24.05.1982

Filmfestival Cannes: Drehbuch vom CIA

Der amerikanische Film „Missing“, der von den Verwicklungen der USA in den Sturz des chilenischen Präsidenten Allende handelt, hatte in Cannes Europa-Premiere. In den USA löste das Werk des Polit-Thriller-Spezialisten Costa-Gavras Kontroversen aus: Das State Department wehrte sich mit einer langen Erklärung.
Seit einiger Zeit schon ist der Begriff "Drehbuch" den Filmleuten von der Politik weggenommen worden: Es sind jetzt die Sandkastenstrategen in den Hinterzimmern der Macht, die ihre Pläne für eine militärische Intervention, einen Staatsstreich oder den Ernstfall schlechthin gern ein "Szenario" nennen - vielleicht weil der Begriff aus dem Show-Business ihren Machenschaften einen Touch von kunstsicherer Verantwortungslosigkeit gibt, "Szenario" klingt immer nach Kissinger-Kunst.
Die Drehbuchschreiber in Uniform oder Geheimdienstzivil legen großen Wert auf Diskretion, sie mögen es nicht, wenn ein Filmmensch etwas von ihren Szenarien auf die Leinwand zerrt (und dabei natürlich verzerrt). Als der Film "Missing" von Costa-Gavras im März in die amerikanischen Kinos kam, gab das Außenministerium, das sonst selten Filmkritik übt, eine lange Erklärung ab - nicht um Urheberrecht zu reklamieren, sondern um jegliche Urheberschaft zu bestreiten.
Der Film spielt in den ersten Tagen und Wochen nach dem blutigen Pinochet-Putsch im September 1973 in Chile, und er versucht das Verschwinden eines jungen Amerikaners namens Charles Horman aufzuklären, der vermutlich von Militärs verhaftet und in dem zu einem Konzentrationslager umgewandelten Fußballstadion von Santiago erschossen wurde.
Falls das geschah, so meint eine Figur des Films, müsse doch irgendein Repräsentant der Vereinigten Staaten das Todesurteil abgehakt haben - das aber, so das State Department in seiner amtlichen Filmkritik, ist erwiesenermaßen nicht wahr.
Tatsächlich kann sich doch nur ein besonders naiver Amerikaner, also ein in seinem Glauben an die prinzipielle Gutartigkeit und Gerechtigkeit aller amerikanischen Umtriebe geradezu unbelehrbarer, vorstellen, auch in diesen blutigen Tagen in Chile hatten die US-Offiziellen die Dinge jederzeit so voll im Griff gehabt, daß ohne ihr Wissen kein US-Bürger zu Schaden oder gar zu Tode kommen konnte.
Doch ein so naiver, so gutgläubig braver Mann ist (im Film zumindest) der New Yorker Geschäftsmann Horman, der etwa 14 Tage nach dem Verschwinden S.196 seines Sohnes in Santiago eintrifft und von der US-Botschaft Rechenschaft fordert.
Jack Lemmon spielt diesen Horman, und sein vertrautes, hundertfach bewährtes Durchschnittsgesicht wird zum Spiegel aller Emotionen, die die Geschichte aufrührt - er ist die Ideal-Verkörperung des arglosen, leicht unbeholfenen, doch unbeirrbaren Normalamerikaners, der in der Fremde tiefer und tiefer in ein unbegreifbares Schlamassel gerät.
Er beginnt eine Suche auf eigene Faust, und seine Partnerin dabei - seine Schwiegertochter, die Frau des Verschwundenen, die ihn alarmiert hat - ist Sissy Spacek, das liebe liberale Mädchen, wie man es sich wünscht. Während er auf den Irrfahrten durch die Stadt voller Militär, Schießereien und Gewalt mit zunehmend unwirscher Ungeduld abwehrt, was er nicht wahrhaben will, füllen sich ihre hellen Kinderaugen allmählich mit Panik und Entsetzen: So macht die Gefühlsspannung zwischen den beiden ihr zermürbendes Unternehmen zu einem pathetischen Drama des Verlusts.
Sie suchen in Krankenhäusern und Botschaften, wo sich politische Flüchtlinge dicht bei dicht drängen, sie suchen in dem berüchtigten Fußballstadion und in den Kühlkellern, wo die Opfer des Umsturzes unidentifiziert in Haufen übereinander liegen. Sie wollen lange nicht glauben, daß die US-Diplomaten, die ihnen stets mit Chauffeuren und Dolmetschern behilflich sind, sie mit dieser Zuvorkommenheit überwachen, und sie glauben noch, als an Charles'' Tod keine Zweifel mehr bleiben, nicht, daß man das in der Botschaft wohl längst gewußt hat - die Umstände dieses Todes bleiben so oder so ungeklärt.
