24.05.1982

Werner Herzog über Peter Schneider: „Der Mauerspringer“

Absurde Anfälle der Ordnung Peter Schneider, 40, wurde 1973 mit der Erzählung „Lenz“ bekannt. - Der Filmregisseur Werner Herzog, 39, hat unter anderem „Aguirre, der Zorn Gottes“ und zuletzt „Fitzcarraldo“ gedreht.
Was würde geschehen, wenn Italien geteilt wäre und eine Mauer mitten durch Rom gebaut würde? Vermutlich würden die Leute sie einfach wegklauen, Stein um Stein, um sie zum Häuserbauen oder für Pizza-Öfen zu verwenden. Die in Berlin steht noch, Betonklotz um Betonklotz, und Peter Schneider hat sie beschrieben, von beiden Seiten her, und auch die in unseren Köpfen.
Es ist die endgültige Beschreibung dieses Bauwerks; darüber hinaus ist keine Beschreibung mehr nötig und, fast möchte man meinen, ist es die Mauer durch diese Beschreibung selbst nicht mehr.
Man sollte das ein wenig so sehen, wie etwa eine steinzeitliche Höhle in den Pyrenäen, die geöffnet wird und man entdeckt Malereien an Wänden und Decke. Aber durch die Tatsache, daß die Farben der von den Touristen mitgebrachten Luft ausgesetzt sind, beginnen sie mit der Zeit zu verblassen, in einer Reihe von Jahren wird alles verschwunden sein.
Man beauftragt einen Photographen, einen Bildband anzufertigen, man leuchtet für ihn Winkel aus, die für einen normalen Höhlenbesucher im Dunkel lägen, und ermöglicht es ihm, mit Hilfe von Gerüsten an Stellen der Decke zu gelangen, an die das Auge sonst nicht gelangen würde. Der Bildband wird so, daß die Höhle nicht mehr notwendig ist, die Farben und Bilder dürfen getrost verblassen, denn sie sind gerettet.
Wie können wir Deutschland retten, dieses Land, das im Abgrund der Geschichte zu verschwinden droht? Bevor es also endgültig zum Niemandsland wird, wie etwa Holland, dieses langsame Land, das am Saum des Waldes angelangt ist, in dem das Große Vergessen wohnt.
Oder ist für Deutschland das Schicksal Österreichs unvermeidlich, dieses reduzierten Staates, der nach einer großen geschichtlichen Existenz jetzt in die Raserei eines um so wilderen Nichts verfallen ist? Aber gerade dort erwächst zur Rettung, weil die Verzweiflung so tief ist, aus den Abgründen eine bedeutende und ernste Literatur.
Peter Schneiders Buch ist aus einer tiefen Notwendigkeit heraus entstanden; der Autor ist damit eine neue Art von Patriot. Politik kommt ja bei uns kaum mehr vor, nur noch Verwaltung, und in der sind die Deutschen bestürzend großartig. Und doch muß man dieses Land mit der Sympathie Schneiders sehen, wider das bessere Wissen, sozusagen.
Schneider hat Berlin beschrieben, eine Stadt, gespalten, wie von Anfällen entstellt: Anfällen von Ordnung und Anfällen des Absurden. Er erzählt Geschichten von Menschen, die zunächst wie getrennte Geschichten sich ausmachen, aber dann bemerkt man immer mehr, wie sich die einzelnen Geschichten berühren, sich abtasten, auf eine Gemeinsamkeit hin sich abhorchen und sich untereinander bestätigen.
Das ist nicht immer ohne Komik: "Und wenn der Philosoph recht hat mit der Behauptung", schreibt Schneider, "ein Witz sei immer der Epitaph auf den Tod eines Gefühls, so kann die Geschichte eigentlich nur eine Komödie werden." Da wird die Geschichte des Herrn Kabe erzählt:
"Herr Kabe, Mitte vierzig, arbeitslos, Sozialhilfeempfänger, fiel zum ersten Mal polizeilich auf, als er, von Westen Anlauf nehmend, die Mauer mitten in Berlin in östlicher Richtung übersprang ... Oben stand Kabe eine Weile im Scheinwerferlicht der herbeigeeilten Weststreife, ignorierte die Zurufe der Beamten, die ihm in letzter Minute klar zu machen versuchten, wo Osten und wo Westen sei, und sprang dann in östlicher Richtung ab."
