12.10.1981

Hans Küng über Hoimar von Ditfurth: „Wir sind nicht nur von dieser

Welt“ Es gibt nicht zwei Wahrheiten Hans Küng ist Professor für Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung an der Universität Tübingen.
Sind wir nicht von dieser Welt? Doch, von dieser Welt sind wir: geworden in einem ungeheuren, heute berechenbaren Entwicklungsprozeß von Kosmos und Bios, von Welt und Mensch. Dies ist es, was Hoimar von Ditfurth -- einer derjenigen Naturwissenschaftler, die Naturwissenschaft noch einigermaßen zu übersehen und ihre Ergebnisse auch allgemein verständlich zu machen vermögen -- mit Verve vertritt gegenüber allen Verächtern der Wissenschaft.
Was er in seinen früheren Büchern -- "Kinder des Weltalls" (1970), "Im Anfang war der Wasserstoff" (1972) und "Der Geist fiel nicht vom Himmel" (1976) -- breit ausgeführt hat, das wird hier nur knapp zusammengefaßt, ergänzt und zugespitzt auf die Fragestellung "Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen". Was immer die Bibel und eine statische mittelalterliche Weltschau vom Anfang der Welt, des Lebens und des Menschen sagen mag, 400 Jahre nach Kopernikus, 300 Jahre nach Galilei, 200 Jahre nach Kant und 100 Jahre nach Darwin (allesamt vom kirchlichen "Lehramt" verurteilt) will es Ditfurth auch strenggläubigen römischen Katholiken, protestantischen Fundamentalisten und naturwissenschaftlichen "Vitalisten" deutlich machen, daß Evolution ein universaler Begriff ist, der die ganze Wirklichkeit von Welt, Leben und Mensch, der Kosmogenese, Biogenese und Anthropogenese umfaßt. Also konkret:
* die Kosmogenese: Evolution meint nicht erst die biologische Entwicklungsgeschichte, sondern die gesamte Entwicklung des Kosmos, jene Welt-Geschichte, die mit dem Urknall vor 13 oder mehr Milliarden Jahren begonnen hat;
* die Biogenese: Auch die ersten Lebensformen haben sich aus den vorausgehenden Entwicklungsphasen der unbelebten Materie entwickelt, wie dies die Mikrobiologie schon weithin zu erklären vermag;
* die Anthropogenese: Erst recht hat der Mensch selber sich aus niederen Lebensformen entwickelt und entwickelt sich, freilich in ungeheuer großen Zeiträumen, noch weiter, so daß der heutige Mensch keineswegs als Ziel der Entwicklung, Gipfel der Evolution, "Krone der Schöpfung" zu verstehen ist.
Dies alles aber bedeutet: Keine grundsätzliche Zäsur im Evolutionsprozeß! Keine Trennung dieser Welt in zwei Hälften: als ob in der einen ausschließlich die Naturgesetze regierten und in der anderen der unmittelbare Eingriff eines göttlichen Schöpfers.
So unvollständig unsere naturwissenschaftliche Welterkenntnis im einzelnen sein mag, soviel ist sicher: Das ganze Universum hat "historischen" (und damit freilich auch "provisorischen"!) Charakter. So wie es ist, ist es nicht gewesen und wird es auch nicht bleiben. Für diese Universalität der Evolution plädiert Hoimar von Ditfurth mit zahlreichen Belegen und Argumenten, und er scheut sich nicht, auch auf die primitivsten Gegenargumente von "Gläubigen" ("Gott hat nun einmal alles unmittelbar so gemacht") einzugehen und Darwin gegen die zahlreichen sozialdarwinistischen Mißverständnisse zentraler Darwinscher Begriffe ("Kampf ums Dasein", "Überleben der Tüchtigsten") in Schutz zu nehmen.
In der Tat, auch konservative Theologen und Kirchenmänner werden es heute nicht mehr bestreiten können, wenn sie Argumente überhaupt noch zur Kenntnis nehmen: Darwins Evolutionstheorie darf heute als geradezu physikalisch -- nicht nur auf der Ebene der lebendigen Zelle, sondern der Moleküle -- begründet und experimentell nachgeprüft angesehen werden.
