08.06.1981

Ein Nietzsche für Grüne und Alternative?

Rudolf Augstein zur Philosophie vom Übermenschen Wenn ich nur den Muth hätte, Alles zu denken, was ich weiß. Nietzsche, 1887 Wir leben die Periode der Atome, des atomistischen Chaos. Nietzsche, 1874
In fünfzig Jahren, so schreibt der Sohn der Mutter am 18. Oktober 1887, werde sein Name in einer Glorie von Ehrfurcht strahlen. Die Prophezeiung war nicht rundum falsch. Zwei Diktatoren hatten ihm anno 1937 ihre Reverenz erwiesen.
Als richtiger aber erweist sich die zweite Selbst-Prophetie, er werde unzweifelhaft "einige Jahre früher in Frankreich ''entdeckt'' sein als im Vaterlande". Wer? Der vor Hitler die ungeheuerlichsten Dinge gesagt, gedacht, geschrieben hat, Friedrich Nietzsche, 1844 in Röcken bei Leipzig geboren und 1900, seit zwölf Jahren geistig umnachtet, in Weimar gestorben.
Zwei Italiener, Giorgio Colli und Mazzino Montinari, haben im Nachlaß gewühlt und sind fündig geworden, weil sie, wie Montinari meint, Nietzsche nicht erst "entnazifizieren" mußten. Frankreichs "neue Philosophen" haben ihn für sich entdeckt, Antimarxisten, Strukturalisten und Neo-Marxisten. Das "Vaterland" hat ihm 1980 ein Rowohlt-Literaturmagazin sowie 1978/79 und 1980 zwei abendfüllende Biographien gewidmet, im Hamburger Thalia-Theater taucht er leibhaftig auf und beteuert seine Unschuld, in München kraxelt er schreiend zwischen Opernstyropor umher.
Steht Deutschland eine Nietzsche-Renaissance bevor? Ganz gewiß, wenn die Vernunft zertrümmert, wenn der heilige Irrationalismus gepriesen wird. Auch in Deutschland ist die Anarcho-Losung: "Keine Macht für niemand!" Funke aus Nietzsches Haupt. Nur darf man die "Geistesgeschichte" nicht falsch klassifizieren. Sie ist tatsächlich nur die Abfolge von Gedanken und höchst fragwürdig, was die Folgen angeht.
Der krasse Widerspruch in der Aufnahme Nietzsches seit 1945, in der Aufnahme dieses bis 1889 hellen Geistes, sticht ins Auge: Er wird gerühmt wie kein zweiter, siedelt manchmal schon über Darwin, Marx und Freud, wird aber für das, was er als sein Eigentliches hielt, für Herrenmenschen- und Eroberertum, für Verachtung und Ausrottung unwerten Lebens, für kruden Machtegoismus und barbarische Kriegsschwärmerei nicht mehr in Anspruch genommen.
Im Gegenteil, Umberto Saba, Dichter und Jude, schrieb noch in den 40er Jahren: "Allzu viele Jahre, ein ganzes Mittelalter müssen vergehen, ehe die Menschen aufhören, Nietzsche falsch zu verstehen, das heißt, zu verdammen und zu verfluchen." Und von Albert S.157 Camus stammt das Wort: "In der Geistesgeschichte gibt es, mit Ausnahme von Marx, keinen Fall, der dem Nietzsches an Abenteuerlichkeit gleichkommt; und niemals wird man das Unrecht gutmachen können, das man ihm angetan hat."
Man darf Nietzsche nicht wörtlich nehmen, so Thomas Mann 1918, darf ihm (fast) nichts glauben, so derselbe 1930. Siebzehn Jahre später, nach Hitler, suchte Thomas Mann in diesem "Socialisten"-Verächter den verkappten Sozialisten. Nietzsche ist nicht ernstzunehmen, jubelten die Dadaisten 1920, und putzten an seinem Thron.
Der Pisaner Professor Giorgio Colli, 1979 gestorben, der Senior-Herausgeber der "Kritischen Studienausgabe", deutet ihn strikt und streng aus, vernichtet und entwickelt ihn.
( Giorgio Colli: "Nach Nietzsche". ) ( Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; ) 1980; 216 Seiten; 28 Mark.
( Friedrich Nietzsche: "Sämtliche Werke. ) ( Kritische Studienausgabe in 15 Bänden". ) ( Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino ) ( Montinari, Deutscher Taschenbuch ) ( Verlag, München und de Gruyter Verlag, ) Berlin; 1980; 298 Mark.
( Curt Paul Janz: "Friedrich Nietzsche. ) ( Biographie in drei Bänden". Carl Hanser ) ( Verlag, München/ Wien; 1978/79; 1992 ) Seiten; 171 Mark.
( Werner Ross: "Der ängstliche Adler. ) ( Friedrich Nietzsches Leben". Deutsche ) ( Verlags-Anstalt, Stuttgart; 1980; 832 ) ( Seiten; 48 Mark. )
"olli: Seine Stimme übertönt jede andere Stimme der Gegenwart; di" " Klarheit seines Denkens läßt jedes andere Denken unscharf " " erscheinen. Für den, der sich aus den Ketten gelöst hat und " " in der Arena der Erkenntnis und des Lebens Tyrannen nicht " " anerkennt, zählt einzig er. "
Wenn Nietzsche ein Bergwerk ist, in dem sich jeder mit seiner Feuilleton-Schippe bedient, so steht die Tafel des Heraklit am Eingang, daß "die Goldsucher viel Erde graben und wenig finden". "azu Colli: Im Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden" " Nietzsche hat alles gesagt und das Gegenteil von allem. Und " " überhaupt ist es unredlich, sich der Zitate aus Nietzsche zu " " bedienen, wenn man über ihn spricht. "
Die "neuen Philosophen" in Paris, teils auch die Strukturalisten, gehen anders vor, unsystematisch, anarchisch, irrational, chaotisch. Da Nietzsche mit seinem genial-wirren Entwurf nicht zurechtgekommen ist, ihn abgebrochen, ja, sich über seiner konsequenten Persönlichkeits-Selbstspaltung verzehrt und ausgelöscht hat, kann ihm Gilles Deleuze 1972 in seinem verführerisch glänzenden Essay "Nomaden-Denken" eine Heldenrolle, übertragbar in der Wirklichkeit auf Che Guevara, zuschreiben.
Nietzsche, in diesem Verstand, ist "der Nomade mit seiner Kriegsmaschine", der sich "dem Despoten mit seiner Administrationsmaschine" widersetzt: Der Denker als Über-Afghane: "Fahne einer wilden Autonomie" (Claudio Magris).
Der Wahnsinn in jederlei Gestalt wird zur höchsten Lebensform, weil die größtmögliche Abweichung von den versteinerten Instituten der Konvention (und das heißt: der Scheinwirklichkeit) religiöse Pflicht wird: Nietzsche nicht als Mensch in seinem Widerspruch, sondern als Widerspruch vergöttlicht.
Die "befreiende Atmosphäre" von Nietzsches Denken hatte auch Herbert Marcuse empfunden. Nietzsche bekämpft, wie aus dem Nachlaß bekannt, den "ökonomischen Optimismus", das ist eine Brücke zu den Linken. Durch die wachsenden Unkosten aller wachse nicht automatisch der Nutzen aller, im Gegenteil, der Mensch werde geringer: "Ein Wozu? -- ein neues Wozu? -das ist es, was die Menschheit nötig hat."
Aber seine Antwort sprengt die Brücke zu den Linken und zu den Grünen sogleich wieder in die Luft. Nietzsche will die große Masse, die Herde, getrost in der "Entfremdung" (um ihn in eine marxistische Formel zu sperren) belassen, er will sie noch tiefer hineinstoßen: S.160 Bis zum Ende seines bewußten Denkens verficht er eine Art Klassenkampf, in dem der "Luxus-Überschuß der Menschheit" ans Licht tritt, eine "stärkere Art, ein höherer Typus", der "andere Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen" hat als der Durchschnittsmensch. Nietzsche: "Mein Begriff, mein Gleichnis für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort ''Übermensch''." Es folgt "ann der aufschlußreiche Satz: Im Gegensatz zu dieser Verkleineru"g " und Anpassung der Menschen an eine spezialisiertere " " Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten Bewegung - der " " Erzeugung des synthetischen, des summierenden, des " " rechtfertigenden Menschen, für den jene Machinalisierung der " " Menschheit eine Daseins-Vorausbedingung ist, als ein " " Untergestell, auf dem er seine höhere Form zu sein sich " " erfinden kann. "
Schon in den Nachträgen aus einer "erweiterten Form der Geburt der Tragödie", schon in "Ursprung und Ziel der Tragödie", schon 1870/71 also, wird Sklaverei für notwendig erkannt: "Das Elend der mühsam lebenden Menschen muß noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Production der Kunstwelt zu ermöglichen."
Man muß kein "neuer", man muß kein italienischer und kein französischer Philosoph, man muß kein Psychologe von der Subtilität Nietzsches sein, um wie mit dem Hammer vor den Kopf zu bekommen, worum es Nietzsche ging: um die Geburt eines höheren Kultur-Typus, vulgo des Künstlers, der zu werden dem Friedrich Nietzsche mit seiner unglücklichen Liebe zum musikalischen Theater verwehrt war. Nietzsche schreibt von sich, Wagner habe ihn einen "verunglückten Musikus" genannt. Der Künstler ist bereits der höhere Mensch, der nicht lügen kann, weil er weiß, daß er durch seine ganze Existenz ex definitione lügt.
Wie gesagt, wenn schon nicht die Linken, auch die Ökologen und die Grünen kommen bei Nietzsche nicht gefahrlos auf ihre Kosten. "chließlich gebietet er unter dem Motto "gefährlich leben": Baut " " eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in " " unerforschte Meere! Lebt im Kriege mit Euresgleichen und mit " " euch selber! Seid Räuber und Eroberer, solange ihr nicht " " Herrscher und Besitzer sein könnt, ihr Erkennenden! "
Wäre denn also Nietzsche so ungemein folgenreich für die Geistesgeschichte, wie auch der Bonner "Vorwärts" behauptet, und hätte er tatsächlich "die Gemüter" beschäftigt wie kein anderer, so wäre allerdings zu fragen, welche Folgen die Geistesgeschichte nun hat, und ob überhaupt Folgen.