"Die Grenzer des anderen deutschen Staates nahmen Kabe als Grenzverletzer fest ... Im übrigen ermüdete er seine Vernehmer, die von ihm wissen wollten, warum er nicht einen Grenzübergang benutzt habe, mit der wiederholten Erklärung, er wohne genau gegenüber, und der Weg über die Mauer sei der einzig gerade."
Herr Kabe bringt durch seine Gradlinigkeit alle Ordnungsgefüge durcheinander, und zwar in beiden Staaten, die im Grunde genommen beide nach dem Vorbild der deutschen Post funktionieren. Jene lineare, auf dem Rechteck aufbauende Ordnung, in der der Zick-Zack-Kurs der Mauer bereits wie "die Ausgeburt einer anarchistischen Phantasie" erscheinen muß.
Diese Ordnung ist ritualisiert, sichtbar ritualisiert. Beispielsweise beim Einwinken der Autos zum Grenzübertritt durch die Beamten der östlichen Seite: "Die Botschaft dieser Zeremonie ist deutlich und scheint beabsichtigt: ich nähere mich einem Staat, in dem auch das, was ohnehin geschieht, der Genehmigung bedarf."
In der östlichen Klinik genießt Kabe die "Sonderstellung eines Sperrbrechers, der mit seinem Sprung die Himmelsrichtungen neu benannt hatte", die Behörden in West-Berlin sind erst recht ratlos. Ihm juristisch beizukommen, schlägt fehl. "Denn Kabe hatte ja eine Staatsgrenze illegal überwunden, die nach Auffassung der westdeutschen Regierung gar nicht existiert. Folgte man dem Sprachgebrauch der Verfassungsrechtler, so hatte Kabe lediglich von seinem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch gemacht."
Kabe, kaum aus der Klinik wieder in den Westen entlassen, nimmt bald wieder Anlauf, auf dem geraden Weg. Insgesamt sprang er fünfzehnmal, heißt es lakonisch. Die Behörden versuchen, Kabe nach Süddeutschland fortzuschaffen, "möglichst weit weg von Berlin in stillere Gegenden, wo er seine Sprünge an alten Burgmauern fortsetzen mochte".
Was würde geschehen, wenn wir 30 Millionen Kabes hätten, die alle in die verkehrte Richtung sprängen? An der Mauer wächst eine Wunschenergie, die die Phantasie aus den Erdlöchern kriechen läßt. Denn sie ist ja nicht wegzubekommen, S.212 es sei denn, die Machtbalance des gesamten Erdballs veränderte sich entscheidend; dann würde auch diese Wunde des Krieges verheilen, an der Stelle also, wo sich zwei politische Kontinente aneinander reiben.
"In Deutschland, scheint es, heilt die Zeit die Wunden nicht, sie tötet das Schmerzempfinden", schreibt Schneider. Die Beschwörungen der "Bild"-Zeitung, durch das Zählen der Tage die Existenz der Mauer hinwegzubannen, war vielleicht nicht so falsch, nur eben einfältig.
Die Erzählform des Buches scheint auf den ersten Blick einfach: "Noch während ich Pommerer Schalters Geschichte erzähle, vermischt sie sich unentwirrbar mit der Geschichte von Kabe, dem Mauerspringer." Und sein Freund Pommerer fragt zurück: "Kennst du die Geschichte von den drei Kinogängern?" Und die wird dann erzählt:
Von den drei Halbwüchsigen, die von einem Vordach aus direkt an der Mauer in den Westen sprangen, wiederholt, nur um am Kurfürstendamm die neuesten Italo-Western und den letzten Schulmädchenreport zu sehen. Oder die Geschichte von Gartenschläger, der Selbstschußautomaten aus dem Todesstreifen abmontiert, oder die von Bolle, dem Doppelagenten, bei dem sich vermutlich sogar im eigenen Kopf verwischt, für welche Seite und in wessen Auftrag er nun arbeitet.
Doch dann verwickeln sich die Dinge und die Geschichten untereinander, und die wiederum mit der Person Schneiders. Und dies alles ist mit einer solchen präzisen Optik geschrieben und zusammengeführt, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, hier bewegt sich einer unaufhaltsam auf den Film zu. Es kommt nicht von ungefähr, daß Schneider Drehbücher geschrieben hat, etwa das zu Hauffs "Messer im Kopf". Er sollte jetzt auch selber Filme machen.