Ja, die Molekular-Biologie hat in unseren Tagen die Biologie nicht weniger revolutioniert als eine Generation früher die Quantenmechanik die Physik. Schon auf der Ebene der Moleküle regiert das von Darwin zunächst in der Pflanzen- und Tierwelt festgestellte Prinzip der "natürlichen Auswahl" und des "Überlebens der Tüchtigsten", so daß die Entwicklung auf Kosten der weniger tüchtigen Moleküle unaufhaltsam nach oben treibt.
Trotzdem ist der gesamte, in sich zusammenhängende, durchaus folgerichtige Prozeß nicht einfach determiniert. Das Ganze ist ein großes "Spiel" von Zufall und Notwendigkeit, von zufälliger Mutation und gesetzmäßiger Selektion. "Naturgesetze steuern den Zufall", wie der Biologe Manfred Eigen formulierte. Oder im Sinne der Quantenmechanik und Molekular-Biologie gegen Einstein: Gott würfelt doch, aber nach bestimmten Spielregeln. Freilich -- Gott? Warum hier nun doch von Gott sprechen? Macht die sich selber organisierende Materie, die sich selber regulierende Evolution, Gott nicht überflüssig, wie der Biologe und Atheist Jacques Monod in "Zufall und Notwendigkeit" gemeint hat?
Hier sind wir beim eigentlichen Neuen an Ditfurths neuem Buch. Die zentrale Frage, die er kühn schon im allerersten Satz formuliert, lautet: "Kann man an die Existenz oder gar an die tätige Anwesenheit eines Gottes in einem Universum glauben, das sich nach einigen Jahrhunderten naturwissenschaftlicher Forschung unserem Verstand als erklärbar zu präsentieren begonnen hat? Diese einfache, aber alles entscheidende Frage bildet den Hintergrund dieses Buches."
Noch ist freilich nicht vergessen, mit welchen Mitteln sich die Kirche durch die ganze Neuzeit hindurch gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse gewehrt und damit den Gottesglauben unglaubwürdig gemacht hat. Und noch heute ist vielen, wie auch Demoskopen bestätigen, ein Haupthindernis für den Glauben die Tatsache, daß die Naturwissenschaftler S.256 die Welt ganz anders erklären als die Kirchen.
Wie zwiespältig ist die kirchliche Verkündigung noch immer, und wie wenig theologisch reflektiert jenes heutige naturwissenschaftliche Weltbild, hinter das es bei aller ständigen Korrektur (Theologen sollten sich da nicht täuschen) kein Zurück gibt. Aber auch das andere gilt: Selbst dieses naturwissenschaftliche Weltbild (da sollten Naturwissenschaftler sich nicht täuschen) läßt die Frage nach Ursprung und Sinn des Ganzen nicht verstummen, stellt also kurz gesagt die Frage nach Mensch und Gott.
Wo stehen wir heute im Dialog Theologie-Naturwissenschaft? Das Buch dieses engagierten Naturwissenschaftlers scheint der Prognose engagierter Theologen heute recht zu geben: daß Naturwissenschaft und Theologie nach einer Periode des feindlichen Gegeneinanders und dann des friedlich-schiedlichen Nebeneinanders jetzt in eine Periode des kritisch-dialogischen Miteinanders eintreten.
Von Anfang bis Ende betont Ditfurth immer wieder, daß Naturwissenschaft und religiöse Weltdeutung sich nicht ausschließen, sondern sich vereinigen lassen: "Jedenfalls waren die Aussichten auf eine Harmonisierung von religiösem und naturwissenschaftlichem Weltbild seit dem frühen Mittelalter nicht mehr so günstig wie heute."
Wir sind von dieser Welt, aber wir sind nicht nur von dieser Welt! In drei mit naturwissenschaftlichem Material reich belegten Gedankengängen versucht Ditfurth deutlich zu machen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse den Grundaussagen der Theologie nicht nur nicht widersprechen, sondern dem theologischen Weltverständnis neue Wege der Deutung eröffnen können.