Ob sie nicht vielmehr "im Geiste mitmarschiert", also widerspiegelt, was auch ohne sie wirklich wird ("Überbau"). Es wirkt ja leicht grotesk, wenn S.161 der Kulturkritiker Gottfried Benn den Kulturkritiker Friedrich Nietzsche als "das Erdbeben" feiert; wo es doch schon ein Großes wäre, als Seismograph des Erdbebens nachträglich erkannt zu werden. Nietzsche war physisch ungemein wetterfühlig, oder glaubte es zu sein.
Alle jene "neuen" Philosophen in Frankreich, die Nietzsches Methode der Annäherung, nicht aber die Ergebnisse seines Denkens preisen, gehen generös darüber hinweg, daß sich hier einer, in seinen Ausdrucksformen intuitiv und genial, kontinuierlich zurück in einen Knaben verwandelt.
Die Franzosen hingegen, mit ihrem klaren lateinischen Verstand, haben es auf den großen Irrationalen abgesehen, auf einen Deutschen, der mit dem Hammer philosophiert, auf den Zertrümmerer jeglicher Vernunft. Es geht ihnen um den Hammer und um das Feuer, nicht um das Eisen. Ist das alles? Bei Nietzsche, wie anders, nicht. Man hantiert, wenn wir den Heraklit umkehren wollen, mit einer Kinderschaufel, und findet im Handumdrehen Gold. Graben muß man nicht.
Nein, verlassen wir die Geistesgeschichte, wenden wir uns dem seit 1945 so peinlich eingekastelten Tabu zu, jenem bis dahin bekannteren Nietzsche, jenem -- um es mit dem ungarischen Marxisten Georg Lukacs in einem kurzen Prozeß abzumachen -- Herold, Wegbereiter und Ansager Adolf Hitlers, dem Propheten also. Lukacs noch 1954: "Hitler ist der Testamentsvollstrecker Nietzsches." Deutlicher geht''s nicht.
An der Oberfläche spricht vieles, wenn nicht alles dafür. Bereits 1908 äußerte der damals noch Anarcho-Sozialist Mussolini die Ansicht, daß Nietzsche die Menschen "von der Nächstenliebe erlösen" werde. 1933 erhielt Mussolini vom Nietzsche-Archiv in Weimar die telegraphische Widmung: "Dem herrlichsten Jünger Zarathustras, den sich Nietzsche träumte." Oberherrin in Weimar war die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche.
Aber wie das? Gab es denn da nicht schon einen soeben von der Macht ergriffenen Adolf Hitler, der größeren Anspruch geltend machen konnte, dieser herrlichste Jünger zu sein? Oder stand er schon höher als ein noch so herrlicher Jünger?
Jedenfalls, in Hitlers Schriften kommt der Name Nietzsche nicht vor, in seinen Tischgesprächen nur zusammen mit Schopenhauer und Kant. Aber Hitler wußte, was er sich schuldig war. Am 15. Oktober 1934 erschien er zur Feier von Nietzsches 90. Geburtstag in der Weimarer Villa "Silberblick", wo die furchtbare Schwester als Dr. h. c. der Philosophischen Fakultät Jena residierte (der Villenname scheint eher Karl May als Goethe entliehen), und nahm zur Erinnerung einen von Nietzsche benutzten Spazierstock mit. Zur Trauerfeier für diese schreckliche Witwe des Bankrotteurs und Selbstmörders Dr. Bernhard Förster besuchte am 11. November 1935 der spätere Selbstmörder und Bankrotteur Hitler Weimar. Während des Kriegs schenkte Hitler seinem Kompagnon Mussolini eine auf Pergament gefertigte Abschrift von Nietzsches Werken.
Nur sind ja Gedanken und Ideen zollfrei, nicht immer dingfest zu machen. Haben sich die Himmler, Heß, Rosenberg, Goebbels, haben sich Hitlers Gefolgsleute von Nietzsche beeinflussen lassen? Bei Rosenberg ("Mythus des 20. Jahrhunderts") ist das nachweisbar.
Er rechnet Nietzsche den "wirklichen Ahnen" des Nationalsozialismus zu, neben Richard Wagner und dessen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, die nun allerdings von Nietzsche wenig beeindruckt waren. Rosenberg hebt hervor, daß gerade die Gegner des Nationalsozialismus Nietzsche anhingen, daß sie ihn "verfälschten": "Nietzsche war in die Träume brünstiger politischer Buhler gefallen, was schlimmer war als in die Hände einer Räuberbande."
Sehr glaubhaft ist, daß Hitler seine rassischen "Lehren" weder direkt noch indirekt von Nietzsche bezogen hat. Es gibt ja bei Nietzsche keine speziell jüdische, sondern nur eine semitische Rasse. Wo aber doch, sind die Juden "die stärkste, zäheste und reinste" Rasse, anders als die Deutschen.
Seinen Haß auf die Juden kann Hitler überall sonst, in Wien und von den S.163 Bayreuthern, bei Gobineau und Lagarde, nur nicht von Nietzsche bezogen haben. Nietzsche ist der wortmächtigste Feind des Antisemitismus und der Antisemiten, der Feind alles Antisemitischen schlechthin.
Das Auslöschen, Ausrotten, Ausmerzen, die Vernichtung unwerten Lebens ist keine Spezialvorstellung Nietzsches. Es gab diesen mißverstandenen Darwinismus vor Nietzsche und nach ihm.
Erst recht den "Willen zur Macht" brauchte Hitler von niemandem zu lernen, da war er autark. Und gegen wen hatte Nietzsche mehr Ressentiments abgeladen als gegen alles Deutsche in der Kultur, gegen den Mythos der Deutschen in der Kultur? Colli meint sogar, dies sei ihm gelungen: "Nach ihm ist auf diesem Gebiet alles, was deutsch ist, suspekt geworden -- für den, der eine gute Nase hat." (Die "gute Nase" hat er von Nietzsche.)
So läßt sich belegen, daß Nietzsches durchaus vorhandenen Ressentiments gegen alles Jüdische ("wie ein Jude aufs Pferd kommt, ist nicht unbedenklich") ungleich schwächer sind als seine Ressentiments gegen alles Deutsche in der Kultur (wobei Nietzsche auch immer das Gegenteil hervorkehrt, denn er schätzte, was man ihm in Paris gutbringt, die grundlosen, nicht die gegründeten Urteile).
Ein Professor Dr. Karl Justus Obenauer schrieb im Kriegsjahr 1940 über Nietzsches Abgrenzung zum Nationalsozialismus den rundum "ichtigen Satz: In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht " " unwesentlich, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, daß " " etwa im Stichwortregister von "Mein Kampf" zwar Richard " " Wagner und H. St. Chamberlain, nicht aber Nietzsche " " ausdrücklich aufgeführt werden - wird man doch kaum zeigen " " können, daß die entscheidenden Grundgedanken von "Mein Kampf" " " über Rasse, Volk, Staat, Sozialismus, Deutschtum in erster " " Linie auf Grundlehren Nietzsches aufbauen oder diesen " " verpflichtet sind. "
Obenauer tröstet seine Leser, wie gesagt 1940, nicht 1942, mit einem Statement aus Nietzsches Nachlaß: "Wir brauchen ein unbedingtes Zusammengehen mit Rußland, und mit einem neuen gemeinsamen Programm, welches in Rußland keine englischen Schemata zur Herrschaft kommen läßt." Der Irgendwer Obenauer ist nicht irgendwer. Er hat 1936 als Dekan der Philosophischen Fakultät Bonn dem Thomas Mann die Würde eines Ehrendoktors abgeschrieben.
Den aktuellen Aspekt Nietzsches hält denn auch Giorgio Colli für den "ohne Zweifel unbedeutenderen, was auch immer die gelehrte und die "rofane Welt darüber gedacht haben und denken". Colli: Das Werk " " Nietzsches läßt nur allzuoft die Bewunderung durchblicken, " " die der Büchermensch für den Tatmenschen hegt. Aber der " " Tatmensch kennt keine Bewunderung für den Büchermenschen, was " " immer der Inhalt der Bücher sei. Beurteilt man die Begegnung " " von Erfurt mit kühler Gelassenheit, so bemerkt man viel " " Überheblichkeit in der Wertschätzung Napoleons für Goethe. "
Colli hebt ab auf die Begegnung in Erfurt 1808. Der Philosoph Alfredo Guzzoni geht in seinem Vorwort zu einem 1979 erschienenen Nietzsche-Band noch weiter. Er hält sogar Nietzsches Einfluß auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts für gering, seine Philosophie habe das bestehende Menschen- und Weltbild nur vorübergehend erschüttert.
Nur "vorübergehend", das ist ja was. Man wird gleichwohl die unbeweisbare These vertreten dürfen, daß Hitler, Weltkrieg II, Unternehmen Barbarossa und Auschwitz genauso stattgefunden hätten, wenn ein Friedrich Nietzsche nie gelebt hätte. Er hat nicht einen Menschen auf dem Gewissen, nicht einmal sich selbst. Percy Ernst Schramm: "Mag Hitler mehr oder weniger von Nietzsche gelesen haben, er wäre auf alle Fälle der geworden, der er gewesen ist."
Hier ist nicht nur Niemandsland, hier verläuft gar keine Front. Nietzsche muß nicht vor die Spruchkammer. Gottfried Benn 1952: "Nietzsche hörte 1890 zu schreiben auf, er ist unschuldig daran, daß sich 50 Jahre später die Diktatoren ihr Bild bei ihm bestellten."
Gut, er ist unschuldig. Schuldig, das wäre so, als wollte man Franz Kafka Mitschuld am Stalin-Gulag zumessen, weil er die Welt der Stalinschen Schauprozesse vorausgesehen habe. Nur klingt dieser Benn-Freispruch etwas harmlos. Wenn Nietzsche nicht verantwortlich für Hitlers Taten ist, dann aber doch immer noch für sein eigenes Denken und Schreiben?
