24.05.1982

LITERATURVerfluchte Erde

Ein Intellektueller unter Bauern: In seinem Buch „Sau-Erde“ beschreibt der Engländer John Berger Erfahrungen in einem französischen Dorf.
Bauer Marius schlachtet ein Kaninchen: "Er streichelte es noch einmal und schlug es dann mit einem Hieb bewußtlos. Behutsam stach er die beiden Augen aus. Die Wimpern um die beiden runden Löcher, durch die das Blut floß, blieben unverletzt, als er das Tier an seinen Hinterbeinen zum Ausbluten aufhängte."
Helene, 75 Jahre alt, führt in einer Schnee- und Frostnacht ihre Ziege zum Bock. Als der zögert, die Ziege zu bespringen, feuert ihn die Bäuerin an: "Jesus, Maria und Joseph! Mach schon, wirst du wohl! Mir erfrieren ja die Hände." Nach Vollzug drückt sie "mit ihrem ganzen Gewicht mitten auf den Rücken der Ziege. Das sollte das Sperma in der Ziege zurückhalten".
Eine geschlachtete Sau wird in heißem Wasser mit der Kante eines Eßlöffels rasiert, bis "ihre Haut wie die eines Menschen" aussieht. "Nicht wie ein Mensch aus dem Dorf" sieht die Sau aus, "dazu war sie zu fett und zuwenig sonnengebräunt, sondern wie ein Mensch der Muße".
Geschichten vom Lande, geschrieben, erzählt von einem, der nicht aus dem Dorf und ihm doch sehr nahegekommen ist, alles andere als ein müßiggehender Gast und Zuschauer.
Seit mehreren Jahren lebt der englische Schriftsteller John Berger, 56, mit Frau und Kind unter den Bauern eines Dorfes in Savoyen, Frankreich. Er arbeitet mit ihnen "ohne Vertrag, ohne Lohn". Er schreibt über sie aus einer gleichermaßen von Nähe und Distanz bestimmten Position: "Daß ich über Bauern schreibe, trennt mich von ihnen und bringt mich ihnen nahe." Seine "Geschichten vom Lande", unter dem Titel "Sau-Erde" jetzt auf deutsch erschienen,
( John Berger: "Sau-Erde. Geschichten vom ) ( Lande". Deutsch von Jörg Trobitius. ) ( Hanser Verlag. München; 296 Seiten; 34 ) ( Mark. )
sind ein merkwürdiges, ein höchst bemerkenswertes Stück neuer Literatur.
John Berger aus London ist ein schwer zu etikettierender Autor. Er hat Kunstgeschichte studiert, war Maler und Zeichenlehrer, bevor er, unter anderem mit BBC-Fernsehsendungen und einem Buch über Picasso, als ein undogmatischmarxistischer Kunstkritiker und Essayist bekannt wurde. Er schrieb Romane, ein Buch über Gastarbeiter und zusammen mit Alain Tanner die Drehbücher zu einigen Filmen des Schweizer Regisseurs, darunter "Jonas, der im Jahr 2000 fünfundzwanzig Jahre alt sein wird".
"Mein Leben", sagt er, "ist so disparat wie die Bücher, die ich geschrieben habe" - er scheint es zu bedauern, und doch macht ihn nicht zuletzt diese Disparatheit zu einem interessanten Schriftsteller.
In einem Essay über den französischen Maler Jean-Francois Millet (1814 bis 1875) hat Berger 1976 dessen in Frankreich bis heute populäre Bilder vom Landleben gegen einige landläufige Mißverständnisse verteidigt. Millet, schrieb er, habe "das Dorf nicht sentimentalisiert". Er habe gewußt, "daß die Bauern damals zu einem brutalen Dasein verurteilt waren", und schon vorausgesehen, daß "der durch die Industrialisierung geschaffene Markt, dem die Bauern geopfert wurden, eines Tages den Verlust jedes historischen Gefühls mit sich bringen" könnte: "Darum wurde der Bauer für Millet zum Inbegriff des Menschen, und deswegen ging er davon aus, daß seine Gemälde eine historische Funktion besaßen."
Diese Millet-Interpretation war eine Art Voranzeige für Bergers eigene, literarische Landpartie.
Seine Geschichten aus dem savoyischen Bergdorf - Skizzen von der alltäglichen Mühsal in Haus und Hof, Stall und Feld, aber auch unerhörte Begebenheiten wie die von der verrückten Rache des Bauern Marcel an zwei Steuereintreibern oder die von der zwergenhaften Ausgestoßenen des Dorfes, die ihren einstigen Gelegenheitsliebhaber zur späten Ehe zwingen will und einem Raubmord zum Opfer fällt -, all diese Geschichten sind frei von jeder Sentimentalisierung, aber auch Heroisierung der Bauernwelt. Berger ist, was kaum überraschen mag, kein "Blut und Boden"-Barde, aber er ist auch kein "grüner" Verklärer des Landlebens. S.217