Erstens: Evolution und Schöpfungsglaube widersprechen sich nicht, sondern die Evolution ist als sich noch immer vollziehende Schöpfung zu verstehen: also nicht etwa erneut die naivreligiöse Behauptung eines mirakulösen göttlichen "Inter-venierens", "Dazwischen-kommens", welches den kausalen Ablauf unterbricht, eines unvermittelten "übernatürlichen" Eingreifens in den sonst ungestörten naturgesetzlichen Weltprozeß.
Aber andererseits auch nicht erneut eine naturwissenschaftliche Ideologie, die in Kompetenzüberschreitung alle "Welträtsel" (Ernst Haeckel 1899) zu lösen und Gott aus der Welt hinauszuerklären beansprucht. Vielmehr die Einsicht, daß die gesamte kosmologisch-biologisch-anthropologische Entwicklung sich in ihrem Ursprung nicht selbst zu erklären vermag: "Nicht wie die Evolution sich abspielt, ist das Geheimnis, sondern daß sie sich abspielt ... Wir beginnen zu durchschauen, wie sie abläuft. Unsere Wissenschaft muß sich jedoch als unzuständig bekennen, wenn wir danach fragen, S.257 warum diese Entwicklung und ihre Ordnung überhaupt existiert."
Ditfurth findet es dagegen rational verantwortbar, die Entwicklung zu verstehen als den nicht fernen, sondern noch immer weitergehenden göttlichen Schöpfungsakt: die für uns so quälend langsame Evolution als den (ewigen) "Augenblick der Schöpfung", auf den Energie und Materie, aber auch Raum und Zeit und alle Naturkonstanten (Lichtgeschwindigkeit) und Naturgesetze zurückgehen.
Zweitens: Diese unsere objektive Realität schließt eine transzendente Wirklichkeit nicht aus, sondern läßt die Hypothese einer ganz anderen Wirklichkeit, einer jenseits unserer Erfahrung, als wahrscheinlich erscheinen: Die heutige evolutive Erkenntnistheorie, in der sich die philosophischen Einsichten Kants und Poppers mit den naturwissenschaftlichen von Konrad Lorenz verbinden, ist weit weg von der positivistischen Ideologie zu Beginn dieses Jahrhunderts. Unsere Sinnesorgane bilden nämlich die Außenwelt (deren Existenz außerhalb unseres Bewußtseins wir nur in einem Vertrauensakt annehmen können!) keineswegs ab, sondern deuten sie.
Das heißt: Wir erkennen die Wirklichkeit an sich nur partiell, stark vereinfacht, verschwommen. Der Umfang der realen Welt sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos überschreitet den Horizont unserer Erkenntnis quantitativ wie qualitativ: Der von Sternen erfüllte Weltraum -- hundert Milliarden Galaxien von der Größe unseres Milchstraßensystems allein in dem beobachteten Teil des Kosmos -- stellt sich für die Astrophysik als eine grenzenlose Endlichkeit oder eine endliche Grenzenlosigkeit dar; und im subatomaren Bereich kann auch die Quantenphysik "die Wirklichkeit" nur mit mathematischen Formeln, mit Bildern und Metaphern zu umschreiben versuchen.
Sowohl die unsere Vorstellung transzendierende Vierdimensionalität des Raumes wie der paradoxe Korpuskel-Welle-Dualismus im Innersten der Materie sind zwingende Hinweise darauf, "daß der Raum, in dem wir existieren, in Wahrheit eine -- mindestens eine! -- Dimension mehr haben muß, als wir es uns vorzustellen vermögen". Eine "innerweltliche Transzendenz" also, die die Frage nach einer total anderen Transzendenz, von der die Religionen reden, wachruft!
Umgekehrt: Die Beschränkung der Naturwissenschaft auf die experimentelle Untersuchung und der methodisch berechtigte Verzicht auf die Behandlung der "großen Fragen" (Gott, Sinn des Lebens, Ethos, Leben nach dem Tod) darf nie zur positivistisch verabsolutierten Weltanschauung werden. Soviel steht fest: Es gibt in jedem Fall eine Wirklichkeit jenseits unserer Vernunft, auch wenn nur der Glaube -- und nicht die Beweise der Vernunft -in S.259 dieser Wirklichkeit eine Wirklichkeit Gottes anzunehmen vermag.