Robert Musil, in "Der Mann ohne Eigenschaften", spricht, seinen Nietzsche umkreisend, von dem Unterschied zwischen "Wirklichkeitssinn" und "Möglichkeitssinn". Wir heute können in dem Roman eine verblüffende Assoziation zwischen den beiden Figuren Nietzsche und Hitler aufspüren. Musil denkt sich einen Mann, der "Möglichkeitssinn" hat: Es ist die Wirklichkeit, welche die " " Möglichkeiten weckt, und nichts wäre so verkehrt, wie das zu " " leugnen. Trotzdem werden es in der Summe oder im Durchschnitt " " immer die gleichen Möglichkeiten bleiben, die sich " " wiederholen, so lange, bis ein Mensch kommt, dem eine " " wirkliche Sache nicht mehr bedeutet als eine gedachte. Er ist " " es, der den neuen Möglichkeiten Mussolini 1935 auf der Piazza " " Venezia: "Der herrlichste Jünger Zarathustras" erst ihren " " Sinn und ihre Bestimmung gibt, und er erweckt sie. "
Dieser Mann zieht eine Schnur durchs Wasser und hat keine Ahnung, ob ein Köder daran sitzt. Er interessiert sich nicht für das auf den Köder beißende Leben, ist immer in Gefahr, spleenige Dinge zu tun, bleibt unzuverlässig und unberechenbar im Verkehr mit Menschen. Er wird, so fährt Musil fort, Handlungen begehen, die ihm etwas anderes bedeuten als anderen. Aber er beruhigt sich über alles, sobald es sich in einer außerordentlichen Idee zusammenfassen läßt.
Somit ist der "Möglichkeitssinn", den Nietzsche und Hitler beide hatten, vorerst ein von der Wirklichkeit abweichender Sinn (Musil: "Die noch nicht erwachten Absichten Gottes"). Die stärkste Abweichung von der Wirklichkeit aber ist der Wahnsinn.
Will man so freigeistig sein, den drei so unterschiedlichen Jahrhundert-Deutschen Hölderlin, Nietzsche und Hitler (falls der nicht von Österreich reklamiert wird) ein Gemeinsames zu attestieren, so ist es ein von der Wirklichkeit abweichender Unmöglichkeitswahn, bei dem für unsere Zwecke unerheblich bleibt, ob er sich klinisch einordnen läßt. Mag sein, wie Nietzsches Freund Overbeck zu bedenken gibt, daß er sich den Wahnsinn "zugelebt" hat.
Jene von Colli an den noch "gesunden" Nietzsche herangetragene "Exaltation eines nahe bevorstehenden Wahnsinns" müßte dann auch einem "gesunden" Hitler abgehorcht werden, wenn der länger gelebt hätte.
Wir reden hier von dem (noch?) "gesunden" Hitler, dem (noch?) "gesunden" Nietzsche, wir vergleichen Gedanke und Tat. Wir sind ebenso bereit, für möglich zu halten, daß Menschen über ihren inneren Widersprüchen, oder über dem Widerspruch von Möglichkeit und Wirklichkeit zusammenbrechen. Dazu Nietzsche selbst: "Der Ver-Nichtsung durch das Urteil sekundiert die Ver-Nichtsung durch die Hand."
Was einer mit Einsatz seiner ganzen Existenz denkt, wird ein anderer mit Einsatz seiner ganzen Existenz tun, nur anders. Er wird es nicht ausführen, nicht vollstrecken, Kausalität ist nicht notwendig, manchmal gar nicht möglich. Die "Absicht Gottes" eine Chiffre für alle Möglichkeiten einer in sich zusammenhängenden Epoche. Die Absicht wäre dann in Opposition zum Bestehenden eine "unzeitgemäße"; die ganz andere, die "zeitgemäße" Tat wäre die Regierung durch Umsturz des Bestehenden.
Wie war der Pfarrerssohn und Pfarrers-Enkel Friedrich Nietzsche beschaffen, der bis zum Oktober 1888 kein Zeichen klinischen Wahnsinns zu erkennen gab, der das glitzernde Stück "Götzen-Dämmerung" noch 1888 selbst feilte und polierte, und der zwischen dem 15. Oktober, seinem 44. Geburtstag, und dem 31. Dezember 1888 "verrückt" wurde? Oder "zusammenbrach", und der dann als Kind seiner Mutter dahinblödet, bis er im Jahre 1900 stirbt?
Bemächtigen wir uns erst einmal des Gemeinsamen zwischen Hitler und Nietzsche.
* Beider Ziel war ein "Handeln in großem Maßstab"; Colli bemängelt an Nietzsche, er habe eher dem Handeln als dem Denken den Vorzug gegeben, habe den Lauf der Welt ändern wollen ("Aber die Welt kennt keinerlei Lauf!").
* Beide glaubten an eine Bestimmung, der sie alles andere opfern mußten, und sei es ihr Leben. Beide zielten auf eine Erdregierung, beide durch die höhere Rasse.
* Beider Handlungsziel erstreckte sich auf Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende ("Tausendjähriges Reich").
* Beider Bestimmung wurde ihnen bewußt im Alter zwischen 30 (siehe den Bibel-Jesus) und 35 Jahren nach einem entscheidenden Erlebnis. Nietzsche löste sich von seinem Kunst-Idol Richard Wagner, Hitler hatte den Umsturz seiner Werte durch den verlorenen Ersten Weltkrieg hinter sich.
* Beide sahen sich zuerst in der Rolle eines Vorläufers, eines Propheten für den, der da kommen wird. Hitler verstand sich als "Trommler", für den General Ludendorff oder irgendeinen anderen, Nietzsche erdachte sich die Kunstfigur des Gesetzgebers Zarathustra. Beide inthronisierten sich später selbst als obersten Gesetzgeber.
* Beide glaubten, nicht lange zu leben, glaubten sich in Eile. Beider Aktivitäten verliefen konsequent wie eine Inflationskurve bis zum Währungsschnitt. Die nicht mit letzter Sicherheit zu beantwortende Frage, ob und, falls, wann Nietzsche sich mit der Syphilis infizierte, ob und seit wann er an Paralyse litt, wird daher Nebensache, weil neben der Sache.
* Beide eigneten sich Amateurkenntnisse an, die sie dann ohne hinlängliche Absicherung in ihre tägliche Arbeit hineintrugen; Nietzsche etwa auf dem Felde der Welthandelslehre, der Meteorologie und der Alpenkunde. Sie wurden beide Viel- und Alleswisser (Joachim Fest: "Auffallendes Bedürfnis nach rechthaberischer Intervention auf allen Gebieten").
Der Gedanke, Deutschland möge sich Mexikos bemächtigen, um durch eine musterhafte Forstwirtschaft der zukünftigen Menschheit den Ton anzugeben, könnte ebenso von Hitler stammen, wie auch die Idee, die Alpen in ein paar Jahrhunderten bis zur Vollkommenheit zu verschönern.
* Beide laborierten mit Diätetika und Ernährungstheorien, aßen wenig Fleisch und tranken wenig Alkohol. Beide traten auf als "Physiologen".
* Beide hatten zu Freundinnen meist ältere oder betuchte Gönnerinnen, wie sie auch dem Herrn Jesus gefolgt sein mögen, Nietzsche etwa Malwida von Meysenburg und Cosima Wagner. Ausnahme: Eva Braun, die Hitler unmittelbar vor ihrem Gifttod heiratete, und die Kindfrau Lou Salome, der Nietzsche, ohne Erfolg, eine auf zwei Jahre befristete Ehe antrug; sie wollte aber nicht S.166 einen Mann, "der aus Wüste und Gebirge kommt".
* Bei beiden war der Drang zu einem regelmäßigen Sexualleben schwach, falls überhaupt ausgebildet. Beide hatten Abneigung gegen die Ehe (Lou: "Rock der Allerweltsleute") und keine Kinder. Beide lebten wie Zölibatäre, beide aßen Unmengen Kuchen und Süßigkeiten.
Der dionysische Nietzsche übte in Italien "auf ärztliches Anraten" auch den Koitus aus, mehrmals. Zum Rührendsten in einer guten Ehe, notierte er für sich, gehöre das gegenseitige Mitwissen "um das widerliche Geheimnis, aus welchem das neue Kind gezeugt und geboren wird". Er, wie auch Hitler, sprach von Zuchtwahl und Züchtung in der Ehe (Camus: "übrigens kindisch").
An Wagners Musik störte ihn unter anderem, daß sie zu "geheimer Sexualität" überrede, störte ihn "die ekelhafte Sexualität". Er, der "nach einer verklärten Physis" rief, der immerzu versucht war, alles physiologisch zu erklären, hatte, wie sein Schüler Giorgio Colli ohne Zagen konstatiert, einen "Ekel vor dem, was in einem körperlichen Sinne menschlich ist", einen "Widerwillen gegen die Natürlichkeit".
( Nietzsches Tiraden gegen vitale Gelüste ) ( haben manchmal etwas von einem ) ( mittelalterlichen Krippenspiel: "Vergiß ) ( nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht: ) ( du -- bist der Stein, die Wüste, bist ) ( der Tod ..." )
* Beide, Nietzsche wie Hitler, wollten ihre persönliche Katastrophe mit einem kosmischen Weltenbrand a la Wagners "Götterdämmerung" in eins setzen.
Bei Hitler glauben wir''s zu wissen, aber was ist mit Nietzsche? Wie kommt denn nun so einer dazu, von immer furchtbareren Kriegen zu schwärmen, die "kein Spaaß" mehr sind; schließlich war der Krieg von 1870 kein ungeschmälerter Spaß; wie dazu, von einem höheren Typus Mensch, von Mitleidlosigkeit und Auslöschung zu denken? Wie kommt so einer mit einem Hunnen-Schnurrbart zu seinem Ideal der "blonden Bestie"?
Warum sieht er sich in der Rolle des Kriegers, Fechters, Wüstenwanderers, Seefahrers, des Jägers und Bogenschützen, des Tigers, des Löwen und des Panthers, des Adlers in eisiger Gebirgsluft (wie Hölderlin auf das elende Menschengewürm hinabblickend); warum träumt er sich nach Persien und Arabien, "lüstern nach einem runden Mädchen-Maule, mehr aber noch nach mädchenhaften eiskalten schneeweißen schneidigen Beißzähnen"?
Das will nicht kurzerhand mit der beliebten Kompensationstheorie erklärt, das will untersucht werden.
Nietzsche war mittelgroß, ein rüstiger Wanderer zeit seines Lebens, wenn auch wegen der Schwäche seiner Augen seinen Weg suchend. Das Bergsteigen war noch nicht in Mode, die Augen hätten ihn im Stich gelassen. Breitwand-Landschaften sah er besser als Bilder und Gebäude.
