24.05.1982

DOPINGRote Karten

Nun soll auch den Fußballern das Doping vermiest werden. Bei der Weltmeisterschaft in Spanien sind scharfe Kontrollen angesagt. Oberster Fahnder ist ein deutscher Professor.
Jeweils 15 Minuten vor Ende des Spiels, der Ball rollt noch, bringen hinter Glas ein Kommissar und ein Arzt gemeinsam die zweite Lotterie in Schwung: Sie losen die Nummern der Spieler, die anschließend zur Doping-Kontrolle müssen.
Ohne rote Karten geht das nicht ab. Der Arzt überreicht sie "unmittelbar nach dem Spiel", und nun hat der Kandidat nur noch 30 Minuten Zeit, seine Unschuld zu beweisen. Dann muß er sich im Doping-Kontrollraum des Stadions eingefunden haben.
Penibel im Detail hat die "Federation Internationale de Football Association" (Fifa) festgelegt, welche Freiheiten dem Balltreter noch bleiben: "Aus einer größeren Anzahl fabrikneuen Materials wählt der Spieler einen Wegwerfbecher", dann muß er müssen: "Er uriniert unter genauer Aufsicht des Doping-Arztes in den Becher", und zwar "mindestens 75 Milliliter".
Ist das schwere Werk vollbracht, darf der Spieler zusehen, wie die Offiziellen mit "Kappe und Zange" den in zwei Glasflaschen abgefüllten Harn versiegeln, mit einem Schreibdiamanten eine "Code-Nummer" eingravieren, schließlich auch noch den Transportkarton verplomben und gegen Quittung einem Doping-Kurier übergeben.
"Das muß so sein", sagt der Kölner Biochemie-Professor Manfred Donike, 49, der als weltbester Doping-Fahnder gilt, "weil jede chemische Harnanalyse natürlich nur so gut ist wie die Probenahme." Dabei sind blauäugigen Kontrolleuren von den Dopingsündern und ihren Betreuern schon jede Menge fremder, "sauberer" Urin angedreht worden - auch solcher von der schwangeren Freundin, die dadurch vom kommenden Mutterglück erfuhr.
"Im professionellen Bereich sind alle Spieler erst mal gleich verdächtig", erläutert Donike, von der Fifa als Fachberater verpflichtet, "Fußballer natürlich auch." Der deutsche Fußballchef sieht das zwar anders - "Doping spielt im Fußball keine Rolle" -, hat den für Spanien geplanten strengen Kontrollen jedoch zugestimmt. Auch ihm wird nicht entgangen sein, daß manche Spieler nach allem treten, was ein bißchen rund aussieht und sich bewegt.
Hinter dieser Aggressivität, gewöhnlich als "unbändiger Siegeswille" gedeutet, mag sich häufig ein Schuß Amphetamin verbergen - die klassische Dopingdroge. Bei der WM 1974 in der Bundesrepublik ertappten die Dopingfahnder einen Spieler aus Haiti, 1978 in Argentinien einen Schotten. Amphetamin regt Herz und Kreislauf an, treibt den Blutdruck nach oben, verscheucht die Müdigkeit, nimmt die Angst und stimuliert zu aggressiver Euphorie.
Amphetamin schluckten im Krieg die Bomberpiloten, es half als "Dynamit" Radrennfahrern in den Sattel und wird derzeit als "Speed" in der Rauschgiftszene gehandelt. Mindestens 100 Sportler starben in den letzten 30 Jahren durch Doping.
"Es war das schlimmste Gift", urteilt Donike, der sich einiges darauf zugute halten kann, daß seit 1970 der tödlich gefährliche Schnellmacher in vielen Sportarten nicht mehr geschluckt und gespritzt wird. "Amphetamin haben wir erfolgreich zurückgedrängt, jedenfalls dort, wo regelmäßig Doping-Kontrollen stattfinden."