"Der Stall selbst war wie das Innere eines Tieres. Atem, Wasser, Wiedergekäutes kamen herein; Darmwind, Pisse, Scheiße gingen hinaus." So schreibt dieser Autor. Seine Bauern sprechen von "dieser verfluchten Erde", er selber flucht einmal beim Heumachen: "Die Hitze war kein Zustand mehr, sie war eine Strafe geworden. Und ich verfluchte den, der da strafte. Ich verfluchte den Abhang und die Arbeit, die noch zu tun war." Sau-Erde eben.
Doch Berger ist auch kein Naturalist des Krassen und Dumpfen, kein lustvoller Schwarzmaler, der sein Sujet für eine Ästhetik des Abstoßenden ausbeutet. Seine Geschichten von den Menschen und Tieren auf dem Lande, von Geburt und Tod, vom Sterben und Schlachten, zeichnen sich durch empfindsame Nüchternheit aus, durch eine schöne Balance von genauer Beobachtung und sparsamer Poesie.
Über eine geschlachtete Kuh: "Der Sohn macht den Einschnitt am Hals, und das Blut fließt heraus auf den Boden. Einen Moment nimmt es die Gestalt eines gewaltigen samtenen Rockes an, dessen winziger Bund der Wundrand ist. Dann fließt es weiter, mit nichts mehr vergleichbar."
Zwischen die Geschichten hat Berger einige Gedichte eingeschoben, deren Qualität hinter der der Prosa zurückbleibt. Überzeugender liest sich das "Historische Nachwort", das der Autor (der von purer, sich selbst genügender Literatur nichts hält) seinen Geschichten angefügt hat. In ihm erklärt er, was ihn auf sein Thema gebracht, was ihn für die Bauern eingenommen hat.
Er definiert sie als "eine Klasse Überlebender", beschreibt ihre "dauernde Benachteiligung" in der Geschichte, erklärt und verteidigt ihren spezifischen Konservatismus ("nicht der Macht, sondern der Sinngebung"), ihre rückwärtsgewandte, nicht rückschrittliche Utopie: "Dem Bauern schwebt ein Leben ohne Benachteiligung vor, ein Leben, in dem er nicht zunächst einen Überschuß zu produzieren gezwungen ist, bevor er sich und seine Familie ernährt, als ein Urzustand des Seins, der existierte, bevor das Unrecht auftrat."
Industrie und Markt, Kapital und Konsumgesellschaft, die ganze moderne Ökonomie, schreibt Berger, scheine die Klasse der Noch-Überlebenden zum Untergang zu verurteilen: "In hundert Jahren gibt es vielleicht keine Bauern mehr."
Wie der sensibel-genaue Erzähler ist auch der unorthodox-linke Theoretiker Berger gegen "jedwede Idealisierung" der traditionellen bäuerlichen Lebensweise mit ihrer "Bürde körperlicher Arbeit". Das jüngste Interesse zivilisatorisch frustrierter Stadtbürger am Leben auf dem Lande nennt er verständlich, aber, so es einer Sehnsucht nach heiler Welt folgt, "unausweichlich naiv".
Doch die Bauern historisch abzutun, ihre besondere Erfahrung und Weltsicht, in der sich Realitätssinn und Mythos mischen, als "irrelevant für das moderne Leben" zu verwerfen, so findet er, "hieße, den Wert von zu vieler Geschichte und zu vielen gelebten Leben zu leugnen".
Gegen solchen "Fortschritt" des Aufgebens und Vergessens stemmt sich das Buch von der "Sau-Erde". Wie nach seiner Interpretation einst Millet sieht auch John Berger im Bauern ein Paradigma des Menschen, will er mit den Geschichten vom Lande Spuren des Humanen sichern, Widerstand leisten gegen eine "historische Eliminierung", an deren Ende der Verlust jedes Gefühls für Geschichtlichkeit droht. Widerstand gegen die Furie des Verschwindens.
Im vergangenen Jahr hat Berger vom Bauernleben auch optisch Zeugnis gegeben: Der Photoband "Une autre facon de raconter" (Eine andere Art zu erzählen), den er zusammen mit dem Photographen Jean Mohr in Paris veröffentlichte, enthält eindrucksvolle Bilder aus dem Savoyen-Dorf. Er reflektiert jedoch auch die durch alle Einfühlung und Solidarität nicht aufzuhebende Distanz des Intellektuellen zum Bauern.
Eines der Bilder, beispielsweise, zeigt nur das Auge einer Kuh. Der alte Bauer Marcel, heißt es dazu, habe zwar gleich erkannt, daß es sich um die Kuh Marquise handelte, die Großaufnahme, Ausdruck einer modernen Ästhetik, dennoch getadelt: "Das ist kein gutes Motiv für ein Photo." Erst ein Photo, das die Kuh ganz zeigt, fand sein Gefallen: "Das ist prachtvoll, alles ist da!"
Rolf Becker
S.216 John Berger: "Sau-Erde. Geschichten vom Lande". Deutsch von Jörg Trobitius. Hanser Verlag. München; 296 Seiten; 34 Mark. * Photo aus Bergers "Une autre facon de raconter". *

DER SPIEGEL 21/1982
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