Für militärtauglich wurde er nur befunden, weil der Arzt nicht die zu schwachen Augen, sondern die zu schwachen Gläser (Ross) untersucht hatte. Gottfried Benn: "mit 20 Dioptrien auf zwei Brillen" (Nietzsche: "ich Blindekuh"). Schlechter Turner im Internat Schulpforta, linkischer Tänzer hinfort.
Als berittener Artillerist war er laut eigenem Zeugnis der beste Reiter der Schwadron, verletzte sich aber beim Aufspringen auf sein Pferd "Balduin" schwer. Zum Seminar und zur Vorlesung erschien er in Reitstiefeln und mit Reitpeitsche. Kann mit Pistolen umgehen, denkt gelegentlich, trotz seiner Augen, ans Duellieren, sogar, wenn der noch lebte, gegen Wagner, weil der ihm Onanieren vorgeworfen hatte.
Vor Beginn des Krieges 1870 Philologie-Professor in Basel, war ihm bereits die Entlassung aus dem "Preußischen Untertanenverbande" bewilligt worden. Begründung für die Universität: "Ich würde unwiderruflich als Reitender Artillerist eingezogen." Nach den ersten Siegesmeldungen besann er sich, um beim Marsch auf das verruchte und lockende Paris dabeizusein; er sah es seiner Lebtage nicht, und er blieb staatenlos.
Um in Paris als was dabeizusein? Nicht als reitender Artillerist, sondern als Amateur-Sanitäter. Eine Woche irrte er in Frankreich umher, bis man ihn vor Metz aufgabelte und nach Hause schickte. Der Heimweg nach Karlsruhe in einem Lazarettzug reichte aber, um dem unerfahrenen Pfleger die Ruhr und die Diphtherie einzutragen.
Seitdem, und fast ununterbrochen, klagt er über Kopfschmerz, nervöse Schwäche, Magen- und Darmleiden, Schlaflosigkeit. Er war, so der Mediziner und Philosoph Karl Jaspers, "dauernd irgendwie krank". Es beginnt das, laut Ross, "unendliche Herumdoktern" S.168 eines Hypochonders? Vielleicht, vielleicht nicht, vielleicht teils, teils.
Es zeigt sich aber auch zum ersten Male der Wahrsager Nietzsche. An Mutter und Schwester in Naumburg schreibt er, für den jetzigen deutschen Eroberungskrieg ("Eroberung" unterstrichen) nehme seine Sympathie immer mehr ab: "Die Zukunft unsrer deutschen Cultur scheint mir mehr als je gefährdet." Dies eine gefährlich richtige Prophezeiung. Er verfaßt Jahre später folgende Bismarck-Strophe "Beim Anblick eines Schlafrocks": Kam, trotz schlumpichtem Gewand", " Einst der Deutsche zu Verstande, Weh'', wie hat sich Das " " gewandt! Eingeknöpft in strenge Kleider Überließ er seinem " " Schneider, Seinem Bismarck - den Verstand! "
Er beharrt, daß "die französische Kultur fortbesteht wie vorher und wir von ihr abhängen wie vorher".
In Basel gilt er, inzwischen Ordentlicher Professor für Philologie, der nach dem Abitur keine Prüfung mehr abgelegt hat, als halbes Genie, ist aber kein großer Erfolg. Er als einziger läuft tagtäglich mit einem grauen Zylinder in der Stadt umher.
Er kann vor Studenten nicht frei sprechen, braucht eine Anlaufzeit. Er hat nur wenige Hörer, ein Semester lang nur zwei. In einem anderen Semester erreichte er die Traumzahl von 19. "Der Nietzsche! Er kann ja nicht einmal einen gesunden Furz lassen", soll sein Kollege und väterlicher Freund, der um 26 Jahre ältere Jacob Burchhardt, über ihn gesagt haben.
Seinen Brotberuf, in dem er nicht schöpferisch ist, betrachtet er als "lehrreiches Leidwesen". Zehn Jahre tut er in Basel Schulmeisterdienste. Dann entläßt ihn die Stadt generös mit einer Pension. Er wird, was er sein will: philosophischer Schriftsteller, wie sein frühes Vorbild Arthur Schopenhauer.
Ob er "der größte Philosoph seiner Epoche" wurde (Ross), ist bei diesem Meister der Psychologie ganz unwichtig. Nietzsche 1884: "Ich stecke mitten in meinen Problemen drin; meine Lehre, daß die Welt des Guten und Bösen nur eine scheinbare und perspektivische Welt ist, ist eine solche Neuerung, daß mir bisweilen dabei Hören und Sehen vergeht." Noch einmal, wie kommt ein Mann von solchem Hintergrund zu seinen kriegerischen Ambitionen?
( Für den Gegensatz zwischen Wünschen und ) ( Sein bietet Nietzsche ergötzliche ) ( Beispiele. Er möchte sich, schreibt er, ) ( kein Haus bauen. Müßte er das aber, so ) ( würde er, gleich manchem Römer, bis ins ) ( Meer hinausbauen: "Ich möchte schon mit ) ( diesem schönen Ungeheuer einige ) ( Heimlichkeiten gemeinsam haben" ("Die ) ( fröhliche Wissenschaft", 1882). Den ) ( Winter 1882 auf 1883 verbringt er aber ) ( in der "anmutig stillen Bucht von ) ( Rapallo" und findet nachts keinen ) ( Schlaf, weil sein kleines Albergo ) ( unmittelbar am Meer liegt. )
Er begnügt sich nicht damit, große Kriege vorherzusagen, das taten andere auch. Vielmehr, so schreibt der schaffensfrohe Gesunde in der "Fröhlichen Wissenschaft", daß sich jetzt ein paar kriegerische " " Jahrhunderte aufe inander folgen dürfen, die in der Geschichte " " nicht ihres Gleichen haben, kurz daß wir ins klassische " " Zeitalter des Kriegs getreten sind ... des Kriegs, auf den " " alle kommenden Jahrtausende als auf ein Stück Vollkommenheit " " zurückblicken werden. "
Während seiner vierwöchigen Sanitäter-Dienstzeit hatten ihm Blut, Schmutz, Haß und Leichengeruch hinlänglich zugesetzt. Er wollte aber, und bekam, seine eigene, von der Wirklichkeit abgelöste Wahrheit, ob er sie nun aushalten konnte oder nicht. "Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort", wird er im "Zarathustra" sagen lassen.
Die Wertung, der zufolge der Frieden dem Krieg vorzuziehen sei, ist laut Nietzsche "antibiologisch". Mit diesem kruden Darwinismus stand er gewiß nicht allein. Wo Kriege glorifiziert werden, ist Napoleon nicht fern.
Nietzsche fühlt sich ihm verwandt, er will mehr als der Korse, will die Französische Revolution, diese Posse und Quacksalberei, rückgängig machen.
Er hat den gleichen langsamen Pulsschlag wie Napoleon. Er plant eine Pilgerreise nach Napoleons Geburtsort Ajaccio. "Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als die Continentalen", das weiß er intuitiv.
Wo Napoleon gezeugt, "konzipiert" worden war, in dem korsischen Dörfchen Corte, will er sein Hauptwerk, den "Willen zur Macht -- Versuch einer Umwertung aller Werte", konzipieren. Das Werk wird nie geschrieben, und Korsika sieht er auch nicht. Die in Italien grassierende Cholera ("Tod in Venedig") hält ihn fern.
Auch er ist Artillerist wie Napoleon. Auch Napoleon war Künstler wie er. Schließlich hat Napoleon die Macht geliebt, "wie ein Künstler seine Geige liebt". Jedes der künftig zu schreibenden Bücher sieht Nietzsche als eine "Eroberung". Für das "vollkommene Buch" hielt er das Rezept bereit: "Vorzug für militärische Worte". Worte, nicht einmal Begriffe.
Aber meint er das alles? Er, der den Adler und den Panther pries, dichtet doch auch über sich: "Nur Narr! Nur Dichter!" Seine blonde Bestie war laut Heinrich Mann "ein rötlicher Spanier", Cesare "orgia: Man mißversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum " " Beispiel Cesare Borgia) gründlich, man mißversteht die " " "Natur", solange man noch nach einer "Krankhaftigkeit" im " " Grunde dieser gesündesten aller tropischen Untiere und " " Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen eingebornen "Hölle" " " -: wie es bisher fast alle Moralisten getan haben. "
Bei den Moralisten gebe es einen Haß gegen den Urwald und gegen die Tropen. Ob denn etwa die "gemäßigten Zonen", ob die gemäßigten Menschen, die "Moralischen", die Mittelmäßigen besser seien?
Unter "Rasse" versteht er vielerlei. Rasse meint Typus, Geschlecht, Volk, Nation, es meint meist das Höherwertige oder "Vornehme" schlechthin, auch im Sinne von "Zuchtwahl" und "aus einem guten Stall". "Die Engländer sind ''keine philosophische Rasse.''"
Die Selbstironie geht dem Friedrich Nietzsche nicht aus, aber der Heinesche Humor kommt ihm über seiner philosophischen Unzeitgemäßheit abhanden. Er hat gewählt. An seinen Freund Franz Overbeck, den ungläubigen Theologie-Professor in Basel, schreibt er "m 14. April 1887: Einstweilen fehlt eben alles Verständniß für " " mich; und, wenn mich ein Wahrscheinlichkeits-Schluß nicht " " trügt, so wird es vor 1901 nicht anders werden. Ich glaube, " " man hielte mich einfach für toll, wenn ich verlauten ließe, " " was ich von mir selber halte. Es gehört zu meiner " " "Humanität", die allgemeine Unklarheit über mich bestehn zu " " lassen: ich würde meine achtbarsten Freunde gegen mich " " erbittern und Niemandem damit wohltun. "
Vor dem Jahre 1901, da war er gerade gestorben. Demnächst wird er "einen großen Auftritt weit eher ansetzen. Im gleichen Brief: Das" " gegenwärtige Europa hat noch keine Ahnung davon, um welche " " furchtbaren Entscheidungen mein ganzes Wesen sich dreht, und " " an welches Rad von Problemen ich gebunden bin - und daß mit " " mir eine Katastrophe sich vorbereitet, deren Namen ich weiß, " " aber nicht aussprechen werde. "
Der voluntaristische Täter Nietzsche wird bald nur noch zwei Jahre vor Augen haben. Aber ein guter Prophet muß in längeren Zeiträumen sprechen. Wenn Nietzsche in seinen "Notizen S.170 "ber die Heraufkunft des Nihilismus" schreibt: Unsere ganze " " europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer " " Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, " " wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: " " wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr " " besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen "
-- so erzählt er "die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte".
