24.05.1982

MODESchäbige Pracht

Die modischen abgewetzten Bomberjacken täuschen das Weltkrieg-II-Aussehen nur vor: Sie sind aus neuem Leder, künstlich gealtert.
Die harten und coolen Männer - Jean-Paul Belmondo, Jack Nicholson und Rennfahrer Hans-Joachim Stuck - liefen als erste damit herum.
Auch Trend-Ladys wie Fassbinder-Star Barbara Valentin, Dichter-Enkelin Anja Hauptmann und Top-Model Emily Woods tragen gern die Pracht der neuen Schäbigkeit zur Schau. Und das modische Jungvolk eifert ihnen nach - auf den Boulevards von Paris, Rom und München tauchen lederne Flieger-Jacketts und Bomber-Blousons gehäuft auf, die aussehen, als stammten sie noch aus Weltkrieg-II-Beständen der U.S. Air Force und hätten manch harten Einsatz hinter sich.
Der Second-hand-Appeal trügt. Zumeist handelt es sich um nagelneue Fabrikate, die künstlich und mit viel Mühe auf alt und verschlissen getrimmt wurden. Pionier des nachgemachten Shabby-Look in Leder ist der Pariser Designer und Branchen-Neuling Guy Azoulay, 24. Vor zwei Jahren begann er, unter dem Firmennamen Charles Chevignon, mit dem lukrativen Altleder-Geschäft.
Aus Geldmangel, weil er sich neues Leder nicht leisten konnte, hatte Azoulay alte französische Armee-Jacken aufgekauft und umgearbeitet. Da ihm die Oldies aus der Hand gerissen wurden und der Nachschub an ausrangierten Kampfjacken begrenzt ist, sann er auf eine Technik, den Alterungsprozeß einer Lederjacke zu simulieren.
Sein Trick: Er übertrug die Prozedur, mit der fabrikneue Jeans "ausgebleicht" werden, das "stone-washing", auf Leder: Die durchgefärbten Rohhäute kommen in eine Art Waschtrommel, in der Bimssteine mitrollen - so wird die Farbe abgeschliffen.
Mit den Steinen hat der clevere Franzose, der sogar die Strickbündchen an seinen neu-antiquarischen Bomber-Blousons künstlich aufribbelt, eine Goldgrube entdeckt: Billige Schafhäute, die grobnarbig und zum Abbimsen geeignet sind, ließen sich so zu stattlichen Designer-Preisen verkaufen - Chevignon-Fliegerjacken für 650 bis 800 Mark.
Mehr als 30 Millionen Mark Umsatz erzielte der Pariser Modemacher damit im letzten Jahr. Die Nachfrage steigt weiter. Allein auf der Mailänder Modemesse orderten Einkäufer kürzlich Chevignon-Klamotten im Pilotenstil für weit über zwei Millionen Mark.
Dabei sind die künstlich gealterten Ledersachen keineswegs unempfindlich. Auf seinen Etiketten weist Azoulay darauf hin, daß seine so robust aussehenden Kampfjacken weder zur Reinigung noch in den Regen kommen dürfen. Dafür sollen sie ab und zu mit einer Creme eingefettet werden. Denn durch das stone-washing wird die Narbe verletzt, das Leder verliert seinen natürlichen "Schmalzgehalt" und damit die Imprägnierung - es wird trocken und brüchig.
Doch dieses Handicap hat der Beliebtheit der künstlich abgewetzten Ledersachen bislang keinen Abbruch getan. Die Münchner Trend-Boutique "Lord John & Lady Jane" beispielsweise, die zu den Chevignon-Fliegerblousons auch passende Westen, Jeans, Bermudas und Minis führt, hat in den letzten sechs Monaten etwa 1000 Teile verkauft. Unter den Kunden sind die Schlagersänger Peter Maffay und Jürgen Drews, aber auch Party-Ausstatter Gerd Käfer und, so "Lord John"-Besitzer Günter Drätzl, "besonders viele Ärzte, Architekten und sogar ein Atomphysiker".
Gerade solche Leute, sagte Drätzl, seien bereit, für ein abgewetztes Aussteiger- und Außenseiter-Image allerhand anzulegen. Damit niemand auf den Gedanken kommt, Chevignon-Käufer könnten sich wirklich nur schäbige Sachen leisten, empfiehlt Drätzl als Accessoires weiße Seiden-Schals mit Air-Force-Aufdruck, das Stück zu 78 Mark.
Der Schwabinger Leder-Designer Ingo Ostersehlte, bei dem unter anderen der Schauspieler Elliott Gould und TV"Krull" John Moulder Brown arbeiten lassen, hat für Kunden nichts übrig, "die vom Aussteigen nur träumen, aber die passende Kluft wollen". Doch um die Modewelle mit der künstlichen Leder-Patina kommt auch er nicht herum.
Spezialist Ingo, der höherwertige Häute verarbeitet, läßt statt der rauhen Steine glatte Eisenkugeln in der Waschtrommel rotieren; so werde das Leder nicht abgewetzt, sondern durchgewalkt.
Fliegerjacken hat Ingo nicht in seiner Kollektion. Doch auch seine Renner sind sorgsam auf alt getrimmt: alpenländische Trachten-Spenzer, Bundhosen.

DER SPIEGEL 21/1982
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