten Büros und Niederlassungen von Iberduero im Baskenland zerstört, dann die großen Überland-Hochspannungskabel und Transformatoren in die Luft gejagt.
Fast jeden Tag explodierte irgendwas im Baskenland. Einmal gingen in der Stadt San Sebastian die Lichter aus. Dann taute in den Kühlhallen im Hafen von Bilbao das Gefrierfleisch auf. Die Krankenhäuser mußten sich zusätzlich Notstromaggregate besorgen. Aufzüge will niemand mehr benutzen.
Nur ein milder Winter bewahrte das Baskenland vor einer Katastrophe. Doch allein die Reparaturen nach über 300 Bombenanschlägen kosten das Unternehmen Iberduero bereits jetzt über drei Milliarden Peseten (67,5 Millionen Mark), eine Summe, die dank hoher Gewinne des Elektrogiganten jedoch "leicht zu verschmerzen ist", so Vizedirektor Eduardo Inseunza.
Im Januar 1981 wurde der Chefingenieur Jose Maria Ryan entführt und erschossen, nachdem sich Iberduero geweigert hatte, Lemoniz zu sprengen. Doch der Tod seines Nachfolgers Pascual scheint das Unternehmen nun doch in die Knie zu zwingen. Die Firma sieht sich nicht mehr in der Lage, das Atomkraftwerk fertigzustellen, weil die eigene Belegschaft nicht mehr mitmacht.
Systematisch nämlich hat die Eta den Ingenieuren und Technikern in drei an jeden einzelnen gerichteten Briefen mitgeteilt, daß sie ihr Leben aufs Spiel setzten, wenn sie am Atomwerk weiterarbeiteten: "Wir haben nichts gegen Ihre Person, aber ...". "Das ist die Hölle hier, wir arbeiten ständig mit einer Pistole im Genick", rechtfertigt einer der Ingenieure die Entscheidung, nicht mehr zur Arbeit zu gehen.
Nach mehreren Warnungen von Iberduero, die Baustelle endgültig zu schließen, wurden Mitte Mai alle noch ausstehenden Lieferaufträge für das Atomkraftwerk storniert. Das Privatunternehmen ist nun offensichtlich sogar bereit, das Atomkraftwerk, in das es 200 Milliarden Peseten (4,5 Milliarden Mark) investiert hat, verstaatlichen zu lassen.
Das Industrieministerium in Madrid hat Emissäre ausgeschickt, die im Ausland nach mutigen Ingenieuren suchen sollen. Sie müßten bereit sein, das Atomkraftwerk "unter den widrigsten Umständen in Gang zu setzen".
S.176 Text: Stoppt Lemoniz jetzt (o).; Es war einmal der Mensch. *

DER SPIEGEL 21/1982
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