Drittens: Diese Welt hat nicht nur einen Anfang (Urknall), sondern auch ein Ende: Wie wird es aussehen? Gegen das fast unausrottbare anthropozentrische (vorkopernikanische) Vorurteil, gegen allen menschlichen "Mittelpunktswahn", ist aufgrund neuerer Forschungen anzunehmen, daß die Evolution auch auf anderen unter den unzählbaren Planetenmilliarden zur Entwicklung von Leben und Bewußtsein geführt hat und somit zur Existenz außerirdischer, nichtmenschlicher intelligenter Lebewesen.
Gegenüber solchen Lebewesen, aber möglicherweise auch gegenüber unseren eigenen Nachkommen, in deren Großhirnrinde nach einigen Jahrhunderttausenden neue "Zentren" entstanden sein mögen, erscheinen wir vielleicht geradezu als die "Neandertaler der Zukunft". Jedenfalls haben wir das Tier-Mensch-Übergangsstadium noch nicht hinter uns und das Stadium des Homo sapiens in Wirklichkeit noch vor uns.
Naturwissenschaftliche Theorien und Ergebnisse sprechen zur Zeit dafür, daß unsere Welt räumlich und zeitlich endlich ist. Die Evolution ist zwar nicht von vornherein finalistisch auf ein konkret festliegendes Ziel gerichtet. Aber sie kann im Spiel von Zufall und Notwendigkeit eine Entwicklungsstufe erreichen, die aller Evolution nachträglich einen eindeutigen Sinn verleiht: ihr Ende, in welchem alle ihre Tendenzen verwirklicht sind.
In der bisher letzten Phase der kosmischen Geschichte hat sich neben Energie und Materie vor allem das Psychische als bis dahin unbekannte Kategorie entwickelt: die unterschiedlichen Grade des Bewußtseins (das auch Tiere haben) und besonders das "Geistige", das aber gebunden erscheint an das materielle "Gehirn". Wie entstand der Geist? Ditfurth möchte keinen idealistischen Standpunkt vertreten, nach welchem ein ewiger Geist die Materie "zeugte" (Materie also Produkt des Geistes). Freilich auch keine materialistische Sicht, der zufolge eine ewige Materie den Geist "hervorbrachte" (der Geist Produkt der Materie).
Vielmehr wirbt er für eine dualistische Auffassung, eine Parallelität (und Wechselwirkung) von Geist und Materie, nach welcher der Geist selbständig und unabhängig von der Materie gegeben ist, und zwar aufgrund von Möglichkeiten oder Prinzipien, die schon vor unseren Hirnen existierten, ja, die von Anfang an zusammen mit den Elementarteilchen, den Naturkonstanten und Naturgesetzen vorhanden waren: Möglichkeiten oder Prinzipien des Geistes, die "als der Widerschein jener transzendentalen Ordnung aufzufassen sind, ohne die es in der Welt keine geordneten Strukturen gäbe".
In solcher Sicht hätte die Evolution es fertiggebracht, "unser Gehirn auf einen Entwicklungsstand zu bringen, der in ihm einen ersten Reflex des Geistes einer jenseitigen Wirklichkeit entstehen läßt".
Ich gestehe, daß mich der dritte Gedankengang dieses Buches, dem zumindest der Systematiker insgesamt eine etwas strengere systematische Durchstrukturierung gewünscht hätte, nicht in gleicher Weise überzeugt wie die beiden ersten. Von den Schwierigkeiten gegen den psycho-physischen Parallelismus einmal abgesehen: Ist Hoimar von Ditfurth nicht vielleicht letztlich doch allzusehr optimistischer Teilhardist, wenn er damit rechnet -- und sei es auch nur in "spekulativ entworfenen Bildern" --, daß im Verlauf des Entwicklungsprozesses "der Kosmos mit jenem geistigen Prinzip zu verschmelzen begonnen hat, das die Voraussetzung für seine Entstehung gewesen ist und für die Ordnung, die sich im Ablauf seiner Geschichte entfaltet"?
Hätte er nicht ernsthaft die End-Vision vieler Astrophysiker reflektieren müssen, nach welcher die gegenwärtige Expansion des Universums ständig fort- und fortschreitet und dabei in allen Sternen Kernprozesse vor sich gehen, bei denen die Materie im Sterninneren schließlich zu "Asche" verbrennt, so daß langsam Kälte im Kosmos einzieht, Tod, Stille, absolute Nacht?