Rezensenten haben schon damals bei Nietzsche "Psychiatrisches" und "Pathologisches" entdeckt. Er kann ihnen das, so sagt er, nicht einmal verübeln. Sein Unternehmen habe etwas so Ungeheures und Ungeheuerliches, daß man an seinem Verstande sehr wohl zweifeln könne.
Hier hört man den Führer Adolf Hitler bei Tisch monologisieren. Ebenso, wenn Nietzsche die "höchste Mächtigkeit und Pracht" des neuen Typus Mensch feiert, allenfalls ist der Sprachduktus eleganter. Es gab ja diese Menschen in Haufen, die Carnegies, Vanderbilts und Cecil Rhodes, die Morgans und Rockefellers, er hätte sie kennen können.
Den Vornehmen und Mächtigen und Reichen hat er seinen Knabentraum in der gleisnerischen Schrift "Zur Genealogie der Moral" (1887) "ewidmet: Sie treten in die Unschuld des Raubthiergewissens zurüc", " als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer " " scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, " " Folterung mit einem Übermuthe und seelischen Gleichgewichte " " davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht " " sei, überzeugt davon, daß die Dichter für lange nun wieder " " Etwas zu singen und zu rühmen haben. "
"Ein Studentenstreich", ein anderer Vergleich fällt ihm nicht ein. Es folgt, und hier steht sie, die "blonde Bestie", sie kann nicht anders. Hat er auch dies noch ernst gemeint? Ja, so ernst wie der später Ernst machende Hitler. Daß man über "Mein Kampf" gelacht, sich zumindest beruhigt und so gar nicht aufgeregt hat: Nun, dies vielleicht könnte man auf Nietzsches Konto buchen.
Nietzsche, über sich selber erschrocken, weil er ja nun wirklich ein "npraktischer Professor und so gar kein Raubtier war: Wer möchte " " nicht hundertmal lieber sich fürchten, wenn er zugleich " " bewundern darf, als sich nicht fürchten, aber dabei den " " ekelhaften Anblick des Mißrathenen, Verkleinerten, " " Verkümmerten, Vergifteten nicht mehr los werden können? ... " " Wir sehen heute nichts, das größer werden will, wir ahnen, " " daß es immer noch abwärts, abwärts geht, in''s Dünnere, " " Gutmüthigere, Klügere, Behaglichere, Mittelmäßigere, " " Gleichgültigere, Chinesischere, Christlichere - der Mensch, " " es ist kein Zweifel, wird immer "besser" ... "
Um Nietzsches Philosophieren zu verstehen, müssen wir kurz skizzieren, stichwortartig.
Nietzsches Zeit ist eine der "decadence", des menschlichen Abstiegs, ursächlich aus der christlichen Mitleidsheuchelei, aus der Hohlheit aller christlichen Werte entstanden. Die Renaissance, mit ihrer Verachtung aller christlichen, ihrem Rückgriff auf antike Werte, ist seiner Zeit unendlich überlegen und voraus, der Papst-Sohn Cesare Borgia der Prototyp großer mitleidloser Männer, die allesamt auch Verbrecher sein müssen, "im großen Stile", versteht sich (letzteres war dem 19. Jahrhundert bekannt, aber nicht mit dieser alle christlichen "Werte" zerschneidenden Konsequenz). Nietzsche berauscht sich an der ihm so gar nicht gegebenen Grausamkeit seiner "uxus-Menschen: Der Luxus ist die Form eines fortwährenden " " Triumphes - über alle die Armen, Zurückgebliebenen, " " Ohnmächtigen, Kranken, Begehrlichen. Nicht, daß man viel von " " den Dingen des Luxus selber genießt - was hat der Triumphator " " von den Goldrädern und den angeketteten Sklaven seines " " Wagens! - aber man genießt es, daß der Wagen über Unzählige " " weggeht und sie drückt oder zerdrückt. "
Die "höhere", die "Eroberer- und Herrenklasse" ist bereits der Arier, der aber, verkörpert in seinem Gesetzgeber Manu, vorzüglich, bei den Indern zu Hause scheint.
In Deutschland gibt es zwar Blondköpfe, aber die "vorarische", die "wesentlich S.172 dunkelhäutige Bevölkerung" überwiegt vielleicht sogar "zahlenmäßig" (nach ihrem Wert offenbar nicht). Diese Leute, die er auch in Farbe und Kürze des Schädels, jedenfalls mit physiologischen Eigenschaften kenntlichmacht, sind Nachfahren europäischen Sklaventums, aber auf den Pfaden der Demokratie und des Sozialismus schon wieder im Vordringen.
( Das Wort "Arya" heißt "der Edle", der ) ( "Arier" und hat sich 1878 schon bis zu ) ( Dostojewski herumgesprochen. Im neuen ) ( Brockhaus figurieren die Arier als "die ) ( Völker des indoiranischen Zweiges der ) ( indogermanischen Sprachfamilie". Sie ) ( sollen im 12. Jahrhundert vor Christus ) ( von Nordiran und Armenien her nach ) ( Nordwestindien eingewandert sein. Arier ) ( also hat es im europäischen Sprachraum ) ( nie gegeben. )
Wie kam es zu diesem Rückgang der Menschheit? Die arischen Werte sind vom Christentum umgewertet, ausgehöhlt und entwertet worden, bis hin zur Nichts-Sichkeit, zum Nihilismus.
Die mittelalterliche Organisation Europas hat das nicht widerspruchslos hingenommen, sie strebte zurück (!) zum indisch-arischen Kastensystem, ohne Erfolg.
Wird Nietzsche sich später beklagen, und er wird es tun, weil "im heutigen Mischmascheuropa Rassenfragen" aufgeworfen würden -- "gesetzt nämlich, daß man nicht seine Herkunft in Borneo oder Horneo hat" --; wird er sich über diesen Rassenschwindel, diese Verlogenheit und diesen Sumpf beklagen, so muß man wissen, daß seine Schwester inzwischen den plumpen Antisemiten Förster geheiratet hat. Aber sein "Instinkt" gegen alles "Antisemitische" ist, wenn nicht untrüglich, so doch immer wach.
Und so schreibt er denn unter dem 21. März 1885 an Mutter und "chwester in Naumburg: Zum Enthusiasmus für "deutsches Wesen" hab" " ich''s freilich noch wenig gebracht, noch weniger aber zum " " Wunsche, diese "herrliche" Rasse gar rein zu erhalten. Im " " Gegentheil, im Gegentheil. "
Was die Juden anlangt, so wird ihnen keine spezielle rassische Minderwertigkeit attestiert. Vielmehr, mit dem jüdischen Volk (nicht der jüdischen Rasse!) beginnt der christliche "Sklavenaufstand in der Moral".
Das Christentum kommt aus jüdischen Wurzeln und ist nur verständlich als Gewächs dieses Bodens. Die Juden haben es nicht erfunden, sie können nur vermitteln, nichts erfinden -- man sieht, viel zeitgenössischer Wirrsinn auf einmal, in funkelnder Sprache, in federndem Stil. Nietzsches wichtigster Anreger und Freund, Dr. Paul Ree, war übrigens Jude.
Werden nun aber alle gängigen Werte "umgewertet" -- ein kosmetischer Ausdruck, sie werden ja als innen hohl erwiesen und umgestoßen --, so entsteht ein Vakuum. Diesen Raum, in dem früher Werte waren und jetzt keine mehr sind, nennt Nietzsche Nihilismus. Der Nihilismus ist ein durchaus Doppelgesichtiges, ein notwendiges Übergangsstadium. Es gibt "guten" und "schlechten", "aktiven" und "passiven" Nihilismus.
Der aktive Nihilist, wie vor 2000 Jahren der Philosoph Gorgias (Colli: "Ein Gipfel der Erkenntnis"), leugnet jede Erkenntnismöglichkeit, jede allgemeine, feststehende Wahrheit, jede Metaphysik, jedes Leben nach dem Tode. Nietzsche, mit dem irreführenden Kampfruf "Gott ist tot", leugnet, daß Gott jemals war. Ausdruck der europäischen und zudem "physiologischen" decadence, das ist der Nihilismus: "Der Anblick des Menschen macht nunmehr müde" und "Wir sind des Menschen müde". Hier erfindet er sich seinen Zarathustra.
Es scheint, als habe Nietzsche jene Leere, in der ehemals Gott gethront und gewohnt hatte, tief empfunden. Er selbst sagt, er habe sich "ein großes Gliederstrecken" gefallen lassen müssen. Vielleicht animiert von Jean Pauls Blumenstück "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei", klagt in der "Fröhlichen "issenschaft" Nietzsches "toller Mensch": Wir haben ihn getödtet " " ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir " " dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer " " gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was " " tathen wir, als wir die Erde von ihrer Sonne losketteten? " " Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von " " allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, " " seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein " " Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches " " Nichts? "
Das war 1881, vor der Erfindung des "Zarathustra" und bevor Nietzsche am See von Silvaplana aus dem Wald heraustrat und ein mächtiger pyramidaler Felsblock vor ihm auftauchte (er steht immer noch da). Hier faßte Nietzsche seinen Königsgedanken der "ewigen Wiederkehr des Gleichen".
Bis in alle Ewigkeit wird sich wiederholen, was bisher schon endlose Male geschah: Ein halbblinder Über-Philosoph, der den Nihilismus "hinter sich, unter sich, außer sich" gelassen hat, entdeckt an einem Pyramidenstein im Oberengadin den tiefsten Gedanken der Menschheitsgeschichte: das Nichts ist ewig, die "extremste Form des Nihilismus" (Nietzsche).
Hatte sich da nicht einmal ein junger Philologe in Basel über Hegel mokiert, weil in dessen System "der Höhepunkt und der Endpunkt des Weltprozesses in seiner eigenen Berliner Existenz zusammenfallen"?
Nietzsche, so überkommt es ihn, hat nun den Hebel in der Hand. Da wir des Menschen müde sind (so wie er S.176 ist), muß sich ein neuer Typus Mensch bilden (wie er noch nicht ist), der "Übermensch". Er muß nicht so sehr als Individuum auftreten, es gab ihn als Typus in den ältesten Zeiten der indischen, ägyptischen und chinesischen Kultur, wie Nietzsche intuitiv wittert. Nur, seit Nietzsche muß man ihn "wollen".
