24.05.1982

OPERNFILMGesalbte Primeln

In Cannes und Paris hatte letzte Woche Syberbergs „Parsifal“ nach Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel“ Premiere: über vier Stunden Abendmahl mit optischem Nippes.
Kein schlechter Scherz: Wagner ist Kino. Der Goldrausch um die Rheintöchter, der Feuerzauber am Brünnhildenfelsen, das Versteckspiel mit der Tarnkappe, der Firlefanz um den Gral, die Regenbogenbrücke nach Walhall - alles filmische Visionen. Im Bayreuther Gesamtkunstwerk steckt viel Hollywood.
Wohl nur im Film ließe sich Wagners Maßlosigkeit ganz ernst nehmen, aber auch bissig karikieren oder gar genüßlich denunzieren. Nur ist da noch und immer die Musik: Man kann, ob nun Film-Oper, Opernfilm oder neuartiger Medien-Bastard, nur gegen sie an-, nicht aber über sie hinwegdrehen.
"Parsifal", da hat der großspurige Filmemacher Hans Jürgen Syberberg ("Hitler") sicher mal recht, sei "das Schwerste" und, wie er nun auch bewiesen hat, "eigentlich gar nicht zu machen": dieses "Bühnenweihfestspiel" (Wagner) voll liturgischem Brimborium um die heilige Schale mit dem Blut des Erlösers. Voll frömmelnder Mythologie und jeder Menge Weihrauch in den Reimen, eingebettet in mehr als vier Stunden Wohlklangsnarkose - ein Stück wie geschaffen für den monomanischen Längenwahn des filmenden Heilslehrers Syberberg.
"Neuland" hatte er mit diesem 3,2-Millionen-Mark-Projekt wieder mal versprochen, Neuland tat sich zumindest auf: Auf der Leinwand hätte man endlich richtig Remedur schaffen können mit diesem pseudochristlichen Mummenschanz und seiner klebrigen Sexualität, seiner dubiosen Männerbündlerei, seiner latenten Frauenfeindlichkeit, wohl auch mit der privaten Stilisierung zum Parsifal Wagner, dem Bayreuther Erlöser von eigenen Gnaden.
Aber Syberberg hat gekniffen und nicht ein einziges Mal richtig in den Gral gespuckt, sondern, abgesehen von ein paar Mätzchen, nur mit dem Palmwedel Regie geführt. Statt des erhofften provokanten Frevels richtete er ein feierliches Abendmahl an, auf weite Strecken qualvoll langweilig, und das nach all dem PR-Wirbel eines Wagner angeblich überrollenden und überrumpelnden Bildersturms.
Auf die 20 Meter lange und fünf Meter hohe Totenmaske Wagners, den augenfälligsten Spielplatz dieser Studio-Produktion, bringt Syberberg partout kein Leben, auch wenn er das mittels Rollen und Scharnieren spaltbare Material noch so oft in die Einzelorgane des Verblichenen zerlegt und durch die Schächte und Gänge der Schädelstätte endlose Prozessionen führt.
Die ebenso primitive wie penetrante Projektion aller möglichen kulturellen und industriellen Sehenswürdigkeiten auf einem Rundhorizont hinter der Maske (antike Tempel, romantische Gemälde, eine Bahnhofshalle, eine Bayreuth-Dekoration) gibt nicht mehr her als das bunte Treiben mit der Laterna Magica. Jede Opernklitsche macht da raffiniertere Lichtspiele.
Nur beim Orchester-Vorspiel ist sich Syberberg halbwegs treu geblieben. Zum weihevollen 4/4-Takt fährt die Kamera langsam die Relikte der Zivilisation ab. Und zwischen diesen optischen Souvenirs tummeln sich, als Marionetten, die Hauptfiguren der Oper und spielen ferngelenkt die wichtigsten Handlungsvorgänge nach. Will wohl sagen: das Spiel, das folgen wird, ist eigentlich schon gelaufen, Parsifal kommt erst nach dem alles zerstörenden Weltenknall.
Doch kaum setzt die eigentliche Story ein, dreht Syberberg fast nur noch mit der Gebetsmühle. Irgendwer kniet praktisch immer nieder, richtet die Augen himmelwärts oder schreitet fürbaß.
Als leidender Amfortas quält sich der kokonartig in Tücher gewickelte Dirigent Armin Jordan, der in Monte Carlo den kompletten Soundtrack des "Parsifal" für Syberberg respektabel eingespielt hat, auf der Bahre damit ab, seinen Mund synchron zur Stimme von Wolfgang Schöne auf- und zuzumachen. Wenig später nähert sich als Titelheld hoch zu Schimmel der Schweizer Lockenkopf Michael Kutter durch einen vernebelten Felsspalt und doubelt mit liebenswertem Ungeschick den absolut nicht zu ihm passenden Tenor des Platten-Parsifal Reiner Goldberg.