Denn das Schleppnetz der Dopingfahnder wird immer feinmaschiger. Dank modernster Analysemethoden und -geräte gelingt derzeit bei vielen Substanzen der Nachweis der verbotenen Droge oder ihrer Abbauprodukte im Urin auch dann noch, wenn nur ein Milliardstel Gramm ("Nanogramm") vorhanden ist. Die "Nachweisgrenze" hat Donike, der an der Sporthochschule Köln das Institut für Biochemie leitet, bei einigen Drogen inzwischen sogar in den "Pikogramm"-Bereich vorgeschoben - Pikogramm ist der tausendste Teil eines Milliardstel Gramms.
Solche Kriminalistik wird durch die "Chromatographie" möglich, eine analytische Methode zur Trennung von Stoffen, die auf üblichem chemischen Wege nur schwer oder gar nicht auseinanderzuhalten sind. Die Chromatographen hingegen nutzen die unterschiedliche Aufsaugung ("Adsorption"), die jeder Substanz eigen ist, und machen daraus ein Bild.
Auf breitem Papierstreifen wird als Zacken sichtbar, was dem bloßen Auge verborgen bleibt. Diese Nachweisfarben sind inzwischen so perfektioniert, daß Donike und seine Helfer noch Wochen nach der letzten Gabe einer muskelstärkenden "Anabolika"-Pille die Droge zweifelsfrei nachweisen können.
"Wir erfüllen den Anspruch eines wissenschaftlich gesicherten Untersuchungsverfahrens", freut sich der Professor, "dabei war die Doping-Analytik noch vor 15 Jahren das schwächste Glied bei der Bekämpfung von chemischen Spielen."
Daß der lebensgefährliche Weg zur Bestform inzwischen seltener begangen wird, ist auch ein Verdienst der amerikanischen Computerfirma Hewlett-Packard, die sich immer neue und raffiniertere Chromatographen ausdenkt. Allein in Köln stehen Donike Apparate im S.190 Wert von zwei Millionen Mark zu Diensten.
Für die Grundausstattung ihres neuen "Laboratorio de Investigacion Bioquimica y de Control Antidoping", das der Madrider Universität angegliedert ist, mußten die Spanier an Hewlett-Packard 23. Millionen Peseten (517 000 Mark) überweisen - gut angelegtes Geld, wie Donike meint. "Wenn der Urin richtig ankommt, dann wird er auch richtig analysiert." Die 14 Wissenschaftler, die in Antidoping-Klausur gehen, seien inzwischen "sehr gut vorbereitet".
Damit die Kontrollen den Fußballern nicht alle Schlagkraft nehmen, sind Donikes Antidoping-Brigade von der Fifa freilich auch einige Grenzen gesetzt worden.
Nach fünf, derzeit besonders beliebten Stimulantien wird nicht gesucht werden: nach Anabolika, die den Schenkeln Umfang geben und womöglich nicht rechtzeitig abgesetzt wurden; nach dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron, das Kraft vermehrt, jedoch erst ab 1983 offiziell in den Rang eines Dopingmittels erhoben wird; nach Überdosen Coffein und viel Nikotin im Blut, die beide den Herzmuskel anpeitschen, und schließlich nach den beliebten Nebennierenrinden-Präparaten ("Corticoide").
Sie machen munter ("euphorisch") und dazu mobil, weil der Muskelschmerz nachläßt. "Leider, leider", sagt Donike, "haben wir bisher aber kein zuverlässiges Nachweisverfahren entwickeln können." Die körpereigenen und die körperfremden Corticoide sind noch nicht zu trennen. Sein Trost: "Wir finden auch dafür noch was."
Das Anti-Doping liegt dem Professor wirklich am Herzen. Schließlich war er als Radrennfahrer vor gut 20 Jahren selbst Berufssportler, Gewinner eines Sechstagerennens und zweimal bei der "Tour de France" dabei. "Damals haben alle geschluckt, es war schrecklich."
Besonders das Amphetamin hat Donike in übler Erinnerung. "Mein Herz schlug bis zum Hals, und ich konnte überhaupt nicht mehr schlafen." Das hat er dem "Dynamit" nie verziehen.

DER SPIEGEL 21/1982
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