Es gab ihn tatsächlich in der moralfreien Schilderung des Thukydides vom Peloponnesischen Krieg, es gab ihn im "Principe" des Machiavelli. Er ist ebenso unmoralisch wie amoralisch. Er benutzt und zertritt die Viel-Zu-Vielen nach seinem Willen.
Wie soll nun aber anno 1888 dieser Typus gezüchtet und "privilegiert" werden? Dadurch, daß Nietzsches Erkenntnis, bisher ohne einen "Laut von Antwort", nicht nur die Höheren, sondern auch die Niederen zum Engagement zwingt: "Glockenschlag des Mittags und "er großen Entscheidung", "Wendepunkt der Geschichte": Unsterblic" " ist der Augenblick, wo ich die Wiederkunft zeugte. Um dieses " " Augenblickes willen ertrage ich die Wiederkunft. "
Die "physiologisch" Schlechtweggekommenen, die Herden- und Massenmenschen, wollen nun auch Macht. Sie werden die Gesunden und Reichen, sie werden die "Mächtigen" zwingen, "ihre Henker zu sein". An Austilgung wird es nicht fehlen und an Masken und Verkleidungen, wie Nietzsche sie so sehr liebte, auch nicht.
Wie der Wolf bei Münchhausen sich durch das galoppierende Pferd hindurchfrißt, bis er zum Maul des Gauls herausschaut, so schlüpft Nietzsche in die Haut seines an seiner Botschaft ersterbenden Propheten Zarathustra und wird bis zu seiner Selbstvergöttlichung oberster Gesetzgeber.
( Der persische Religionsstifter ) ( Zarathustra (griechisch Zoroaster), um ) ( 600 vor Christus, ist etwa das ) ( Gegenteil der Kunstfigur des Friedrich ) ( Nietzsche: ein westiranischer Prophet, ) ( der als Vorkämpfer der Moral auftritt, ) ( "als derjenige, der die Moral zur ) ( Metaphysik erhebt, der dem Gegensatz ) ( von Gut und Böse eine kosmische ) ( Bedeutung verleiht" (Giorgio Colli). ) ( Der "geschichtliche" Zarathustra ist ) ( also kein Vorkämpfer des Immoralismus, ) ( sondern das strikte Gegenteil, was ) ( Nietzsche um der Pointe willen ) ( beabsichtigt haben mag. )
Zwischendurch die tiefsten, logisch entwickelten Einfälle oder Einschläge: "Der Mensch nicht mehr Mitarbeiter, geschweige der Mittelpunkt des Werdens." Freud wußte, warum er die Apercus von Nietzsche nicht las. Er wollte sich solche im Höhenrausch gewonnenen Einsichten methodisch erarbeiten.
Den Darwin hat Nietzsche, wie so viele andere das auch taten, vulgarisiert. Den sechsundzwanzig Jahre älteren Marx hat er nicht zur Kenntnis genommen ("Die sociale Frage ist eine Folge der decadence"). Wahr für den Künstler Nietzsche ist nur die Kunst, weil sie sich als Lüge weiß: Die Kunst ist "göttlicher" als die Wahrheit, ist eine göttliche Lüge.
Der Gesetzgeber Nietzsche predigt aber nicht nur den Willen zur Macht, sondern auch den Willen zum Haß und zur Rache; nicht nur Gehorsam und Pflicht, sondern auch Vaterlands- und Fürstenliebe. Um die ewige Wiederkunft wissenschaftlich zu untermauern, will er zehn Jahre lang die Naturwissenschaften studieren; auch dazu kommt es natürlich nicht.
Der Mensch als Vollstrecker eines determinierten Geschichtsprozesses (Marx); der Mensch als Bejahender seiner ewig wiederkehrenden Schmerzen und Leiden (Nietzsche): Wahrlich, der deutsche Philosophen-Donner, den Heinrich Heine prophezeit hatte, rollte an sein Ziel, wenn auch ohne vorangegangenen Blitz. Ob Marx den Gulag-Staat Stalins goutiert hätte und Nietzsche Hitlers Auschwitz, wird man füglich bezweifeln dürfen.
Denn da war doch auch noch der jugendliche Verfasser der ersten "Unzeitgemäßen Betrachtung", der vorausgesagt hatte, Sieg und Gründung des "deutschen Reiches" würden den deutschen Geist exstirpieren? Er taucht wieder auf in der "Genealogie der Moral", wo "er Satz steht: Das tiefe, eisige Mißtrauen, das der Deutsche " " erregt, sobald er zur Macht kommt, auch jetzt wieder - ist " " immer noch ein Nachschlag jenes unauslöschlichen Entsetzens, " " mit dem Jahrhunderte lang Europa dem Wüthen der blonden " " germanischen Bestie zugesehen hat. "
Was denn nun? Bestie ja, Bestie nein? Geschichte, die er weder schätzte S.177 noch gründlich kannte, wird hier zerklittert. War Gustav Adolf ein Deutscher? Und dessen Gegner Wallenstein? Allenfalls. Und Karl XII. von Schweden? Napoleon? Und welcher anderen blonden deutschen Bestie hatte Europa "zugesehen", welcher anderen, als dem Junker Bismarck, der nicht gerade ein Wüterich war?
Etliche Monate, bevor die Worte sich verwirren, hämmert er noch den Satz: "Es ist eine herrschende Rasse nötig, mit unbedingter Gewalt." War dies "exzessives Phantasieleben" (Werner Ross), so hat auch exzessives Phantasieleben den Adolf Hitler nach Stalingrad geführt. War es der Wahnsinn des Ex-Gefreiten Nietzsche, so war auch der Ex-Gefreite Hitler mit seinen Stukas, Panzern und Gasöfen wahnsinnig.
Nietzsche selbst war von dem Verdacht nahezu besessen, er sei oder werde wahnsinnig. Im August 1884 besuchte ihn die Doktorin Resa von Schirnhofer in Sils. Er klagte über seine Leiden; sobald er die Augen schließe, sehe er eine Fülle phantastischer Blumen. Und soll lauernd gefragt haben: "Glauben Sie nicht, daß dieser Zustand ein Symptom beginnenden Wahnsinns ist? Mein Vater starb an einem Gehirnleiden." Starb im Alter von 35 Jahren. Die Furcht, ebenso zu enden, verläßt ihn eigentlich nie.
Aber wer eine kontinuierliche Entwicklung zum Wahnsinn hin aus seinen Schriften oder Gesprächen feststellen wollte, würde enttäuscht; es müßte denn der Schüler bereits von der Syphilis angesteckt gewesen sein. Schon 1872, schon in dem Buch von der "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", will er seine Wahrheit verkünden, "wenn auch eine Anzahl Individuen daran zugrunde gehen sollte".
Schon 1884 will er, "daß ganze Jahrtausende auf meinen Namen ihre höchsten Gelübde tun"; wer dächte da nicht an das Tausendjährige Reich? Er schreibt das an den mitleidig-verständnisvollen Franz Overbeck, der den für immer Zusammengebrochenen fünf Jahre später in Turin abholen und heimschaffen wird, heim aus dem von Nietzsche verklärten Süden ins wolkig dunkle Vaterland.
Ehe wir weiter in eisiger Höhenluft und auf Tausendern schwelgen, eine Pause der Rückbesinnung. Mit Nietzsche hat Hitler nämlich noch eines gemeinsam: Beide wollten Künstler werden, beide führten, wenn nicht gerade Krieg war, das Leben eines Bohemien. Hitler ist das gelungen, um den bekannten Preis.
Auf Nietzsche reduziert: Sein Leben war bestimmt von den beiden Gegensatzpaaren Freundschaft und Einsiedlerei, Denkdisziplin und Musik. Die Gleichung konnte unter gar keinen Umständen aufgehen.
Ein Jahr vor seinem Zusammenbruch schreibt er, man solle von ihm nicht "schöne Sachen" erwarten, sowenig man einem leidenden und verhungernden Tier zumuten könne, daß es mit Anmut seine Beute zerreiße (Komödiant ist und bleibt er): "Der jahrelange Mangel einer wirklich erquickenden und heilenden menschlichen Liebe, die absurde Vereinsamung, die es mit sich bringt, daß fast jeder Rest von Zusammenhang mit Menschen nur eine Sache von Verwundungen wird: das alles ist vom Schlimmsten und hat nur Ein Recht für sich, das Recht, nothwendig zu sein."
Schon der Student Nietzsche macht dem ihm ergebenen Kommilitonen und Busenfreund Paul Deussen den gravitätisch-lächerlichen Vorwurf, "einen Höheren nicht anerkennen zu wollen". Eine Weile versucht er es mit mönchischem Leben und Kloster-Phantasien, er natürlich der Abt; versucht es mit einer Gralsrunde -- er der Hüter des Grals. Ziemlich früh, mit 35 Jahren, dies ist das Todesalter des Vaters, folgt die Resignation: Er habe sich "die Würde und die Anmut einer eigenen und wesentlich einsiedlerischen Richtung im Leben und Erkennen" bewahrt.
Nietzsches Biograph Werner Ross tadelt Freunde und Bekannte, weil sie dem Nietzsche (zu ergänzen: dem Genie) mit Unverständnis begegnet seien. Es ist wahr, seine Bitten um Freundschaft ("Der Freunde harr'' ich, Tag und Nacht bereit") klingen herzzerreißend.
Nur, es sollten ja neue Freunde sein, nicht die alten, Freunde zu seinen Bedingungen, Jünger. Die alten Freunde ahnten nichts von einer Syphilis oder Paralyse. Sie hielten ihn für verloren. Was hätten sie von seinem "Wahrheits-Wahnsinne", wie er selbst in einem Gedicht sagte, denn wohl verstehen sollen?
Was sollte Malwida von Meysenbug ihm antworten, als er ihr schon 1884 schrieb: "Es ist möglich, daß ich für alle kommenden Menschen ein Verhängnis, das Verhängnis bin." Und neue Freunde? Zuletzt war er sein einziger Anhänger.
Wie Adolf Hitler Maler oder Architekt werden wollte, so kann man in Nietzsche, wie Wagner tat, einen verunglückten Musiker sehen. Er konnte, ohne viel Gefühl fürs Instrument, auf dem Klavier frei und ergreifend improvisieren. Aber das A und O jeder Komposition, den Kontrapunkt, lernte er nie.
