22.03.1982

GEHEIMDIENSTEAsse im Ärmel

Beginnt in Bayern das „große Zittern“? Enthüllungen des Ex-Geheimagenten Langemann über „Sex and Crime“ könnten, wie die Opposition vermutet, CSU-Prominente als „erpreßbar“ erscheinen lassen.
Am Dienstag letzter Woche bot das CSU-Hauptquartier in seinen "Informationen aus der Nymphenburger Straße" noch Wetten an, daß der Fall Langemann "bald vergessen" sein werde.
Doch schon tags darauf sorgte der Generalbundesanwalt dafür, daß die Affäre so schnell nicht aus dem Gedächtnis schwindet: Hans Langemann, 56, bis vor kurzem oberster Staatsschützer im bayrischen Innenministerium, wurde mitten in der Nacht in seiner Villa in München-Grünwald von Beamten des Bundeskriminalamts festgenommen.
Nach einer stundenlangen Hausdurchsuchung, bei der die Bundesanwaltschaft "ganze Aktenberge" sicherstellte, hatte sich der Verdacht erhärtet, daß ausgerechnet Bayerns wichtigster Staatsschützer Staatsgeheimnisse verraten habe. Zu einem Haftbefehl indes reichten die Verdachtsmomente nicht.
Mit dem nächtlichen Zugriff bekam eine Affäre neue Qualität, die von der regierenden CSU schon "in die Halbwelt eines Dreigroschen-Krimiromanes" abgeschoben worden war. Zwar war Ministerialdirigent Langemann vorsorglich suspendiert worden, nachdem die linke Monatszeitschrift "Konkret" Ende Februar Enthüllungen aus seiner Zeit als Agentenführer beim Bundesnachrichtendienst (BND) veröffentlicht hatte. Doch im übrigen wurde der beurlaubte Beamte in Bayern zunächst auffallend wohlwollend behandelt.
Vor dem Sicherheitsausschuß des Landtags, der ausnahmsweise öffentlich tagte, rühmte Innenminister Gerold Tandler beispielsweise Langemanns "hervorragende Beurteilung durch den BND". Wie zum Dank versuchte der Staatsschutz-Dirigent daraufhin, die publizistische Lawine zu stoppen. Eiligst distanzierte er sich von seinem Duzfreund und Koautor Frank Peter Heigl, dem er vertrauensselig Tonbänder vollgesprochen hatte und von dem er sich nun "schweinemäßig hintergangen und betrogen" fühlte.
Die Fortsetzung der Storys in "Konkret" versuchte Langemann letzte Woche durch eine bei Gericht erwirkte einstweilige Verfügung aufzuhalten, die sein Anwalt mit persönlichkeits- und urheberrechtlichen Argumenten begründete. Unwillkürlich war damit freilich auch "eingeräumt" (Langemann-Anwalt Hans Roth), daß es sich bei dem von Heigl an "Konkret" gelieferten Material (Roth: "schnoddriger Stil") um Originaltöne des Staatsschützers a. D. handelt.
Nach dem Eingreifen des Generalbundesanwalts erwartet die Opposition in Bayern, die bereits einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß verlangt hat, eine "dramatische Entwicklung": Die SPD vermutet, daß CSU-Prominente wie den bayrischen Staatschef Strauß "das große Zittern" überkommen werde, weil manch einer sich als "erpreßbar" erweisen könnte. Die FDP wittert ein "hochexplosives Gemisch aus Sex and Crime", eine Art Neuauflage des britischen "Profumo-Skandals".
Langemanns einstiger publizistischer V-Mann Heigl schürt die Hoffnungen der Opposition, indem er über seinen Rechtsanwalt Hansjoachim Glaub nach und nach Dokumente aus dem bayrischen Innenministerium auftischt, die ihm angeblich einst von Freund Langemann mitgebracht worden waren: etwa polizeiliche Lageberichte nach dem Oktoberfest-Anschlag und Analysen über Ost-Agenten oder die Wehrsportgruppe Hoffmann - alles schön aufregend garniert mit Geheim-Stempeln und Randbemerkungen.
Laut Heigl ist das längst noch nicht alles: Wenn Langemann "mit dem Rücken zur Wand" stehe und wirklich auspacke, dann drohe Ungemach "bis an die Spitze des Freistaats". Immerhin hat sich Langemann laut Heigl gebrüstet: "Ich bin Bayerns stärkster Mann. Ich habe in meinem Ärmel viele Asse."
Vieles von den Erzählungen des 1970 aus den Diensten des BND geschiedenen Langemann wird zurückreichen in die Nachkriegsjahrzehnte der Republik. Zum Beispiel war Langemann BND-Führer der Ex-Agentin Susanne Sievers, die vormals ihre Verbindung zum SPD-Führer Willy Brandt in einem sogleich vom Markt verbannten Buch "Da war auch ein Mädchen" geschildert hatte. Sicher kann Langemann erläutern, wie Susanne Sievers danach mit Hilfe der CSU eine Blitzkarriere beim BND machte und dann, wieder mit Hilfe der CSU, eine horrende Abfindung von 320 000 Mark erstritt.
"Für alle Seiten unangenehm", so ein BND-Mann, könnten auch Langemanns Kenntnisse über alle vom BND betreuten Waffengeschäfte der damaligen Zeit werden, bis hin zum geheimnisvollen Fall des Pöckinger Arztes Dr. Otto Praun, der 1960 zusammen mit seiner Haushälterin Elfriede Kloo ermordet wurde - laut rechtskräftigem Urteil von Vera Brühne und einem Komplizen. Der Doppelmord könnte dann erneut zu einem Serienspektakel geraten.
Auch in die bis heute nicht geklärte Affäre um die angebliche Entführung des CSU-Auslandsreferenten Dieter Huber war Langemann dienstlich eingeweiht, wenn nicht verwickelt. Oberst a.D. Decker, einst wie Langemann beim BND und heute Sicherheitsbeauftragter der Firma Siemens, half dem Staatsschützer dabei, zeitweilig Bandaufnahmegeräte bei den privaten Fernsprechern von Dieter Huber, aber auch von Franz Josef Strauß zu installieren.
Außer mit der mehr oder weniger fernen Vergangenheit befaßt sich Langemann, der letzte Woche mit krankhaftem Gesichtszucken ins Krankenhaus kam, auch schon wieder mit der Zukunft. "In ein paar Jahren", vertraute der gelernte Jurist seinem Anwalt Roth an, "könnte ich ja bei Ihnen als Fachanwalt für Spionagesachen eintreten."

DER SPIEGEL 12/1982
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