24.05.1982

HANDBALLDurch die Hintertür

Vor sechs Wochen setzte der Deutsche Handball-Bund seinen Nationaltrainer Vlado Stenzel ab. Jetzt siegte Stenzel mit dem Außenseiter MTSV Schwabing.
Die Zuschauer in der Essener Gruga-Halle trauten ihren Augen nicht. "Der kleine Klops da", fragte einer, "ist das nicht der beknackte Vlado?"
Er war es, der Jugoslawe Stenzel, der im letzten März bei der Handball-Weltmeisterschaft nicht nur den Titel einbüßte, sondern sogar mit dem siebten Platz die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1984 verpaßt und den Posten als Bundestrainer verloren hatte. "Ich bleibe in Deutschland, und ich werde hier weitere Erfolge haben", erklärte Stenzel unverdrossen.
Am vorletzten Wochenende glückte ihm ein neuer Auftritt durch die Hintertür. Beim Bundesligaaufsteiger MTSV Schwabing saß Vlado Stenzel in Essen gegen den Bundesligaklub Tusem Essen als Berater auf der Bank. Wie früher die Nationalspieler spornte seine Fistelstimme nun die Schwabinger an: "Geht, Burschen" oder "Dranbleiben, die sind kaputt." MTSV Schwabing siegte überraschend 17:15 und zog in die Vorschlußrunde um den deutschen Handballpokal ein.
Erstmals 1974 hatte Stenzel in Deutschland einen Trainerjob gesucht. Zwei Jahre zuvor war er in München mit Jugoslawiens Nationalmannschaft Olympiasieger geworden. Doch an die deutsche Nationalmannschaft ließen ihn die Handballfunktionäre nicht heran. Im einst von den Deutschen ersonnenen Handballspiel galten einheimische Trainer als überlegen.
Beim Bundesligaklub Phönix Essen, der in Abstiegsgefahr schwebte, führte der Supertrainer für 4000 Mark Monatsgage einen dichten Stundenplan ein; an sieben Tagen in der Woche setzte er Training an. Außerdem verordnete er Kraftübungen mit der Hantel auch daheim vor dem Schlaf und am Morgen.
"Der will nur trainieren und trainieren", murrte Essens Stürmer Ulrich Eickermann. "Der nahm keine Rücksicht S.191 auf unser Berufs- und Privatleben." Schließlich streikten die Spieler. Der Vorstand entließ den Trainer.
Die bundesdeutschen Handball-Bosse erhörten Stenzels Werben nach dem Einbruch bei der WM 1974. Der warf gleich die erfolgreichen und älteren Spieler raus. Vlado Stenzel verlangte "junges Blut". Schon wenige Wochen nach seinem Dienstantritt feierten seine jungen Werfer Siege über Polen und Schweden.
Als sie sich auf das Abschlußbankett freuten, schickte Stenzel die Sieger zum Training. "Ich nicht hier, um beizubringen, wie man Wodka trinkt", begründete er. "Turnier erst beendet, wenn ich es sage."
In vier Jahren trimmte Stenzel seine Spieler so erfolgreich, daß sie 1978 die Weltmeisterschaft gegen die Sowjet-Union erkämpften. Fans stülpten dem Trainer eine Pappkrone aufs Haupt und trugen ihn durch die Halle.
Doch vor dem nächsten WM-Turnier schmiß Stenzel abermals seine ältesten und verdientesten Spieler ohne Vorwarnung aus dem Kader. Diesmal schlug die Umkrempelung fehl. Der Titelverteidiger belegte im eigenen Land nur den siebten Platz.
Nationalspieler Meisinger erklärte: "Solange der Bundestrainer ist, spiele ich nicht mehr für Deutschland." Einige Wochen später löste der Handballbund Stenzel ab. Nun wartet er auf Schnell-Engagements von Klubs für besonders heikle Aufgaben.
In München schaffte zur gleichen Zeit ein Verein den Aufstieg zur Bundesliga, der für Stenzel wie geschaffen zu sein schien. Dort sorgte der Schweizer Multi-Unternehmer Urs Zondler für Geld und Ideen. Vor Heimspielen treten Gogogirls auf und rocken Jazzbands. Nach dem Aufstieg ließ Zondler eine mannsgroße Torte in die Halle fahren, die je zur Hälfte aus Sahne und einem Mädchen bestand.
Zondler über Stenzel: "Der war einfach zu gut für die mittelmäßigen Brüder da oben im Vorstand" des Handballbundes. Beim Pokalspiel in Essen saß Stenzel neben Trainer Peter Feddern ("Endlich habe ich mal einen, der was von der Sache versteht") auf der Bank. Wie aufgezogen redeten sich die Schwabinger Spieler ein: "Wir werden siegen, wir werden siegen."
Ob "Lokomotive Stenzel", wie die Spieler ihn nennen, in der nächsten Runde gegen den Deutschen Meister Großwallstadt wieder mitmacht, ist noch ungewiß. Denn "wenn man eine solche Sache strapaziert, hat sie keinen Erfolg mehr", warnte Schwabings angestammter Trainer Peter Feddern.
Der frühere Stenzel-Schüler Eickermann blieb jedenfalls gegen Schwabing ohne Torerfolg und ärgerte sich: "Wenn es den Teufel gibt, dann ist es der Stenzel."

DER SPIEGEL 21/1982
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