Er hört und spielt das Vorspiel zum "Parsifal" ("Hat Wagner je etwas besser gemacht?"). Aber er liebt, kontra Wagner, die "Carmen" von Bizet. Er mag die Militärmusik auf dem Markusplatz in Venedig und auf der Piazza in Turin. Bei der Operette "Boccaccio" (Franz von Suppe) treten ihm sogar mehrfach die Tränen in die Augen. Die Pariser, ja sogar die spanische Operette setzt er gegen Johann Strauß ("Schweinerei").
Und nun neben und über sich das Musikgenie der Epoche, den von ihm vergötterten, von ihm gehaßten Richard Wagner, dem zu gelingen schien, was immer er anfaßte. Der Philosoph Schopenhauer, vom deutschen Bürger geehrt, Richard Wagner, vom deutschen Kaiser geehrt, und er ohne nennenswertes Echo, ohne Jünger, ohne Gelübde, ohne "furchtbare Schwüre", unter denen macht er''s nicht, "halb geehrt, halb geduldet, halb verwechselt", man behandele ihn wie einen, der ins Irrenhaus gehöre: das tat zu weh.
Wir wissen nicht wie, aber der Philosoph der Einsamkeit glitt allmählich aus in ein Machtverlangen gründerzeitlicher Prägung. Und "atte doch gedichtet: Ruhm -, mit Handschuhen fasse ich diese Mün"e " an, mit Ekel trete ich sie unter mich. "
Wie anbetend er zu den "Vornehmen" aufschaut! Der kursächsische S.179 Pfarrerssohn und Pfarrers-Enkel legt sich polnische Edelleute und Steppenreiter als Vorfahren zu. Er wird in Turin als Offizier geführt, als "ufficiale tedesco".
Er fühlt sich Cäsar und Alexander und Lesseps und dem italienischen Königshaus verwandt, Friedrich von Hohenstaufen nicht gerechnet. Er ist nun auch nicht mehr in Röcken geboren, sondern auf dem Schlachtfeld von Lützen, so schreibt er in seinem Lebenslauf an seinen dänischen Anhänger Georg Brandes, einen jüdischen Literaturhistoriker. Der Name des Gustav Adolf (dieser weiland "blonden Bestie") war der erste, den er gehört hat.
Längst ist er der Mann der Superlative, wenn es um seine Person geht. Seit Anfang der Welt hat niemand eine solche Gewalt über den prägnanten Spruch gehabt wie er. Sein "Zarathustra" ist das tiefste und entscheidendste Ereignis der Seele zwischen dem zweiten und dem dritten Jahrtausend, das tiefste Buch der Menschheit überhaupt, die "Bibel der Zukunft", der "höchste Ausbruch des menschlichen Genius".
Er, Nietzsche, ist der unabhängigste Geist Europas, der erste Geist des Zeitalters, der einzige raffinierte deutsche Stilist, hat mehr erlebt als irgendein Mensch, kurz, er ist ein Genie der Wahrheit.
Das stimmt ja beinahe alles, was er da aus sich selbst herauspreßt. Aber eben nur beinahe. Seine "Werte" unterscheiden sich zum Schluß auch nicht mehr sonderlich von denen des verächtlichen Bismarck-Reichs: Jeder Mann der höheren Stände soll Offizier werden, er sei sonst, wer er sei. Nietzsche sanktioniert, weil er die Feindschaft zwischen den Staaten für edel hält, den (preußischen) Nationalismus und (Bismarcks) Schutzzoll. In "Goethe, Beethoven und Bismarck" sieht er eine "kräftigere Zukunft" vorbereitet. Bismarck liebt eine gute Mahlzeit mehr als deutsche Musik -- prost, Herr Spießer!
Um der großen Tradition des obersten Typus Mensch willen nimmt Nietzsche sogar die "Aufrechterhaltung des Militär-Staates" als das allerletzte Mittel in Kauf. Man kann eine Tradition aufnehmen, und man kann eine Tradition festhalten, aber eigentlich ist das kein Platz mehr für einen neuen Menschen.
Seine persönlichen Verhältnisse waren demütigend, er selbst verhielt sich penibel bis zum Geiz. Mit seinen Büchern verdiente er kaum etwas.
Warum seine Augen immer schwächer werden, weiß er: "Mein Zimmer im Engadin hat kein Licht, einer schwarzen Felswand ganz nahe. Ein einziges kleines Fenster."
Das Zimmer kann man, so wie er es beschrieb, besichtigen, in Sils-Maria. Der Mutter schreibt er 1884: "Vorigen Sommer habe ich das Zimmer tapezieren lassen, diesmal denke ich an die Erwerbung eines Ofens."
An Freund Overbeck 1884: "Die Abende, wo ich ganz allein im engen, niedrigen Stübchen sitze, sind harte Bissen zum Kauen." Und 1887, an die Mutter: "Bis jetzt fand ich in Nizza noch keine Krawatte wie ich sie brauche: doch will ich noch suchen."
Jetzt, 1888, hat er lange genug auf sein Ziel hingelebt, er bricht nun aus, er beschließt, Politiker zu werden.
Im Frühjahr 1888, nach tiefen Depressionen und bewegten Klagen, bricht er auf nach Turin, in die alte Residenzstadt der Könige von Savoyen. Reisetag ist der 2. April. Der Professor fährt in Nizza ab, muß aber in Savona umsteigen. So kommt nur sein Gepäck in Turin an, er hat versehentlich den Zug zurück nach Nizza genommen.
Es beginnt die vielleicht friedlichste Zeit seines bewußten Lebens, unterbrochen von ekstatisch-erschöpfenden Sommerwochen in Sils. Über "iese Zeit die Schwester Elisabeth 1906: Da es aber im Anfang Jun" " in Turin einige sehr heiße Tage gab, so machte sich mein " " Bruder eilends nach Sils-Maria auf, von wo ihm die Nachricht " " gekommen war, daß auch dort bereits der Sommer eingezogen " " wäre. In der That traf er auch dort bei seiner Ankunft " " heißes, fast schwüles Wetter, dann aber kam ein plötzlicher " " Wetterumschlag; fünf Wochen lang gab es beständig Regen, " " düsteren Himmel und Kälte. Nachts fror es sogar manchmal, was " meinem Bruder außerordentlich schlecht bekam.
" Sein Zimmer war nicht zu heizen, infolge dessen erkältete er " " sich stark und bekam eine heftige Influenza mit Augen- und " " Kopfschmerzen. Da er nun außerdem auf seine großen " " Wanderungen verzichten mußte und sich natürlich langweilte, " " so schrieb und las er den ganzen Tag und übermüdete seine " " armen Augen. "
Zurück in Turin, fühlt er sich gesünder, wenn nicht gesund. Ab 14. Oktober kommen keine Krankmeldungen mehr. Er trägt auf der Straße keine S.182 Brille. Grund: "Die Frauen blicken mich an." Euphorie vor Ausbruch der ihn auslöschenden Krankheit, oder "eine Zerstörung der Schmerzfähigkeit als Vorbote der endgültigen Auflösung" (Janz)?
"Große Politik" hat er das Konzept genannt, das er eigentlich auf Napoleons Insel Korsika hatte entwerfen wollen. Die Floskeln reihen sich: "Erd-Eroberung", "unbedingt siegen wollen", "höchste Art von Sieg". Er schreibt, schon recht wilhelminisch: "Die Folgen eurer Lehre müssen fürchterlich wüten; aber es sollen an ihr Unzählige zugrunde gehen." Und: "Wir machen einen Versuch mit der Wahrheit! Vielleicht geht die Menschheit daran zugrunde! Wohlan!"
Er sieht "die Erde jetzt als Marmor-Werkstätte daliegend" -- für wen? Für den Über-Michelangelo, den Über-Nietzsche? Zeit seines Lebens ist er in Masken geschlüpft, einen Hang ins Komödiantische hat er weder abstreifen können noch wollen. Unzählige Entwürfe machte er zu den Titelseiten von künftigen Büchern. Nun aber, in Turin, wird die ganze Chose ebenso ernst wie heiter.
Hatte er früher in Jahrhunderten oder Jahrtausenden gedacht, so geht es jetzt um "noch ein paar Jahre". Er muß jetzt zur "eigentlichen Hauptsache meines Daseins übergehn", braucht darum zehntausend Mark. "ann wird die Erde von einem "ungeheuren Blitzschlage" zittern: I"h " bringe den Krieg quer durch alle absurden Zufälle von Volk, " " Stand, Rasse, Beruf, Erziehung, Bildung: ein Krieg wie " " zwischen Aufgang und Niedergang, zwischen Willen zum Leben " " und Rachsucht gegen das Leben, zwischen Rechtschaffenheit und " " tückischer Verlogenheit. "
Werner Ross meint sogar, Nietzsche habe seinen "Wahnsinn" vorausgesehen, ihn zum Schluß, wie auch Friedrich Hölderlin, selbst inszeniert. Der Wahnsinn sei ein Stück seiner Philosophie geworden, ja, ihre radikale, gegen alle Vernunft vollzogene Konsequenz. Es scheint, als sei Ross bei den neuen Enzyklopädisten in Paris zur Schule gegangen, wo der Wahnsinn als ein Stück Gesundung beschrieben wird.
Nietzsche erinnert sich nun, daß er "alter Artilleris t" ist. Er wird zu Dynamit (eigentlich den Pionieren vorbehalten). Er führt sein großes Geschütz vor. Er präsentiert den Gedanken, der "die Menschheit in zwei Hälften spaltet".
Gegen die vergangene "Irrenhaus-Welt" des Christentums ist er von einer "großen Toleranz", von einer düsteren Vorsicht. Was kann die bisherige Menschheit für ihre Geisteskrankheiten! Übrigens bekommt er jetzt "Huldigungsschreiben". Ein Redakteur hat ihn mit "Hochzuverehrender!" angeredet.
In zwei Jahren etwa, und nicht in zweihundert Jahren, wird er den zerschmetternden Blitzschlag führen, jene Umwertung, "die die Erde in Convulsionen versetzen wird". Erst von ihm an gibt es auf Erden "große Politik". Denn er ist ja der "bei weitem furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat", ist "der Vernichter par excellence".