Costa-Gavras, der in Frankreich lebende Grieche, der seit seinen Filmen "Z" und "Das Geständnis" als Spezialist für emotional aufgeheizte Polit-Thriller gilt, hat in "Missing" einmal mehr genau die richtige Geschichte gefunden, den richtigen Blickwinkel und den richtigen Augenblick, um politische Affekte aufzuwühlen: Sein Drehbuch erörtert oder analysiert keine Zusammenhänge, sondern erzählt eng aus der sozusagen "privaten" Sicht seiner Figuren, was ihnen zustößt.
Das gibt ihm die Freiheit, die quasi kriminalistische Suche nach dem Verschwundenen mit den scharfen Reizmitteln des Kinokrimis zu dramatisieren, es erlaubt ihm aber auch, die "Authentizität" jener Details zu dramatisieren, in denen die Arbeit anderer Drehbuchschreiber, etwa der diskreten Experten vom Geheimdienst CIA, nicht zu übersehen ist.
Der Fall Charles Horman ist historisch. Seinem erhaltenen Tagebuch ist zu entnehmen, daß der junge Weltenbummler und Gelegenheitsjournalist, der aus eher sentimentalen Sympathien S.197 für Salvador Allendes Chile seit mehr als einem Jahr mit seiner Frau und ein paar Freunden in Santiago lebte, in den entscheidenden Putsch-Tagen zufällig bei einem Ausflug ans Meer in ein Hotel geriet, in dem es von frisch eingetroffenen Landsleuten wimmelte, teils in Uniform.
Sie kümmerten sich um ihn, luden ihn zu einer Party ein, sorgten für seinen Rücktransport nach Santiago - möglich, daß ihm manche zu leutselig von ihrer Tätigkeit erzählten, möglich auch, daß anderen die Neugier, die er dafür zeigte, suspekt erschien. Ein Zusammenhang mit Hormans Verhaftung und Verschwinden, am Tag nach seiner Rückkehr nach Santiago, braucht nicht zu bestehen und wird auch von Costa-Gavras nicht konstruiert.
Costa-Gavras sammelt zwar (manchmal mit allzu auftrumpfender Thriller-Bravour) Indizien, die zur Aufklärung eines mysteriösen Todesfalls führen sollen, und seine Hauptfigur ist ein altmodischer Moralist, der altmodisch streng nach Schuld und Verantwortung fragt. Doch das Provozierende dieses Films liegt nicht im verworrenen Einzelfall, dem er nachspürt, sondern in dem betont kühl registrierenden Blick, den er auf die Schauplätze richtet.
Daß die Leichen, die da noch an verschiedenen Straßenecken herumliegen, aus keinem CIA-Drehbuch stammen, sondern freihändige Zutaten des Regisseurs Augusto Pinochet sind, versteht sich, und eben deshalb wirkt die so selbstverständliche, stets frisch rasierte und frisch aufgebügelte Allgegenwart der US-Vertreter an diesem Schauplatz erschreckend.
Erschreckend ist nicht die bekümmerte Routine-Rhetorik des Botschafters, der dem Vater Horman klarmacht, daß amerikanische Ideale und amerikanische Interessen zweierlei sind und zweierlei sein müssen, erschreckend sind vielmehr bestimmte Bilder, die Costa-Gavras unkommentiert gegeneinandersetzt: zum einen ausländische Botschaftsgebäude, in deren Korridoren und Gärten Hunderte von Asylsuchenden dicht zusammengepfercht hocken, zum anderen die blankgebohnerten Flure und makellosen Rasenflächen der amerikanischen Botschaft, in der niemand vor den neuen Machthabern Zuflucht gesucht hat. In der pointierten Leere dieser Bilder zeigt der kühle Kino-Rhetoriker Costa-Gavras, wie "amerikanische Präsenz" in der Dritten Welt aussieht.
"Missing" hat in den USA entschieden heftigere, kontroversere Wirkung gehabt als etwa das Revolutions-Epos "Reds", das ein Stück linker Vergangenheit feiert. "Missing" trifft - mit einer Vehemenz, die auch das Filmfestspielpublikum in Cannes, wo auch die Europa-Premiere stattfand, aus seiner Kunst-Ruhe aufgestört hat - eine Öffentlichkeit, die den Künsten der Drehbuchschreiber im State Department mehr und mehr mißtraut, eine Öffentlichkeit, die sich von den jüngsten Erscheinungsformen der "amerikanischen Präsenz", etwa in El Salvador, alarmiert fühlt.
Für die Experten mag der Pinochet-Putsch das letzte rundum geglückte Lateinamerika-Szenario gewesen sein - das Publikum, das "Missing" übers Kino hinaus als Signal nimmt, wehrt sich immer heftiger dagegen, daß der El-Salvador-Film ebenso glatt läuft.
Urs Jenny
S.197 Bei den Dreharbeiten zu seinem Film. *

DER SPIEGEL 21/1982
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