Die Gottesfrage stellt sich so erst recht: alles aus nichts und für nichts? Und gegenüber der Zentralfrage des Buches erscheinen andere kritische naturwissenschaftliche und theologische Fragen, die man hier anfügen könnte, nur doch letztlich als quaestiones minores. Naturwissenschaftler und Theologen mögen sie diskutieren; Ditfurth fordert dazu auf. Aber hoffentlich werden sie bei diesen Diskussionen nicht S.262 übersehen, worauf es Hoimar von Ditfurth ankommt in seinem kühnen Entwurf, der -- räumlich, zeitlich, geistig -- weite Perspektiven eröffnet.
Es gibt nicht zwei Wahrheiten; das geistige Schisma zwischen Naturwissenschaft und Religion ist aufzuheben, und Ditfurths Buch ist eine Herausforderung dazu. Eine Herausforderung sowohl für jene Theologen und Kirchenmänner, die naturwissenschaftliche Fragen und Ergebnisse für irrelevant halten, wie für jene Naturwissenschaftler, für die philosophisch-theologische Fragen uninteressant sind.
Ja, wir sind nicht nur von dieser Welt. Der Naturwissenschaftler Hoimar von Ditfurth -- zwischen Atheismus und Fundamentalismus -- optiert klar für eine religiöse Weltdeutung, deren bildhafte, metaphorische, mythologische Aussagen freilich nicht wortwörtlich, historisierend, im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Ergebnissen verstanden werden dürfen.
Soviel Zustimmung sollten Theologie und Kirche deshalb nicht apologetisch mißbrauchen oder rechthaberisch vereinnahmen. Denn das positive Votum dieses Naturwissenschaftlers hat seinen Preis: die Theologie, ihre Sprache und ihr Denken, muß sich verändern! Hoimar von Ditfurth fordert Theologen und Kirchenmänner eindringlich auf, das mittelalterlich-statische Weltbild endlich definitiv aufzugeben und das moderne Weltbild nicht halbherzig, sondern konsequent zu übernehmen.
Dies hat nicht nur eine andere Sicht der Christologie als "Menschwerdung Gottes" zur Folge. Ditfurth stellt die Frage, die möglicherweise anders zu beantworten ist als von ihm insinuiert: Läßt sich angesichts vielfältiger planetarischer Möglichkeit in tausend anderen Welten die historische Einmaligkeit und Ausschließlichkeit eines göttlichen Offenbarungsträgers Jesus Christus aufrechterhalten?
Das neue evolutive Weltbild aber modifiziert darüber hinaus die gesamte Gottes- und Schöpfungslehre, auch die Lehre von Urstand und Ursünde, ja die gesamte Theologie bis hin zu den Fragen der Ethik und der "letzten Dinge" (Tod, Teufel, Gericht, Himmel, Hölle). Kurz, in der Sprache heutiger Wissenschaftstheorie formuliert: Ein neues "Paradigma" (Thomas S. Kuhn) von Theologie ist gefordert, für das freilich die Zeit nach mehr als 300 Jahren experimenteller Naturforschung und mehr als 200 Jahren historisch-kritischer Bibelforschung reif geworden ist.
Hoimar von Ditfurth will mit all dem Gott nicht "beweisen" (daß dies schon die mittelalterliche Scholastik eingesehen hätte, läßt sich in globo und erst recht vom zitierten Thomas von Aquin freilich nicht behaupten). Aber er will für das "plädieren", was naturwissenschaftliche Erkenntnisse heute dem nicht von vornherein Verschlossenen (den kein Argument zu öffnen vermag) zumindest nahelegen.
Gottesglaube wird so für den Naturwissenschaftler nie eine Sache des rationalen Beweises sein, hoffentlich aber auch nie nur eine der irrationalen Stimmung, wohl aber eine Sache des Vertrauens, und zwar -- und dies bestätigt Ditfurths Buch höchst eindrücklich -des durchaus vernünftigen Vertrauens. Denn um kein Haar besser als die Liebe, die blind macht, wäre der Glaube, der blind ist.

DER SPIEGEL 42/1981
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