Zum Besuch der Gralsburg aufgerufen, macht sich der eidgenössische Knabe alsbald auf den Weg durch Syberbergs Geisterbahn. Er schreitet, des Pferdes ledig, vorbei an Wimpeln und Fahnen (darunter auch das Hakenkreuz), vorbei an einer Bretterbude voll Gespenster, an einem dampfumwaberten Felsen mit singenden Damen, an Horden martialischer Recken, die alle kreuz und quer durch Wagners aufgeklafften Schädel marschieren, schließlich geradewegs nach Oberammergau, wo eine Engelschar am Ende einer güldenen Treppe aus einer riesigen Bibel singt.
Irgendwo in diesem himmlischen Durcheinander liegt auch der greise Titurel herum, bei Wagner eine sieche Majestät, bei Syberberg ein putzmunterer Snob (Martin Sperr mit dem Baß von Hans Tschammer), dem aus unerklärlichen Gründen ständig Regentropfen auf das Hermelin-Cape fallen.
Dann liegt auch noch der arme Amfortas da (oder irgendwo anders), und neben diesem liegt wiederum, als hübscher Blickfang, die unheilbar blutende Wunde, um die sich ja schließlich die ganze Oper dreht. Das störende Organ, eine Kreuzung aus Scheide und Ohrläppchen, ist auf einem schwarzen Kissen angerichtet S.227 und blubbert im richtigen Augenblick rot vor sich hin. Nicht nur Parsifal kann sich auf alles das keinen Reim machen. Ende des ersten Aufzugs.
In Klingsors Zaubergarten, zweiter Akt, blüht anfangs wieder Syberbergs optisches Unkraut auf. Der Heiland ist da zu sehen. Links an der Schläfe einen Hammer, rechts eine Sichel. Einfach so in die Landschaft reckt sich ein abgebrochener Penis mit zwei unversehrten Hoden darunter. Auch rennt eine Rotte Männer umher mit komischen Kisten auf dem Kopf, und als Blumenmädchen stehen diverse Damen gelangweilt herum, teils barbusig, teils in groteske Fummel gehüllt, und Parsifal, der "reine Tor" (Wagner), geht so schüchtern an ihnen vorbei wie ein Konfirmand durchs Eros-Center.
Da endlich taucht Kundry auf, das Laster Weib. Mit der Stimme der australischen Primadonna Yvonne Minton spielt sich die hochvirtuose Edith Clever, obwohl auch sie an Syberbergs Synchronisationsspleen scheitern muß, anfangs glänzend in den Vordergrund. Aber nachdem sie Parsifal den magischen Kuß verpaßt hat, wandelt der Titeljunge vor aller Augen sein Geschlecht: An die Stelle von Michael Kutter tritt jetzt dessen Freundin Karin Krick, die mit strengem Mittelscheitel und der netten Leblosigkeit einer Käthe-Kruse-Puppe nun auch noch tenorale Töne von sich geben muß.
Hätte Syberberg mit all diesem Schnickschnack "Parsifal" doch wenigstens zur komischen Oper verkehrt! Aber nein: Er salbt auch noch sein kitschigstes Kunstwerk mit mythologischer Lotion. Statt beim legendären Karfreitagszauber, wo da plötzlich die Aue wie von Geisterhand erblüht, mal wirklich aus dem filmischen vollen zu schöpfen oder, besser noch, Wagners verlogene Grünfärberei anzuschwärzen, pappt Syberberg ein paar Primeltöpfe aus dem nächstbesten Blumen-Center in die Studioerde und läßt in dieser Gartenlaube seiner Parsifalin die Füße waschen und das Haupt beträufeln.
Erst nachdem sich die so Gereinigte dann noch durch eine mit Plastikfolien abgedeckte Gegend geschlagen und eine von starken Böen umtoste Brücke überquert hat, nachdem der Gral, diesmal eine Schale mit dem Modell des Bayreuther Festspielhauses, abermals enthüllt worden ist und sich Kundry an heiliger Stätte mit einem Buch ins Bett gelegt hat, ist der ganze grausame Spuk zu Ende.
Daß der Lautsprecher Syberberg wieder mal "alles riskieren" würde, um dem dubiosesten Werk seines haßgeliebten Wagners "möglichst hohen Ernst und geistige Heiterkeit zurückzugewinnen", hatte ohnehin nur er selbst geglaubt. "Keine Oper, kein Film", war sein Versprechen. Er hat es gehalten.
Klaus Umbach
S.226 Michael Kutter (Parsifal I), Edith Clever (Kundry). *

DER SPIEGEL 21/1982
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