"Eine meditative Stille entsteht. Die in meterhohem Beton eingefaßte Slalomstrecke, auf deren Randbefestigung Betunien blühen, mündet in eine einspurige Bahn zwischen den Grenzbaracken, die sich hinter dem Schlagbaum zu einer leicht ansteigenden Straße verbreitert und in einem nur noch der Form nach bebauten Horizont verliert. Wie Erinnerungen an Häuser wirken die Fassaden am Straßenrand; die Grenzstrecke gleicht einem ausgetrockneten Flußbett, das sich zwischen den Baracken endgültig verengt hat; jeder Durchfluß hätte etwas Verspätetes."
Da kommt mitten in West-Berlin ein Kletterfelsen des Alpenvereins vor, nur ein paar Meter hoch, oben auf einem Schuttberg. Man hat alle Schwierigkeitsgrade des Felsenkletterns mit eingebaut, und das Buch beschreibt eine Seilschaft in Bergstiefeln, Höhenjacken und Gletscherbrillen, die den Zementblock erklimmt. Auf der östlichen Seite sind S.213 Zehntausende von Selbstschußapparaten an der Grenze entlang eingebaut, die trichterförmig scharfkantige Metallwürfel verschießen. Der Auslösemechanismus ist so sensibel, daß man wenige Zentimeter über dem Auslösedraht einen Sitzdraht für Vögel angebracht hat.
Dann verwischen sich wieder die Dinge, die Geschichten, die Identitäten; sie geraten einfach aus der Sicht. Ein Streit mit seinem Freund aus dem Osten sieht dann für Peter Schneider so aus: "Wir sind längst aufgestanden, brüllen uns an zwischen zerbrochenem Glas, und während ein fahles Licht über den Dächern aufzieht, sehe ich uns mit müden, schweren Bewegungen aufeinander einschlagen, zornig unsere Lektionen lallend, gehorsam den Staaten, die nicht mehr in Sicht sind."
Freunde, die aus dem östlichen Teil Deutschlands ausgebürgert wurden, werden langsam zu Niemanden. Andere wieder, wie etwa Kabe, beziehen erst ihre Identität von der Grenze her. Aber die Grenze befindet sich auch unsichtbar in unseren Köpfen und Herzen, und selbst die Liebesbeziehung zu Lena wird für Schneider schließlich unmöglich, weil sie, aus dem Osten kommend, den "Innenraum hinter jenem Zaun" mit und in sich trägt.
Schneider verliert sich darin so sehr, daß er selbst keinen eigenen Ort mehr hat. Schließlich wird ihm, nachdem stundenlang sinnlos sein Wagen auseinandergenommen wurde, von einem Grenzer, der militärische Haltung annimmt, in dienstlicher Stimme mitgeteilt, daß seine Einreise in die DDR nicht mehr gestattet wird. Über die Dauer und Gründe dieser Maßnahme wird ihm keinerlei Auskunft erteilt.
"In der Zeit, da der kürzeste Tag bevorsteht und das Geäst der Kastanien den Fernsehantennen ähnlich wird, wache ich manchmal inmitten der Schwärze auf. Die Traumbilder, an die ich mich erinnere, handeln von unvermuteten Bekanntschaften, erwiderten Blicken, Berührungen ohne Vorbereitung und Ziel. Ein Firnis von Harmonie liegt darüber wie auf den Bildern einer Zigarettenreklame; das Gefühl, das sich im Augenblick des Erwachens durchsetzt, spricht von einer gewaltsamen, noch frischen Trennung, als sei ein immer nur gefürchteter Abschied jetzt wahr und nur im ersten Schlaf vergessen worden."
"Wenn ich mich dann aufsetze und Licht mache, ist alles wieder an seinem Platz ... Alles in allem: Von den mich umgebenden Dingen gehöre ich zu den dauerhafteren. Nur die Stadt draußen mit ihren Brandmauern, Hinterhofmauern, Grenzmauern - diese Mauern werden noch stehen, wenn niemand mehr da sein wird, der hindurchgehen könnte."
Peter Schneider, dieser großknochige, bedächtige, eher bayerisch sensible Mann hat ein Buch geschrieben, das so gut und dringlich ist, daß man ihm möglichst viele Leser wünscht.

DER SPIEGEL 21/1982
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