Um den 15. November 1888 herum stimmt sein Satzbau nicht mehr. Wie wird er seinen Krieg führen, der die Menschheit in zwei Teile "paltet? Da hat er sich etwas Apartes ausgedacht: Ich lege Wert " " darauf, zunächst die Offiziere und die jüdischen Bankiers für " " mich zu haben: - beide zusammen repräsentieren den Willen zur " " Macht. "
Wie? Die Juden? Waren sie nicht die Unvornehmen schlechthin? "Unter Ausländern", schrieb er, "kann man hören, daß die Juden noch nicht das Unangenehmste sind, was aus Deutschland zu ihnen kommt."
Hatte er nicht gerade eben noch, in seiner Schrift "Der Antichrist", die jüdisch-christliche Ethik als eine "Sklavenmoral", als die Moral eines unterdrückten Volkes diffamiert? Hatte er die Juden nicht als eine "Tschandala-Rasse" bezeichnet, welche von ihren Herren die Prinzipien lernt, eine Priesterschaft zur Macht zu bringen?
War ihm nicht jeder Araber (er kannte nicht einen) lieber als jeder Jude? S.184 War er nicht vollen Ernstes der Auffassung, semitische Rassen stünden der elenden Wagnerischen Kunst verständnisvoller gegenüber als die arische Rasse?
Nun, er ist, bei aller Abschätzigkeit gegen die Juden, erst recht das Gegenteil eines Antisemiten. Er verabscheut die Antisemiten, die "alle Hornviehelemente des Volkes aufzuregen suchen", 1886; verabscheut seinen antisemitischen Schwager. "Und zuletzt" schreibt er einem notorischen Antisemiten, "was glauben Sie, das ich empfinde, wenn der Name Zarathustra von Antisemiten in den Mund genommen wird?" Die Kultur Korsikas, so fühlt er intuitiv, ist "jüdisch-arabisch" geprägt, Korsikas, der Insel Napoleons.
Ecco. Wer große Dinge vorhat, kriegt manchmal seltsame Bettgenossen. Die Juden beherrschen die Presse, sie sind "die einzige internationale Macht, die ein Instinkt-Interesse an der Vernichtung des Christentums hat. Des jüdischen Großkapitals in Europa und Amerika müssen wir (wer ist ''wir''?) sicher sein".
Bleiben noch "die Offiziere". In seinem "Antichrist" hat er gezeigt, daß es "im allerhöchsten Grade unehrenhaft, feige, unreinlich ist, Christ zu sein". Mithin: "Wir werden alles in allem die Offiziere in ihren Instinkten für uns haben." Wir.
Man möchte meinen, diese Streitmacht wäre stark genug. Denn "der Rest", ohne das jüdische Geld und ohne Offiziere, wird, weil "auf Krieg ungeübt", übel dastehen. Ja, wenn es da vorher nicht noch einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen gäbe! Am 7. Dezember kündigt er August Strindberg brieflich die Vernichtung der Hohenzollern an.
Wieso das? Nun, Bismarck ist fromm ("Wir Deutsche fürchten Gott ..."), der junge Kaiser hat dem Papst soeben einen Besuch gemacht und ist, so denkt Nietzsche, Wagnerianer, außerdem auch noch fromm. Also muß Nietzsche, der künftige Weltherrscher, durch Herauslösung Italiens aus dem Dreibund das Reich zu einem Verzweiflungskrieg provozieren. Den Kaiser, diesen "christlichen Husaren", diesen "purpurnen Idioten", diesen "scharlachnen Mucker", will er, wie er Strindberg schreibt, "auf einem Fürstentag in Rom füsilieren lassen".
Die letzte Nachricht an Overbeck, der ihn zehn Tage später mit Hilfe eines Dentisten, des deutschen Juden Dr. Leopold Bettmann, nach Basel zurückholen wird, endet so: "Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen ..."
Der später die Semiten erschießen und vergasen ließ, war damals gerade erst gezeugt. Die Folgen seines Lebens und Wirkens sind noch nicht abzusehen, die des Philosophie-Zertrümmerers seit langem. Sein Wirken hat die Geschichte nicht gekräuselt, der legendäre "Zarathustra im Tornister" den Ersten Weltkrieg nicht entschieden.
Der nach eigener Auskunft letzte Metaphysiker Martin Heidegger nannte seinen Vorgänger Nietzsche den "letzten Metaphysiker des Abendlandes". Nietzsches Resonanz bis zum heutigen Tag läßt sich, von der hinreißenden Rattenfänger-Melodie abgesehen, vielleicht doch erklären: Er hat den Tätern, siehe Mussolini, wie den Denkern, siehe Heidegger, wie den Literaten, siehe Thomas Mann, eine noch dazu verschlüsselte Botschaft verkündet.
Sie heißt: Ihr alle seid, ihr, meine Erkennenden, ob ihr es wißt oder nicht, ob ihr es wollt oder nicht, Künstler, seid Übermenschen wie ich. Die Kunst, und nur die Kunst, ist euer wahres Sein. Welcher Stadt-Indianer, welcher Busch-Guerrillero, welcher Nomade wollte da nicht zugreifen, und sei es ins leere Menschenleben!
Es hat für Nietzsches Zusammenbruch die willkürlichsten Ausdeutungen gegeben, weil eine Pathologie ohne Rest nicht möglich ist. Gottfried Benn hat sich dazu den Gedanken einfallen lassen, Nietzsche sei an seiner Liebe zu einem Leben gescheitert, das kein Leben genannt zu werden verdiente: "Wie war das kavalleristisch gefühlt! "raufgängerisch, banal!" Er sinniert: Diese große " " Schicksalsgestalt, die mit Qualen ohne Gleichen sich ihre " " "Dennochs" erkämpft hatte, ihre "Gesundheit", ihren " " Heroismus, ihren "Himmel von Ohngefähr", sah plötzlich die " " Wahrscheinlichkeit vor sich, in sich, daß es die Gesundheit " " von Bandwürmern war, die Bewegungsfreiheit von Reptilien, um " " die seine extremste u. persönlichste Figur gekämpft hatte ... " " Die Verfeinerung, die er liebte, der "tragische Mensch", den " " er forderte u. formen wollte, lag ganz wo anders, lag auf " " dieser Richtung nicht. "
Neugier auf Nietzsches Philosophieren heute, sie bräuchte ein breit gefächertes Gefieder. Es bleibt der Essayist, ohne den die deutsche Sprache um so vieles armseliger wäre, wie ohne Hölderlin, wie ohne Heine. Er ist ihr letzter Meister. Nietzsche, ohne Scham, an seinen alten Freund, den Altphilologen Rohde, über "Also sprach Zarathustra": "Sieh zu, alter Herzens-Kamerad, ob Kraft, Geschmeidigkeit und Wohllaut je schon in unserer Sprache so beinander gewesen sind." Auch im Selbstlob ist Nietzsche einzig.
Es bleiben etliche Gedichtfetzen von glitzernder Melodik. Es bleibt das punktuelle Zünden seiner Apercus, die rührende Konsequenz zum Untergang hin. Sein bedingungsloses Streben nach Wahrheit ließ sich mit der Nicht-Wahrheit aller Vitalität weder in seiner Person noch intellektuell vereinbaren.
Nietzsche war wie ein Mensch, der all seine Träume fixieren will und sie deshalb beim flüchtigsten Erwachen sofort niederschreibt. Am Ende ist er gänzlich ohne Schlaf und nur noch im Traum.
Seinem "Gott ist tot"-Hornruf ließ der Nietzscheaner Jean Amery, der sich vor zweieinhalb Jahren selbst getötet hat, den nun nicht mehr überbietbaren Nachhall folgen: "Mensch ist tot."
"Dynamit", wonach Nietzsche lechzte, war der Täter Hitler. Er, der Schreibtäter Nietzsche, war es nicht.
S.157 Giorgio Colli: "Nach Nietzsche". Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; 1980; 216 Seiten; 28 Mark. Friedrich Nietzsche: "Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden". Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Deutscher Taschenbuch Verlag, München und de Gruyter Verlag, Berlin; 1980; 298 Mark. Curt Paul Janz: "Friedrich Nietzsche. Biographie in drei Bänden". Carl Hanser Verlag, München/ Wien; 1978/79; 1992 Seiten; 171 Mark. Werner Ross: "Der ängstliche Adler. Friedrich Nietzsches Leben". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 1980; 832 Seiten; 48 Mark. * Auf der Couch Rolf Boysen als Nietzsche. * S.166 Nietzsches Tiraden gegen vitale Gelüste haben manchmal etwas von einem mittelalterlichen Krippenspiel: "Vergiß nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht: du -- bist der Stein, die Wüste, bist der Tod ..." * S.168 Für den Gegensatz zwischen Wünschen und Sein bietet Nietzsche ergötzliche Beispiele. Er möchte sich, schreibt er, kein Haus bauen. Müßte er das aber, so würde er, gleich manchem Römer, bis ins Meer hinausbauen: "Ich möchte schon mit diesem schönen Ungeheuer einige Heimlichkeiten gemeinsam haben" ("Die fröhliche Wissenschaft", 1882). Den Winter 1882 auf 1883 verbringt er aber in der "anmutig stillen Bucht von Rapallo" und findet nachts keinen Schlaf, weil sein kleines Albergo unmittelbar am Meer liegt. * S.172 Das Wort "Arya" heißt "der Edle", der "Arier" und hat sich 1878 schon bis zu Dostojewski herumgesprochen. Im neuen Brockhaus figurieren die Arier als "die Völker des indoiranischen Zweiges der indogermanischen Sprachfamilie". Sie sollen im 12. Jahrhundert vor Christus von Nordiran und Armenien her nach Nordwestindien eingewandert sein. Arier also hat es im europäischen Sprachraum nie gegeben. * Von Nietzsche für den Photographen arrangiert. * S.176 Der persische Religionsstifter Zarathustra (griechisch Zoroaster), um 600 vor Christus, ist etwa das Gegenteil der Kunstfigur des Friedrich Nietzsche: ein westiranischer Prophet, der als Vorkämpfer der Moral auftritt, "als derjenige, der die Moral zur Metaphysik erhebt, der dem Gegensatz von Gut und Böse eine kosmische Bedeutung verleiht" (Giorgio Colli). Der "geschichtliche" Zarathustra ist also kein Vorkämpfer des Immoralismus, sondern das strikte Gegenteil, was Nietzsche um der Pointe willen beabsichtigt haben mag. *
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 24/1981
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