24.05.1982

Der italienische Traum

„Drei Brüder“. Spielfilm von Francesco Rosi; Italien 1981; 113 Minuten; Farbe.
Ein Bauernhof im südlichsten Italien, mit dickem, fast fensterlosem Gemäuer auf einen kahlen Hügel gesetzt, der weißgekalkte Putz längst verwittert: Das ist der Ort, um den Francesco Rosis jüngster Film kreist, ein karges Bollwerk ersterbender Tradition. Im Haus aufgebahrt liegt eine tote alte Frau, von den Klageweibern des Dorfes mit monotonen Litaneien betrauert.
Rosi, der einst wütende Filme gegen die Unvernunft und Unbeweglichkeit italienischer Zustände gemacht hat, ist mit seinen sechzig Jahren nicht sentimental geworden, aber traurig und leise verzweifelt. Sehnsüchtig erzählen die Bilder seines Films von einem Italien, das arm und dürr und von der Gegenwart vergessen ist. Das Gesicht seiner Trauer ist das Gesicht des 89jährigen Charles Vanel, der Vanel, der den Bauern spielt, der nun mit Hund und Geflügel allein auf dem Hof zurückbleibt: seine wäßrigen Augen, seine lederne Schildkrötenhaut, sein steifer Gang, seine Stummheit sind voll Geschichte.
Ein Gesicht der Hoffnung gibt es auch in diesem Film: das der kleinen Enkelin aus Turin, die zur Beerdigung der Oma hergebracht und für eine Nacht im Ehebett neben dem schlaflosen alten Mann einquartiert worden ist. Nachts weint sie aus Einsamkeit oder Fremdheit, doch in der Morgensonne, als der Sarg der alten Bäuerin von ihren Söhnen aus dem Haus getragen wird, beginnt die Kleine sich hier wohl zu fühlen.
Drei Telegramme mit dem Text "Mama ist tot" hat der Alte in die große Welt hinausgeschickt, nach Rom, Neapel und Turin. So sind seine drei Söhne zum Begräbnis auf den Hof zurückgekommen - und sie schleppen Italiens Gegenwart mit sich in diesem zeitfernen Ort.
In seiner Figuren-Konstellation hat Rosis Film eine naive Künstlichkeit: Die drei Brüder repräsentieren drei Positionen hoffnungsloser Verstrickung in soziale Widersprüche - der älteste hat als Richter in Rom mit Terroristen zu tun (und hat Angst vor ihnen), der zweite plagt sich als Sozialarbeiter in Neapel mit schwererziehbaren Kindern ab, der dritte operiert als ungeduldig militanter Junggewerkschafter in Turin an den Grenzen legaler Gegengewalt -, und die drei Brüder verwickeln sich, kaum haben sie sich in ihrem "Kinderzimmer" von einst wiedergefunden, in politische Palaver ohne Ausweg und ohne Ende. Die Trauer um Mama macht jeder stumm für sich schluchzend in einer Ecke ab.
Schließlich löst der Film diese zerredete Nacht in Träume auf: Der Sozialarbeiter erlebt sich in einer bunten Operettenszenerie als Messias aller verlorenen Kinder, der Gewerkschafter, der seine kleine Tochter aus Turin mitgebracht hat, repariert im Traum wenigstens seine kaputte Ehe, und der Richter erträumt seine blutige Exekution als "Volksfeind" durch Terroristen. Arg literarische Träume - wenn Rosi dagegen zeigt, wie sich das kleine Mädchen in der Scheune vergnügt, in einem Berg von goldenem Korn wälzt, erzählt er viel mehr.
Ein seltsamer Film: Italiens Großstadtgegenwart, von der er so pflichtbesessen und beharrlich redet, wird immer flüchtiger, unwirklicher vor den schweren, archaischen Bildern eines Bauernhofs, der einfach dasteht und schweigt.
Urs Jenny

DER SPIEGEL 21/1982
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